Der Mann, von dem frau träumt
Mela Hartwigs nachgelassenes Werk „Der verlorene Traum“ ist ein psychologischer Roman im besten Sinne
Von Rolf Löchel
Seit mehr als zwanzig Jahren macht sich der Droschl Literaturverlag mit Neuauflagen ihrer Romane und Novellen um das Werk Mela Hartwigs verdient. Es ist daher sicher nicht zu viel gesagt, dass die Wiederentdeckung ihres Œuvres gerade auch ihm zu verdanken ist. Nun hat der Verlag mit dem Roman Der verlorene Traum eine Erstveröffentlichung des von Hartwig in den Jahren 1943/44 verfassten Manuskripts folgen lassen.
Protagonistin ist eine Frau namens Barbara mit einem „wundersüchtige[n] Herz[en]“. Wundersüchtig – eine ungewöhnliche Wortbildung, die von der Autorin auch in anderen Werken gerne verwendet wird. Doch ist nicht nur die Wahl des Wortes ungewöhnlich, sondern der ganze Roman. Das aber ist wiederum ganz und gar nicht ungewöhnlich; zumindest nicht für die Literatur Hartwigs. Denn ungewöhnlich, das sind alle ihre Romane und Erzählungen.
Barbara ist mit einem ihr in jeder Hinsicht überlegen erscheinenden Mann verheiratet. Sie arbeitet als dessen Assistentin im Versuchslabor eines Krankenhauses, ist dabei „vollständig von den Weisungen“ des promovierten Bakteriologen und Serologen „abhängig“ und leistet „lediglich Handlangerdienste zu seinen Forschungsarbeiten“. Etwa neun Jahre vor Handlungsbeginn, also wohl zu der Zeit, als sie ihn ehelichte, hat sie ihre eigenen beruflichen Interessen aufgegeben, und die ihres Gatten übernommen, um „aus der gemeinsamen Arbeit die Gemeinsamkeit ihres Lebens aufzubauen“. Während er „ganz gewiss nicht gesonnen war“, seiner Arbeit „um seiner Ehe willen, auch nur einen Bruchteil der Zeit und der Energien zu entziehen, die er für sie benötigte“. Von jeher verbringt das Paar die Nächte in getrennten Schlafzimmern. Wenn er sie aufsucht, um seine „Rechte geltend [zu] mach[en]“, „ergreift“ er mit „Zärtlichkeit […] von ihr Besitz“.
Schon längst mischen sich in ihrer Liebe zu ihm auf „seltsam[e]“ Weise „Furcht vor seinem Spott und dem Vergnügen, seine Überlegenheit zu fühlen“. Doch scheint sich Barbara daran gewöhnt zu haben, gehört es doch zu ihrem Arbeits- und Ehealltag. Der aber wird eines Abends jäh unterbrochen, als sie in einem Theater vor Beginn der Aufführung des Tasso einige Reihen vor sich zufällig einen geradezu verstörend schönen Mann mit „unergründlichen Augen“ erblickt, in den sie sich sofort verliebt. Sich selbst findet sie hingegen keineswegs betörend schön, sondern „verz[eiht] ihrem Körper seine Mängel nicht“ – die allerdings womöglich nur in ihrer Selbstwahrnehmung existieren.
Fortan malt sich Barbara jedenfalls eine traumhafte Beziehung zu dem Fremden aus, in die sie sich während ihrer häufigen Tagträume immer weiter hineinsteigert. Schon am nächsten Tag wandelt sie, ganz in Gedanken an ihn versunken, wie im Traum durch die Gänge des Krankenhauses, in dem sie mit ihrem Mann arbeitet.
Barbaras Sehnsuchtsträume werden immer intensiver. Dabei träumt sie nicht etwa einfach drauflos, sondern orchestriert ihre Phantasien geradezu. Denn „der Traum vom schönen Unbekannten […] sollte ein Kunstwerk werden“. So erträumt sie sich nicht etwa eine schnelle Erfüllung ihrer Liebessehnsucht, sondern kostet Bangen und Schmerz auf dem Weg dorthin aus, bis ihr Traum und Wirklichkeit in Ekstase verschwimmen.
Irgendwann gelingt es ihr, eine Begegnung mit ihrem Traummann zu arrangieren. Nun muss sich erweisen, ob der reale Mensch vor dem Mann ihrer Phantasien standhalten kann. Alles scheint ihr darauf hinzudeuten, dass der Angebetete ihre kühnsten Wünsche noch übertrifft. Jedenfalls fasst Barbara den „ekstatische[n] Entschluss, alle Sicherungen ihres Lebens für eine traumhafteHoffnung aufs Spiel zu setzen“.
Hartwig hat den Roman ganz aus Barbaras Wahrnehmung und der ihres Innenlebens heraus erzählt und bringt deren oft durch bloße Antizipation bestimmter Ereignisse oder andere Vorstellungen hervorgerufenen Stimmungsschwankungen sowie ihre „widersprechenden Empfindungen“ glänzend zu Papier. Etwa indem Barbara „eine winzige Ewigkeit unzähliger Sekunden“ empfindet oder „in ihres Herzens Herzen [wissen lässt], dass sie heuchelt[]“. Kurz, Der verlorene Traum blickt wie so ziemlich alle literarischen Werke Hartwigs tief in die weibliche Psyche ihrer Zeit und ist somit ein psychologischer Roman im besten Sinne.
Nur ausnahmsweise einmal gewährt Hartwig einen direkten Blick in die Überlegungen oder Gefühle von Barbaras Mann. Auch dann ist es eher eine Vermutung der Erzählinstanz, was er in einer bestimmten Situation empfindet. Allerdings ist sich die Erzählinstanz, die Barbaras tiefste Geheimnisse und Gefühle doch eigentlich stets aufs Genauste kennt, einmal nicht ganz sicher, was in der Protagonistin vorgeht, sondern vermutet bloß es sei „anzunehmen, dass sie [Barbara] auch diesmal mit ihrem Spiegel haderte“.
Eine oberflächliche Lektüre erlaubt der Roman nicht. Im Gegenteil fordert er hohe Konzentration, wenn man dem Geschehen oder auch nur den Girlanden und Gewinden der schier endlos anmutenden Sätze folgen will, in denen sich wiederholende Formulierungen und Worte aneinanderreihen und dabei zugleich durch zahlreiche Nebensätze mäandern. Sätze, die heute wohl kein Lektorat mehr durchwinken würde und etwa lauten:
Als sie sich jedoch fragte, was sie eigentlich befürchtete, musste sie sich die Antwort schuldig bleiben, denn sie musste sich eingestehen, dass sich für ihn doch gar nichts geändert hatte, dass sie daher von ihm nicht eine einzige unbequeme Frage zu befürchten hatte, und es fiel ihr nicht ein, dass sie vor sich selbst Angst haben könnte, dass sie befürchten könnte, ihm mit einem einzigen Wort, ihm auch nur mit einer Miene, die Enttäuschung zu verraten, die ihr Herz erlebt hatte, denn sie hatte beschlossen, erst völlig mit sich selbst ins Reine zu kommen, ehe sie es zu der unvermeidlichen Auseinandersetzung mit ihm kommen ließ.
Doch tragen solche Sätze auch gerade zu der eben ganz eigenen wie hohen Qualität des Romans bei, an dessen Ende die Lesenden geradezu mit der Nase auf seine Moral oder Botschaft gestoßen werden. Wie sie lautet, ist zwar nicht schwer zu erraten, wird hier aber trotzdem nicht verraten.
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