Die Geburt des hässlichen Amerikaners
Mit dem Roman „Galleria Umberto“ übte John Horne Burns 1947 eine harsche Kritik an der amerikanischen Gesellschaft und am Kriegsregime der US Army in Italien, die mit der Misanthropie des Autors nur unzureichend erklärt ist
Von Nora Eckert
Der 1916 in Andover (Massachusetts/USA) geborene Schriftsteller John Horne Burns wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf und landete 1947 mit seinem literarischen Debüt The Gallery einen beachtlichen Erfolg, der sich jedoch mit den zwei folgenden Romanen nicht wiederholen sollte. Im Gegenteil – sie wurden von der Kritik einhellig verrissen. Burns war damit als Autor gescheitert. Er starb 1953 mittellos in Italien durch einen Unfall beim Segeln vor der Küste von Livorno. 1951 erschien die deutsche Erstausgabe von The Gallery in der Übersetzung von Günther Birkenfeld, der nun eine beeindruckende Neuübersetzung durch Gregor Hens in der Reihe „Die Andere Bibliothek“ unter dem Titel Galleria Umberto folgte.
Burns beschreibt den Krieg der USA gegen den Faschismus in Europa. Die Handlungsorte befinden sich in Nordafrika und Süditalien, während die Kriegsfront bereits weit davon entfernt verläuft. Eine Hauptrolle spielen Neapel und die dort im Stadtzentrum gelegene und titelgebende Galleria Umberto mit den zwei sich kreuzenden Passagen, angefüllt mit Läden und Bars. Hier kreuzen sich viele der von Burns geschilderten Schicksale. Wenn man so will, ist die Einkaufspassage das kriegsramponierte, aber nach wie vor lebendige Herz der Stadt. Burns selbst nahm als Leutnant des amerikanischen Militärgeheimdienstes am Krieg teil und war damals Augen- und Ohrenzeuge des Geschehens.
Burns war – und daran besteht kein Zweifel – ein misanthropischer Mensch und das hat ohne Frage die Tonlage seines Romans beeinflusst. Doch seine Kritik trifft einen realen Kern und erscheint objektivierbar. Auch wenn Kriegszeiten die denkbar schlechtesten Zeiten für Menschlichkeit sind, so bleiben moralische und ethische Fragen gleichwohl stets virulent. An einer Stelle heißt es hierzu: „Wir faselten über die Übel des Faschismus und behandelten die Menschen, die ohnehin schon am Boden lagen, so schonungslos wie die Faschisten.“
Der Roman ist – genau besehen – eine Porträtsammlung. Aneinandergereiht sind wie Bilder einer Ausstellung Momentaufnahmen aus Lebensgeschichten, deren gemeinsamer Nenner in der Ausnahmesituation des Krieges zu finden ist und in denen jeweils spezifische Konflikte ausgetragen werden. Die Personen heißen beispielsweise Louella, Hal, Giulia oder einfach nur Mamma oder "Gentleman aus Virginia". Und ein Kapitel enthält ein Doppelporträt, in dem uns zwei Militärgeistliche auf Abwegen begegnen. Formal sind es teils umfangreiche, in sich geschlossene, jedoch teils unaufgelöste Erzählungen. Zusammengehalten werden sie durch die immergleichen Zeitumstände des Krieges im perspektivischen Wechsel zwischen Sieger und Besiegten, aber noch mehr durch die „Spaziergänge“ genannten Passagen aus der Perspektive eines Ich-Erzählers. Dessen Weg führt von Casablanca über das nördlich davon gelegene Fedala nach Algier und schließlich nach Neapel. In der zeitgenössischen Literaturkritik blieb diese formale Besonderheit freilich nicht unkommentiert. So etwa durch Charles Poore in der New York Times vom 7. Juni 1947, um sogleich das Formale mit Inhaltlichem zu verknüpfen:
Ob sein Buch ein Roman ist oder nicht, ist eine andere Frage. Falls ja, dann zeigt es, dass man heutzutage praktisch alles als Roman bezeichnen kann – genauso wie einige seiner gewagteren Passagen verdeutlichen, dass man in einem Roman mittlerweile praktisch alles sagen kann. Was die Erzählung zusammenhält, sind die Szenen und die Erinnerungen in der Ich-Form des wütenden und redegewandten Soldaten, der durch das Buch schlendert und dabei seine vernichtenden Urteile verstreut.
Dieser Ich-Erzähler sagt von sich selbst, er sei ein „entwurzelter“ Amerikaner. Wie sein Autor hat auch er ein Alkoholproblem. Wenn er morgens erwacht, findet er sich „wie abgetötet in einer Welt wieder, die zittrig und nervös war wie Herzrasen“. Bei seinem ersten Spaziergang durch Casablanca erkennt er, „dass mir dieses Afrika perfekt entsprach. Verborgen unter der undurchdringlichen Oberfläche lag etwas Fauliges und Schwärendes“. Und wo er über die anderen Soldaten spricht, herrscht dieselbe Negativität: Von Kameradschaft keine Spur, als herrsche selbst in den Beziehungen der Soldaten der Krieg auf andere Art weiter.
