"Seit ein Gespräch wir sind, an dem wir würgen"

Paul Celan und Martin Heidegger im Geheimnis der Begegnung

Von Joachim SengRSS-Newsfeed neuer Artikel von Joachim Seng

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kaum eine "Nachbarschaft von Dichten und Denken" im 20. Jahrhundert hat mehr Anlass für Spekulationen gegeben, als die Beziehung zwischen dem Dichter Paul Celan und dem Philosophen Martin Heidegger. Der Dichter der Shoah auf der einen, der mit den Nationalsozialisten - zumindest zeitweise - sympathisierende Philosoph auf der anderen Seite - das war der Stoff aus dem Legenden entstehen konnten: Zwischen einer 'Wallfahrt' Celans (Hans Georg Gadamer) und einem 'Gericht der Toten' (Jean Bollack) schien alles denkbar - obwohl oder gerade weil es kaum Dokumente dieses mysteriösen Zusammentreffens gab.

War es bei Heideggers Antipode Theodor W. Adorno eine "versäumte Begegnung" im Engadin gewesen, die Celan zu einem poetischen Prosatext, dem vielschichtigen "Gespräch im Gebirg", veranlasst hatte, so hinterließ er im Falle seiner realen Begegnung mit Heidegger im Sommer 1967 das Gedicht "Todtnauberg", das den Ort der Begegnung fixierte, das Wesen des Zusammentreffens und des Gesprächs aber geheimnisvoll im Dunkeln ließ. Die internationale Celan- und Heidegger-Forschung bemüht sich seit Jahrzehnten darum, Licht in die Hintergründe dieser "epochalen Begegnung" (Gerhard Baumann) zu bringen. Erstaunlich ist, dass das Interesse an dieser besonderen Beziehung gerade im Ausland und vor allem in Frankreich, wo dem Werk Heideggers besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, sehr groß ist. So hatte der französische Philosoph Hadrien France-Lanord bereits 2004 sein Buch zu Paul Celan und Martin Heidegger in französischer Sprache vorgelegt, das nun auch in deutscher Übersetzung erschienen ist.

"Vom Sinn eines Gesprächs" lautet der Untertitel dieser Arbeit, die selbst auf erfrischende Weise das Gespräch mit dem Leser sucht. Denn - und das unterscheidet dieses Buch von vielen wissenschaftlichen Arbeiten, die in Deutschland zu diesem Thema erschienen sind - in den kleinen, zum Teil nur wenige Seiten umfassenden Kapiteln, bevormundet der Autor seine Leser nicht, er bietet die Dokumente - teilweise solche, die hier erstmals abgedruckt werden - stellt Fragen und bietet Antworten, die er, obwohl gut begründet und überzeugend vorgetragen, nicht als der Wahrheit letzten Schluss ausgibt.

"Das Geheimnis des Gesprächs von Dichter und Denker bleibt unangetastet", heißt es am Ende von France-Lanords Arbeit: "Es mußte stattfinden, trotz der so verschiedenen Herkunft und des so unterschiedlichen Temperaments. Es war nicht frei von Rückschlägen und bleibt unvollendet". Diese Zurückhaltung ist nicht hoch genug zu bewerten und es verwundert nicht, dass der Autor gerade an der Stelle seinen ruhig, philosophisch-argumentativ vorantastenden Stil verlässt, als er auf die These seines Landsmannes Bollack zu sprechen kommt, der aus Celans Begegnung mit Heidegger im Sommer 1967 eine bis ins kleinste Detail geplante "Höllenfahrt" machte. In deren Verlauf soll der Dichter Heidegger in den Schwarzwald gelockt und schließlich vor das "Gericht der Toten" gestellt haben. Als "hermeneutischen Terrorismus" bezeichnet France-Lanord diese "philologische Pseudo-Strenge" ungewöhnlich scharf, die seiner Meinung nach allen Grundprinzipien der Interpretation widerspricht, weil sie tendenziös ist und den poetischen Text Celans mit eigenem "Gerede" mundtot macht.

Der Ärger ist verständlich, denn mittlerweile sprechen die Dokumente eine eindeutige Sprache, und man darf es wohl als Konsens der Forschung bezeichnen, dass Celan in seinem Verhältnis zu Heidegger zwischen großer Nähe und schroffer Zurückweisung schwankte. Ein Beleg dafür ist gerade jene Szene, in der Celan im Vorfeld der Lesung in Freiburg es erst heftig ablehnte mit Heidegger - dem er gerade das erste Mal begegnet war - gemeinsam fotografiert zu werden, später aber erklärte, dass er nun dazu bereit sei. In keiner anderen Situation ist die innere Anspannung und Unsicherheit Celans so deutlich zu greifen wie hier.

France-Lanords Ziel ist es, das Gespräch zwischen Celan und Heidegger sowie ihre insgesamt drei Begegnungen seit Juli 1967 zu analysieren und anhand der Dokumente, der Äußerungen von Zeitzeugen und der gegenseitigen Lektürespuren und poetischen beziehungsweise philosophischen Texte zu bewerten. Das gelingt ihm auf eindrucksvolle Weise, weil er auch berücksichtigt, dass die Begegnung im Sommer 1967 eine lange Vorgeschichte hat.

Eine Beziehung zu Heidegger ist seit spätestens 1951 nachzuweisen. Es war freilich eine Lektüre-Beziehung, wie sie für Celan typisch ist. Paul Celan war ein lesender Dichter, einer, der über Texte mit Menschen in Verbindung trat. Wohl angeregt durch Ingeborg Bachmann und seinen Wiener Freund Klaus Demus, las er die Werke Heideggers aufmerksam und aus einem Interesse heraus, das der Sprache galt, der deutschen Sprache, der Sprache seiner Gedichte. France-Lanord hat im Anhang seiner Arbeit 27 Werke Heideggers verzeichnet, die Celan - teilweise mit Widmungen des Autors - besaß. Hinzu kommen 12 Bücher über Heidegger, die allesamt das große Interesse Celans an dem Philosophen bezeugen. Darauf wies bereits 2004 der in Paris gründlich erarbeitete Katalog der mehrere tausend Bände umfassenden "philosophischen Bibliothek" Celans hin, der alle Anstreichungen und Annotationen des Dichters verzeichnet und eindrucksvoll Celans "Lesekunst" dokumentiert, die Art und Weise, wie er das Gespräch mit Menschen und Büchern suchte, das er unter dem "Akut des Heutigen" aktualisierte.

Über die Bedeutung Heideggers für die Dichtung Celans ist viel spekuliert worden. France-Lanord hebt dagegen vor allem den Gesprächscharakter der Beziehung hervor und nennt die "großen Themen". Es gehe um "das Anerkennen" im Heidegger'schen Sinn, das "nicht schon Zustimmung" ist, "wohl dagegen die Voraussetzung für jede Auseinandersetzung". Es gebe keine "Spuren" Heideggers in Celans Gedichten: "Die Lektüre des Dichters ist jedesmal eine Wieder-Aneignung". In seiner Büchnerpreis-Rede bekennt Celan: "Das Gedicht ist einsam. Es ist einsam und unterwegs. Wer es schreibt, bleibt ihm mitgegeben. /Aber steht das Gedicht nicht gerade dadurch, also schon hier, in der Begegnung - im Geheimnis der Begegnung. // Das Gedicht will zu einem Andern, es braucht dieses Andere, es braucht ein Gegenüber. Es sucht es auf, es spricht sich ihm zu".

Heidegger war für Celan ein solches Gegenüber, angesiedelt zwischen Fremdheit und Nähe, eines, dem er sich zusprach. Was France-Lanord dabei deutlich zeigt, ist, dass das Gespräch ein wirkliches war. Auch Heidegger beschäftigte sich intensiv mit Celans Lyrik, er sah ihn als großen Dichter in der Nachfolge Friedrich Hölderlins. Im Juni 1967 schreibt der Philosoph an Gerhart Baumann: "Schon lange wünsche ich, Paul Celan kennen zu lernen. Er steht am weitesten vorne und hält sich am meisten zurück. Ich kenne alles von ihm, weiß auch von der schweren Krise, aus der er sich selbst herausgeholt hat, soweit dies ein Mensch vermag. Sie deuten in dieser Hinsicht das Hilfreiche einer hiesigen Lesung richtig". Fremdheit und Nähe ist auch hier erkennbar und ein starkes Interesse an der Dichtung und dem Menschen Celan.

Dankbar muss man France-Lanord sein, dass er den biografischen Hintergrund der ersten Begegnung zwischen Poet und Philosoph offen legt und nicht verschweigt, was auch zur Vorgeschichte der Begegnung gehört: Dass Celan Ende Januar 1967 in Paris zufällig mit Claire Goll zusammengetroffen war, eine Begegnung, die Celan so erschütterte, dass er einen Selbstmordversuch unternahm und zwischen Februar und Oktober 1967 in der psychiatrischen Klinik Saint-Anne behandelt wurde. Nur wenige Wochen vor seiner Reise nach Freiburg hatten ihm die Ärzte erlaubt, die Klinik am Tag zu verlassen, abends musste er jedoch zurückkehren. Dass sich Celan in dieser für ihn schwierigen Situation zur Reise nach Freiburg entschließt, kann man als Hinweis darauf werten, dass Celan viel an der Begegnung mit Heidegger lag. Man könnte aber auch sagen - und France-Lanord, der dazu neigt, die Bedeutung Heideggers für Celan zu überschätzen, sieht das nicht - dass die Reise im Juli 1967 nicht in erster Linie mit Heidegger zu tun hat. In einem Brief an sein Frau Gisèle Celan-Lestrange schreibt Celan jedenfalls: "Das eigentliche Ziel meiner Reise ist in Wahrheit Frankfurt, das heißt, die Unterredungen mit Unseld, Reichert, Allemann".

Der psychisch kranke Dichter, der noch vor kaum einem halben Jahr seinem Leben ein Ende setzen wollte, beabsichtigte also vor allem jene Menschen zu treffen, die für sein dichterisches Werk und dessen Nachleben Verantwortung tragen: seinen Verleger, seinen Lektor und jenen Literaturwissenschaftler, dem er die Herausgabe seines Gesamtwerkes anvertraute. Für Celan ging es hier um eine entscheidende, eine existentielle Sache. Er, der das Gedicht als "Lebensschrift" bezeichnete, für ihn, den jüdischen Dichter, ging es hier ums Ganze, um das Fortleben seiner Dichtung und jener, denen er in seinen Gedichten gedenkt.

Das Zusammentreffen mit Heidegger und die Lesung in Freiburg hatten für Celan vor der Reise nicht die gleiche Bedeutung. Die Anwesenheit Heideggers beunruhigte ihn sogar. Das änderte sich aber nach dem großen Erfolg, den er in Freiburg mit seinen Gedichten hatte. Euphorisch ist der Brief an seine Frau: "Die Lesung in Freiburg ist ein außergewöhnlicher Erfolg gewesen: 1200 Personen, die mir eine Stunde lang mit angehaltenem Atem gelauscht haben und die mir dann, nachdem sie lange applaudiert hatten, noch einmal eine knappe Viertelstunde zugehört haben". Erst danach spricht er von seiner Begegnung mit Heidegger, der man "epochale Bedeutung" bescheinigt habe, und der Hoffnung auf ein Wort Heideggers mit Bezug "auf das Gespräch" und angesichts "des wieder aufkommenden Nazismus".

Bereits in einem ersten Briefentwurf aus dem Jahr 1954 hatte Celan "aus einer kleinen fernen wunschdurchklungenen Nachbarschaft" Heidegger ein "Zeichen der Verehrung" schicken wollen. Noch das Gedicht "Todtnauberg" spricht von einer "wunschdurchklungenen Nachbarschaft", wenn es die "Hoffnung, heute, / auf eines Denkenden / kommendes / Wort / im Herzen" formuliert. Hier, im Gedicht, beginnt erneut das Geheimnis dieser Begegnung, dieser Beziehung, das auch die Dokumente nicht endgültig enträtseln können. In einem Entwurfsfragment des Gedichts, das sich Celan in sein Arbeitsheft notierte, findet sich jedoch ein wichtiger Hinweis: "Seit ein Gespräch wir sind, / an dem / wir würgen, / an dem ich würge", heisst es dort und weiter unten: "Im Ohr Wirbelnde / Schläfenasche, die eine, letzte / Gedankenfrist duldend".

Nähe und Fremde, die bestimmenden Eigenschaften dieser Beziehung, treten hier offener zutage als in der Schlussversion des Gedichts. Was beide verband, war mehr als ein auf Hölderlin bezogenes Gespräch, es war ein Gespräch, dem die historische Zäsur, der Abgrund des Völkermords, eingeschrieben war und an dem beide ("wir") - von gegenüberliegenden Seiten aus - "würgten". Celan war zumindest der Überzeugung, dass Heidegger sich um das "Wort" bemühte, auf das er wartete - anders als jene "Gangster-Germanisten", die, wie Celan es etwa von Günter Blöcker schrieb, ihre "Hände" zunächst "in Broch- und Kafka-Aufsätzen" reinwaschen, um sich dann "lebendigeren Aufgaben" zuzuwenden. Jene, von ihm als ehemalige Nazis identifizierte, trugen für ihn die Verantwortung für die "wiederauflebende Hitlerei" in Deutschland. Zu jenen zählte der Dichter den Denker nicht, und es ist schon bemerkenswert, dass der Name Heidegger in den Jahren der so genannten "Goll-Affäre" nicht unter den vielen "Feinden" auftaucht.

Und doch "würgte" er an dem Gespräch, weil er um die Rektoratsrede von 1933 wusste und er ihm nicht allein als Dichter, sondern auch als Jude und Überlebender der Shoah gegenübertrat. Er wollte ihm, wie Otto Pöggeler berichtet, nicht einfach "einen Persilschein" ausstellen, sondern - im Gegenteil - ein "ernstes Gespräch" mit ihm führen, bei dem er, wie er im Brief an seine Frau schrieb, im Juli 1967 "deutliche Worte gebraucht habe". Dieses Gespräch, von dem keines der Dokumente erzählt, muss auch weiterhin im Dunkeln bleiben.

Heideggers Erinnerung an die Begegnung, die er in seinem Brief an Celan vom 30. Januar 1968 mit einem Dank für das Gedicht "Todtnauberg" verbindet, zeugt allerdings davon, dass der Philosoph verstanden hatte, worum es Celan ging - auch wenn er die "Gedankenfrist" ungenutzt verstreichen ließ: "Das Wort des Dichters, das 'Todtnauberg' sagt, Ort und Landschaft nennt, wo ein Denken den Schritt zurück ins Geringe versuchte - das Wort des Dichters, das Ermunterung und Mahnung zugleich ist und das Andenken an einen vielfältig gestimmten Tag im Schwarzwald aufbewahrt. Aber es geschah schon am Abend Ihrer unvergesslichen Lesung beim ersten Grüßen im Hotel. Seitdem haben wir Vieles einander zugeschwiegen. Ich denke, daß einiges noch eines Tages im Gespräch aus dem Ungesprochenen gelöst wird."

Die "Mahnung" Celans vermochte es nicht, das "Ungesprochene" aus dem Gespräch zu lösen. Heideggers Schweigen war für Celan kein beredtes, es musste ihn enttäuschen. In seinem Exemplar von "Sein und Zeit" hatte sich Celan die Stelle angestrichen: "Dasselbe existenziale Fundament hat eine andere wesenhafte Möglichkeit des Redens, das Schweigen. Wer im Miteinanderreden schweigt, kann eigentlicher 'zu verstehen geben'". Das galt für Celan 1967 - anders als für Heidegger - nicht mehr.

Dennoch brach Celan die Beziehung zu Heidegger nicht ab. Im Sommer 1968 traf er den Philosophen erneut für einige Tage in Freiburg, die letzte Begegnung fand im März 1970 in Stuttgart statt, als Celan neue Gedichte zur Tagung der Hölderlin-Gesellschaft las und enttäuscht über deren Aufnahme nach Paris zurückkehrte. Einen Monat später hatte der Dichter seinem Leben ein Ende gesetzt. Diese Chronologie der Ereignisse geht in France-Lanords kurzen, funkelnden Gedankensplittern teilweise unter.

Das in den USA erschienene Buch von James K. Lyon ("An unresolved conversation 1951-1970", Baltimore 2006) zum gleichen Thema nähert sich diesem besonderen Gespräch weniger sprunghaft und wissenschaftlich solider. Natürlich muss man berücksichtigen, dass France-Lanords Buch bereits 2004 in Frankreich erschienen ist, dass aber in der deutschen Ausgabe die Angaben nicht aktualisiert wurden, dafür muss man zumindest den Verlag kritisieren (im übrigen auch für die mangelnde Druckqualität der Faksimiles). Ein Hinweis auf Lyons Buch hätte aufgenommen werden müssen. Auch die wichtige Arbeit zu Celan und Heidegger von Anja Lemke mit dem Titel "Konstellation ohne Sterne. Zur poetischen und geschichtlichen Zäsur bei Martin Heidegger und Paul Celan", (München 2002) hat der Autor offenbar gar nicht zur Kenntnis genommen und selbst das wichtige Buch "Gespräche von Text zu Text. Celan - Heidegger - Hölderlin" (Hamburg 2001) von Robert André wird nur ganz am Rande erwähnt.

