Vorstadtsterben mit Backgroundstimme

Michael Terpitz formuliert in "Kleine Stadt am Meer" Warnemündes Beitrag zum G-8-Gipfel

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die beiden Polizisten, die am Morgen bei Volker klingeln, sind auf der Suche nach flüchtigen Globalisierungsgegnern, die des nachts ein wenig Farbe auf Häuserwänden verteilt haben. Doch Volker denkt nicht daran, seinen Schwiegersohn in spe an die Staatsmacht zu verraten. Er hat andere Sorgen, ihm liegt ein Geschäft schwer im Magen, ein Handel mit seinem Jugendfreund Jimi. Konkret geht es um den hitverdächtigen Countrysong "Kleine Stadt am Meer", den Jimi nur dann freigeben will, wenn Volker auch seine übrigen Texte produzieren lässt.

Und so macht sich Volker nicht einmal die Mühe, die Floskelhaftigkeit zu verbergen, mit der er den "Kontaktbeamten" Rede und Antwort steht: "[W]ir Musiker regeln das anders mit dem Widerstand, schon seit Jahrzehnten übrigens! ,Music is the answer', verstehen Sie? ,Where have all the flowers gone' - und so!" Vor allem in der leeren Junktion "und so" manifestiert sich Volkers Immunität gegen Ideologien jeglicher Provenienz: Er hat die Gesinnungen der Flower-Power-Bewegung als Demagogie durchschaut, er hat sich den Kaderschmieden des Sozialismus entzogen und die Regeln der "neukapitalistischen Welt" schnell zu beherrschen gelernt.

Volker und sein Weggefährte Jimi sind am gleichen Tag "von derselben Hebamme auf die Welt geholt" worden, haben gemeinsam die DDR durchlebt ("Kinderkrippe, Kindergarten, Schule, Chor, Singegruppe, Beatkapelle und schließlich Rockband") und sollten sich eigentlich verständigen können. Doch nach der Wende haben sie eigene Wege eingeschlagen: Volker alias "Mozart" ist Musikproduzent geworden, während Jimi die urige Blueskneipe "Honk-y-Tonk" sowie ein kleines Tonstudio betreibt. Volker ist mit der eheflüchtigen Lokalpolitikerin Luise verheiratet, liebt aber eigentlich die Tourismusmanagerin der "kleinen Stadt am Meer" - Jimis Frau Josi. Und Jimi produziert das neue Album von Luises Tochter Laura, deren "phantastische Backgroundstimme" das "Lachen in die Gesichter von Joplin und Co." zurückzaubern könnte. Wo sich alles um Musik dreht, sollte eine Einigung möglich sein, gäbe es da nicht ein paar "Neufünflandmafiosi", die am Ende doch noch Einfluss auf den Deal nehmen: Blutige Erdbeeren, ein rot durchtränktes Jimi-Hendrix-T-Shirt, ein Vorstadtsterben auf dem Trottoir vor dem "Vinyleck" - Michael Terpitz inszeniert seine Erzählung als tödlichen showdown.

Michael Terpitz ist das Pseudonym eines "multiplen" kreativen Kunstkopfes, hinter dem sich Namen wie Christian "Jack" Hänsel, Bad Penny (Ola van Sander, Peter Möller, Axel Hennig), die Downtown Nightjackets (Angela Klee, Michael Treptow), Peter Schmidt und "Pier", Peter Grützmann, Detlev Baumann, Reinhard Möller und Heinrich Westphal, sowie die Crew der Warnemünder Kellerkneipe "Honk-y-Tonk" verbergen. Motor und Spiritus rector des Projektes ist der "Schallplattensammler" Andreas Buhse, der zugleich als Verfasser des Romans "Rauch auf dem Wasser" (vgl. literaturkritik.de, April 2006), sowie der Erzählung "Kleine Stadt am Meer" in wechselnde Identitäten ("Jimi", "Mozart") schlüpft und auf diese Weise die unterschiedlichen Rollen, Geschmäcker und Weltanschauungen dieser Vor- und Nachwende-Community kommuniziert. Sein Plattenladen trägt im Roman den kontradiktorischen Namen "Vinyleck", heißt in Wirklichkeit aber "Coaast" und liegt direkt unter dem Warnemünder Leuchtturm.

Die dargestellte Fiktion hat also, wie es scheint, ihre Entsprechung in der Wirklichkeit: Michael Terpitz fungiert in Warnemünde als "Stadtschreiber", Produzent und künstlerisches Kraftfeld. Ein Kraftfeld, das mit seiner virtuellen Identität eine greifbare, erfahrbare Realität stiftet. Spätestens seit "Sweet Home Warnemünde" (2007) verfügt die "kleine Stadt am Meer" über ihre eigene Hymne, und wie schon bei dem Roman "Rauch auf dem Wasser" (2005) ist auch der neuen Erzählung eine CompactDisc mit ehrgeizig ausgesuchten, teils neu vertexteten, eingespielten und abgemischten Songs beigegeben - darunter Neil Youngs "Captain Kennedy" intoniert von Bad Penny, "Komm lass uns fliegen" von den Downtown Nightjackets, Melanies Coverversion von "The Circle Game" und vieles andere mehr - alles, was man in Warnemünde eben so hört.

Buch und CD haben Power und dienen der Bedürfnisbefriedigung nach guter Musik und guten Texten. An eine "Rockrevolution" ist dabei nicht gedacht, selbst wenn eines der schönsten Fundstücke im Anhang aus der Feder des seligen Karl Marx stammt: "Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein besonderes Bedürfnis befriedigt. Um ihn hervorzubringen, bedarf es einer bestimmten Art von produktiver Tätigkeit. Sie ist bestimmt durch ihren Zweck, Operationsweise, Gegenstand, Mittel und Resultat". Das Resultat aber kann sich sehen lassen.


Titelbild

Michael Terpitz: Kleine Stadt am Meer. Erzählung. Mit CD.
Ingo Koch Verlag, Rostock 2007.
100 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 3938686758

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