Die weite Welt, die du selbst bist

Manfred Dierks Roman "Revecca" erzählt von religiösen Mythen und Mysterien

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Revecca", der jüngste Roman von Manfred Dierks, führt in das Jahr 1957 und in die Wirren des Zweiten Weltkriegs zurück. Robert de Vries, der Bootsmann auf der Silberfels, einem kleinen Frachtschiff, das zwischen Hamburg und Alexandria verkehrt, hat ein dunkles Geheimnis. Es stimmt, was man über ihn munkelt, dass er im Konzentrationslager gesessen habe und bei den Zeugen Jehovas gewesen sei. Letztere werden als "engstirnige Sekte" charakterisiert, die "die Bibel wortwörtlich nahm": "Die Zeugen waren die einzigen auf Erden, die die zehn Gebote buchstäblich erfüllten. Im KZ hatten sie für andere Unglaubliches getan. Sie halfen den Kranken, teilten ihr Brot und übernahmen härteste Arbeit, wenn ein anderer sie nicht schaffte. Allerdings waren sie auch die einzigen im Lager, die wussten, warum sie litten. Harmageddon geschah, das letzte Aufbäumen Satans. Die Wiederkehr der Propheten war nahe, und mit ihnen würden sie dann das ewige Leben haben."

Die Versuchung, unter dem Druck der Lagerpolizei vom Glauben abzufallen, ist groß - und auch Robert de Vries wird das Zeugnis verraten und den Bund brechen. Nun, Jahre später, ist er "Bruder im Wartestand, auf Bewährung" - und hofft, wieder Aufnahme zu finden. In der Division 999, einer zum "Fronteinsatz" begnadigten Gruppe politischer Häftlinge, durfte er sich bereits bewähren - im Kampf mit dem Bösen, das mitten unter ihnen weilte und kämpfte: in Gestalt des fanatischen Nazi-Handlangers Ortwin Sander.

Auch Lutz Wolters, der Schiffsjunge mit dem abgebrochenen Philosophiestudium, der zur Gnosis gearbeitet und eine glänzende Forscherkarriere aufgegeben hat, "muss durch Finsternis und Chaos", um zu sich selbst zu finden: "Nun war er ganz unten, und sonst gar nichts." Als Reinigungskraft übernimmt er die schwersten Arbeiten an Bord, und seinen Traum, dereinst von den Teilnehmern eines internationalen Kongresses für seinen Vortrag über die Gnosis des Valentinus gefeiert zu werden, hat er längst als Wahn und Selbstbetrug, Ausschweifung und Größenphantasie verabschiedet.

Der Schriftsteller Manfred Dierks, Jahrgang 1936, ist Experte für Seelenlandschaften und für den Wahn und die Träume, die seit Wilhelm Jensens Erzählung "Gradiva" (1903) und Sigmund Freuds kongenialer Interpretation als literarische Konzeptualisierung zugleich geheimer und offenbarer Wünsche kommuniziert und diskutiert werden. In "Revecca" erzählt er von einer Gruppe begabter und ehrgeiziger junger Menschen, die sich zu Höherem berufen fühlen - aber auf ihrem Weg Schuld auf sich laden, durch "Finsternis und Chaos" wandern müssen oder sogar scheitern: Ihre Schicksalsfäden verknüpfen sich zum großen "Dementi" ihrer ehrgeizigen Ziele, doch wachsen sie dann wieder, einmal "unten" angekommen, über sich hinaus.

Revecca, die Titelfigur, lebt als Krankenschwester der US-Army-Nurses in Alexandria, der "Geburtsstadt der Gnosis". Hier haben sich Intellektuelle seit alters mit Gott und "seit kurzem" mit der Frage der Theodizee beschäftigt: "Hat Gott überhaupt eine Existenz? Wieso hat er eine so unvollkommene Welt geschaffen? Oder war es am Ende gar nicht er, sondern jemand anderes?"

Angesichts der Kriegswirren, des Genozids, der Verfolgung religiöser Minderheiten und freidenkerischer Intellektueller sind Zweifel an der Güte und Gerechtigkeit der göttlichen Weltordnung angebracht, und so wandeln die Zeitgenossen auf den Pfaden gnostischer Zweifler, die eine neue Schule der Bibelauslegung begründet haben. Die geheimen Wissenschaften ebenso wie die offenbarten Religionen (wie auch die apokryphen Irrlehren und Fälschungen zur Bibel) basieren, soweit sie in "Revecca" diskutiert werden, auf der Schrift, und die Schrift ist die Grundlage ganzer, in sich geschlossener religiöser Systeme. Mit der Schrift, so wird hier deutlich, wird eine Religion gestiftet, mit der Schrift erschafft sich ihr Stifter aber auch selbst. Wenn man also zweifelt, ob Moses den ganzen Pentateuch allein verfasst habe, dann prüft man die innerweltlichen Faktoren der Überlieferung und sucht - in einem weiteren Schritt - Argumente für oder gegen sie. Am Ende erfolgt die Historisierung und Rationalisierung der biblischen Inhalte, die Auflösung der alten kanonischen Schemata und die Verabschiedung vom Dogma der Verbalinspiration. Auf dem Spiel steht zuletzt Moses' Glaubwürdigkeit und mit ihm die Wahrheit biblischer Behauptungen über historische Sachverhalte. Der Verdacht kommt auf, dass sich Moses mit dem Pentateuch selbst erschaffen habe, dass er sich selbst als Verfasser genannt habe, um seine "Selbstoffenbarung" zu betreiben.

