Eine gefährliche Odyssee

In „Straßenköter“ schickt der Mainzer Autor Jürgen Heimbach seinen Helden durch das gespaltene Westdeutschland der 1970er Jahre

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit er Marlon Brando in The Wild One gesehen hat, nennt sich Traugott Wolak Marlon. Und zieht sich so an wie sein Idol: schwarze Lederjacke mit schrägem Reißverschluss, Sonnenbrille und dazu die charakteristische Ballonmütze. Im Film geht es um Johnny Strabler, den Anführer des Black Rebels Motorcycle Club. Mit seiner Gang terrorisiert er in László Benedeks Film von 1953 die kalifornische Kleinstadt Carbonville. Er ist Marlons Held.

Allein die Zeiten, als Halbstarke wie Strabler zu Ikonen der Jugendkultur werden konnten, sind eigentlich vorbei, wenn Jürgen Heimbachs Kriminalroman Straßenköter beginnt. Die Welt hat inzwischen, man schreibt das Jahr 1975, andere Probleme. Der Vietnamkrieg ist zu Ende gegangen. Mit der Deklaration des Jahres zum „Jahr der Frau“ richtet die internationale Politik den Fokus auf Gleichberechtigung und Frauenrechte. Und in Deutschland zählte man ab dem 1. Januar des Jahres bereits mit 18 Jahren statt wie bisher erst mit 21 zu den Erwachsenen.

Für Marlon freilich spielt Politisches kaum eine Rolle. Er muss sehen, dass er über die Runden kommt. 25 Jahre ist er alt, lebt in Hamburgs Stadtteil St. Georg und hat wie eigentlich seit eh und je in seinem Leben kein Geld. Im Gefängnis war er noch nicht, obwohl er von Zeit zu Zeit die Gesetze bricht, um endlich auf einen grünen Zweig zu kommen. Allerdings hat sich das Dasein im Landesfürsorgeheim Glückstadt, in dem er nach dem Aufenthalt in mehreren anderen Heimen vier Jahre als Jugendlicher verbrachte, nicht anders angefühlt als ein Aufenthalt im Knast: sadistische Erzieher, Prügel, Essensentzug und wochenlange Isolation „in der Box“.

Seitdem fällt Marlon der Aufenthalt in geschlossenen Räumen schwer. Geht eine Tür hinter ihm zu, sind sofort die Erinnerungen da. Ganze 23 Mal ist er aus Glückstadt weggelaufen – und jedes Mal schnell wieder eingefangen worden. „Ausbrecherkönig“ hat man ihn in der Anstalt genannt, weil er „immer wieder gegen den Strom geschwommen war und dabei mehr als eine Schramme davongetragen hatte“. Nur endgültig brechen konnte man ihn selbst mit den rabiatesten Methoden nicht.

Doch jetzt soll sich sein Leben ändern. Weil sich Marlon nach einer abgebrochenen Lehre als Kfz-Mechaniker gut mit Autos auskennt, gelegentlich auch eines stiehlt und bei dem Besitzer einer kleinen Hinterhofwerkstatt zu Geld macht, ist man auf ihn aufmerksam geworden. Drei schwere Jungs haben ihn angeheuert, um bei einem bewaffneten Bankraub den Fluchtwagen zu fahren. Es ist Marlons erster wirklich großer Coup. Alles scheint bis ins Detail geplant. Doch natürlich geht die Sache schief und fortan gibt es für Marlon keinen sicheren Ort mehr. Es beginnt die Flucht durch ein Land, in dem an jeder Ecke die Fahndungsplakate mit den Gesichtern und Namen der gesuchten linksextremistischen RAF-Terroristen hängen und in Stammheim der Prozess gegen die Führungsriege der Roten Armee Fraktion um Andreas Baader und Ulrike Meinhof startet.

Jürgen Heimbach, 1961 in Koblenz geboren, ist mit seinem zehnten Buch vom Züricher Unionsverlag zu ars vivendi in Cadolzburg umgezogen. Seitdem er 2020 für Die Rote Hand (2019) mit dem Glauserpreis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman ausgezeichnet wurde, steht sein Name für literarisch anspruchsvolle und auf raffinierte Weise Episoden aus der (west-)deutschen Nachkriegsgeschichte mit berührenden individuellen Schicksalen verbindende Bücher.