Das mindert nicht den Wert des Buches, das sich dem "Sinn" des Gesprächs zwischen Celan und Heidegger widmet. Ein Blick in Lyons Buch hätte dem Autor allerdings einen wertvollen Hinweis darauf gegeben, dass dieses Gespräch noch ein Nachleben hatte und Heidegger auch nach Celans Tod daran "würgte". 1971, genau ein Jahr nach Celans Tod, schickte Klaus Demus, der Freund Celans und ein Verehrer Heideggers (Celan hatte ihm Demus' Gedichte geschickt), dem Philosophen das Gedicht "Wirk nicht voraus" in Celans Handschrift:

Wirk nicht voraus,
sende nicht aus,
steh
herein:

durchgründet vom Nichts,
ledig allen
Gebets,
feinfügig, nach
der Vor-Schrift,
unüberholbar,

nehm ich dich auf,
statt aller
Ruhe

Celan hatte das Anfang Dezember 1967 entstandene Gedicht an den Schluss seines letzten, noch von ihm selbst zum Druck gegebenen Gedichtbandes "Lichtzwang" gesetzt, der auch "Todtnauberg" enthielt. Heidegger erhielt damit Celans dichterisches Schlusswort in der "Hand-Schrift" des Dichters und bekennt in seinem Dankesbrief an Demus: "Als ich Ihren Brief vom Ostersonntag öffnete fiel der Blick zuerst auf das Blatt mit der mir vertrauten Handschrift des selbst 'unüberholbaren' [bei Lyon falsch zitiert als 'unübersetzbaren'] Gedichtes von Paul Celan, das ich 'auswendig' kenne, schöner gesagt, par coeur".

Herz und Hand, von Celan immer wieder als Inbegriff des wahren Gedichts genannt, treffen hier noch einmal zusammen, denn der Denker antwortete - was bislang unbekannt blieb und weder bei Lyon noch bei France-Lanord erwähnt wird - in seinem Brief an Demus vom 24. April 1971, zu "dem in diesen Tagen sich jährenden Todestag des Dichters", mit eigenen, handschriftlichen Versen. In dem gerade erschienenen Band 81 der Heidegger-Werkausgabe sind sie den Gedichten für Imma von Bodmershof, der Verlobten des Hölderlin-Herausgebers Norbert von Hellingrath, zugeordnet. Hier stehen sie auf einem eigenen Blatt, "im Andenken an Paul Celan", so die Widmung:

Wage die Stille
Stille die Waage

Höre das Her
Schweige das Hin

Schwanke nicht mehr
Danke und sinn'

Stille die Waage
Wage die Stille

Als "Aus der Reihe 'Gedachtes'" hatte Heidegger das Gedicht überschrieben und war doch nur auf seinem Weg "Unterwegs zur Sprache" weitergegangen, den Celan bereits bei seinen ersten Heidegger-Lektüren zur Kenntnis genommen hatte. Vom "Hörenkönnen auf das Geläut der Stille" war da die Rede gewesen. Aber auch wenn die Heidegger'schen Verse nicht das von Celan erhoffte "kommende Wort" sagen, so sind sie doch die Fortsetzung des Gesprächs und ein poetischer Händedruck. Beide Gedichte, Celans "Wirk nicht voraus" und Heideggers "Wage die Stille", stehen "in der Begegnung - im Geheimnis der Begegnung", die kein Buch je ergründen wird - auch kein so anregendes wie das von Hadrien France-Lanord.


Titelbild

Hadrien France-Lanord: Paul Celan und Martin Heidegger. Vom Sinn eines Gesprächs.
Übersetzt aus dem Französischen von Jürgen Gedinat.
Rombach Verlag, Freiburg 2007.
271 Seiten, 42,00 EUR.
ISBN-13: 9783793094623

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