Multikulturalismus im 21. Jahrhundert

Der Sammelband "Multiethnic Britain 2000+" liefert neue Einsichten in die kulturellen Praktiken des postkolonialen Großbritanniens

Von Kirsten SandrockRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kirsten Sandrock

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Viel besungen und doch wenig fundiert schwebt der Leitgedanke des Multikulturalismus über den Literatur- und Kulturwissenschaften im ausgehenden 21. Jahrhundert. In dem von Lars Eckstein, Barbara Korte, Eva Ulrike Pirker und Christoph Reinfandt herausgegebenem Sammelband "Multiethnic Britain 2000+: New Perspectives in Literature, Film and the Arts" wird das Thema nun neu betrachtet und dabei so kontrovers und provokativ diskutiert wie selten zuvor.

In dem nach einer Konferenz zum Thema entstandenen Sammelband schwingen nicht nur politische Implikationen in den anderweitig literatur- und kulturwissenschaftlich ausgerichteten Artikeln mit - auch die postkolonialen Praktiken der Akademie selbst werden auf den Prüfstein gestellt und ob ihrer Mitschuld an der noch immer vorhandenen Diskriminierung östlicher Kulturen im Westen hinterfragt. So schreibt Rajeev Balasubrumanyam - einer der beiden britischen Schriftsteller, deren Beiträge den Band abrunden - dass der politisch korrekte Multikulturalismus in Großbritannien oftmals nichts weiter als eine hohle Phrase sei, ein Medium "of social control, racism, and the maintenance of the caste hierarchy, an instrument of delusion, oppression, and censorship in contemporary British society."

Im Gegensatz zu vielen Politikern, Akademikern und Künstler sieht Balasubrumanyam demnach das Ziel des Multikulturalismus nicht im harmonischen Zusammenleben der Kulturen. Stattdessen plädiert er dafür, Konflikte und Differenzen auf die Tagesordnung zu bringen und den Dialog zwischen den Kulturen nicht trotz sondern gerade in den Gegensätzen und Spannungen zu suchen.

Abgesehen von diesem innovativen Ton sticht "Multiethnic Britain 2000+" durch die multimediale Ausrichtung der enthaltenen Aufsätze hervor. Heraus kommt ein veritabler Querschnitt der kontemporären britischen Kulturszene, der nicht nur die Literatur, sondern auch die Musik, den Film und die Visual Arts einbezieht. Besonders erwähnenswert sind hier die zwei Artikel von Eva Ulrike Pirker und Ingrid von Rosenberg, die sich den häufig vernachlässigten Formen der Visual Arts widmen. Pirker untersucht die von 2001 bis 2003 durch Europa und den Nahen Osten tourende Fotografie-Ausstellung "Common Grounds" und von Rosenberg betrachtet die Werke junger britischer Malerinnen mit multikulturellem Hintergrund. Beide Aufsätze beeindrucken in ihren imagologischen Werkanalysen einerseits durch den Abdruck ausgewählter Bilder und Fotografien, welche nicht zuletzt die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Kritikern manifestieren, und andererseits durch die Problematisierung eines der Hauptprobleme der zeitgenössischen Literatur- und Kulturwissenschaft, nämlich der Frage, inwieweit essentialistische Konstrukte wie Hautfarbe, Geschlecht oder Religion überhaupt eine Rolle in der literatur- und kulturwissenschaftlichen Diskussion spielen sollten. So schreibt von Rosenberg: "I do not [...] detect a mystically common female quality in the works to be analysed, a kind of peinture féminine so to speak. Yet observation shows that the work of women artists indeed differs significantly in subject matter as well as in favoured techniques from that of their male colleagues despite the same training and the common ground of a shared anti-colonial attitude."

Insgesamt liefern die 25 Artikel zu Künstlern wie Rehana Ahmed, Gurinder Chadha, Jackie Kay, Patrick Neate, Zadie Smith, Rupert Thomson oder Michael Winterbottom ein Konglomerat von Analysen, Stimmen und Standpunkten, die sich teilweise unterstützen, teilweise aber auch widersprechen. Das prominenteste Beispiel für Letzteres sind zwei Aufsätze zu Nadeem Aslams Roman "Maps for Lost Lovers" aus dem Jahr 2004. Der eine Artikel, geschrieben von Nadia Butt, interpretiert den islamkritischen Text des pakistanstämmigen Briten als gelungenes Beispiel für die Offenheit und Integrationsfähigkeit Großbritanniens und somit als Absage an die Rassen- und Religionstrennung im Allgemeinen. Der andere Artikel hingegen, verfasst von Cordula Lemke, liest eben jenen islamkritischen Ton von Aslams Roman als Beweis für eine neue Art des Kolonialismus, der die Werte des Liberalismus, des Fortschritts und der kulturellen Interaktion als urwestlich darstellt und damit den eigentlich Dialog zwischen den Kulturen verhindert.

Tatsächlich kritisieren auch andere Autoren in "Multiethnic Britain 2000+" das Vorherrschen von westlichen Kulturvorstellungen in anderweitig als postkolonial geltenden Werken. Der Film "Bend It Like Beckham" zum Beispiel, der in Deutschland als "Kick It Like Beckham" in die Kinos kam, wird sowohl von Rajeev Balasubrumanyam als auch von Lars Eckstein und Ellen Dengel-Janic als eine oberflächliche Annäherung der pakistanischen und der britischen Kultur interpretiert. Letztendlich würden nur die Wertvorstellungen des Westens gespiegelt, wenn die Fußballkarriere der jungen Protagonistin, einer Pakistani-Britin, deshalb ein Happy End nimmt, weil der vorher konservative Vater seine Überzeugungen ändert und der Tochter die Teilnahme an der Damenfußballweltmeisterschaft in den USA erlaubt. Der Lob der liberalen Zuschauerschaft ist dem Film damit sicher: Der Westen wird als offen, fortschrittlich und fremdenfreundlich dargestellt, während die Immigranten dem Bild der leicht verschroben, aber letztendlich doch lern- und integrationsfähigen Hinterwäldler entsprechen. Die unterschwellige Botschaft des Films, so das Resümee der Kritiker, ist damit weit von multikulturellen Maximen entfernt und ähnelt mit seiner als freiwillig verkauften Assimilierungsthematik mehr der alten Verherrlichung des Imperialismus als der tatsächlichen Annäherung der Kulturen.

Diese Erkenntnis verlangt nicht zuletzt von den Herausgebern selbst den Mut und Willen zur Selbstkritik. In ihrer Einführung fragen sie dementsprechend: "How inclusive is the 'we' that is persistently used in so many contributions to the debate? [...] Who is speaking for whom by employing the seemingly inclusive 'we'?". Es ist diese Bereitschaft zur Selbstkritik, welche den Weg in die multikulturelle Zukunft weist und "Multiethnic Britain 2000+" hoffentlich zu einem Vorreiter des 21. Jahrhunderts macht.


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Lars Eckstein / Barbara Korte / Eva Ulrike Pirker / Christoph Reinfandt (Hg.): Multi-Ethnic Britain 2000+. New Perspectives in Literature, Film and the Arts.
Rodopi Verlag, Amsterdam 2008.
425 Seiten, 85,00 EUR.
ISBN-13: 9789042024977

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