rlo, inand, gor und chard

Karl-May-Leser revisited

Von Bernd RauschenbachRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernd Rauschenbach

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Werke Karl Mays waren und sind eher ein literatursoziologisches und -psychologisches Phänomen denn ein literaturästhetisches. Interessant an ihnen ist (wenn überhaupt etwas), welche Kreise den Autor warum gerne lasen beziehungsweise immer noch lesen – weniger, was er wie schrieb; allenfalls wieder (psychologisch): warum er so schrieb.

Daran ändern auch nichts die zeitlebens ebenso unermüdlichen wie ermüdenden Versuche Arno Schmidts (oder, später, Hans Wollschlägers und der Karl-May-Gesellschaft), den Alten von Radebeul „in das Kontinuum unserer Hochliteratur einzureihen“. Arno Schmidt hat diese in den 50er–Jahren provokant klingende Forderung wenigstens nur für die Handvoll Spätromane erhoben – und jeder Literaturfreund, der zwischen sich und seine jugendliche Karl-May-Lektüre glücklich eine Distanz gebracht hat, die er eigentlich nie mehr zu überbrücken gewillt war, könnte ja doch mal die Arno-Schmidt-Lektüre zum Anlass nehmen, den von Schmidt hochgeschätzten „Mir von Dschinnistan“ (den der Literaturfreund als 14jähriger garantiert verpasst hatte) im Selbstversuch zu lesen.

Ich jedenfalls habe es – gegen einen 20 Jahre lang eingehaltenen Schwur – getan. Tja, ich will es kurz machen: Es ist der gleiche Kitsch, es ist die gleiche unbeholfene Sprache, sind die gleichen Klischees und die gleichen Räuber-und-Gendarm-Pistolen wie in den früher unter der Bettdecke verschlungenen „Reiseromanen“. Nur die Langeweile des Ewig-Gleichen wird auf eine etwas gepflegtere Stufe gehoben, weil die Helden diesmal umständlich versichern, ihre Gegner von Herzen zu lieben – schließlich seien diese auch so etwas wie Menschen – und das, was sie jetzt gleich tun müßten, von Herzen zu hassen. Dann schlagen sie sich wieder die Fressen ein, locken sich gegenseitig in Felsschluchten und schießen sich tot – alles wie gehabt. (Gegen Ende der Lektüre überlegte ich einen Moment sogar, ob Karl May nicht durch Textbearbeitungen entscheidend zu verbessern wäre).

Dies alles nur vorausgeschickt, um nicht in den Verdacht zu geraten, ich würde als Sekretär der Arno-Schmidt-Stiftung die Besprechung eines Bandes der historisch-kritischen Karl-May-Ausgabe als willkommene Pflichtübung absolvieren. Hatte ich schon vor über 20 Jahren die erste Nachricht vom Erscheinen einer solchen 99-bändigen Ausgabe (bei aller Freundschaft zu den Herausgebern Hermann Wiedenroth und dem mittlerweile verstorbenen Hans Wollschläger) mit einem unverständigen Kopfschütteln kommentiert und dem Gedanken: „Haben die denn nichts Besseres zu tun?“, so wuchs sich meine Irritation zu einem „Jetzt sind sie endgültig übergeschnappt“ aus, als ich von ihrem Plan hörte, im Rahmen der Edition ein Faksimile von Mays Album mit Fotos seiner Leser zu veröffentlichen.

Dieses „Leseralbum“, zwei Bände mit insgesamt über eintausend Seiten, ist letztes Jahr erschienen. Nach fünf Minuten Durchblättern hatte ich nur einen Gedanken: „Haben, haben, haben!“

Und dafür war nicht die im heutigen Buchgewerbe selten zu findende sorgfältige Herstellung der Bände durch Wilk, Wagner und Lachenmaier (Deutschlands besten Druck- und Bindereien) ausschlaggebend, nicht der aufwendige Duoton-Druck, die stabile Halbleinen-Bindung oder der von Friedrich Forssman gestaltete, zurückhaltende Satz der Offizin Pauler – nein, beim „Leseralbum“ ist nicht das wie das Aufregende sondern das was.

