Comeback des Adels?

Neue Bücher zu Geschichte und Kultur einer verblassten Elite

Von Jochen StrobelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Strobel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Von außen betrachtet, ist der innenpolitische Skandal, den 2005 die Neugründung einer "Vereinigung der Edelleute in Österreich" auslöste, ein Kuriosum. Verständlich wird er auch dann kaum, wenn man weiß, dass die österreichische Nationalversammlung, anders etwa als die deutsche, 1919 per Gesetz den Adel radikal abschaffte, also auch das Tragen adeliger Namen bei Strafe untersagte. Die Befürchtung, mit der Zulassung des Vereins würden demokratiefeindliche Tendenzen gestärkt, dürfte doch sehr übertrieben sein. Dennoch fällt in Gudula Walterskirchens Buch, das dieses Skandälchen nacherzählt und auch sonst vom österreichischen Adel der Gegenwart handelt, ein gewisses Eiferertum auf. Der Name der Autorin ist in der im Anhang abgedruckten Liste der gräflichen und fürstlichen Häuser Österreichs zu finden - ihr Interesse am Adel ist also offenbar dem eigenen Habitus geschuldet. Höchst bedenklich erscheint, dass gleich in der Einleitung des nun in zweiter Auflage vorliegenden und in Österreich wohl viel beachteten Buches die althergebrachte Kultur des Adels dem "Einheitsbrei der modernen Konsumgesellschaft" gegenübergestellt, mithin ein allzu glattes und in seinen Frontstellungen auch etwas triviales Plädoyer zugunsten des Wertkonservatismus einer verblassten Elite präsentiert wird.

Vielleicht ist ja durchaus etwas dran, wenn Walterskirchen die Aktualität ausgerechnet des Adels in Zeiten eines vereinten Europa beschwört, ist der Adelige doch international erzogen und "versippt", besitzt er Manieren und ist erfahren im diplomatischen Dienst. Kultursoziologisch interessant ist das Anliegen der Autorin, nachzuweisen, wie nach dem Erlöschen der Privilegien der als Stand gewissermaßen nur noch verdeckt operierende österreichische Adel weiterwirkte, wie es ihm also gleichsam gelungen ist, die Rechtmäßigkeit jener verspielten Privilegien durch wahrhaft adelige Verdienste ex post zu bestätigen (und die übereifrigen Republikaner Lügen zu strafen). Dabei geht Walterskirchen überraschenderweise von der kollektiven Identität, von einer enormen habituellen Geschlossenheit der in 180 Großfamilien organisierten 11.000 Adeligen aus, auch wenn sie einräumt, viele würden nicht gern an ihren adeligen Namen erinnert.

So wird das Buch zu einer Sammlung adeliger Selbstbilder, die wie eine Endlosschleife die immer schon fest stehenden Traditionen familialer und karitativer Verantwortung, des Obenbleibens und Besser-seins-als-der-Durchschnitt bestätigt sehen wollen. Das vielfach anekdotisch gehaltene Sachbuch folgt also unverhohlen einer Tendenz, ist pure Werbung 'des' Adels für sich selbst. Im einzelnen sind die angesprochenen Werte selbstredend hochkonservativ. Was die Autorin über "Die Edelfrau" schreibt, fände spielend Eva Hermans Zustimmung. Immerhin: wenigstens die Leitung des Wiener Opernballs fällt einer adeligen Dame zu.

Das Buch zeigt, dass das breite Interesse, auf das der zeitgenössische Adel nach wie vor stößt, nicht nur einer Lust auf Prominenz, Dekadenz oder einfach Sensation geschuldet ist, sondern wohl auch jenen mehr oder weniger ungebrochen tradierten Werten und Stärken, den "Manieren" also, der in Jahrhunderten erworbenen Sicherheit des Auftretens und einer unhinterfragten Vertrauenswürdigkeit - habituellen Eigenheiten also, die das frühe Bürgertum einst vom Adel kopierte und die viele jugendliche Spätlinge dieses Bürgertums heute gern von neuem erwürben - am besten aus allererster Hand.

