Massenmord als Fachaufgabe
Der Enkel eines SS-Offiziers erforscht die Rolle seines Großvaters im Holocaust – und entdeckt bislang unbekannte Verbrechen seines Vorfahren. Lorenz Hemickers mutiges Buch „Mein Großvater, der Täter“
Von Oliver Pfohlmann
Immer mehr Deutsche fragen heute nach Wissen und Handeln ihrer Vorfahren in der NS-Zeit, allein 2023 gingen 75.000 Anfragen nach Akten aus der NS-Zeit beim Bundearchiv ein. Einer, der schon als Kind wusste, dass sein Großvater als SS-Offizier persönlich an der Ermordung Tausender Jüdinnen und Juden beteiligt war, ist der FAZ-Redakteur Lorenz Hemicker. Persönlich hat Hemicker seinen Großvater nie kennengelernt, er starb 1973, fünf Jahre vor der Geburt des Autors. Inzwischen, nach jahrelangen Recherchen, glaubt sein Enkel diesen Mann aber gut genug zu kennen, um sich ein Urteil über ihn erlauben zu können. Was nichts daran geändert hat, dass es dem FAZ-Redakteur noch immer schwerfällt, diesen Mann seinen Großvater zu nennen – im Gegenteil.
Lieber nenne er ihn nach seinem Vornamen, Ernst, schreibt Lorenz Hemicker in seinem Buch Mein Großvater, der Täter. Nach der Lektüre dieser eindringlichen Spurensuche in einer deutschen, allzu deutschen Familiengeschichte dürfte das niemanden verwundern. Immerhin war Ernst Hemicker als SS-Offizier an Massenerschießungen von Juden beteiligt. Unter anderem: „Er war ein williger Vollstrecker. Ein Massenmörder, der geholfen hat, Zehntausende zu töten. Und er wurde zum Fluch für meinen Vater, den diese Schuld sein Leben lang bedrückte. Meinen Frieden kann ich mit ihm darum niemals schließen.“
Tatsächlich handelt Lorenz Hemickers Buch nicht nur vom Nazi-Großvater, sondern auch von der Last des familiären Schweigens nach dem Krieg, das erst durch eine drohende Anklage wegen Beihilfe zum Massenmord in den späten Sechzigern beendet wurde. Seinen Vater Peter habe das Wissen um die Taten seines Erzeugers zeitlebens verfolgt; geradezu zwanghaft sei er bei jedem Familienessen auf den Holocaust zu sprechen gekommen, erinnert sich der Autor. Zugleich habe sein Vater aber die Rechtfertigungen des Großvaters ein ums andere Mal reproduziert, habe sich regelrecht an sie festgeklammert. Ernst Hemicker behauptete bis zuletzt, er habe nur Befehle befolgt. Und sei sogar, als er im November 1941 die Erschießung Tausender Jüdinnen und Juden im Wald von Rumbula überwachen musste, zusammengebrochen.
Eine Behauptung, für die Lorenz Hemicker in den Aussagen anderer Beteiligter keinerlei Belege fand. Fakt ist dagegen, dass sein Großvater als gelernter Tiefbauingenieur für einen SS-General die berüchtigten Gruben im Wald von Rumbula konstruierte, inklusive der nach unten führenden Rampen. Schließlich habe man es den „armen Menschen“ nicht zumuten können, auch noch hinunterzuspringen, wie es der Großvater bei einer Vernehmung formulierte. „Die Ermordung der Juden und der zivilisierte Umgang mit Menschen standen nebeneinander, ohne dass dies für ihn zu einem offenkundigen Widerspruch wurde“, schreibt nun der Enkel über seinen Großvater. „Mal sprach er wie ein Techniker, mal mitfühlend wie ein Mensch, dem seine Arbeit zuwider war. ‚Natürlich lief alles reibungslos‘, gab Ernst zu Protokoll. Gedanken habe er sich keine gemacht. Der Auftrag sei ja eine Fachaufgabe gewesen.“
Überzeugend rekonstruiert Lorenz Hemicker den Lebensweg seines Großvaters, der einer „ideologischen Stringenz“ gefolgt sei: vom enttäuschten Kriegsfreiwilligen des Ersten Weltkriegs über den umtriebigen Unternehmer mit rassistischen Elitefantasien in den Weimarer Jahren bis zum SS-Offizier, der als begehrter Fachmann 1941 ins besetzte Lettland abkommandiert wurde.
Abwechselnd zu den Lebensstationen des Großvaters erzählt der Autor in bester Reportagemanier auch von seiner jahrelangen Spurensuche, ausgelöst vom Tod seines Vaters. Lorenz Hemicker vergräbt sich in Archive, spricht mit letzten Zeitzeugen, darunter lettische Shoah-Überlebende. Und bittet im Wald von Rumbula unter Tränen um Vergebung für die Taten seines Großvaters. Zuletzt entdeckt er im österreichischen St. Pölten Zeugnisse für bislang unbekannte Verbrechen seines Vorfahren, als Leiter einer Nazi-Großbaustelle, auf der sich Tausende Zwangsarbeiter zu Tode schuften sollten. Mit Mein Großvater, der Täter hat Lorenz Hemicker eine eindrucksvoll erzählte, berührende Recherche vorgelegt, die sich mutig den Fragen nach deutscher Schuld und familiärem Wissen stellt.
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