Das späte Leiden des Meisters

Aufsätze über Thomas Manns Affinität zur Krankheit

Von Melanie OttenbreitRSS-Newsfeed neuer Artikel von Melanie Ottenbreit

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den Sphären der Krankheit fühle er sich "rettungslos zu Hause", vertraute Thomas Mann im September 1919 seinem Tagebuch an. Er arbeitete in jener Zeit an seinem "Zauberberg", in dem er wie in keinem anderen Romanwerk mit medizinischer Kenntnis aufwartet.

In zwölf Aufsätzen ist nun im 23. Band der Thomas-Mann-Studien nachzulesen, wie sehr die Mannsche Literatur auch über den "Zauberberg" hinaus mit Krankheit in Verbindung steht. Nicht nur der todbringende Zahn Thomas Buddenbrooks wird auf die Erfahrung des Autors selbst zurückgeführt, der in seinen Tagebüchern häufig über "Zahn-Krisis" und "enervierende" Wurzelbehandlungen klagt. Thomas Rütten beleuchtet in seinem erhellenden Artikel über "die medizinische Kenntnis Thomas Manns" dessen anregende Korrespondenz mit Ärzten - wie dem Internisten Frederick Rosenthal.

Als einzigartiges Zeugnis der eingebildeten und tatsächlichen Leiden Thomas Manns, hat sich Albert von Schirnding - nicht ohne Humor - der Tagebücher angenommen. Auf unzähligen Seiten ist dem Diarium der körperliche und seelische Schmerz des Autors eingeschrieben. Er krankte an der Politik und am "verbrecherischen Idioten" Hitler, an seiner Familie und vor allem an sich selbst. Ging es ihm schlecht, wünschte er ungeteilte Aufmerksamkeit am Krankenbett: "Nach dem Erwachen zunehmender Erregungs- und Verzagtheitszustand, krisenhaft, von 8 Uhr an unter K.'s Beistand".

Wenn er litt, tat er es ausgiebig und wohl nicht ganz ohne Übertreibung. "Dr. Kafka, Behandlung der Füße" notiert er 1949, eine "Querdarmverkrampfung" 1952. Keine Blähung war zu banal, keine Therapie zu belanglos, um nicht vermerkt zu werden. Beachtenswert nennt von Schirnding die wortreichen Synonyme, die Thomas Mann etwa für seine diversen Verdauungsprobleme erfand. Zuweilen zeugen die Tagebuchzeilen von Selbstironie und Freude am Wortwitz: "Blinddarm-Besorgnis" im August 1936, "ungehörige Darmverhältnisse" und "gestörte Eingeweide" im Dezember 1953.

Der Mediziner Christian Virchow widmet sich Thomas Manns ernsthaftem Leiden, dem 1946 diagnostizierten Lungenkarzinom. Anhand überlieferter Befunde in Briefen, persönlichen Zeugnissen, den Tagebüchern und Katia Manns "ungeschriebenen Memoiren" doziert Virchow, wie Hofrat Behrens auf dem "Zauberberg", über den Zustand des Mannschen Thorax und die bei ihm angewandte Thoraxchirurgie.

Die hypochondrische Wehklage wie die echte Todesangst vermittelnd, bietet die Aufsatzsammlung, die aus den 3. Davoser Literaturtagen hervorging, einen fundierten Überblick über Thomas Manns Krankheits- und Leidensgeschichte. Als Eigenart des Künstlers ist sie mit den autobiographischen Schriften wie dem erzählenden Werk verwachsen.

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Thomas Sprecher: Vom "Zauberberg" zum "Doktor Faustus". Die Davoser Literaturtage 1998.
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M. 2000.
320 Seiten, 50,10 EUR.
ISBN-10: 3465030702

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