Es muss nicht immer Schnitzler sein

Evelyn Polt-Heinzl plädiert für eine Kanonrevision

Von Veronika SchuchterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Veronika Schuchter

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer war Grete Urbanitzky? Was verbindet Hugo Bettauers „Die drei Ehestunden der Elizabeth Lehndorff“ mit Arthur Schnitzlers „Therese“ und Ödön von Horváths „Der ewige Spießer“? Und wie sieht es mit der Figur des Hochstaplers in der österreichischen Literatur der 1920er- und 30er-Jahre aus? Wer diese Fragen auf die Schnelle nicht beantworten kann oder sich näher dafür interessiert, der sei auf Evelyne Polt-Heinzls „Österreichische Literatur zwischen den Kriegen“ verwiesen. Die Autorin legt nicht nur, wie der Titel verspricht, ein „Plädoyer für eine Kanonrevision“ vor, sondern macht sich gleich selbst daran, indem sie eine umfassende und detaillierte Literaturgeschichte des betreffenden Zeitraums schreibt. Polt-Heinzl, eine ausgewiesene Kennerin der österreichischen Literatur von Schnitzler bis Handke, moniert, dass der so eng gefasste Kanon stereotype Urteile befördere und einseitige Vorstellungen von der österreichischen Literatur der Zwischenkriegszeit zur Folge habe.

Rund um drei Thematiken baut Polt-Heinzl ihre literaturhistorische Untersuchung auf: In Teil I geht es um „Sachwerte, Kursstürze, Projektionsfiguren“, Teil II nennt sich „Der erste Weltkrieg und die Töchter“ und Teil III behandelt „Großstadtleben und Medienwelten“. Die Großkapitel sind wiederum in eine Vielzahl thematischer Unterkapitel gegliedert. Die Themenauswahl wirkt auf den ersten Blick etwas eingeschränkt, vor allem die fehlende Betrachtung literarischer Wissenschaftsdiskurse schmerzt etwas; das ist der Autorin indes selbst bewusst und was noch ist, kann ja noch werden.

Anhand der fein aufgefächerten Subthemen und ihrer Abhandlung in der Literatur kristallisiert sich ein Bild der österreichischen Zwischenkriegsgesellschaft heraus, die freilich vornehmlich auf Wien fokussiert, was nicht nur den Spezifika der Neuen Sachlichkeit geschuldet ist. Die Verstörungen und Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg, Massenarbeitslosigkeit, Schwarzmarkt und Bankencrash, das Eindringen der Frauen in Männerdomänen, wie sie typisch für Nachkriegsgesellschaften ist, genauso wie die darauf folgende Gegendynamik, prägen den Zeitgeist und die Literatur zwischen den Kriegen. Sehr spannend lesen sich auch die Kapitel über den Einfluss neuer Technologien wie Radio und Telefon auf Erzählstrategien, auch wenn dabei der thematische Fokus auf die österreichische Literatur nur durch die Auswahl der behandelten AutorInnen aufrecht erhalten wird. Einziges Manko ist, dass die Konzentration auf thematische Schwerpunkte ästhetische und formale Spezifika zu kurz kommen lässt. Manche Leser mögen die zum Teil recht ausführlichen Inhaltsangaben, aus denen ein großer Teil des Buches besteht, als störend empfinden. Sie lassen sich, das Ziel der Kanonrevision und der Wiederentdeckung vergessener Texte und AutorInnen vor Augen, aber kaum vermeiden, mehr noch, sie machen Lust, sich auch selbst wieder einmal jenseits der arrivierten Literatur umzusehen.

Ein großer Verdienst Polt-Heinzls ist die Sichtbarmachung weiblicher Autorschaft. Während der Kanon der Literatur der Weimarer Republik und der Neuen Sachlichkeit neben Anna Seghers gerade noch Vicki Baum, Irmgard Keun und vielleicht Mascha Kaléko kennt, ruft Polt-Heinzl eine Vielzahl vergessener und nahezu unbekannter Autorinnen wie Joe Lederer oder Martina Wied in Erinnerung.

Dass Polt-Heinzl Teil II ihrer Abhandlung „Der erste Weltkrieg und die Töchter“ nennt, ist bezeichnend für den gewählten Blickwinkel auf die Literatur: Was üblicherweise als ureigenstes Gebiet männlicher Autorschaft und Perspektivik gilt, zu dem Autorinnen nichts Substanzielles beizutragen haben, durchforstet Polt-Heinzl nach weiblichen Perspektiven, Figuren, Plots und Lebenswelten. Natürlich hat man von Mela Hartwig, Veza Canetti, Maria von Peteani oder besagter Grete Urbanitzky vielleicht flüchtig schon gehört. Hier aber wird ihre Literatur als gleichrangig behandelt. Was Polt-Heinzl etwa Joe Lederer und Irmgard Keun attestiert, praktiziert sie selbst: Sie stellt „ihr Okkular schärfer“ und entzieht weibliche Figuren dem kollektivierenden, meist männlichen Blick. Dabei rückt die Autorin das Geschlecht nicht als Disposition in den Raum, sondern untersucht die Texte in einer bewusst nicht autorzentrierten Lesart, was Geschlecht und Stellung im Kanon gleichermaßen betrifft, auf weibliche Motive und Plots wie Vater-Töchter-Beziehungen, die Feindfigur der Lesbierin oder den Problemfall Studentin. So leistet die Untersuchung nicht nur einen wichtigen Beitrag zur (feministischen) Literaturgeschichtsschreibung, sondern bietet auch alternative Lesarten zu Texten kanonisierter Autoren wie Schnitzler, Musil und Elias Canetti an.

Das schön gestaltete Buch bietet dem Leser zum Service eines umfangreichen Namensregisters auch noch ein chronologisches und ein alphabetisch gegliedertes Verzeichnis der Primärliteratur. Am Rande des Fließtextes findet sich, grafisch abgehoben, ein Verweissystem auf andere Kapitel, in denen das aktuell Besprochene ebenfalls kontextualisiert wird, was dem Buch enzyklopädischen Charakter gibt und ihn als Nachschlagewerk geeignet macht.

Grete Urbanitzky war übrigens nicht nur die erste Präsidentin des österreichischen PEN-Clubs, sondern auch eine äußerst umstrittene österreichische Schriftstellerin – zum einen aufgrund ihrer emanzipierten Romane, zum anderen wegen ihrer mangelnden respektive sehr spät eintretenden Distanzierung vom Nationalsozialismus. Bettauers, Schnitzlers und Horváths Texte verbindet das Motiv des Töchterschachers und was es mit den österreichischen Pendants Felix Krulls auf sich hat, lässt sich in Evelyne Polt-Heinzls überzeugender Monografie nachlesen.

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Evelyne Polt-Heinzl: Österreichische Literatur zwischen den Kriegen. Plädoyer für eine Kanonrevision.
Sonderzahl Verlag, Wien 2012.
340 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783854493808

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