Ein Atlas des Bürgersinns und der Freiheit

Über 400 Photos und ergänzende Beiträge präsentieren anhand ausgewählter Biografien eine erstaunliche Bandbreite unangepassten gesellschaftlichen Engagements in der DDR

Von Volker StrebelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Volker Strebel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der "eiserne Vorhang" ist ebenso Geschichte wie der Fall der Mauer. Während Schüler sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesländern kaum mehr wissen, wer Erich Honecker war, formieren sich flotte Rentner zu diversen Vereinigungen diverser Dienste. Spione waren eigentlich Kundschafter gewesen und überhaupt war alles ganz anders.

Bei dem vorliegenden Fotoband handelt es sich um ein Projekt, das im Auftrag der Robert-Havemann-Gesellschaft entstanden ist und von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur unterstützt wurde. In über 400 Fotos und mit Textbeiträgen von Zeitzeugen und betrauten Wissenschaftlern werden Opposition und Widerstand in der DDR dokumentiert. Die Besonderheit dieser sauber und engagiert aufbereiteten Sammlung liegt darin, dass neben einer erstaunlichen Bandbreite an vorgestellten Persönlichkeiten zugleich informative Einführungen präsentiert werden.

Im Laufe der vierzig Jahre des Bestehens der DDR hatten sich verschiedene Knotenpunkte des Widerstandes ergeben, die in diesem Band gewürdigt werden. Neben dem "Widerstand in der SBZ" in den 1950er Jahren zieht sich ein breiter Bogen über die Friedens- und Menschenrechtsgruppen der 1980er Jahre bis hin zur friedlichen Revolution 1989. Neben Teilnehmern des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 werden christliche Persönlichkeiten vorgestellt, Bausoldaten und Wehrdienstverweigerer kommen ebenso zu Wort wie Aktivisten der Umweltbewegung.

Es zeichnet diesen Atlas des politischen und gesellschaftlichen Widerstands in der DDR in besonderer Weise aus, dass eine weit gefächerte politische Vielfalt zu Wort kommt. Dezidiert antikommunistische Widerständler wie Achim Beyer oder Elisabeth Graul werden ebenso porträtiert wie Vertreter der sozialistischen Opposition, die keinesfalls als einheitliche Fraktion betrachtet werden kann. Neben Wolfgang Harich, Thomas Klein oder Rudolf Bahro wird Heinz Brandt vorgestellt, der bereits elf Jahre Nazi-Haft und Konzentrationslager überlebt und als SED-Funktionär immer mehr "politische Bauchschmerzen" bekommen hatte und in den Westen geflüchtet war. Kurz vor dem Bau der Mauer wurde er in Westberlin von Stasi-Agenten gekidnappt und in der DDR in einem geheimen Schauprozess zu dreizehn Jahren Gefängnis verurteilt. Drei Jahre blieb er inhaftiert, bis er aufgrund einer starken internationalen Solidarität freikam.

Öffentliche Proteste hatten DDR-Richter 1951 auch im Fall des Hermann Joseph Fladde dazu bewegt, ihr Todesurteil in eine Zuchthausstrafe von 15 Jahren abzumildern. Der 18jährige Fladde hatte mit selbstgedruckten Flugzetteln gegen Scheinwahlen protestiert.

Etliche der dargestellten Persönlichkeiten hatten aufgrund ihres Engagements schreckliche Folgen zu ertragen. Manche wie der am 15. Dezember 1953 in Moskau erschossene kritische Jurist Walter Linse überlebten ihren gewaltlosen Einspruch gegen die Diktatur nicht. In tragischer Weise endete auch Michael Gartenschlagers Leben, dessen gewaltsamer Tod am Grenzpfahl 231 bis heute trotz eines Prozesses ungesühnt geblieben ist. Als kämpferischer Gegner des SED-Systems hatte Gartenschlager bereits zehn Jahre in Haft verbracht, bis er freigekauft wurde. Von Hamburg aus startete er seine aufsehenerregenden Aktionen, in denen es ihm gelang, zwei Selbstschussanlagen vom Metallgitterzaun der Grenzanlagen abzubauen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und das in einer Zeit, als sich in Ost und West die Parole "Wandel durch Annäherung" durchzusetzen schien.

Das Kapitel "Das Wort als Waffe" gilt dem Engagement kritischer DDR-Schriftsteller wie Erich Loest, Ulrich Schacht, Jürgen Fuchs oder Wolf Biermann. Von den 26 renommierten Autoren, welche die vorliegenden Biografien und Überleitungen zusammenstellten, waren nicht wenige selbst in unabhängigen Gruppen und Initiativen der DDR tätig. Das Porträt von Robert Havemann, einem der bekanntesten Kritiker der DDR, wurde von Werner Theuer geschrieben. Der im Jahr 2005 verstorbene Werner Theuer hatte Robert Havemann noch persönlich gekannt und sich über Jahre hinweg mit dessen Nachlass beschäftigt.


Kein Bild

Ilko S. Kowalczuk / Tom Sello (Hg.): Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition in Biographien und Fotos.
Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2006.
404 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 3938857021
ISBN-13: 9783938857021

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch