Anekdoten, Lesarten und Literaturtheorie

Ein Sammelband zu Ehren der Literaturwissenschaftlerin Helga Gallas

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wäre Helga Gallas keine Literaturwissenschaftlerin, sondern Politikerin, würde man sie zweifellos zum Urgestein ihres Metiers zählen. Im seriösen Wissenschaftsbetrieb wäre der Gebrauch solcher Floskeln allerdings eher befremdlich. Zu Recht. Daher sei hier auch nur erwähnt, dass sie bereits seit mehr als drei Jahrzehnten einen Lehrstuhl im Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität Bremen innehat. Im Juni 2005 wurde ihr dreißigjähriges Dienstjubiläum mit einem Festkolloquium begangen, dessen Vorträge nun in Buchform vorliegen. Es trägt den Titel "Literatur - Psychoanalyse - Gender".

Wie die HerausgeberInnen Wolfgang Emmerich und Eva Kammler darlegen, wurden die Beiträge "mit recht unterschiedlichen Haltungen geschrieben" und gehören" verschiedenartige[n] Genres" an. Die Lektüre bestätigt das schnell. So erzählt KD Wolff launige Anekdoten aus der Verlagsgeschichte von Stroemfeld/Roter Stern, und wie er sich in präverlegerischen Zeiten von einem gewissen Joschka Bücher stehlen ließ, deren Kauf sein schmales Budget überstiegen hätte.

Dagegen stellt Matthias Walz "die Frage nach den Bedingungen der Entstehung von Begehren" mit dem angemessenen wissenschaftlichen Ernst und hofft, mit Hilfe des "theoretischen Rahmen[s]" der "Mauss'/Lévi-Strauss'/Lacan'schen Idee der Konstitutionen der Gesellschaft durch den symbolischen Tausch" Antworten auf sie zu finden. Ebenso seriös gehen Anita Runge und Eva Kammler, deren Beiträge sich mit Sophie von La Roche befassen, zu Werke. Unter dem Aspekt "weibliche[r] Empfindsamkeit" vergleicht Runge die Briefromane der bekannten Autorin des 18. Jahrhunderts mit denjenigen Johann Karl Wezels. Mitherausgeberin Kammler geht der "Diffusität als biographische[m] Prinzip" in Selbstzeugnissen und anderen Schriften La Roches nach.

Die Amerikanistin Sabine Broeck befasst sich zwar mit dem Roman "Der Neger Jupiter raubt Europa" der deutschen Autorin Claire Goll. Doch liest sie diesen aus der Perspektive ihres Spezialgebietes, der afro-amerikanischen Forschung, von deren "postkolonialen Warte" aus sie "auf das europäische weiße Subjekt (zurück)blickt".

Zwei AutorInnen wenden sich der Psychoanalyse zu: der Sprach- und Literaturwissenschaftler Norbert Haas und die praktizierende Psychoanalytikerin Elfriede Löchel. Geht Löchel dem Verhältnis von Psychoanalyse, Literatur und Wissenschaft am Beispiel von Freuds "Gravida"-Studie nach, so gilt Haas' Interesse zwei französischen Geistesheroen. Bedauerlicherweise hat er aber den schönen Titel seines Vortrags "Lacan und Derrida in Baltimore am frühen Morgen" für die verschriftlichte Fassung nicht beibehalten. "Lacan, Derrida, Psychoanalyse, Literatur" klingt nicht nur weit trockener, sondern bellt in fast schon abschreckendem Stakkato. Lesen solle man den Beitrag dennoch. Ebenso wie Dana Braunerts "Lektüre Kafkas mit Lyotard und Adorno" und Eva Meyers Text mit dem rätselhaft nichtssagenden Titel "Und die Zeit", dessen - wie Emmerich zu Recht sagt - "eigene Form intertextuellen Schreibens" eine durchaus anregende Lektüre bietet.


Titelbild

Wolfgang Emmerich / Eva Kammler (Hg.): Literatur - Psychoanalyse - Gender.
edition lumière, Bremen 2006.
182 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-10: 3934686389

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