Der Mann in Schwarz

In einer umfangreichen Biografie erinnert der amerikanische Musikjournalist Robert Hilburn an den legendären Countrysänger Johnny Cash

Von Matthias DickelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Matthias Dickel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Countrysänger Johnny Cash ist immer noch ein Mythos in der Rock- und Popgeschichte. Seine Inszenierung als der zornige „Man in Black“ mit der Gitarre in der Hand wurde in das ikonografische Gedächtnis der Populärkultur eingeschrieben. Schon zu Beginn seiner Musikerkarriere in den 1950er-Jahren begriff sich der Sänger als Außenseiter in der Country Musik-Branche, die in dieser Zeit mit dem Aufkommen des RockʼnʼRolls um die Gunst des jungen Publikums zu kämpfen hatte.

Cash wurde in seinen ersten kommerziellen Anfängen vom selben Produzenten betreut, der auch Elvis Presley entdeckt und unter Vertrag genommen hatte. Er erkannte, dass die Formierung seiner künstlerischen Identität nicht in der vollkommenen Adaption der neu entstandenen musikalischen Stilrichtung bestehen konnte. In der Tradition der Countrysänger stehend, die mit ihrer Musik dem Publikum auch etwas vom Alltag, den überlieferten Erzählungen und Geschichten der Landbevölkerung erzählen wollten, verstand es Cash in seinen Texten, sich mit der Lebenswelt und den Nöten der kleinen Leute auseinanderzusetzen und auch zu historischen oder sozialen Fragen Position zu beziehen. Mit dem zunehmenden Einfluss des RockʼnʼRolls versuchte er neue Wege abseits des kommerziellen Nashville-Sounds zu finden, indem er sich den Einflüssen der neuen Folkmusik der 60er-Jahre öffnete. Johnny Cash freundete sich in dieser Zeit mit dem Singer-Songwriter Bob Dylan an, für den er sich persönlich bei seiner Plattenfirma Columbia Records einsetzte, als die Plattenbosse diesen wegen des ausbleibenden Erfolgs fallen lassen wollten.

Seine große Zeit endete in den frühen 1980er-Jahren und er errang erst mit seinem Spätwerk der American Recordings einen Millionenerfolg. Unterstützt wurde Cash bei den Aufnahmen vom Musikproduzenten Rick Rubin, dem Gründer des legendären Musik-Labels Def Jam Recordings. Mit den Alben erntete der Sänger auch die Anerkennung der neuen Popgeneration.

Von der Öffentlichkeit wurde Johnny Cash widersprüchlich rezipiert: Er inszenierte sich als Outlaw, der sich künstlerisch und intellektuell vom gängigen Mainstream distanzierte, doch produzierte er auf der anderen Seite auch gefällige Songs für das popmusikorientierte Publikum, um den kommerziellen Ansprüchen seiner Plattenfirma zu genügen. Er engagierte sich für die indigene Bevölkerung Amerikas, für Haftgefangene und die arbeitende Klasse, gab im Gegenzug aber auch ein Konzert für den konservativen Präsidenten Richard Nixon und unterstützte einen reaktionären Baptistenprediger. Er lebte nicht das geradlinige Bild eines biederen Saubermannes, das im seichten Country- und Popgeschäft gerne gepflegt wird. Cash ging offensiv mit seinen Drogen- und Eheproblemen um und nutzte diese auch imagefördernd für sich aus.

Das Künstlerbild ist ein Geflecht aus Selbst- und Fremdinszenierungen, eine Symbiose aus Mythen, Fiktionen und Wahrheiten. Eine gute Biografie kann Klarheiten schaffen und helfen, ein möglichst authentisches Bild über den Künstler herauszuarbeiten. Der interessierte Leser von Biografien über Persönlichkeiten der populären Musik hat es nicht immer einfach, um an eine sachlich fundierte und von heroischen oder gar skandalösen Zuschreibungen freie Darstellung der Lebensgeschichte eines Popmusikers zu kommen. Robert Hilburns Biografie, das vorweg, überstrahlt jedoch den Wust an schnell und oberflächlich geschriebenen Publikationen.

