Spezifisch weibliche Literatur?

Feuilletons, Reportagen, Rezensionen und Kinderbeilagen von Alice Rühle-Gerstel

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als die Zweite Frauenbewegung den von ihr zunächst freudig aufgegriffenen Ausdruck „Frauenliteratur“ in Frage zu stellen begann, war dies durchaus keine bahnbrechend neue Kritik. Schon Virginia Woolf hatte den Begriff hinterfragt. Und auch deren Zeitgenossin Alice Rühle-Gerstel hatte konstatiert, dass es keine „spezifisch weibliche Literatur“ gebe. Rühle-Gerstel meinte das allerdings völlig anders als Virginia Woolf oder die Literaturwissenschaftlerinnen der Zweiten Frauenbewegung. Im Unterschied zu diesen bedauerte sie einen Verlust. Und so schließt ihr Satz denn auch mit dem Wörtchen „mehr“. Also: „es gibt keine spezifisch weibliche Literatur mehr“. [Herv. R.L.]

Anders als früher, fuhr Rühle-Gerstel fort, sei die zu ihrer Zeit von Frauen geschriebene Literatur „viel mehr unter dem Gesichtspunkt der geschlechtslosen dichterischen Qualität zu nehmen, als von der Geschlechterdifferenz her“. Zwar ständen in diesen Romanen öfter fiktionale Geschlechtsgenossinnen im Mittelpunkt. Mit dem „qualitativen Unterschied“ zur Literatur ihrer männlichen Kollegen habe es aber auch schon „sein Bewenden“. Daher verdienten diese Werke den vermeintlichen Ehrentitel „Frauenliteratur“ nach Auffassung Rühle-Gerstels denn auch kaum.

Ihre Klage über den Verlust einer spezifisch weiblichen Literatur leitet eine Sammelrezension zu „neue[n] Frauenbücher[n]“ ein, die Anfang 1930 in der Zeitschrift „Die Literarische Welt“ erschien, womit auch schon gleich gesagt ist, dass Rühle-Gerstels Text heute nicht mehr ganz leicht zugänglich ist. Das heißt, bis vor kurzem war das noch so. Nun aber hat Jana Mikota einen Sammelband mit den – wie der Klappentext rühmt – „wichtigsten journalistischen Arbeiten“ der vielseitig begabten und tätigen Autorin herausgebracht. Wie die Herausgeberin betont, konnte in den Band allerdings „nur ein Ausschnitt“ von Rühle-Gerstels Texten aufgenommen. Ein Blick in das auf Vollständigkeit angelegte Verzeichnis der Publikationen Rühle-Gerstels überzeugt sofort von der Richtigkeit dieser Behauptung. Werden dort doch mehrere hundert Titel genannt.

Dass sich die Herausgeberin bei der Auswahl der Texte nicht auf ein bestimmtes Genre oder Thema konzentrierte, ist zu begrüßen. Jana Mikota wollte die „außergewöhnlich hohe publizistische Bandbreite“ der Arbeiten Rühle-Gerstels dokumentieren und hat darum gleichermaßen Feuilletons, (manchmal recht literarisch anmutende) Essays und Buchbesprechungen, in denen die Rezensentin etwa „bolschewistische Romane“ aus dem „neuen Russland“ mit seiner „unwiderruflich-unabschaffbaren neuen Zeit“ lobt und kritisiert, ebenso aufgenommen wie Beiträge zu Kinderbeilagen inklusive Bastelanleitungen, „Bücherecke“, „Sommerspiele[n]“ und „Preisausschreiben“ oder auch schon mal einen recht ratgeberhaft daherkommenden Text mit „kleine[n] Lebensregeln“ und „Lebenshilfe[n]“. Auch ist es erfreulich, dass die Herausgeberin alle Texte ungekürzt und unverändert gelassen hat. Allerdings wären in der Einleitung einige Worte zu deren Anordnung wünschenswert gewesen. Auch sind manche von ihnen durchaus kommentierungsbedürftig. Denn nicht alle Anspielungen sind für den heute Lesenden verständlich und nicht mehr jedes der seinerzeit (tages-)aktuellen Ereignisse ist geläufig.