In Algier stellt er fest, wie sehr der Kolonialismus die Stadt europäisiert habe – anders als etwa Casablanca. Auch hier seien alle untereinander verfeindet – die britischen und amerikanischen Alliierten wie die französischen Kolonialisten. Ansonsten Langeweile, die immergleichen Witze, Spiele und Kraftausdrücke. Erst mit der Ankunft in Neapel gibt es eine auffällige Veränderung. Das Misanthropische, Negative bleibt zwar präsent, aber nun kommt etwas hinzu, dass mit Sympathie und Liebe bezeichnet werden kann und bisher nicht vorkam. Es gilt den Bewohner*innen Neapels ebenso wie überhaupt dem Italienischen: „Die Sprache ist so natürlich wie der menschliche Atem. Weiblich, fließend, ihre Endungen füllen die Lücken, sie überbrücken die Pausen und die Unbeholfenheit im Gespräch, die Amerikaner und Briten so unangenehm berühren.“
Der Erzähler lässt uns wissen, er habe die Sprache um der Liebe willen erlernt, und er „begriff, wie heimlich sie ist, ernsthaft, wirr und voller Gelächter. Sie ist wie eine Frau“. Anders der neapolitanische Dialekt, der „rau wie das Leben in einer Mietskaserne, unberechenbar wie ein Dieb, zart wie die Hand einer Geliebten“ sei. Da gebe es nichts Aufgesetztes. Zu der negativen Selbstsicht und dem misanthropischen Grundton in den übrigen Erzählungen ist das ein starker Kontrast, der auch der damaligen Literaturkritik auffiel. So etwa einem Richard Sullivan, dessen Buchkritik ebenfalls in der New York Times erschien (8. Juni 1947) und wo es heißt:
Die Bewunderung für das italienische Volk entwickelt sich gelegentlich zu so etwas wie einer sentimentalen Vergötterung. Die Verbitterung über die amerikanische Grobheit grenzt stellenweise an jugendliche Intoleranz. Und die ständige Betonung des Themas Sex – die sicherlich einige Leser vor den Kopf stoßen wird – entwickelt sich zu einer scheinbar unbeabsichtigten Konzentration auf einen Aspekt der menschlichen Erfahrung, als wäre dieser der einzige.
Unter den insgesamt neun Porträts seien zwei beispielhaft hervorgehoben, nämlich jenes mit „Mamma“ und das mit „Das Blatt“ überschriebene. In Letzterem hat der bereits erwähnte „Gentleman aus Virginia“ seinen Auftritt, der sich freiwillig für das Ausbildungslager meldet, um schon bald als Leutnant beim Militärgeheimdienst zu landen und für die Briefzensur in Casablanca zuständig zu sein. Der Autor kannte diese Tätigkeit, wie schon erwähnt, aus eigener Anschauung (wobei die autobiografischen Anteile darin ungeklärt bleiben müssen). Als Vorgesetzter entwickelt sich jener Hauptmann zum Tyrannen, der seine Leute ausbeutet und sie gängelt, wie es ihm gefällt. Sein Amt schien ihm so wichtig, „dass er immer verschlossener und argwöhnischer wurde“. Die Army „sei nun mal ein einziger Haufen von Opportunisten und Intriganten“. Das Ende dieser mehr als sechzig Seiten umfassenden Erzählung ist so bizar, wie es nur zu einem Psychopathen passen kann.
Ganz anders die Barbesitzerin in der Galleria Umberto, die von ihren Gästen nur liebevoll „Mamma“ genannt wird. Ihre Bar ist ein Treffpunkt für Homosexuelle und steht bei der Militärpolizei deshalb unter besonderer Beobachtung. Für Mamma ist die Bar eine wahre Goldgrube, die aber nur für drei Stunden am Abend öffnen darf. Sie hat ein Herz für die, die zu ihr kommen, und versäumt nie, „für all die süßen Jungs“ zu beten. Getrunken wird wie immer zu viel und vor allem aus Gründen der Betäubung. „Mammas Bar war wie ein Goldfischglas, in dem Pupillen flitzten, Netzhäute flackerten, Augen in allen Farben.“ Die Stimmung kocht hoch, schlägt um, wird aggressiv und schließlich genügt ein Funke, um aus Frust und Wut eine Schlägerei entstehen zu lassen: „Als sie sah, dass die MPs aus der Galleria mit ihren Knüppeln kamen, war für Mamma der Augenblick gekommen, in Ohnmacht zu fallen. Sie ließ sich mit größter Leichtigkeit über die Kasse fallen, wie sie es seit Stunden in Gedanken geübt hatte.“
Zwar durchzieht die Porträts dieser stets präsente negative Grundton (es wird immer zu viel und bis zur Besinnungslosigkeit getrunken, der Sexismus feiert Triumphe und wird in einem Fall auch mal mit einer Syphilis-Behandlung gestraft), dennoch entfalten diese neun Porträts bei aller irritierenden Penetranz eine besondere Faszination. Faszinierend ist, wie plastisch und eindringlich Burns all diese Charakterstudien gelingen. Keine gleicht dabei der anderen. Hinzu kommt, dass dieser Roman als ein literarisches Dokument eine bemerkenswerte und nicht weniger erschreckende Aktualität ausstrahlt.
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