Dennoch findet das Comeback des Adels, seit den 1990er-Jahren bereits, auf einer anderen Ebene statt, nämlich in der Geschichtswissenschaft. Zwei Neuerscheinungen zeugen davon, dass heutige Historiker bei der Erforschung der Sozial- und Kulturgeschichte des Adels nicht mehr am Datum der Französischen Revolution haltmachen, auf deren vernichtende Adelskritik hin nach früherer Auffassung kaum mehr Interessantes mehr folgen konnte und der Adel Rang und Einfluss bald verloren hatte.

Der in Dresden lehrende Historiker Josef Matzerath legt mit einem über 600seitigen opus magnum sowohl eine Pionierarbeit als auch ein Standardwerk zur Geschichte des sächsischen Adels zwischen 1763 und 1866 vor, überschreitet und relativiert also ganz gezielt die magische Schwelle von 1789 und untersucht die Spätphase des souveränen Kursachsen zwischen dem signifikanten Verlust seiner außenpolitischen Handlungsfreiheit zu Beginn des Siebenjährigen Krieges und dem endgültigen Ausscheiden aus dem Kreis der deutschen Mittelstaaten mit dem Verlust der Schlacht von Königgrätz gegen Preußen an der Seite Österreichs. Nach der umfänglichen, 1978 erschienenen Studie des Sozialhistorikers Heinz Reif zum Adel Westfalens in etwa derselben Periode liegt nun ein materialgesättigtes, in seinen Thesen vorsichtig abwägendes Werk zum Adel der beginnenden Moderne in einer weiteren deutschen Region vor.

Matzerath lehnt eine elitentheoretische Geschichtsschreibung des Adels in der Moderne ab, die seiner Meinung nach zu Unrecht nur unter funktionalen Aspekten hinsichtlich der Gesamtgeschichte urteilt und damit den realen Adel und seine Möglichkeiten unterschätzt. Ihm gelingt vielmehr der Nachweis der Modernität des Adels, indem er einer vermeintlich nur rückwärtsgewandten, im politischen wie ökonomischen Feld zunehmend an Bedeutung verlierenden sozialen Gruppe ebenso wie auch anderen sozialen Formationen zutraut, originelle und individuelle Antworten auf den "Vereinheitlichungsdruck der Moderne" zu finden. Neue Foren der Sinnstiftung sucht sich der sächsische Adel etwa in Gestalt gruppeninterner Kohäsionskräfte, die im 19. Jahrhundert nicht rationaler sein müssen als sie das vor der Moderne waren. Der Adel gewinnt nun als Erinnerungsgruppe sein neues Selbstverständnis, das er außerhalb der jetzt zunehmend standesuntypischen Berufssphäre ausagiert, oft im Rahmen der Großfamilie mit ihren neuen Praktiken der Selbsthistorisierung und Gedächtnisbildung, modernen Formen der Selbstsymbolisierung also, in Hoffesten und in den neuen Adelsvereinen. Matzeraths institutionalistischer Ansatz erklärt Kohäsionsphänomene nicht durch etwaige überzeitliche Mentalitätskerne, sondern durch bleibende oder sich nicht selten zum Günstigen verändernde institutionelle Bedingungen wie dem Recht oder einem geglückten Generationentransfer. Der vom Verfasser als verengend abgelehnte kultursoziologische Ansatz Pierre Bourdieus hätte allerdings gerade bei der Untersuchung des adelsspezifischen Habitus und der diversen Kapitalien möglicherweise weitere Aufschlüsse erbracht.

Der Leser erfährt viel über die politischen Institutionen Sachsens, die Wandlungen des Landtags seit der Einführung der Verfassung 1831 etwa, aber auch über den Erziehungs- und Bildungsweg des sächsischen Adeligen im Lauf der Zeit. Neben den 'Kohäsionskräften' gilt den kollektiven Strategien des sozialen Obenbleibens Matzeraths besonderes Augenmerk, wiederum dem Agieren im Landtag, im Staatsdienst, bei der Verwaltung des Landbesitzes und in den Familienstrategien.