Heimbach ist kein Autor, der am Fließband produziert. Er nimmt sich Zeit für seine Bücher, recherchiert die Hintergründe seiner Geschichten jedes Mal gründlich und verleiht ihnen damit eine hohe Authentizität. Ganze drei Romane sind auf diese Weise seit Die Rote Hand entstanden. Verglichen mit dem, was einige seiner Kolleginnen und Kollegen auf dem Gebiet der Spannungsliteratur Jahr für Jahr vorlegen, nicht viel. Dafür von einer Qualität, die Heimbachs Bücher immer wieder preiswürdig erscheinen lässt. Sowohl Vorboten (2021) als auch Waldeck (2024) fanden sich nach ihrem Erscheinen sofort auf der Longlist des Crime Cologne Award wieder. Und auch Straßenköter ist kein Buch von der Stange, sondern ein kleines Juwel unter seinesgleichen.

Mit der Odyssee seines unpolitischen jungen Helden quer durch ein politisch aufgeladenes Land gelingen ein facettenreiches Zeitbild und die spannende Geschichte einer Selbstfindung. Es ist eine brandgefährliche Reise, auf die sich Marlon von Hamburg aus begibt. Denn bald verfolgen ihn nicht nur die Schwerverbrecher, denen er gar zu leichtgläubig auf den Leim gegangen ist, sondern er befindet sich auch im Visier der Polizei und von einigen sich noch in Freiheit befindenden Mitgliedern der RAF, die wohl eine Befreiungsaktion für ihre in Stammheim einsitzenden Anführer planen.

Geschickt und aufgeteilt in zahlreiche kleine, mit kurzen Überschriften versehene Kapitel lässt Jürgen Heimbach seinen „Straßenköter“ – „Eine Zeitlang war er wie ein wildes, entlaufenes Tier gewesen […] Sie hatten ihn einen Straßenköter genannt, einen, dessen erster Blick immer dem Überleben galt, der zweite dem Fressen“, heißt es an einer zentralen Stelle – mit Menschen in Berührung kommen, die, nicht unähnlich zu Marlon selbst, nach ihrer Position in einer verwirrenden Zeit suchen. Einer Zeit, in der die Jungen von den Alten fordern, endlich das Schweigen über ihre Vergangenheit zu beenden. Einer Zeit, in der viele aus dem Universitätsmilieu, aber auch Künstlerinnen und Künstler mit den radikalen Lösungen gesellschaftlicher Konflikte, wie sie die RAF propagiert, sympathisieren, weil man glaubt, eine erstarrte Gesellschaft nicht anders als durch Gewalt aufbrechen zu können. Einer Zeit, in der das Neue aufscheint in der Musik von Bands wie Kraftwerk oder den frühen Filmen von Wim Wenders, den Heimbach in einer kurzen, im Wendland spielenden Episode seines Romans beinahe den Weg seines Protagonisten kreuzen lässt.

Ein guter Jung hat der Autor als Überschrift über das letzte Kapitel seines Romans gesetzt. Und das ist dieser Marlon unterm Strich wohl auch. Einer mit einer harten Vergangenheit. Einer auf der Suche – nicht nur nach seiner Position in einer verwirrenden Welt, die ihm viele Rollen anbietet, sondern auch nach einem Vater, der die Familie früh verlies, dessen Zeichenbegabung er geerbt hat und von dem er immer noch hofft, dass er ihm eines Tages wiederbegegnen wird. Einer mit dem Talent, meist an die Falschen und in Situationen zu geraten, in denen er sich schuldig macht. Aber unter den Menschen, die er kennenlernt auf seiner Reise durch das gespaltene Westdeutschland der 1970er Jahre, sind auch einige, die ihn nicht für ihre eigenen Zwecke ausnutzen wollen. Die nicht den Verbrecher in ihm sehen, sondern einen, der seinen Weg noch nicht gefunden hat. Menschen wie die junge Emma, deren Hand, die sie am Ende nach ihm ausstreckt, hoffentlich nicht zu spät kommt.

Kein Bild

Jürgen Heimbach: Straßenköter. Kriminalroman.
ars vivendi Verlag, Cadolzburg 2026.
272 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783747208113

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch