Die Welt ist neu

Barbara Orths Rückblick auf die documentae 1-4

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die diesjährige documenta kann als erneuter Beleg dafür gelten, dass die Künstler zunehmend in den Hintergrund und die Kuratoren weiter in den Vordergrund treten. Kein Künstlername fiel, als Roger M. Buergel sein Konzept vorstellte, und dennoch geht es nicht ohne sie: Die leerformelhaften Begleittexte der Ausstellungsmacher belegen hinreichend, dass Konstellationen allein nicht überzeugen - es muss schon auch die Wirkungsmacht großer Kunst hinzutreten, soll ein documenta-Besuch zum bedeutenden Erlebnis werden.

Die ersten vier documenten (oder muss es heißen: documentae?) verliefen aufregend, auch war damals der Hunger nach dem Neuen in der Kunst augenscheinlich größer und heißer. Von den Jahren 1955 bis 1968 berichtet nun ein Sammelband aus dem Faste Verlag. Barbara Orth befragte Zeitzeugen aus der Entstehungsgeschichte der documenta und schuf damit, ob gewollt oder nicht, eine Hommage an den Kurator und Erfinder dieser bedeutendsten Schau moderner Kunst, Arnold Bode.

Der Buchkünstler, Grafiker und Leistikow-Schüler Rudolf Kroth (Jahrgang 1924) erinnert an Ernst Schuh, der den Namen documenta erdacht und damit dem "Schlüsselerlebnis" der Begegnung mit der zeitgenössischen Kunst auch ein Programm eingeschrieben hat. Marianne Hüttel (Jahrgang 1925) erzählt, auf welche Weise sie die Aufnahmeprüfung für die Akademie in Kassel bestand - indem sie einen "illustrierten Lebenslauf" einreichte. Ursula Kroth thematisiert in ihrem Beitrag das geniale Raumkonzept Arnold Bodes, dem es gelang, in den Ruinen des Weltkrieges eine unvergleichliche Atmosphäre zu schaffen. Hans Eichel, Kassels vormaliger Oberbürgermeister, erzählt, wie reserviert die Bürger der Stadt auf das Ereignis schauen - und es doch mit heimlichem Stolz verbuchen. Einer davon ist Frank-Roland Klaube, zur Zeit der documenta II erst 15 Jahre alt; er steuert einen Erlebnisbericht von 1959 bei. Damals empörte ihn, was er sah - heute steht er der modernen Kunst aufgeschlossener gegenüber.

Auch die anderen Zeitzeugen, darunter E. R. Nele, Karl Garff, Hans Joachim Hämer, Michael Wiskemann, Karl Oskar Blase, Carla Asbeck-Henschel, Herwig Sepp Thiele, Pitt Moog, Hansjörg Melchior, Heinz Hunstein, Hans-Kurt Boehlke sowie Bernhardt und Heide Männel belegen, dass bislang noch jede documenta besondere Erfahrungen vermittelt und unseren Zugang zur Kunst verändert hat. Auch diesmal gibt es bemerkenswerte Arbeiten zu sehen, selbst wenn sie sich in Buergels Konzept kaum einordnen lassen - darunter ein iranischer Gartenteppich aus der Sattelzeit, Luis Jacobs Bilderfluten oder die minimalistischen Skulpturen von John McCracken (aus den Materialien Sperrholz, Kunstharz und Fiberglas), die aus wenig viel machen - während Ruth Noack und Roger M. Buergel aus viel wenig zu machen verstehen. Wie heißt es so schön bei Lichtenberg: "So wird nicht verstandene Ordnung endlich Unordnung, Wirkung nicht zu erkennender Ursachen Zufall, und wo zu viel zu sehen ist, sehen wir nichts."


Titelbild

Barbara Orth (Hg.): Begegnungen mit der Documenta 1-4. Die Welt ist neu.
Verlag M. Faste, Kassel 2007.
119 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783931691486

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