In den letzten Jahren wurden über den Country- und Folkmusiker Johnny Cash zahlreiche Biografien und Sachbücher verfasst. Cash selbst lieferte dem Publikum in den 1980er-Jahren autobiografische Werke. Letztes Jahr veröffentlichte der Piper Verlag Hilburns Cash-Biografie, die 2013 in den USA unter dem Titel Johnny Cash: The life erschien. Das Bemerkenswerte an diesem Werk ist nicht nur sein voluminöser Umfang, sondern auch die Tatsache, dass der Biograf ein enger Weggefährte des amerikanischen Sängers war, der diesen seit dem legendären Konzertauftritt in Folsom Prison journalistisch begleitete.

Auf über 800 Seiten stellt der Musikkritiker das Leben Johnny Cashs ausführlich dar. Er teilt sein Werk in fünf Teile, die den markanten Lebensabschnitten und künstlerischen Entwicklungen des Sängers entsprechen: Kindheit und Jugend (1932–1957), Aufstieg (1958–1965), Etablierung im Musikgeschäft (1966–1971), Abstiegsphase (1972–1983) und Spätwerk (1984–2003). Hilburn konnte aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit als Musikjournalist bei der Los Angeles Times auf zahlreiche Interviews mit Johnny Cash und Zeitgenossen aus dessen Umfeld zurückgreifen. Dem Buch merkt man die akribische und detailverliebte Arbeit des Autors an. So lobten die bisherigen Rezensenten die Fülle an Informationen über Cash – doch gerade darin liegt die Crux.

Der Autor beschreibt das Leben des Künstlers ganz klassisch in linearer Struktur und verliert sich mit seinem positivistischen Ansatz im Faktenreichtum, der den Erzählfluss deutlich sprengt. Hilburn fehlt an einigen Stellen der Blick für die notwendige Tiefe: Interessiert es den Leser wirklich, um wieviel Uhr ein Konzert stattgefunden hat? Oder wie oft Cash seine Autos zertrümmert hat? Ist es für das Verständnis der Biografie wirklich wichtig, dass Cashs schlechter Fahrstil unbedingt noch einmal durch das Interviewzitat eines Zeitzeugen belegt werden muss? Der neutrale Blick des Biografen soll Objektivität herstellen, doch verhindert gerade der gewählte Erzählstil die intendierte Entheroisierung des Künstlers, denn eine solche Nähe verschafft doch wieder eine identifizierende Vereinnahmung des Lesers. Durch diese scheinbare Tuchfühlung soll der Künstler lebendig werden, der Leser soll das Gefühl haben, das Leben des Sängers minutiös zu durchleben. Das Genie soll durch die Schilderung der Alltäglichkeit seiner Probleme (Drogen, Scheidung, Minderwertigkeitskomplexe) menschlicher erscheinen, doch gerade die nicht alltäglichen und für den Normalbürger unerreichbaren Freiheiten und Handlungsoptionen entheben ihn aus der normalen Alltagskultur. Der Künstler verharrt somit weiterhin in einer Sonderposition innerhalb der Gesellschaft.

Den Erzählstrang hält Hilburn durch immer wiederkehrende Motive zusammen. Die Suchtproblematik des Sängers klingt schon bei der Beschreibung des übermäßigen Zigarettenkonsums im Kindesalter an. In der Jugend schien es ein Akt der Rebellion gegen die ablehnende Haltung des Vaters zu sein. Später, Cash wurde in den 1950er-Jahren stark tablettenabhängig, dienten ihm die Drogen als eine Art Schutzschild gegen die übermäßigen eigenen und fremden Ansprüche. Schon in frühen Jahren versuchte Cash, die Fesseln seiner sozialen Herkunft abzuwerfen und hob sich durch schulische und berufliche Leistungen hervor. Er kämpfte stets um Anerkennung. Durch seinen Auftritt beim Newport Festival hoffte er, mit seiner Musik auch intellektuelle und studentische Kreise zu erreichen. Mit dem Konzert bei Nixon erfüllte sich für einen Moment die Achtung durch den ihm fremdgebliebenen Vater.

