„Was sollen diese Meteoriten in der Landschaft der Literatur?“

Michael Maar macht in seinem Buch „Hexengewisper“ müde Märchen munter

Von Kristy HuszRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kristy Husz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kein Kind, das nicht irgendwann der Fabel vom schlafenden Dornröschen lauscht, dem Jüngling, der drei goldene Haare vom Haupt des Teufels holen soll, die Daumen drückt oder mitleidet, als eine tapfere Prinzessin für ihre in Schwäne verwandelten Brüder Hemden aus Brennnesseln webt. Keine Erwachsenen, denen die Erwähnung von Rotkäppchen, Zinnsoldat, Rapunzel, Froschkönig und Co. nicht ein erinnerndes Lächeln über die Lippen huschen ließe. Keine Kultur zwischen Amazonasbecken, Maghreb und Sibirischer Taiga, die nicht vor Urzeiten mit der Weitergabe kleiner, im Kern verschwisterter Erzählungen begann. Keine Frage – Märchen sind unsterblich.

Doch weshalb eigentlich? Auf die Suche nach der gar nicht so überraschenden Antwort hat sich der unorthodoxe Literaturkritiker und Schriftsteller Michael Maar in seinem jüngst bei Berenberg erschienenen Bändchen „Hexengewisper. Warum Märchen unsterblich sind“ begeben. Der Sohn des Kinderbuchautors Paul Maar hat sich vor allem als Kenner moderner Literaturklassiker einen Namen gemacht und erweist sich nun als scharfsinniger Interpret der Abgründe, die hinter nicht wenigen Märchenfassaden lauern.

Zu Beginn unternimmt er eine kurze Reise durch die Geschichte und zeigt, dass zwischen der indischen Märchensammlung „Panchatantra“, den „Contes de fées“ Charles Perraults sowie den heutigen Märchenadaptionen Walt Disneys und der Disney-Tochter Pixar zwar bisweilen riesige Zeiträume, jedoch keine Welten liegen mögen: „Sie überleben Jahrhunderte lang, notfalls in den Wirtskörpern fremder Texte. Märchen sind uralt und bleiben dabei immer jung.“ In Deutschland sollte die Gattung ihren Durchbruch mit den Brüdern Grimm erleben, deren im Jahr 1838 veröffentliche, 3. Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“ sich international zur bedeutendsten Märchensammlung gemausert hat.

Schön und gut, mag man denken, aber woher rührt dieser weltweite Erfolg, wo doch niemand so genau weiß, wer wann wo warum mit der Überlieferung der ersten Märchen loslegte? Um dieses Geheimnis zu lüften, greift Maar zu einem ungewöhnlichen Mittel. Er beschließt, die starke Gewöhnung an das Befremden, das Märchen einst in uns auslösten, abzuschütteln und den uralten, fremden, bizarren Kern, den sie gleich einem auf die Erdoberfläche gelangten Meteorstein besitzen, wieder in all seiner Andersartigkeit zu betrachten.

Die Brille der Fremdheit, die Maar sich und seinen Lesern aufgesetzt hat, offenbart zunächst zwei hervorstechende Eigenschaften – Märchen sind unlogisch, und sie sind grausam. Exempel für unglaubwürdige Motivierung hat Maar zur Genüge parat: Wieso wird Dornröschen ausgerechnet an seinem verhängnisvollen Geburtstag unbeaufsichtigt gelassen, obwohl die Eltern diesem Tag ganze fünfzehn Jahre entgegenbangten? Warum öffnet Schneewittchen der als Krämerin verkleideten bösen Königin die Tür, obwohl die sieben Zwerge ausdrücklich davor warnten, und lässt sich gleich dreimal todbringende Ware andrehen? Und wie konnte es passieren, dass in dem Märchen „Die zwölf Brüder“ ein Folterfass zugleich mit Giftschlangen und siedendem Öl gefüllt ist – die toxischen Reptilien also eigentlich frittiert sind? Dass Gewalt im Märchenkosmos eine Selbstverständlichkeit ist, muss hier gar nicht erst erklärt werden.