Matzerath ist an strukturgeschichtlich gültigen Aussagen gelegen; er zieht zur Stützung seiner Argumentes beträchtliche Mengen an Aktenmaterial heran und kann in seinem Literaturverzeichnis bereits auf etwa 40 vorab veröffentlichte eigene Publikationen zum Thema verweisen. Seine Quellen sind weniger Ego-Dokumente wie Briefe und Tagebücher als normative Texte (Gesetze, Protokolle, Familienverträge) und Statistiken; nur zurückhaltend schließt der Verfasser von Beobachtungen und Wertungen einzelner auf die gesamte Gruppe. Wie so oft forderten die fließenden Übergänge vom faktualen zum fiktionalen Text allerdings entsprechende Reflexionen: Der auf den sächsischen Freiherrn Hermann von Friesen zurückgehenden Novelle "Der Hofmann" unterstellt Matzerath, die historische Wirklichkeit ihrer Entstehungszeit widerzuspiegeln, konkret: die im Adel der 1830er-Jahre erfolgende Lockerung der Affektkontrolle, und erkennt ihr umstandslos Quellenwert zu. Üblicherweise blendet er ästhetische Deutungsmuster der Moderne programmatisch aus, damit aber ein um 1800 entstehendes kulturelles Feld, das 'Adeligkeit', also die historisch überkommene Semantik des Adeligen (etwa den Primat von Genealogie, Bodenbindung und Ehre, aber auch das 'Ritterliche', Anökonomie und Spiel) gerade besonders ernst nimmt.

Offen bleiben muss, inwiefern Matzeraths Untersuchungsergebnisse zumindest für die deutschen Länder repräsentativ sind, ob Sachsen mit seiner von Preußen im fraglichen Zeitraum ja zunehmend abweichenden politischen Erfolgskurve ein adelsgeschichtlicher Solitär ist. Festzuhalten bleibt: Ganz ohne Zweifel wird in den kommenden Jahrzehnten jeder, der sich über den sächsischen Adel im 19. Jahrhundert kundig machen will, Matzeraths Studie konsultieren.

Die in Magdeburg lehrende Historikerin Eva Labouvie ist die Herausgeberin eines Sammelbandes zur Kultur- und Geschlechtergeschichte des Adels und der höfischen Kultur im Raum des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Die insgesamt zwölf Fallstudien umschließen nicht nur einen langen Zeitraum vom 15. bis ins 19. Jahrhundert, sondern auch ein breites thematisches Spektrum, das Vertreter mehrerer kulturwissenschaftlicher Disziplinen in den Blick nehmen. Im Gegensatz zu Matzeraths Festhalten an einer revidierten, methodisch konsistenten und transparenten Sozialgeschichte nennt Labouvie als methodische Leitlinien ihres Bandes die Mentalitäts-, Frauen und Geschlechterforschung, die Historische Anthropologie und manches mehr. Nicht Strukturen, sondern agierende und, wenn möglich, auch empfindende Menschen sollen im Zentrum der Studien stehen, kulturelle Ausdrucks- und Wahrnehmungsformen und soziale Netzwerke. So geht es unter dem Stichwort 'Frauenkulturen' etwa um standesungleiche Ehen und Ehescheidungen oder um die, im 18. Jahrhundert gerade nicht standesspezifische, Entdeckung des individuellen Selbst im Reisetagebuch der Fürstin Luise von Anhalt-Dessau. Die Rubrik 'Männerkulturen' hingegen unterrichtet über Kavalierstouren, also adelstypische Bildungsreisen, und Ehrvorstellungen adeliger Offiziere. Weitere Schwerpunkte bilden der Zusammenhang von Repräsentation und Herrschaftsfestigung sowie adeliges Unternehmertum.

Zu den interessantesten Beiträgen zählt die Studie des Magdeburger Germanisten Bernhard Jahn über die Funktionen des Balletts am Weißenfelser Hof gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Jahn diskutiert die auch in der vermeintlichen Kälte des frühneuzeitlichen Hofes durchaus bedeutsame Produktion von Emotionen - verhehlt freilich nicht, dass aufgrund der Überlieferungslage, sprich: des Angewiesenseins auf Libretti, lediglich ein textinterner Faktor der kalkulierten Emotion rekonstruierbar ist, nicht jedoch ein textexterner Faktor der faktischen, stets auch subjektiven, realen Emotionen der real beteiligten Menschen. Anders gesagt: eine empirische Leser- und Aufführungsforschung erreicht die Akteure des 17. Jahrhunderts nun einmal leider nicht. Dennoch: die erhaltenen Texte bleiben lesbar als Angebote der Erzeugung von Emotionen bei ihren 'Nutzern', den Adressaten disziplinierender Intentionen. Neben rhetorisch codierten Affekten im Herrscherlob und auf der Ebene der Handlung durch den performativen Vollzug erwarteten Affekten ist dies drittens die Emotionalisierung von Geschwisterbeziehungen, die aufgrund der wiederholten gemeinsamen Tanzpraxis unterstellt werden können.

