Das Abendland, an seinem Ziel angelangt

Jean-Luc Nancy stellt die Frage nach dem Sinn der Philosophie

Von Nicklas BaschekRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nicklas Baschek

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die politische Theorie und Philosophie erlebt momentan auch im deutschen Sprachraum eine merkliche Blüte. Dabei zentriert sich das wiedererstarkte politische Denken vor allem um die Unterscheidung des Politischen von der Politik. Letztere bezeichnet die faktische, täglich erlebbare Politik in Parlament, Verwaltung und Regierung, wohingegen das Politische ihr untergründiges Fundament meint. Politik ist überhaupt nur denkbar und möglich auf dem Boden des Politischen, welches darauf abhebt, dass sich durch eine Analyse faktischer politischer Handlungen nicht entschlüsseln lässt, was das Politische als Gründungsfigur des Sozialen schlechthin ausmacht. Im Politischen geht es um Wesen, Gründung und Begründung gesellschaftlicher Ordnung. Mit der Hinwendung zum Politischen beansprucht die Philosophie wieder ihr Recht, sich grundlagentheoretisch als politische Philosophie aufzustellen – gegen eine bloße Mikrophilosophie politischer Vorgänge.

Oliver Marchart legte im Jahr 2010 mit seiner Schrift „Die politische Differenz“ eine detailreiche Auseinandersetzung mit gleich einem halben Dutzend Sozialtheoretikern vor, deren politisches Denken sich maßgeblich von der Differenz zwischen dem Politischem und der Politik leiten lässt. Marchart konstatiert dabei, dass Jean-Luc Nancy, Giorgio Agamben, Claude Lefort, Alain Badiou, Jacques Rancière und Ernesto Laclau im Kern ein „Heideggerianismus der Linken“ verbinde. Mit der Hinwendung zur politischen Differenz verbinde sich eine Fundamentalontologie des Politischen. Zeigt schon der Name Martin Heidegger an, dass die genannten intellektuellen Interventionen eine grundlagentheoretische Radikalisierung im echten Wortsinn anstreben, so stellt sich die Frage, was sich mit einer solchen „Tieferlegung“ der politischen Theorie als Theorie des Politischen zeitdiagnostisch über die letzten Jahre, vielleicht Jahrzehnte, in Erfahrung bringen lässt.

Dass Nancys Schrift „Das Vergessen der Philosophie“ nunmehr zu einer dritten Auflage in deutscher Sprache gelangt ist, kann zum Anlass genommen werden, die Zeitgebundenheit und den Aktualitätsbezug des poststrukturalistisch-dekonstruktivistischen Denkens in den Blick zu nehmen. Nancys Philosophie markiert exemplarisch einige Grundstellungen des postmodernen Denkens: Aufklärungs- und Vernunftskepsis, Kontingenzbewusstsein und Dezentrierung des Subjekts. Vor allem jedoch ist Nancys Stimme vor einem aktuellen Hintergrund unüberhörbar geworden: der Krise des Liberalismus. Humanismus, Kapitalismus und die westliche Demokratie können längst nicht mehr als global wirksame Letztbegründungen dienen. Der Gedanke, dass der Nationalsozialismus, das Sowjetreich oder auch die Ereignisse des Jahres 1968 bloß kurze Verirrungen des eigentlich auf die Vollendung zuschreitenden Projekts der Aufklärung seien und dass man nur zur Weggabelung zurückschreiten müsse – Menschheitsgeschichte quasi als Trial and Error –, hat in Zeiten vielfältigster globaler Krisen einiges von seiner Überzeugungskraft verloren.

Nun ist es ein offenes Geheimnis, dass mit derart durchdringenden Zweifeln an den Errungenschaften der Moderne in Frankreich und Italien ungleich mehr offene Türen einzurennen sind als in Deutschland. Hier wirken Anleihen bei Kulturpessimisten wie Heidegger und Carl Schmitt zwangsläufig diskreditierend. „Das Vergessen der Philosophie“, welches erstmals 1986 in französischer Sprache publiziert wurde, kann daher vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, des ins Bewusstsein gerückten anthropogenen Klimawandels, der jüngeren Verwerfungen kapitalistischer Ökonomie und der (rechtsstaatlichen und ökonomischen) Krise des Liberalismus als Lakmustest bundesdeutscher Aufklärungs-, Vernunfts- und vielleicht gar Verfassungstreue gedeutet werden. Sind der „Wutbürger“, „Der kommende Aufstand“ und der Appell „Empört Euch!“ von Stéphane Hessel bloße Strohfeuer, oder artikuliert sich hier tatsächlich ein gesamtgesellschaftlich vernehmbarer Bruch mit dem über 20 Jahre quasi konkurrenzlosen Liberalismusparadigma? Oder bedeutet es gar noch mehr?