Was also gibt es zu sehen? Porträtfotos, die May-Leser an ihren verehrten Autor geschickt und die May selbst oder seine Frau Klara in ein prunkvolles, handgefertigtes Album eingeklebt haben, Fotos von May-Lesern mithin, die innerhalb von knapp 20 Jahren um die letzte Jahrhundertwende herum zumeist in mitteleuropäischen Fotoateliers entstanden sind. Es war noch die Zeit, in der man sich – das nötige ‚Großgeld‘ von circa 3 Mark 40 pro Aufnahme vorausgesetzt – von Profis fotografieren ließ, nicht sich selbst fotografierte.

Was das Album dem passionierten Karl-May-Leser bringt, kann ich nicht sagen. Vielleicht freut er sich, einige Menschen zu schauen, die als Verleger, als Freunde und Gönner durch Mays Leben gingen und möglicherweise Eingang in seine späten Schlüsselromane fanden (der Fachmann wird dankbar sein für das Namensregister). Vielleicht freut er sich auch nur, dass er seinen Spleen teilen kann mit einem Afrikareisenden Artbauer, einer Baronesse Pasertini, einem Consul Hardegg aus Jaffa, einem Domcapitular Graf zur Lippe, einer Freiin Goyer von Ehrenberg, einem Geheimkomiker Krämer, einem Geigenvirtuosen Kafka, einem „Handlanger der Literatur“ Paul Weber, einer (bildschönen!) Kronprinzessin Cecilie, einem Militärschriftsteller Dittrich, einem Oberbürgermeister Rümelin, einem Portepee-Fähnrich Trefurth, einem Reverend Father Nickels aus Cleveland, einem Studiosus philosophiae Walter Weber, einem Verfasser Onkel Franz, einem Weltradfahrer Gustav Kögel oder einem Zögling der k. u. k. Militärunterrealschule St. Pölten. Die Mays selber scheinen jedenfalls Gefallen an diesen und noch viel mehr Titeln und Berufsbezeichnungen gefunden zu haben, notierten sie sie doch penibel im Album neben den zugehörigen Konterfeis.

Was aber sieht derjenige, der kein Interesse an Deutschlands auflagenstärkstem Autor hat? Frauen, Männer und Kinder, die einst Karl-May-Leser waren, oder deren Karl May lesende Partner beziehungsweise Eltern wünschten, Karl May möge ihre jeweiligen Partner beziehungsweise Kinder zu Gesicht bekommen. Die Männer – ja, jetzt weiß ich nicht: Ist es angesichts des hohen Identifikationspotentials mit Old Shatterhand eher erstaunlich oder eher erwartbar? – zu einem großen Teil vom Typ „armes Hascherl“, die Frauen eher resolut-selbstbewusst. Erschreckend: Kein Kind in diesem Album, in diesen Studios und Kostümen, schaut glücklich aus. Mit den Kostümen (der Erwachsenen wie der Kinder) werden übrigens nur manchmal Karl-May-Figuren inkorporiert – aber gern zeigt sich der Knabe als Jäger, das Kind als Kadett, der Mann als Soldat im Kreis der Kameraden. Bisweilen rühren unerwartet anschmiegsame Haltungen und Gesten der Frauen im Kontext der sonst steifen Studiobilder – aber Vorsicht mit der heutigen Sicht: Die Fotos von damals sind stets von langen Belichtungszeiten und starren Bild-Konventionen eingefrorene Stellungen – dabei ist das auch die leidenschaftliche Zeit, in der sich Männer schluchzend auf den Diwan werfen und Frauen öffentlich in Ohnmacht fallen oder wg. Schande ins Wasser gehen.

Wer die als präpubertäres Karaoke getarnten Kinderschänder-Shows im Fernsehen für den vorläufig letzten Ausdruck spätkapitalistischer Dekadenz hält, wird überrascht sein von den auf Dame getrimmten Lolitas, die in den Studios der Fotografen von Norderney („Meinem lieben goldigen Old Shatterhand von seiner ihn zärtlich liebenden Mariechen“) über Ludwigslust, Speier, Stuttgart („Amalie Scharf. 12 Jahre alt.“), Brüx, Ulm und Rosenheim bis Warschau und Temesvár exhibitioniert werden. Parallel dazu kaum ein Knabe, der nicht mit der Würde und dem Anzug eines weltmännischen Flaneurs posier – besonders skurril, wenn man die Horden von Männern vor Augen hat, die heute in Spielanzügen durch unsere Fußgängerzonen latschen. Ob es übrigens falsch ist, den hohen Anteil von Kinderfotos, den May-Leser eingeschickt haben, als unbewusstes Eingeständnis einer bei May-Lektüre wohl automatisch einsetzenden Regression zu begreifen?

