Zauberer im Dauereinsatz

Hans R. Vaget über Thomas Manns amerikanischen Jahre

Von Daniel Tobias SegerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Tobias Seger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Fotomodell: Heller Anzug, weißes Hemd, weißes Einstecktuch, sorgfältig gebundene, gepunktete Fliege, den Hut lässig an der Seite haltend. So blickt uns der fast 70-jährige Thomas Mann nicht unfreundlich vom Cover der Studie Hans R. Vagets zu den Exiljahren des Schriftstellers in Amerika (1938-1952) durch seine randlose Brille an. Die Aufnahme entstand während einer Sitzung der auf Modefotografie spezialisierten Agentur Condé Nast im August 1944. Sie zeigt einen sich seiner Rolle wohl bewussten Thomas Mann, der stilvoll und wohlabgestimmt gekleidet auf professionelle Weise locker an einer Palme steht, so als lehne er sich an (was er natürlich nicht tut!).

„Ausdruck macht Eindruck“, so heißt es in „Joseph und seine Brüder“ an einer Stelle – aber wie schwer ist Thomas Mann dieser Ausdruck bisweilen gefallen! „Quälend, langwierig, Unordnung schaffend“, heißt es etwa im Tagebuch über eine Sitzung für „Vogue“, und über die für „Life“: „Vertraut amerikanische Ausbeutung und Nerven-Tour“. Insbesondere diese Bemerkung gibt ein Gefühl wieder, das in den Tagebüchern der 14 Exiljahre in Variationen immer wieder ausgesprochen oder dem Leser nahegelegt wird: In Amerika ist Thomas Mann der prominenteste und beachtetste Repräsentant eines anderen, demokratischen Deutschland – und fühlt sich in dieser Rolle sichtlich wohl. Er hält sie, seinem Diktum „Wo ich bin, ist Deutschland“ gemäß, für die ihm natürlich zukommende Rolle.

Sie führt ihn zum Präsidenten und in den mit 4.000 Menschen gefüllten Vortragssaal, an Universitäten und nach Hollywood, in intellektuelle (Emigranten-)Kreise und eben auch zum VIP-Fotoshooting. Gleichwohl liegt diese Rolle, dieses ‚Amt‘ schwer auf seinen Schultern und sorgt immer wieder für schlechte Stimmung und zu offen oder verdeckt ausgesprochenen Eingeständnissen innerer Zerrissenheit.

In seiner fast 600 Seiten umfassenden Arbeit zu Thomas Manns Jahren in Amerika widmet sich Hans R. Vaget kenntnisreich und überaus detailliert dem öffentlichen Wirken und der öffentlichen Wirksamkeit des deutschen Schriftstellers, also seiner Rolle als Repräsentant. Sie ist für Vaget verknüpft mit einem inneren Reifeprozess, einem Weg der Selbsterkenntnis und Verantwortlichkeit, der aus dem reaktionären Gepräge der „Betrachtungen“ endgültig herausführt zum entschiedenen Plädoyer für die Notwendigkeit eines Sieges der Demokratie. Der Kampf gegen Hitler ist allgegenwärtig: In seinen Reden, seinen Statements, in den 58 Radiosendungen „Deutsche Hörer“ (1940-1945), aber auch in seinem Aufsatz „Bruder Hitler“ aus dem Jahre 1938. Dass Vaget auf diesen Text mit nur einem Satz eingeht, ergibt sich aus seinem Ansatz, Thomas Manns innere Entwicklung von seinem öffentlichen Wirken her verstehen zu wollen. „Bruder Hitler“ ist hingegen ein introvertierter Text: ästhetisch, ironisch, identifikatorisch, psychoanalytisch. Den Narzissmus seines peinlichen Künstler-Bruders etwa erkennt Thomas Mann auch bei sich – vielleicht in den Momenten, da der Beifall im vollbesetzten Vortragssaal in Chicago aufbrandet oder der US-Präsident dem Nobelpreisträger – exklusiv, wie dieser irrtümlich glaubt – den Drink mixt.

Hier wird eine Spannung deutlich, in die man sich bei der Lektüre von Vagets Buch versetzt sieht. Es ist eine reizvolle, aber immer auch befragenswerte Spannung. Souverän, sachorientiert und mit vielen neuen Quellen und Erkenntnissen angereichert rekonstruiert Vaget etwa Thomas Manns zwei Audienzen bei Präsident Roosevelt, seine Reisen durch Amerika und sein Verhältnis zu den amerikanischen Universitäten: Ohne die Vermittlung des honorigen Journalisten Hendrik Willem Van Loon wäre es kaum zu den beiden Empfängen im Weißen Haus gekommen. Die Bedeutung und die Dimension der Vortragstourneen wird dem Leser erst jetzt (nicht zuletzt durch die beigegebenen Karten) deutlich vor Augen geführt. Ebenso der Umstand, dass die Harvard University Thomas Mann (zusammen mit Albert Einstein) den Ehrendoktor wohl nicht zuletzt deshalb zuerkannt hat, um den Ruf einer judenfeindlichen und nazifreundlichen Universität abzuschütteln. Auch die Rolle Agnes E. Meyers, von Thomas Mann „Fürstin“, aber auch „Geistpute“ genannt, als Vermittlerin der hochdotierten Ehrenprofessur in Princeton und der nicht weniger gut bezahlten Ehrenstelle an der amerikanischen Nationalbibliothek, als mächtige Rezensentin der Bücher ihres umschwärmten Freundes in der ihrem Mann gehörenden „Washington Post“ sowie als Übersetzerin und Gesprächspartnerin, wird ebenso konzise dargelegt, wie die glücklosen Versuche des Schriftstellers, sich als Drehbuchautor in Hollywood zu empfehlen.

