Unterschätzte Meisterwerke

Young-Sook Suh stellt Heinrich Manns späte Romane vor

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Heinrich Mann gilt heute vor allem als der Autor des "Professor Unrat" und des "Untertan". Nur wenige seiner zahlreichen Romane sind noch im Bewusstsein einer größeren Leserschaft, aus dem immerhin gut sechzehnjährigen Exil allenfalls die beiden Romane um den vorbildlichen König Henri IV., die Mann in den 1930er-Jahren in Frankreich schrieb.

Damals war Heinrich Mann ein Wortführer des antifaschistischen Exils, besaß Zugang zu einflussreichen Persönlichkeiten und Medien und bewegte sich in einer Umgebung, deren Sprache er fast wie das Deutsche beherrschte. All dies änderte sich radikal, als Frankreich in die Hände der Nazis fiel und Mann in die USA fliehen musste. Dieses zweite Exil war - wie für manche andere Schriftsteller - erst das eigentliche. Materiell traf es Heinrich Mann so hart wie viele andere auch, doch war der Statusverlust besonders einschneidend. War er in der Weimarer Zeit noch als Präsidentschaftskandidat im Gespräch, so galt er in den USA nur noch als der Bruder des berühmten Schriftstellers Thomas Mann. Vor allem war er, der seit Jahrzehnten für eine gesellschaftliche Verantwortung des Schriftstellers gekämpft hatte und mit Hunderten von Essays und Artikeln diese Rolle auch ausgefüllt hatte, nun von fast jeder Wirkungsmöglichkeit abgeschnitten.

Das amerikanische Werk Heinrich Manns hat denn auch eine wenig glückliche Wirkungsgeschichte. Dabei ist es durchaus umfangreich: Es umfasst mit "Lidice", "Empfang bei der Welt" und "Der Atem" drei vollständige Romane, und von dem Dialogroman "Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen" sind weite Partien fertiggestellt. Dazu kommt der riesige Essay "Ein Zeitalter wird besichtigt", der autobiografische Momente mit einer Rückschau auf die große Zeit des Bürgertums und auf seinen Untergang verbindet. Besonders aber die Romane wurden vielfach unterschätzt. Von Realitätsverlust sollen sie zeugen, Beweis nachlassender Gestaltungskraft sein, überhaupt unverständlich, privatmythologisch, kurz: misslungen.

Young-Sook Suh tritt in ihrer Frankfurter Dissertation den Gegenbeweis an. In eingehenden Interpretationen von "Der Atem" und besonders von "Empfang bei der Welt" zeigt sie auf, wie eng die beiden Bücher mit der Konzeption verbunden sind, die Mann schon Jahrzehnte zuvor entwickelt hat: Der Geist erst verleiht der Macht ihren Sinn, die Schriftsteller besitzen eine Erziehungsfunktion, die auf die ganze Bevölkerung und nicht nur auf eine Elite zielt. Die beiden Romane freilich gestalten, wie Suh nicht verkennt, den Zusammenhang als Negatives. In ihnen erscheint Macht als wesentlich geistlos, irrational, auf Kampf und Gewalt als Selbstzweck fixiert.

Vom Geist ist all dies unwiderruflich getrennt. Der Empfang, der dem einen Roman seinen Titel gibt, hat zum Zweck, Geld für die Gründung eines Opernhauses zu sammeln. Dies ist aber wiederum nur ein Mittel, um den Gastgeber Arthur finanziell zu sanieren (was zuletzt fehlschlägt, weil sein Bankier sich mit den Schecks davonmacht); und die Gesangskunst, die aufgeboten wird, um Geld herauszulocken, kann höchstens für Momente die Gesellschaft von Dieben, Unternehmern und "Nutten" zivilisieren. Es ist, wie Suh eindringlich zeigt, ein Spiel der Desillusionierung. Theater und Spiel, die in beiden Romanen präsent sind, vermögen anders als in Heinrich Manns Frühwerk, etwa in "Die kleine Stadt", nicht eine Gesellschaft zu humanisieren, sondern sind zuletzt Kampfmittel.

"Arthur, Existenzkämpfer" - so die Überschrift eines Kapitels - ist dabei negatives Exempel. Für ihn ist Leben gleichbedeutend mit dem Kampf um Geld. In diesem herabgesunkenen Nietzescheanismus verdrängt dabei der Kampf an sich den um das Geld; so ist Arthur seinem Vater dankbar, der, wie er glaubt, sein Vermögen rechtzeitig verloren hat, um ihn zum Existenzkampf zu zwingen. Der alte Balthasar hat sich indessen seinen Besitz bewahrt, gibt sich als Weltverneiner und Schopenhauer-Anhänger, um dennoch wie ein vorweggenommener, vergreister Dagobert Duck im Gold zu baden.

In der ort- und zeitenthobenen Welt des "Empfang bei der Welt" ist der faschistoide Charakter skizziert, und nur Details deuten auf den Krieg hin und darauf, dass diese Gesellschaft bis zum Industriellen hinaus gründlich verkracht ist. Suh gelingt der Nachweis, wie der Typus, der den "Empfang" beherrscht, bis ins Detail den Warnungen entspricht, die Mann schon in der Weimarer Republik ausgesprochen hat: Der autoritäre Charakter, der geistesfern sich selbst als Sache und Instrument begreift und sich ohne innere Substanz jeglichem Kampf, den er zu führen meint, unterwirft. Das betrifft die mittlere Generation, während der Alte zwischen Weltverneinung und Goldgenuss - immerhin aber Genuss! - schwankt und die Jüngeren, ganz sachlich, sich jedem Engagement entziehen und so vielleicht in diesem Roman weniger eindeutig die Hoffnung repräsentieren als Suh meint.