Ungeachtet des eingangs zitierten Bedauerns über den ‚Niedergang‘ einer spezifisch weiblichen Literatur bekannte Rühle-Gerstel etwa um die gleiche Zeit in einem Artikel zur „neuen Frauenfrage“, dass sie nicht an die „Existenz des ‚Typisch-Weiblichen‘“ glaube. Dennoch monierte sie auch hier, dass es „[a]uf dem Gebiet der Ideologie“ – worunter sie als Marxistin „Ethik, Philosophie, Geschichte usw.“ verstand – „keine als Frau bedeutende Frau“ gebe. Nirgendwo könne sie eine Arbeit einer Frau entdecken, die „mehr verriete als dies Eine: daß die Frau den Standart des Mannes erreicht hat, daß sie, indem sie produziert, und in dem, was sie produziert, geschlechtlich indifferent geworden ist“, womit Rühle-Gerstel die Ideologie von der Geschlechtsneutralität des Mannes und der Geschlechtlichkeit der Frau übernimmt – und zwar keineswegs, wie man ihr vielleicht zugute halten könnte, unbedacht. Vielmehr betont sie nachdrücklich „[d]ie Frau“ sei „vielmehr Geschlechtswesen als der Mann“. Immerhin – und das scheint sie dann doch zu retten – erklärt sie diesen Unterschied nicht etwa biologisch, sondern daraus, dass Frauen „jahrhundertelang nur darauf trainiert“ hätten. Allerdings folgt die nächste Bedenklichkeit noch im selben Satz: „[S]ie [also ,die Frau‘, R.L.] ist außerdem Mutter“. Jede Frau? Außerdem sei sie „neuerdings bewusste Arbeiterin, Geist, Gesellschaftsmitglied, Kämpferin“. Und nun wird ihr Text urplötzlich – und immer noch im selben Satz – hochaktuell, denn sie konstatiert angesichts der doppelten Beanspruchung der Frauen in Familie und Beruf eine „Mehrbelastung oder Übermöglichkeit“, die auf Seiten der Männer keine Entsprechung finde.

Wie wichtig Rühle-Gerstel schon damals dieses Thema war, zeigt, dass sie es in einem anderen Text aus dem Jahre 1933 noch einmal anspricht und beklagt, dass sich die Frauen mit dem Eintritt ins Erwerbsleben „nicht befreit“ hätten, „wie sie unschuldig gemeint hatte[n], sondern nun doppelt gebunden [waren]: Konflikte zwischen Beruf und Ehe traten auf“. Zugleich moniert sie nun die „unter den jungen Mädchen und Frauen“ virulente „Rückwärtsgewandt[heit]“ und deren „starke Tendenz zur Ehe, zur Mütterlichkeit, ja zur Küche“. Eine offenbar zyklisch zu konstatierende Tendenz und zudem eine Klage, mit der Rühle-Gerstel schon damals nicht alleine stand. Auch andere feministisch engagierte Schriftstellerinnen wie etwa Vicki Baum erhoben sie in ihren Feuilletons.

Gelegentlich greift Rühle-Gerstel zu einer spitzen Feder, die sie fast zu tief in das Fass mit der satirischen Tinte zu tauchen versteht wie die großartige Hedwig Dohm. Ein glänzendes Beispiel hierfür bietet Rühle-Gerstels Text zur „Abschaffung des Geschlechtsverkehrs“, in dem sie am Beispiel eines gewissen Herrn Sterneder und dessen Buch über die „Neugeburt der Ehe“ zeigt, dass man sich zwar „im Spaß etwas noch so Abstruses ausdenken“ kann, und doch stets einer daherkommt, „der es ernst meint, und gleich wird’s noch viel komischer“.

