Die wiedergefundene Zeit

Zu Jean-Yves Tadiés umfangreicher Proust-Biografie

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Warum eine neue Proust-Biographie?“, fragt der 1936 geborene französische Literaturwissenschaftler Jean-Yves Tadié zu Beginn seiner voluminösen, beinahe 1.300 Seiten umfassenden Darstellung von Leben und Werk seines berühmten Landsmannes. Die Antwort darauf gibt er sogleich selbst: „Es kommt der Zeitpunkt, da man glaubt, die Synthese der vorhandenen Arbeiten erstellen und alles weglassen zu können, was nicht als belegbar erscheint, neue Entdeckungen aufzunehmen, insbesondere das, was allein durch die Arbeit des Herausgebers zur Kenntnis gelangt, nämlich die Geschichte der Handschriften und die Entstehung des Werkes: die eigentliche Biographie eines Schriftstellers, eines Künstlers, ist die Biographie seines Werkes. Sie ist auch die einzige, die nicht mit dem Tod endet.“

Die Fülle an Material, die sich durch Tadiés nunmehr mehrere Jahrzehnte währende Forschungsarbeit zu Marcel Proust (1871-1922) angesammelt hat, bedingt den großen Umfang seiner Biografie, die – erstmals 1996 publiziert – Ende 2008 in einer Übersetzung von Max Looser auch auf Deutsch erschienen ist. Der Anmerkungsteil, der gut 300 Seiten umfasst, ist dabei deshalb so lang geworden, weil es sich Tadié vorgenommen hat, „jede Aussage zu begründen“. Der Autor gesteht – trotz der Synthese der vorliegenden Arbeiten und der Aufnahme von Neuentdeckungen in dieses neue große Buch – ebenfalls in seinen Vormerkungen, dass ungelöste Fragen dennoch geblieben wären, „ungelöst aufgrund der zeitweiligen oder endgültigen Unzugänglichkeit wichtiger Dokumente: der Briefwechsel zwischen Proust und Agostinelli, die meisten Briefe an seinen Vater, viele Briefe an seine Mutter, das Tagebuch von Reynaldo Hahn, das zwar erhalten geblieben, aber nicht zur Einsicht freigegeben ist. Die Briefe, die der Schriftsteller empfangen hat, wurden nur selten aufbewahrt, seine Bücher sind fast sämtlich in alle Winde verstreut.“

Dennoch, auch wenn nicht alle Texte von, an und über Marcel Proust zur Verfügung stehen, bietet das vorhandene Material eine solch große Fülle an Informationen und Hinweisen, dass deren Durchdringung, Einordnung und Verwendung bereits für sich gesehen eine große Leistung darstellt. Tadié stellt dabei deren Nutzung in seiner Biografie unter die Absicht, das Individuum Proust zunächst als Typus zu zeigen, als Kind einer bürgerlichen Familie, als Schüler des Lycée Condorcet, als Studenten der École libre des sciences politiques, als Asthmatiker und als „jungen Dichter“. Aufgelockert werden die anfangs stark biografischen Kapitel durch wiederholte Querschnitte durch die jeweilige Zeitgeschichte und Kultur. „Schließlich kommt der Augenblick, da der große Künstler nicht länger ein Typus ist, sondern sich als ein unersetzbar anderer der Geschichte und den Strukturen entzieht.“

Bereits von Anfang an setzt sich Tadié von anderen Proust-Biografen wie dem Briten George D. Painter (1914-2005) ab, dem er vorhält, das Hauptwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Grundlage dafür genommen zu haben, „das Leben zu erklären oder zu verstehen.“ Und Tadié schreibt über die Vorgehensweise seines englischen Kollegen, Leben und Werk gleichzusetzen, weiter: „Die Empfindungen des Erzählers werden zu den Empfindungen von Marcel Proust, und Albertine hat tatsächlich existiert: Painter kennt sogar die Vorbilder für sie, das beruhigt, es sind ebenfalls Frauen.“ Ihm selbst dagegen geht es weniger um das äußere als vielmehr um das „innere Leben“ des französischen Schriftstellers. Darum versucht er in seiner eigenen Biografie auch so akribisch wie möglich „kein einziges Faktum ohne Bedeutung“ zu lassen: „Weil interpretieren schwieriger als erzählen ist und man das Hypothetische zur Geltung bringen muß, ist das vorliegende Buch auch eine Demonstration, eine Beweisführung.“