Sind die zeitgenössischen Konflikte in "Empfang bei der Welt" nur in wenigen Dialogen angedeutet, so ist die Handlung von "Der Atem" auf den Tag genau datiert: Es ist der erste Tag des Zweiten Weltkrieges, an dem eine alte Welt endgültig untergeht. Gleichzeitig ist es der letzte Tag im Leben der Heldin, der alten Gräfin Lydia Kowalsky, der eine Art Reprise ihres einst prachtvoll-gelungenen Lebens zuteil wird. Verschränkt ist dies mit dem Einbruch des Neuen, einer "synarchistischen" Verschwörung von faschismusfreundlichen Kapitalisten, die ihr Vaterland Frankreich nur allzu gerne dem deutschen Feind ausliefern. Suh zeigt, wie der kunstvoll komponierte Roman mehr ist als nur ein Rückblick auf die einst glanzvolle Welt einer vernünftigeren, guten Gesellschaft und sich durchaus auf damalige Erklärungen für die rasche Niederlage Frankreichs und die Eilfertigkeit, mit der sich große Teile der französischen Elite mit den Nazis arrangierten, stützen kann. Einmal mehr gestaltet Mann den von jeder Substanz entleerten Existenzkämpfer als dem Faschismus kompatibel; einmal mehr wird auch seine Überzeugung deutlich, dass eine solche Welt nicht dauern kann. Wie er lange vor 1945 richtig sah, dass Hitlers scheinbarer Triumph 1939 tatsächlich schon seine Niederlage bezeichnen musste, so fallen im 1947 beendeten Roman der Tod der Gräfin und ein Scheitern der Synarchen zusammen.

Suh unterstreicht zu Recht, dass die Romane erklärungsmächtiger sind als Manns "Zeitalter"-Buch, dessen freilich allzu kurze Interpretation sie vor die der fiktionalen Welten stellt. Sie deutet nur an, welche Widersprüche den Großessay prägen. Den Widerspruch zwischen zyklischem Geschichtsbild und Fortschrittsglauben hätte sie ebenso deutlicher veranschaulichen können wie den zwischen Manns Fixierung auf Hitler als Personifikation des Irrationalen und den Interessen der Großindustrie, die, wie Mann gleichwohl mit beispielhafter Klarsicht herausarbeitet, Hitler finanzierte und seine Karriere so erst ermöglichte. Das Irrationale ist, wie Suh überzeugend darlegt, für Mann das Kennzeichen einer solchen Epoche; doch wäre andererseits zu fragen, ob hier nicht eine Rationalität waltete, die dem Kapitalismus immanent ist und die sich mit der letztlich idealistischen Gegenüberstellung von Geist und Macht, wie Mann sie vertritt, nicht erfassen lässt.

Dies freilich bestätigt Suhs These, dass Heinrich Manns Romane seiner Essayistik überlegen sind. Allerdings widmet sie dem "Lidice"-Roman, der im Rahmen ihrer Ausführungen zur Groteske hätte wichtig werden können, nur wenige Sätze und es fehlt überhaupt jede Beschäftigung mit "Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen", die ein gleichrangiger - negativer - Gegenentwurf zur frohen Geschichte des Henri IV. hätte werden können. Bedauerlich ist auch, wie wenig Suh in ihrer Fixierung auf den Inhalt sich um Form und Sprachgestalt der Romane kümmert. Dabei erschließt sich Heinrich Mann auch auf dieser Ebene in seinem Spätwerk eine ganz neue Ebene. Die Formel vom "Greisenavantgardismus" (Thomas Mann) ist hier nur zu berechtigt; in extremer Konzentration sind hier Bewegungen, Gedanken, Aktionen so gegeneinander gesetzt, dass der Eindruck weitgetriebener Abstraktheit entsteht. Ist dies in der Moderne nicht selten, so stehen Manns letzte Romane doch darin isoliert, dass sie nicht vereinsamte Einzelne zu Anti-Helden haben, sondern den realistischen Roman des 19. Jahrhunderts gleichsam komprimieren, das Mit- und Gegeneinander der Figuren als Kampf beschreiben. Suhs Arbeit, die leider auch die Forschung der letzten zehn Jahre fast durchgehend ignoriert, hat zwar ihre Verdienste darin, auf vernachlässigte und dabei doch sehr wichtige Werke des deutschen Exils hinzuweisen und wesentliche inhaltliche Aspekte zu erschließen. Diese Inhalte durch die Form nicht nur bestätigt zu finden, sondern sie zu präzisieren oder aber auch als konterkariert zu zeigen, bleibt noch als Aufgabe.


Titelbild

Young-Sook Suh (Hg.): "Das Zeitalter des Irrationalen". Die Darstellung des Faschismus und seiner Ursachen in Heinrich Manns Romanen "Empfang bei der Welt" und "Der Atem".
Tectum Verlag, Marburg 2006.
192 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3828892817
ISBN-13: 9783828892811

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