Ausgangspunkt des Buchs ist die Frage nach der Rolle der Philosophie in der modernen Welt. Dabei nimmt es seinen Ausgang von Heidegger und Derrida und macht wie diese die Metaphysik zum Hauptgegner seines Denkens. Nancy diagnostiziert, dass sich „heute im Denken zweifellos eine Kampfsituation“ finde und diejenigen, die „die Philosophie dem Vergessen anheimzugeben“ suchen, „etwas von ihrem Handwerk verstehen“. Nun richtet sich der Autor 1986 mit diesen Worten an einige Versuche restaurativer 68er-Jahre-Schelte, aber wer kann bestreiten, dass er in ungeahnter Weise das Hier und Jetzt zu skizzieren scheint? Vor allem trifft Nancys Kritik den liberalistischen und neokonservativen Jubel über das „Ende der Geschichte“, der wenige Jahre später aufbrandete.

Francis Fukuyama – übrigens inspiriert durch Alexandre Kojeves Lesart G.W.F. Hegels (der wohl wichtigste Bezugspunkt für die Hegellektüren Michel Foucaults, Derridas und anderer französischer Geistesgrößen) – vermutete nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums, nun seien Demokratie, Marktwirtschaft und liberaler Rechtsstaat endgültig zum Sieger des Weltenlaufs gekürt worden, alsbald könne der ganze Globus davon profitieren. Geradezu prophetisch ahnt Nancy diesen Text, diesen Versuch, Schluss zu machen mit allen anderen Großentwürfen, voraus.

Was aber ist von einer Welt zu halten, die nun vollends zu ihrem Ende gekommen sein will? Nancy schwebt vor, diese „Frage nach dem Sinn“ erneut zu stellen. Sinn ist denn auch der Grundbegriff seiner Philosophie und mit „Das Vergessen der Philosophie“ unterstreicht Nancy, wie „sinnvergessen“ das moderne Denken sei. Die Kernunterscheidung Nancys besteht dabei zwischen Sinn und Bedeutung. Ersteren assoziiert er mit fundamentaler Offenheit, letztere hingegen zeichnet sich durch eine Festlegung, durch Geschlossenheit aus. Bedeutungen sind menschengemachte, fixierte Einheiten. Demokratie, Freiheit, Vernunft und die Gene sind Beispiele für solche konstruierten Bedeutungen – für Bedeutungen, an deren Werk durchaus die Philosophie ihren Anteil hat. Sinn hingegen zeichnet sich durch grenzenlose Offenheit aus. Nicht im liberalen oder klassisch humanistischen Sinne, der immer auf die Offenheit des Denkens abhebt, sondern auf das Denken der Offenheit des Sinns.

Heideggers zentrale Einsicht, dass das Sein vom „bloß“ Seienden zu unterscheiden ist, also die Grundstruktrur der Welt von den Gegenständen in dieser zu differenzieren ist, verschiebt Nancy, indem Sinn nunmehr die Grundstruktur der Welt meint und das Netz von Verweisungen spannt, auf dessen Grundlage Bedeutungen überhaupt erst möglich sind. Sinn ist damit mögliche, denkbare Bedeutung. Mit anderen Worten: Sinn stellt auf die Kontingenz der Welt ab. Bedeutungen sind möglich, aber nicht notwendig; Weltgeschichte ist nicht naturwissenschaftlich-kausal und Soziales immer auch anders denkbar. Natürlich sind Bedeutungen, Bestimmungen dessen, was wichtig ist, nicht willkürlich.

Gleiches gilt für Gründe und Begründungen menschlicher Entscheidungen. Immer haben sie in ihrer Epoche einen Sinn, sie geschehen nicht aus dem Nichts. Kontingenz und Sinn betonen somit die „Pfadabhängigkeit“ menschlichen Handelns und Denkens: Gewisse Wege führen zu anderen Wegen, aus dem Liberalismus folgt die kommunitaristische Kritik – mit guten Gründen, aber es wäre auch anderes als Liberalismus und Kommunitarismus möglich. Es gibt keinen Determinismus des Denkens und keinen Determinismus des Sozialen. Die unbekannten Gegner, auf die sich Nancy bezieht, die gegen die Zäsur von 1968 die Wiederkehr altbekannter Bedeutungen einfordern, kritisiert er dafür, den Sinn eben nicht offen denken zu können.

