Eine Autobiografie, die ihren Namen nicht zu nennen wagt

Stephanie Baumann erkundet Siegfried Kracauers „History – The Last Things before the Last“

Von Armin NolzenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Armin Nolzen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 1. Oktober 1950 schrieb der Essayist, Schriftsteller, Filmwissenschaftler, Soziologe und Journalist Siegfried Kracauer seinem Freund Theodor W. Adorno einen Brief, in dem er ihm zu seiner Ernennung zum außerordentlichen Professor in Frankfurt am Main gratulierte. Kracauer, der als Jude gleich nach der NS-Machteroberung Ende Februar 1933 aus dem Deutschen Reich geflohen war, lebte nach einer regelrechten Odyssee, die ihn gemeinsam mit seiner Frau Lili unter widrigsten Umständen von Paris über Marseille und Lissabon im Frühjahr 1941 in die Neue Welt geführt hatte, in New York und war seit 1946 amerikanischer Staatsbürger. Er berichtete Adorno davon, wie er gerade im Begriff sei, seine alten Papiere zu ordnen, und „dieses Wühlen in der Vergangenheit […] erregte in mir eine unbändige Lust, meine Memoiren zu schreiben […]. Doch das würde ein Luxus sein, den ich mir vielleicht nie werde leisten können“. Auf den ersten Blick sollte Kracauer Recht behalten, denn seine Memoiren blieben bis zum seinem Tod am 26. November 1966 in der Tat ungeschrieben.

Die vorliegende Monografie von Stephanie Baumann, eine Dissertation an den Universitäten Paris 8 (Norbert Waszek) und Tübingen (Dorothee Kimmich), könnte dazu führen, dieses Urteil revidieren zu müssen. Vordergründig betrachtet, befasst sich die Autorin nur mit Kracauers posthum im Jahre 1969 erschienenen Spätwerk „History – The Last Things before the Last“, das leider Fragment geblieben ist und dessen abenteuerliche Editionsgeschichte sie einleitend kurz skizziert (ausführlich ist diese in Band 4 der mittlerweile abgeschlossenen Kracauer-Werkausgabe in einer fast 200 Seiten langen editorischen Nachbemerkung von Mitherausgeberin Ingrid Belke aufgearbeitet worden). Allerdings zeigt Baumanns Interpretation von „Geschichte – Vor den letzten Dingen“, so der Titel der 1971 erstmalig publizierten Übersetzung ins Deutsche, dass im Grunde genommen Kracauers gesamte Lebensgeschichte in dieses Buch einging. Es stellt, so könnte man pointierter formulieren, eine Autobiografie dar, die ihren Namen nicht zu nennen wagt. Die Vorgehensweise der Autorin ist einfach, aber wirkungsvoll. Sie argumentiert am Textkorpus von „Geschichte“ entlang und ordnet jede Aussage in den Werkkontext ein (die Zitate sind stets doppelt anhand der amerikanischen Erstausgabe und der neuen Werkausgabe nachgewiesen). Sie sucht nach Gedankenbezügen zu Kracauers frühen, mittleren und späteren Schriften, analysiert die Korrespondenz, die er mit anderen bedeutenden Gelehrten wie Robert K. Merton, Henri-Irénée Marrou, Herbert Butterfield, Claude Lévi-Strauss, Isaiah Berlin, Raymond Aron, Werner Kaegi, George Kubler, Hans Robert Jauss und Hans Blumenberg über „Geschichte“ führte, spürt Exzerpten und Randnotizen nach, die in Kracauers Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar aufbewahrt sind, und inventarisiert auch noch das allerletzte Puzzleteil, das Aufschluss über die Herkunft von Kracauers Äußerungen in „Geschichte“ geben könnte. In einem Dokumentenanhang werden darüber hinaus die wichtigsten seiner meist handschriftlichen Vorarbeiten faksimiliert abgedruckt.