Dieser Hintergrund ist auch für Manfred Dierks und seinen Roman kein reines "Denkspiel", sondern Wirklichkeit: Alle Schriftreligionen haben ihren Urheber in einem Subjekt, das schreiben kann, denn Gott "ruht in Schweigen", und "wenn er überhaupt existiert, existiert er vor und über und jenseits der Welt". Schon die Gnostiker, so die hier entfaltete These, hätten sich mit ihren religiösen Systemen "selbst erschaffen", allen voran der Gnostiker Valentinus von Alexandria, dessen "Geheimschrift" im Zentrum der Dissertation von Lutz Wolters stehen sollte. Valentinus ist Verfasser einer "gnostischen" Selbstoffenbarung, die den radikalsten Schritt überhaupt vollzieht und eine Welt ohne Gott konzipiert: "Die weite Welt, die du selbst bist."

Revecca Kamitsis ist als erotisches "Naturtalent" die geheime Projektionsfläche des Romans und seiner Protagonisten. Stolz trägt sie ihre Uniform mit dem blau eingestickten Dienstmotto: "Ready. Caring. Proud". Diese Drillingsformel wird ihr Leitmotiv, nachdem sie als Widerstandskämpferin der griechischen Kommunisten im Untergrund gescheitert ist und ihre Waffe auf ihren eigenen Freund, den königstreuen Partisanen Jannis, gerichtet hat: "Im April 1941 haben Jannis und ich uns selbst zu Gefangenen gemacht, absichtlich. Wir reisten noch einmal in die Sommerfrische nach Leros. [...] Der Widerstand in der Ägäis sollte im Zentrum organisiert werden, im Auge des Taifuns - auf Leros, im Kriegshafen der Italiener."

Revecca bildet das fiktive Zentrum dieser historisch verbürgten und präzis recherchierten Vorgänge, sie offenbart sich in einer Art Redekur und erzählt von persönlicher und historischer Schuld. Aber nicht an den Italienern wird sie scheitern, sondern an den Deutschen, die Leros zu besetzen und mithilfe des Straf- und Bewährungsbataillons 999 bis zum Kriegsende zu halten wissen. Hier treffen nicht Auserwählte, nicht Kämpfer einer Eliteeinheit auf Einheimische, sondern Kriminelle auf Kommunisten, Fanatiker auf Politische, Idealisten auf "Satanssoldaten" - so die Formel des freundlichen Riesen Robert, des Zeugen Jehovas, für die Wehrmachtssoldaten, die mit ihrer "brutalen Korrektheit" Ordnung und Gehorsam (oder was sie dafür halten) über alles stellen. Im Spannungsfeld "ernster Bibelforscher", abtrünniger Glaubensbrüder, todesmutiger "Schlachtschafe" der Gestapo und fanatisierter eigener Gefolgsleute muss man sich entscheiden - auch wenn man damit Schuld auf sich lädt.

Revecca erzählt, weil sie Buße tun und ihren Seelenfrieden finden will. Nach dem Krieg bekam sie eine zweite Chance - und ein Stipendium für griechische Einwanderer. Sie ist Krankenschwester geworden, weil sie die Ausbildung bezahlt bekam. Der Ort ihrer Beichte, Alexandria, ist dabei bewusst gewählt: Es ist der historische Ort der Gnosis, wo das Subjekt in der Lesart des Romans "die Weitung seines Ichs" erfährt und zugleich Gelegenheit bekommt, "die eigenen Größenträume zu überprüfen". Das "Apokryphon" ist als "Geheime Offenbarung" im Selbst zu suchen, so die These - und die Gefahr liegt darin, es zur Religion zu transzendieren. Statt Religion könnte man freilich auch abstrakt Weltanschauung und Ideologie oder Philosophie und Psychologie (Psychoanalyse) sagen. Am Ende folgt in diesem farbig erzählten Roman ein jeder seinem Ruf - selbst der zwischenzeitlich bereits gescheiterte Philosophiestudent Lutz Wolters, der, neu enthusiasmiert und mit besten Auspizien für seine Profession ausgestattet, seine Forscherkarriere wiederaufnimmt. Reveccas Redekur hat auch ihn zu sich selbst befreit.


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Manfred Dierks: Revecca. Roman.
Verlag KITAB, Klagenfurt 2007.
300 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783902585066

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