Was diese fordern, ist ein bloßer Wiederbelebungsversuch: der Aufklärung, der kantischen Philosophie, des Humanismus, des gesunden Menschenverstands. Just so, als sei dieses Denken unberührt geblieben von Dialektik und Psychoanalyse, von Dekonstruktion und Poststrukturalismus. Krisen werden zu bloß Oberflächlichem degradiert und man gelangt nach der Einsicht in den kurzen Irrtum wieder auf den altbekannten Weg. Die Krise (heute: der Umwelt, der Finanzen, der Wirtschaft oder eben der Demokratie, des Rechtsstaats, des Westens) ist demnach nur eine kurze Krankheit, die durchschüttelt, aber schlussendlich das Immunsystem stärkt.

Nancy kritisiert, man müsse die Realität der Geschichte einsehen und dürfe nicht in realitätsfernem Optimismus eine große Geschichte des Fortschritts schreiben. Die Philosophie nach Nancy hat demnach stets mehr zu sein als Arzt und Diagnostiker, andernfalls verkomme sie zur blanken Ideologie, erfülle bloß noch Legitimitationsfunktion, indem sie die Allgemeinplätze des Humanismus beliefert. Nancy will den Gedanken, dass schon alles gesehen wurde, Soziales nun auf der Grundlage von Aufklärung, Subjekt und Vernunft endlich zum ewigen Frieden gelangt ist, an seine Grenzen führen. In seinem Bestreben ist die Philosophie als solche darauf verpflichtet, indem sie den offenen Sinn und die Kontingenz der Welt aushält. Die Metaphysik hingegen, der große Antipode Nancy’scher Philosophie, denkt ihre eigene Vollendung, weil sie die Bedeutung der Philosophie festzulegen versucht.

Im Denken der Bedeutung verkommt die Philosophie zur Verwalterin der Visionen und Projektionen schlechthin. Sie wird hier bloß als Instrumentarium verstanden, als Ratgeber für die Westentasche, der festgefügte Weltanschauungen verwaltet und den Sinn zu bedeuten versucht, anstatt den Sinn der Bedeutung zu hinterfragen. „Es gibt nichts als Sinn, er ist der unüberbietbare Horizont unserer Existenz.“ So wie aber der Horizont von uns nie ganz zu sehen und nie erreichbar ist, ist auch der Sinn niemals einholbar. Nancys Clou besteht darin, den Sinn gerade nicht bedeuten zu wollen, sondern über die Verweisungsstruktur des Sinns die Kontingenz der Welt zu erfassen. Nancy appelliert daran, die Komplexität, die Vielgestalt, die Offenheit auszuhalten: Welt ist Pluralität und es herrscht eine Pluralität der Welten. „Welt heißt sein-zu (être-à), es heißt Beziehung, Verhältnis, Adressieren, Gebung, Darstellen zu/an/für (à)“.

Wie es nicht den einen letzten Sinn gibt, so gibt es sie nicht: die eine Welt. Wir sind uns gleich in unserer Standortgebundenheit, unserer Abhängigkeit. Wir sind eine Gemeinschaft der Einsamen; schon immer war das Heidegger’sche Dasein Mit-Sein. Mit dieser Betonung der Relation, der Verweisungsstruktur und der steten Richtung des Singulären betont Nancy bereits im Ursprung seine Abkehr vom Liberalismus. Gegen die liberale Gesellschaftsvertragskonstruktion freier, vernünftiger Individuen bringt er das Immer-Schon des Mit-Seins in Stellung. Das freie Individuum erscheint dabei als Effekt, als Adresse dieser Grundstruktur des Seins. Geradezu idealtypisch begründet dieser Text, warum Philosophie und Ontologie für Nancy stets nur als Sozialphilosophie und Sozialontologie zu denken sind. Vehement wehrt er sich dadurch gegen die Festschreibung des einen festgefügten Sinns, der einen Bedeutung: „Eine sinnhafte Welt ist eine Welt, die dem Verstehen, der Erklärung oder der Interpretation offensteht, ehe sie noch irgendeine Bedeutung hat.“ Diese Unabgeschlossenheit und Potenzialität nun sei durch die Philosophie zu denken und zu präsentieren. Hierin bestehe ihre Aufgabe: Im Staunen, in der Dekonstruktion des Einen, in der Skepsis gegenüber der Ausschließlichkeit des Sozialen und im Widerstand gegen die Festlegung auf eine Bedeutung (auch ihrer selbst).