Das komplexe Charakterbild des Sängers entwickelt Hilburn über mehrere Kapitel hinweg. Der Biograf überlässt es dem Leser, die unterschiedlichen Elemente seiner Persönlichkeit und seine Auffassungen zu bewerten. Er lässt den Musiker Cash oft direkt zu Wort kommen, doch werden allzu tiefe Einblicke in die geistige Vorstellungswelt des Künstlers vermieden. Cash hatte ein großes Interesse an Religion und Geschichte und hat sich darüber mit seinem Umfeld ausgetauscht. Für das Verständnis des Musikers wäre es interessant gewesen, zu erfahren, welche außermusikalischen Autoren und Künstler ihn beeinflusst haben.

Für Hilburn stehen die markanten Charakterzüge Johnny Cashs und dessen musikalische Entwicklung im Vordergrund. Er verschweigt dem Leser nicht den vom Elternhaus übernommenen Rassismus des Sängers, auch die Frauengeschichten während der Militärzeit und seiner Ehe mit Vivian bleiben nicht unerwähnt. Ohne zum Hofberichterstatter zu werden, berichtet Hilburn schonungslos über die gesundheitlichen und künstlerischen Folgen der Drogen- und Alkoholsucht des Sängers. Die Detailverliebtheit, die zuweilen ermüdend wirkt, geht dabei auf Kosten einer werkgeschichtlichen Analyse des künstlerischen Schaffens. Es verwundert, dass Hilburn als Musikkritiker auf eine musikwissenschaftliche Analyse der Songs weitgehend verzichtet. Für den Leser bleibt es unklar, wie die Songs im musikhistorischen Kontext einzuordnen und zu bewerten sind. Gerade der Schlüsselsong „Man in Black“ hätte einer kritischen Auseinandersetzung bedurft. Hilburn schreibt, dass dieses Lied Cash zu einem „amerikanische[n] Symbol für Ehre, Mitgefühl und Daseinskampf machte.“ Doch steckt in diesem Lied nicht ein selbstgefälliger Patriotismus? Das liegt überaus nahe, wenn man den Zeitkontext des Vietnamkrieges beachtet und der (fiktive) Sprecher des Songs ausschließlich Trauer für die Hunderttausend trägt, „die in dem Glauben gestorben sind, wir alle wären auf ihrer Seite“. Brauchen die Armen und Kranken tatsächlich nur einen messianisch wirkenden Mann in Schwarz, der in der Farbe der Trauer an ihre Leiden erinnern will? Oder hat Cash den Text bewusst mit einem ironischen Seitenhieb auf die Selbstgerechtigkeit der amerikanischen Gesellschaft geschrieben?

Bei aller Kritik: Das Werk ist ein Meilenstein. Es ist eine akribisch recherchierte Biografie, die ohne reißerische Einblicke auf den Sänger Johnny Cash und sein familiäres Umfeld auskommt. Robert Hilburn räumt mit Mythen auf und erzielt durch die neutrale Erzählhaltung eine wohltuende Sachlichkeit. Weiterhin bietet das Buch vielerlei Anknüpfungspunkte für die musikhistorische und kulturwissenschaftliche Forschung. Für den ausgewiesenen Johnny Cash-Fan liefert die Biografie Zugang zu Quellen und Informationen, die ihm sonst verwehrt geblieben wären.

Kein Bild

Robert Hilburn: Johnny Cash. Die Biografie.
Übersetzt aus dem Englischen von Henning Dedekind und Werner Roller.
Berlin Verlag, Berlin 2016.
847 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-13: 9783827012364

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