Für diese Demonstration taucht der Autor tief in die Welt von Proust ein. Tadié beschreibt dessen geistiges Universum, wie es entstanden ist und sich in der Folge entwickelt hat. So stellt er zum einen die Schriftsteller vor, die zu einer bestimmten Zeit oder durchgehend einen entscheidenden Einfluss auf Proust gehabt haben. Es sind dies vor allem Louis de Rouvroy Duc de Saint-Simon, Honoré de Balzac und Charles Baudelaire, Gustave Flaubert und Alphonse Daudet, Anatole France und Stéphane Mallarmé. Erwähnt und eingeordnet werden ferner wichtige Kunsttheoretiker, die nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben sind und mit denen er sich teilweise mehrere Jahre intensiv beschäftigt hat, so wie John Ruskin und Charles-Augustin Saint-Beuve. Schließlich zählt der Biograf auch einige Komponisten auf, die Proust anzogen und deren Werke ihn inspirierten: Richard Wagner und Jules Massenet, Gabriel Fauré und Claude Debussy.

Tadié rekonstruiert die „Geschichte einer Mentalität: das Wachsen einer Bildung, die sich in Schöpfung verwandelte.“ Schließlich schreibt er zur Erklärung seiner Interessen und zur Vorgehensweise im Hinblick auf seine Darstellung von Prousts Leben und Werk – auch hier wieder in Abgrenzung zu George D. Painter und seiner Biografie: „Die Genealogie der Ideen ist gewichtiger als die Genealogie der Familien.“ Tadié geht es letztlich nicht um die Beschreibung äußerer Vorgänge, sondern um die „innere Erfahrung, die Erfahrung, die später in Literatur und in Romanfiguren transformiert wird.“ So schwierig, da langwierig und mühsam eine solche Darstellung auch sein sollte – sie erst ermöglicht es, die Wechselwirkung, die zwischen dem Leben und Werk bestanden hat, beziehungsweise die allmähliche Entstehung und Entwicklung von Prousts geistigem Universum nachzuvollziehen.

Wie bringt der Autor dem Leser dieses Universum nun nahe? Indem er die 16 Kapitel, aus denen die Biografie besteht, in lauter kleine Abschnitte teilt, die jeder jeweils einen Aspekt aus dem Leben und Werk thematisieren. Das Mosaiken- oder Miniaturenhafte des Ganzen erleichtert nicht nur die Lektüre der gut 900 Seiten, sondern spiegelt auch die Bruchstellen wider, verbindet Kleinigkeiten von Bedeutung und hält wichtige Ereignisse, die eine Nachwirkung auf Proust gehabt haben, fest. Das Leben und Werk des Schriftstellers werden somit nicht wie bei Painter miteinander gleichgesetzt. Im Gegenteil zeigt Tadié die Verbindungen zwischen beiden so auf, dass das Ineinandergreifen von Faktualem und Fiktionalem erkennbar wird. Gleichzeitig werden aber auch die Grenzen zwischen ihnen deutlich. Dafür analysiert, zerlegt der Autor im wahrsten Sinne beide Bereiche stets bis auf ihre Bestandteile. Und so gewinnt Tadiés Behauptung, dass Proust alles aus seinem Leben und Denken wieder verwendet habe, an Kontur und Glaubwürdigkeit.

Mit seiner Biografie zeichnet Tadié den Weg nach, den Proust persönlich wie künstlerisch gegangen ist. Alle seine Texte, ob nun die zahlreichen Besprechungen, Kunstkritiken und Nachrufe, seine veröffentlichten Bücher wie „Freuden und Tage“, „Die Bibel von Amiens“ und „Sesam und die Lilien“, oder auch das zu Lebzeiten des Autors nicht publizierte Fragment „Jean Santeuil“ scheinen dabei auf das eine große Werk, nämlich auf „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hinzuführen. In diesem Sinne ist auch Tadiés Buch angelegt: Seine Biografie erzählt nicht einen „,völlig vorfabrizierten vagen Roman‘, sondern die Quelle des Romans, das, was ihn ermöglicht hat.“

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Jean-Yves Tadie: Marcel Proust. Biographie.
Übersetzt aus dem Französischen von Max Looser.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
1266 Seiten, 68,00 EUR.
ISBN-13: 9783518419526

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