Mit seinem Buch über „Das Vergessen der Philosophie“ erinnert Nancy gewiss daran, dass die Aufgabe philosophischen Denkens nicht gleichzusetzen ist mit der Versteifung auf Bestimmtes. Das Klischee von der Unfähigkeit der Sozial- und Geisteswissenschaften, „sichere“ Antworten zu finden, findet in der beschriebenen Realität eben seine Entsprechung: die Welt ist nicht klar und eindeutig, sie ist kontingent. Oliver Marchart bringt diese zeitgemäße Grundlegung der Sozialtheorie auf die Formel des „Postfundamentalismus“, wonach die gesellschaftliche Ordnung nunmehr nicht mehr auf eine letzte Denkfigur (Subjekt, Vernunft, Gene, Rasse, Klasse) zurückgeführt werden könne, weil deren Außen stets vernehmbar bliebe. Eine universale Letztbegründung sozialer Ordnung sei damit undenkbar geworden, weder ihr Ursprung noch ihre (utopische) Zukunft seien einholbar. Die zentrale Pointe des Postfoundationalism besteht nun darin, dass zwar eine jede (abschließende) Gründung der Gesellschaft unmöglich ist, gleichzeitig jedoch immer Begründungsversuche und (Teil-)Gründungen stattfinden müssen. Diese bilden das grundsätzliche Wesen politischer Praxis, der Politik, und scheinen in den Talkshowbeiträgen der Politprominenz wie in der jüngsten Kommunismusdebatte auf. Immer wieder stellen sich dabei zwei Fragen: Wie ist Gesellschaft de facto geordnet? Und wie sollte sie geordnet und verfasst sein? Gleichwohl der jahrtausendlang wenig bezweifelte Glaube an eine universale Letztbegründung des Sozialen über linguistic turn, konstruktivistische Beobachtungstheorie und Postmoderne längst zerfallen ist, so ist Sozialität doch ohne den Kampf um Normalität, Ordnung und deren Begründung unvorstellbar. Dies führt zu einer vertrackten Situation: Es muss entschieden werden, gleichwohl die Entscheidung eigentlich unentscheidbar ist.

Nancys Philosophie verweigert sich durch ihre streng dekonstruktivistische Haltung gegenüber der Notwendigkeit dieser letztlich unmöglichen Entscheidungen. Er begründet einen Philosophismus, ein Denken um des Denkens willen, indem dieses von der schnöden Sozialtechnologie Politik entkoppelt wird. Die untergründige Botschaft dabei ist: die wahre Philosophie steht einer Philosophie politischer Praxis entgegen, „echtes“ philosophisches Denken und Politik widersprechen sich. Nancy übersieht dabei, dass der Clou der Differenz zwischen Politischem und der Politik gerade darin besteht, das Verhältnis beider zueinander zu denken. Das Politische verlangt ja gerade nach Politik, eine Welt ohne Politik wäre wie ein Sein ohne jedes Seiendes.

Nancys zentrale Einsicht, dass jede menschliche Existenz zuerst und zuletzt immer mit anderen stattfindet, immer Mit-Sein ist, wird so behandelt, als finde sie ohne jede politische Implikation statt, als erzwinge nicht seine eigene Pointe der Verbindung über die Gemeinsamtkeit des Getrenntseins auch die Unmöglichkeit des Austritts aus der „ewigen“ Polis. Den entscheidenden Schritt einer zeitgenössischen Gesellschaftstheorie, die gleichermaßen die Kontingenz ihres Fundaments und die Notwendigkeit politischer Entscheidungen sieht, möchte Nancy irritierenderweise nicht gehen. Seine Philosophie scheint für die vollständige Kontemplation votieren zu wollen, für die Enthaltsamkeit. Es ist nicht ohne Ironie, dass „Das Vergessen der Philosophie“ einer Amnesie konkreter politischer Praxis das Wort redet, indem es sich geradezu naiv gegenüber dem Antagonismus (immer finden Ausschlüsse statt) und dem Existenzialismus (es geht womöglich bis zum Äußersten) des Politischen verhält. „Von Anbeginn war das Staunen die Tugend der Philosophie.“ Ein Satz, den womöglich auch ein Francis Fukuyama unterschreiben würde.

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Jean-Luc Nancy: Das Vergessen der Philosophie.
Herausgegeben von Peter Engelmann.
Übersetzt aus dem Französischen von Horst Bühmann.
Passagen Verlag, Wien 2010.
120 Seiten, 15,90 EUR.
ISBN-13: 9783851659184

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