Vermutlich falsch sind Arno Schmidts in „Sitara“ aufgestellte Hypothesen über eine latente Homosexualität Mays und die daraus abgeleitete Erklärung der ungewöhnlich engen Leserbindung an ihn – manches im Leseralbum allerdings käme Schmidt sehr zupass. Etwa eine Zusendung aus dem estnischen Tarku mit unleserlicher Unterschrift: Das Foto zeigt einen soldatisch uniformierten Menschen mit sehr weiblichen Gesichtszügen, der May schreibt: „[…] ich flehe Sie an – tapferer Weltreisender, ich liebe Sie.“ Auf dem Foto eines zarten Knaben aus Hamburg-Eilbeck hat May notiert: „Alte Feder. ‚Du‘ sagen. Lieber Walter.“ Ganz undeutlich-deutlich wird ein polnischer Leser: „Traurigst – wenn kein Anderer kommt. – Der Musikant aus Graudenz“. Das dazugehörige Foto, mit dem die Herausgeber netterweise den ersten Band beenden, zeigt ihn – von hinten. Dann, im zweiten Band, mit Locken und Schnauzer, ein Mann wie gemalt: der Ballettmeister Fritz Scharf. Leider outet er sich 270 Seiten und entsprechende Jahre später als Jugendfreund von Frau Klara. Naja, mir wären Valerie, Marianne, Hedwig (die vor allem!) und Stefanie aus Grinzing eh lieber gewesen – und ich wüßte schon gern, was am 20. März 1898 zwischen ihnen und „dem Alten“ (wie May-Leser ihr Idol gern zu nennen pflegen) passiert ist – und warum sie ihn an dieses Datum erinnern wollen ausgerechnet mit einer Gruppenaufnahme, die die Inschrift trägt „Das Leben ist ein Kampf, der Tod ist der Sieg. Ich lebe, um zu kämpfen und sterbe, um zu siegen.“ (Der Polizeibeamte Breitschmidt aus Basel freilich kann nur durch Zellteilung infolge von Selbstbestäubung entstanden sein und wird sich auch durch eine solche fortgepflanzt haben.)

Aber was wollte ich eigentlich – ja, richtig: Wer sollte in diesem Leseralbum blättern? Der, der seinen Karl-May-lesenden Urgroßvater sehen will? Ja, laut Erzählungen des Herausgebers Wiedenroth gibt es auch diese Art Käufer – aber der Kreis wäre denn doch wohl zu klein. Nein, das Album ist für alle, die gerne Menschen beobachten. Für alle, die ein morbider Schauer überläuft, wenn sie sich in Leinwandstars der Stummfilmzeit verkucken. Für jeden, der das tägliche Straßentheater für das Sehenswerteste einer Großstadt hält. Für jeden Flaneur, der lieber sieht als gesehen wird. Für alle, die glauben, dass es außerhalb ihrer Galaxis Leben gibt.

Achso: die Überschrift dieses Artikels? Die May-Herausgeber haben in stoischer Philologengeste sämtliche Rück-, Unter- und Aufschriften der Fotos diplomatisch genau transkribiert, auch wenn Karl oder Klara May die Fotos und damit die Texte rücksichtslos mit der Schere beschnitten haben. Und so lautet denn der Kommentar zum Abbild der vier männlichen Sprosse von „Schloß Haus“: „rlo – inand – gor – chard“.

Anmerkung der Red.: Der Artikel erschien bereits in KONKRET 3/1999. Wir danken dem Autor für die Publikationsgenehmigung.

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Karl May: Karl Mays Werke: Historisch-Kritische Ausgabe für die Karl-May-Stiftung. Abteilung VIII: Briefe / Leseralbum Erster und Zweiter Teil. 2 Bände.
Herausgegeben von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Unter Mitwirkung von Volker Griese und Hans Grunert.
Karl May Verlag, Bamberg 1998.
1571 Seiten, 99,00 EUR.
ISBN-10: 3780221233
ISBN-13: 9783780221230

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