Wenn die Oberfläche vernarbt, die Psychologie absurd und die Moral überdies fragwürdig ist, muss die Unsterblichkeit des anfangs lediglich Erwachsenen vorbehaltenen Genres einen anderen Grund haben. Maar vermutet daher, dass es „tiefere seelische Wahrheiten und Erfahrungen“ gewesen seien, die der Mensch in Märchen wiedererkannt und ansprechend gefunden hätte. Bei diesen Erfahrungen handelt es sich, wie der Autor anschaulich anhand des besonders schaurigen Märchens „Von dem Machandelboom“ nachweist, um nichts Geringeres als die Urthemen des Lebens, das heißt um Initiationsriten und andere Metamorphosen sowie um die „Verknüpfung von Schuld, Verwandlung und Sühne.“ Die Immortalität der Märchen entspringe damit unter anderem ihrer Fähigkeit, elementare, bis in die Steinzeit zurückreichende Menschheitserlebnisse zu speichern.

Mit Hilfe des Klassikers „Hänsel und Gretel“ geht Maar sodann einen Schritt weiter und demonstriert eindringlich, „daß sich in Märchen immer wieder das Urälteste mit dem Historischen vermischt“. Die Figur der Hexe und ihr Hang zu Kindsmord und Kannibalismus maskiere in Wirklichkeit die Mutter der beiden Kinder, die zu ihrem eigenen Schutz im Wald ausgesetzt würden, da der Vater die kleine Familie bekanntlich nicht länger ernähren kann. Mittels eines Tarnmanövers spiele das Märchen damit auf ein ebenso tragisches wie tabuisiertes Faktum der Geschichte an: In der Not frisst der Teufel Fliegen und der Mensch leider seine eigenen Kinder. An eine solche Notlage, nämlich die des Dreißigjährigen Krieges, habe das Grimm’sche Märchen verborgen die Erinnerung bewahrt.

In der Deutung Maars wird das Märchen folglich nicht nur zum Hüter des Archaischen, sondern vor allem zum indirekten Sprachrohr des Unaussprechlichen: Das „Tabu wird erst in der Asbesthaut der runden Geschichte transportabel und mitteilbar. Märchen sind deshalb so unsterblich, weil sie solche Tabus als Glutkerne einbauen. Zugleich aber mildern sie die verletzende Strahlkraft dieser Kerne auf ein warmes Glimmen herunter.“

Ob auch die ebenfalls recht alte Gattung des sogenannten Kunstmärchens den Druck des Unbenennbaren mildern kann, untersucht Maar vornehmlich am Beispiel Hans Christian Andersens. „Die kleine Seejungfrau“ verwandelt sich so, unter Rückgriff auf die Habilitationsschrift Heinrich Deterings, in ein Trojanisches Pferd, in das der dänische Dichter sein Innenleben geschmuggelt hat. Kunstvoll camoufliert schimmere nämlich ein Subtext durch das Märchen, der nicht ein menschheitliches Verbot, sondern ein höchst privates Tabu zur Sprache bringe, das der (unerwiderten) Zuneigung Andersens zu dem Juristen Edvard Collin.

Exkursartig beleuchtet der Autor in seinem letzten Kapitel dann die Wirkung der großen Märchensammlungen, von „Tausendundeine Nacht“ über die Volksmärchen der Brüder Grimm bis hin zu den Kunstmärchen Hans Christian Andersens, auf die Großen der Weltliteratur: Ob in den Werken Prousts, Joyces, Nabokovs oder Kafkas, überall entdeckt Maar märchenhafte Figuren und Vorgänge. Die Vielzahl der Spuren, die Andersen in den Büchern Thomas Manns hinterlassen zu haben scheint und denen Maar bereits in seiner Dissertation „Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg“ gefolgt ist, bilden den Abschluss des erhellenden und unterhaltsamen Büchleins.

Auf wenigen Seiten gelingt es Michael Maar, die aus ferner Kindheit vertraute Sphäre der Märchen mit all ihren Ungereimtheiten und Reibungsflächen ins Gedächtnis zu rufen. Unangestrengt wühlt er sich danach durch das Sedimentgestein der Jahrhunderte und liest jeden Brocken, der ihm brauchbar erscheint, auf, um daraus seine bisweilen recht assoziative Beweisführung zu bauen. Das Ergebnis, das Erfolgsgeheimnis der Märchen, überzeugt jedoch durch seine verblüffende Einfachheit: „Märchen sind unsterblich, weil sie von den Urdingen und Tabus erzählen, die den Menschen schon immer auf der Seele lagen.“ Das Einfache ist meist das Naheliegende.

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Michael Maar: Hexengewisper. Warum Märchen unsterblich sind.
Berenberg Verlag, Berlin 2012.
80 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783937834535

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