„In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch“

Burkhard Meyer-Sickendiek schreibt über die Wiederentdeckung der „Stimmungslyrik“ in der modernen Literaturtheorie

Von Torsten MergenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Torsten Mergen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über das Wesen und die Form von lyrischen Texten ist seit der Etablierung der Germanistik als wissenschaftlicher Disziplin viel geforscht und kontrovers diskutiert worden. Grosso modo konkurrieren momentan fünf zentrale poetologische Konzepte über die moderne deutschsprachige Lyrik im akademischen Diskurs. Dabei werden diese mit fünf wissenschaftlichen Gelehrten assoziiert: Emil Staigers Position der sogenannten Stimmungslyrik, Hugo Friedrichs Ansatz, wonach moderne Lyrik über die Dimension der Verfremdung zu bestimmen sei, Harald Frickes sprachliche Abweichungsthese, Dieter Lampings formorientierte Merkmalsdefinition als „Einzelrede in Versen“ und schließlich Carl Otto Conradys Fokussierung auf die sprachliche Bildgestaltung.

In seiner kürzlich erschienenen Studie mit dem Titel „Lyrisches Gespür. Vom geheimen Sensorium moderner Poesie“ intendiert der Berliner Germanist Burkhard Meyer-Sickendiek eine Weiterführung und Neuakzentuierung dieser fünf paradigmatischen Konzepte. Ihm geht es um nichts weniger als die Klassifizierung von modernen Lyrikern als Experten für den intuitiven Prozess des Spürens und die Einführung des Begriffs „Gespür“ in die Lyriktheorie. Mit anderen Worten: „Wie gelangt das Spüren als leibliches Erleben eines realen Menschen im Sinne eines ‚biographischen Ichs‘ in die sprachliche Form des Gedichts und wird so ein Erlebnis des lyrischen Ichs?“

Erkennbar wird an dieser Stelle, dass sich das rund 570 Seiten umfassende Werk, welches im Rahmen eines „Heisenberg-Stipendiums“ der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“ an der Freien Universität Berlin entstanden ist, auf zwei wichtige Theorien des „Spürens“ bezieht: einerseits die sogenannte Neue Phänomenologie, die vorrangig von Hermann Schmitz geprägt wurde, und andererseits die „Bewusstseinstheorie“, welche zuletzt Ulrich Pothast maßgeblich formulierte.

In einem ersten, theoriegesättigten Teil, welcher die ersten vier Kapitel der Studie umfasst, stellt Meyer-Sickendiek das kultur- und literaturwissenschaftliche Emotionswissen in seinen wissenschaftstheoretischen Bezügen und diversen Facetten akribisch vor. Unter Rückgriff auf die beiden zuvor genannten Kulturphilosophen akzentuiert er die Leitfrage nach den Merkmalen des „lyrischen Gespürs“, wobei er den engen Bezug von Spüren und Sprechen sowie die wesentlichen Unterschiede zwischen Körperlichkeit und Leiblichkeit in diesem Zusammenhang explizit erläutert. Vor allem jedoch zeigt er am Beispiel von „background emotions“ und „existential feelings“ die Vielfalt der Stimmungstypen auf. Gleichzeitig wird durch die Wiederentdeckung der Stimmungslyrik als Situationslyrik deutlich, dass die menschliche Wahrnehmung mehr als die Einzelleistungen der fünf Sinne repräsentiert. Sie könnten – so der Berliner Wissenschaftler – durch vier Analysekategorien deskriptiv erfasst werden: erstens das lyrische Ich als präpersonale Form, zweitens der Erkenntnisweg der Abduktion als Fiktionalisierung leiblicher Erfahrung, drittens die Dimension der lyrischen Bilder und viertens die Metrik als herausragende Elemente situativ beeinflusster lyrischer Sprache. Auf diese Weise werde die sprachliche Manifestation eigenleiblichen Spürens anhand moderner Lyrik deutlich, wie der Autor mehrfach betont, denn unter Rückgriff auf die Konzeption der Neuen Phänomenologie könne man die Synästhesien moderner Kunst als „Charaktere des eigenleiblichen Spürens“ definieren.

Im zweiten, fünf Kapitel umfassenden Teil der Studie verfolgt Meyer-Sickendiek das Ziel, anhand von 96 modernen Gedichten die Vielfalt des Gespürs nachzuzeichnen und einen Textkorpus zu erschließen, welcher die „Stimmungslyrik“ als relevantes Merkmal moderner Literatur akzentuiert. Texte von Autorinnen und Autoren wie Barthold Heinrich Brockes, Hugo von Hofmannsthal, Georg Heym, Max Dauthendey, Rainer Maria Rilke, Günter Eich, Bertolt Brecht, Josef von Eichendorff, Franz Werfel, Rose Ausländer, Friederike Mayröcker oder Friedrich Georg Jünger werden einer ausführlichen textanalytischen Musterung unterzogen. Am Beispiel der fünf Beobachtungsfelder „Magie“, „Leib“, „Empathie“, „Anmutungen“ und „Zeit“ wird verdeutlicht, dass es sich bei der „Stimmungslyrik“ um eine spezifische lyrische Ausdrucksform handelt. Sie nimmt bereits im 18. Jahrhundert bei Brockes ihren Anfang und reicht über die Empfindsamkeit sowie die Naturdichtung zwischen Biedermeier und Realismus bis zur impressionistischen „Stimmungslyrik“ der Moderne. Gerade die großstädtische „Stimmungslyrik“ des Expressionismus und vor allem die hermetische Lyrik der Nachkriegszeit bietet – trotz aller historisch-kultureller Variationen – hinreichend Belegmaterial für intuitives Wissen und dessen sprachliche Verdichtung.

Die Studie enthält reichhaltige Diskussionsanreize für eine intensive Beschäftigung mit der innovativ vorgetragen Thematik. Insofern verspricht der Berliner Wissenschaftler nicht zu viel, wenn er in einem knappen Schlussteil einen Ausblick auf sich eröffnende interdisziplinäre Forschungsfelder gibt: Einerseits soll mit empirischen Studien „die Relevanz lyrischen Gespürs für die ästhetische Wirkkraft von Gedichten“ nachgewiesen und psychometrisch dokumentiert werden. Andererseits soll ein umfangreicher Textkorpus erstellt werden, welcher das Material der vorliegenden Studie ergänzt und erweitert.

Abschließend kann man der These von Burkhard Meyer-Sickendiek, dass Gedichte auf „eine Induktion atmosphärischen Gestimmtseins“ verweisen, eine hohe Plausibilität zusprechen. Nicht umsonst hat bereits Emil Staiger 1946 darauf insistiert, dass man in Goethes „Wanderers Nachtlied“ lediglich das Wort „spürest“ durch „merkest“ ersetzen müsse, um die Qualität des Gedichtes nachhaltig zu verändern.

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Burkhard Meyer-Sickendiek: Lyrisches Gespür. Vom geheimen Sensorium moderner Poesie.
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2011.
570 Seiten, 68,00 EUR.
ISBN-13: 9783770551460

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