Aus der scheinbar verbürgerlichten Welt des 19. Jahrhunderts berichtet Ramona Myrrhes Aufsatz über die neu geadelte Familie Nathusius, deren Mitglieder sich den sozialen und politischen Verhältnissen des Adels zunehmend anglichen und die auch die historistische Entwicklung zu einer adeligen Erinnerungskultur, gleichsam von der ersten Generation an, mitmachten, also Wappen, Ahnenporträts und Familienchroniken tradierten (und vermutlich zuerst einmal herstellten).

Historische Adelsforschung ist nicht jedermanns Sache; daher sei abschließend auf ein lesenswertes Buch für alle literarisch Interessierten verwiesen. Melanie Grundmann stellt aus meist obskuren journalistischen und literarischen Quellen des europäischen 19. Jahrhunderts ein Bild des Dandys zusammen, einer späten Figuration des Aristokratischen also, schwer zu definieren und zwar noch mancher Tradition adeligen Verhaltens verpflichtet, jedoch nicht mehr auf adelige Geburt angewiesen. Der Dandy ist ein Kavalier alter Schule, zugleich ein antibürgerlicher Nonkonformist, der sich einer immer mehr von den Zwängen der Ökonomie gezeichneten modernen Welt eigenwillig entgegenstemmt. Er entstammt der Romantik mit ihrem antikapitalistischen und antiphiliströsen Impetus und verweist doch schon auf die Décadence der zweiten Jahrhunderthälfte: ein Mann des Müßiggangs und der Verschwendung, ein Individualist, der sich von der 'Masse' abheben will; ein Lebenskünstler, der als öffentliche Figur, als Salonbesucher und Flaneur, geschmacksbildend auf seine Umgebung einwirken möchte. Als Vermittler einer Mode setzt sich der Dandy aus einer Vielzahl von Accessoires zusammen, der richtigen Tabaksdose, der hipsten Hose und dem modischsten Halstuch, gelben Handschuhen, dem passenden Moschusparfüm und der unvermeidlichen Havanna.

Erst die literarische Überformung schafft wohl die Freiräume, die aus historischen Prototypen (wie dem Beau George Brummell) perfekte Dandys machen. Texte des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau, Alfred de Mussets oder Edward Bulwer Lyttons machen die Entdeckung einer bisher vor allem dem Spezialisten bekannten Kultur zum Vergnügen und bieten ein kulturgeschichtliches Panorama, das bisher wohl in deutscher Sprache noch nirgendwo zugänglich war.

Die Herausgeberin (und mutmaßlich auch Übersetzerin) Melanie Grundmann spart nicht mit instruktiven Einführungen und informativen Anmerkungen, die sie als Kennerin des Dandysmus ausweisen. Für den Dandy von heute bietet das Büchlein viele Verhaltenstipps.


Kein Bild

Josef Matzerath: Adelsprobe an der Moderne. Sachsischer Adel 1763 bis 1866. Entkonkretisierung einer traditionalen Sozialform.
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2006.
609 Seiten, 68,00 EUR.
ISBN-10: 3515085963
ISBN-13: 9783515085960

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Gudula Walterskirchen: Adel in Österreich heute. Der verborgene Stand.
Amalthea Verlag, Wien 2007.
288 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783850024280

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Titelbild

Eva Labouvie (Hg.): Adel in Sachsen-Anhalt. Höfische Kultur zwischen Repräsentation, Unternehmertum und Familie.
Böhlau Verlag, Köln 2007.
366 Seiten, 44,90 EUR.
ISBN-13: 9783412129064

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Titelbild

Melanie Grundmann: Der Dandy. Eine Anthologie.
Böhlau Verlag, Köln 2007.
199 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783412200220

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