Changieren Rühle-Gerstels Texte zur ‚Frauenfrage‘ trotz der oft merkwürdig fremd und anachronistisch anmutenden Ausdrucksweise zwischen angestaubter Gestrigkeit und unerwarteter Aktualität, so sind ihre marxistischen Thesen und Theoreme (ebenso wie ihre naive Hoffnung auf den Sozialismus, der „allen Streit aus der Welt schaffen“ werde) schon lange vor dem Niedergang des ‚realexistierenden Sozialismus‘ auf dem Müllhaufen der Ideen- und Ideologiegeschichte gelandet, wie etwa ihre Überlegungen zur „proletarischen Kunst“ verdeutlichen. Diese definiert sie als „eine Kunst, die das Wesen, Sein, Wollen des heutigen Proletariats rein darstellt und dieses Wesen, Sein und Wollen im proletarisch-revolutionären Sinne intensiviert, forttreibt, zur höchsten Selbstentfaltung fordert“. Dabei siedelt Rühle-Gerstel die proletarische zwischen der „bürgerlichen Kunst“ einerseits und der „sozialistischen Kunst“ andererseits an. Erstere sei „durch ihre privilegierte Künstlerschicht durch ihre Lebensferne, durch den Individualismus des Einzelnen, der aus privatem Überkompensationsbedürfnis schafft und genießt, durch die Kunstproduktion in der Warenwelt und für den freien Markt“ charakterisiert; die zweite hingegen „durch die Verschmolzenheit der Kunst mit dem Leben, durch die Abwesenheit von ‚Künstlern‘, durch die Zielsetzung, ein Lebens-Mittel für Alle zu sein“.

Somit wäre proletarische Kunst also definiert und verortet. Doch die Frage, die Rühle-Gerstel eigentlich interessiert, ist, ob es sie überhaupt gibt. Eine Frage, die nicht etwa darauf zielt, ob sie möglich sei, denn das versteht sich für die Marxistin von selbst, sondern, ob aktuell zur Zeit der Abfassung ihres Essays (mithin also gegen Ende der Weimarer Republik) proletarische Kunstwerke existieren. „Das sicherste Mittel proletarische Kunst zu agnoszieren“, meint sie hierzu, „wäre ein Nichtbemerken, daß man es mit Kunst zu tun hat“.

In dem Moment allerdings, in dem man darüber reflektiert, verliert das Kunstwerk offenbar seinen proletarischen Charakter. Überhaupt sei „[a]lle Diskussionen über proletarische Kunst“, also auch – wie Rühle-Gerstel explizit erklärt – ihr eigener Artikel, „ein Beweis dafür, daß es noch keine proletarische Kunst gibt“. Man braucht also nur über sie zu reden, um sie verschwinden zu lassen. Wenn das kein idealistischer und somit für eine bekennende Marxistin doch ziemlich unmarxistischer Gedanke ist.

‚Frauenfrage‘ und ’sozialistische Revolution‘ waren über lange Jahre hinweg zwei der zentralen Themen beziehungsweise Anliegen Rühle-Gerstels. Im Falle des Sozialismus kann man sogar sagen, dass er sie bis zu ihrem Lebensende um- und antrieb. Dass ihr, wie allen sattelfesten MarxistInnen, die inferiore Lage der Frau nur ein Nebenwiderspruch sein konnte, der mit dem sozialistischen Umsturz gelöst werde, versteht sich. Doch Rühle-Gerstel ging noch darüber hinaus und konstatierte, „daß es eigentlich doch keine Frauenfragen gibt“, sondern „nur eine Menschheitsfrage“, und die sei eine „Klassenfrage“. Dem entsprechend erklärte sie es zur „vornehmste[n] Aufgabe ihrer Geschlechtsgenossinnen“, „den Geschlechterkampf (im weitesten Sinne!) aus dem Klassenkampf auszutilgen“.

Das Nachwort der Herausgeberin macht nicht zuletzt durch die zahlreichen auch längeren Zitate aus Rühle-Gerstels unveröffentlichter Korrespondenz zur lohnenden Lektüre. Auch für diejenigen, die die gründliche Biografie von Marta Markova kennen.

Titelbild

Alice Rühle-Gerstel: "Wo rett ich mich hin in der Welt". Feuilletons, Reportagen, Rezensionen und Kinderbeilagen 1924-1936.
Herausgegeben von Jana Mikota.
trafo verlag, Berlin 2007.
333 Seiten, 26,80 EUR.
ISBN-13: 9783896266156

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