Dass sich Vaget bei seinen Darlegungen an die Fakten halten und nicht auf den „unsicheren Weg der Einfühlung“ begeben will, spricht unbedingt für ihn. Es macht sein Buch zu einer Fundgrube, was das öffentliche Wirken Thomas Manns in Amerika angeht (warum dem Band kein übersichtliches Quellenverzeichnis beigegeben ist, bleibt dabei allerdings rätselhaft). Dass Vaget die introvertierte Seite seines umtriebigen Helden, sein Innenleben jenseits der Rolle als Repräsentant eines anderen Deutschland und als Amerikaner bisweilen unberücksichtigt lässt, ist seinem Blickwinkel geschuldet und nicht zu kritisieren. Dennoch ist die Spannung zwischen der durch Fakten abgesicherten Außenperspektive und dem auch ohne große Spekulation rekonstruierbaren inneren Erleben auf jeder Seite spürbar. Dass und wie Thomas Mann den US-Präsidenten zu seinem Helden und Bruder im Geiste kürt, sein politisches Gedankengut aufgreift, diskutiert und gegen Kritik in öffentlichen und privaten Zusammenhängen in Schutz nimmt, das ist die eine, die repräsentative Seite. Dass ihm die Nähe zur Macht schmeichelt und über die Kränkung der Ausbürgerung und Emigration hinweghilft, legen hingegen die Tagebücher nahe.

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass das Problem der Emigration (und ihrer Opfer) überraschend selten thematisiert wird. Vaget weist zwar mehrfach auf Thomas Manns privilegiertes Emigrantentum hin: keine Geldsorgen von Anfang an, Ehrungen, Bucherfolge, gefeierte Auftritte im ganzen Land. Eine „Schicksalsirrtümlichkeit“ der angenehmen Art, ganz im Gegensatz zu seinem darbenden Bruder Heinrich. Thomas Manns problematische innere Haltung zur Emigration und den Emigranten jedoch bleibt unerwähnt. Dabei ist in den Tagebüchern schon mal von „Emigranten-Inzucht“ die Rede, die krampfhaft an der abgelaufenen Epoche hänge; da fühlt sich der stolze Neuamerikaner von Emigranten geradezu belästigt, und Stefan und Lotte Zweigs Selbstmord in der Emigration empfindet er ungerührt als „albern, schwächlich und schimpflich“.

Auch das merkwürdige Verhältnis zu seiner Gönnerin Agnes E. Meyer weist auf den Konflikt zwischen äußerer und innerer Haltung hin. Obwohl er sie als Freundin und Kennerin seines Werkes schätzt, ist sie ihm auch lästig – wegen ihrem „Fanatismus der Hingabe“ und ihrer republikanischen Gesinnung, aber eben auch, weil er in ihr ein ‚Deutsch-Amerikanertum‘ realisiert sieht, das ihm verschlossen bleiben muss. Und Thomas Manns Reisen durch die USA? Sie stehen zweifellos unter politischen Vorzeichen und werden von Vaget völlig zu Recht als wirkmächtige Ausformulierung des Mottos ‚Wo ich bin, ist [das andere] Deutschland“ dargelegt. Dass der Zauberer im Dauereinsatz diese Reisen jedoch selbst als „politisch gebundene Dienstleistung“ und „demokratisches Wanderpredigertum“ ironisch distanziert, ja relativiert hat, wird weniger deutlich ausgesprochen und problematisiert. Diese Gebrochenheit bestimmt jedoch Thomas Manns politisches Engagement (nicht nur) in Amerika nachhaltig. Der Satz aus den „Betrachtungen“, es bleibe bei ihm immer „ein Rest von Rolle, Advokatentum, Spiel, Artisterei, Über-der-Sache-Stehen, ein Rest von Überzeugungslosigkeit“ bestehen, ist für ihn nach wie vor gültig. Entsprechend muss auch sein Wort von seiner „demokratischen Attitüde“ in der Zeit der Emigration, die „nicht recht wahr“ gewesen sei, bei der Bewertung seines politischen Erbes immer mitgedacht und berücksichtigt werden. Nicht mit dem Ziel einer kruden Abwertung, wie sie Joachim Fest nach Vagets Meinung vorgenommen hat, sondern mit dem Ziel eines Blicks hinter die bisweilen allzu repräsentativen Kulissen. Dass der „Doktor Faustus“ der Roman des Exils im Sinne einer sachhaltigen Auseinandersetzung mit dem deutschen Charakter ist, befördert durch die Lektüre von Erich von Kahlers „Der deutsche Charakter“ und Sebastian Haffners „Germany: Jekyll and Hyde“, ist überaus erhellend. Er ist aber auch das Ergebnis eines Ringens mit der eigenen Gebrochenheit – das Thomas Mann fast das Leben gekostet hätte: Seine schwere (Krebs-)Erkrankung wird im Tagebuch als Folge eines solchen Ringens nahegelegt. Und so ist Thomas Manns politischer Reifeprozess und sein Engagement in Amerika von außen betrachtet ‚wahr‘ in einem repräsentativen Sinn, von innen betrachtet jedoch wohl eher im Sinn des Zauberers: in einem künstlerischen.

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Hans Rudolf Vaget: Thomas Mann, der Amerikaner. Leben und Werk im amerikanischen Exil 1938-1952.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011.
584 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783100870049

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