Baumann beginnt ihre Interpretation mit dem Kapitel „Historische Erfahrung“, in dem sie Kracauers Wechsel in die Berliner Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ im Frühjahr 1930 als Anfang einer „inneren Emigration“ deutet. Dem folgte 1933 die reale Flucht nach Frankreich, wo sich Kracauer und seine Frau unter ähnlich menschenunwürdigen Bedingungen über Wasser hielten wie viele andere jüdische Exilanten. Die weiteren Kapitel gliedert die Autorin nach jenen sachsystematischen Aspekten, die sie als zentrale Themen von „Geschichte“ identifiziert. In Kapitel 2 widmet sie sich den „Figuren des Historikers“, die Kracauer nacheinander evoziert, um damit die besondere Beschaffenheit der Geschichtswissenschaft zu demonstrieren: dem Richter, dem Detektiv, dem Arzt, dem Flaneur, dem Fremden, dem Exilanten und dem Fotografen. Diese auf den ersten Blick nur wenig aussagekräftigen Analogien verweisen auf Kracauers wichtige Idee des Historikers als einem Zeitreisenden, der in der zu erforschenden Vergangenheit wie in der Gegenwart leben und sich zwischen beiden Zeiten hin- und herbewegen müsse. In Kapitel 3 „Zeit und Bild“ weist die Autorin überzeugend nach, dass Kracauers Geschichtsdenken untrennbar mit dessen spezifischer Sicht des Filmes als fotografischem Medium verbunden ist. Ausführlich analysiert sie Kracauers Kritik an den linearen Zeitvorstellungen der Geschichtswissenschaft und sein nachdrückliches Plädoyer für eine Theorie des Zeitraums als, wie er in „Geschichte“ formuliert, „einer Art Treffpunkt für Zufallsbegegnungen – wie etwa der Wartesaal eines Bahnhofs“ (in dieser Hinsicht ist auch das Titelbild, eine Fotografie eines Truppenabschieds in der großen Vorhalle der New Yorker Penn Station von Alfred Eisenstaedt aus dem Jahre 1943, sehr gut gewählt). Es war der französische Romancier Marcel Proust, der zu Kracauers zentralem Gewährsmann für eine Zeitkonzeption avancierte, die vielleicht am besten als Theorie kumulierter Gleichzeitigkeit zu bezeichnen ist. Kracauer spricht von einem „Katarakt der Zeiten“, um die Vielfalt der zeitlichen Ströme zu umreißen, mit denen der Historiker konfrontiert ist.

In Kapitel 4 „Totale und Fragment“ geht Baumann jener Bestimmung des Verhältnisses zwischen Mikro- und Makrogeschichte nach, die Kracauer in „Geschichte“ versuchte und für die er auf die Soziologie seines Lehrers Georg Simmel und seine eigenen filmtheoretischen Arbeiten zurückgriff. Kracauer favorisierte den mikrohistorischen Zugriff, wie ihn beispielsweise der italienische Mediävist Carlo Ginzburg bis heute praktiziert, und lehnte die quantifizierende Sozialgeschichte, die sich Anfang der 1960er-Jahre gerade erst zu entwickeln begann, rigide ab. Jenen Methodenpluralismus, durch den sich die Geschichtswissenschaften heute auszeichnen, hätte Kracauer als Ausweis der Schwäche dieses Faches gebrandmarkt. Mehr Sympathie legte er für die Probleme des Schreibens von Geschichte an den Tag, sofern sie die Struktur des historischen Plots betrafen. Baumann würdigt Kracauers Ausführungen als Vorläufer jener Narrativitätsdebatte, die Hayden Whites Buch „Metahistory“ Mitte der 1970er-Jahre losgetreten hat. Kapitel 5 schließlich ist den beiden Zentralproblemen des Historismus gewidmet, die Kracauer seit den 1920er-Jahren umtrieben: dem inhärenten Relativismus der Geschichtsschreibung und der Idee des Fortschritts. Baumann gelingt darin eine beeindruckende Rekonstruktion jener Unterschiede, die zwischen Kracauers Geschichtskonzeption und den Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ seines Weggefährten Walter Benjamin bestanden, die dieser vor seinem Selbstmord im Juni 1940 fertiggestellt hatte. Sie zeigt, dass Kracauer Benjamins „geschichtsphilosophische Thesen“ ausführlich rezipiert hat, sie aber, anders als etwa Hannah Arendt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, nicht als alleinigen Ausgangspunkt der historischen Betrachtung gelten lassen wollte. Der zentrale Unterschied scheint in der Einschätzung der „Einfühlung“ gelegen zu haben, die Benjamin so vehement ablehnte, weil sie nur dem Sieger der Geschichte und damit den jeweils Herrschenden zugute komme. Kracauer hingegen notierte auf einer Karteikarte, auf der er Benjamins einschlägige VII. These exzerpiert hatte, kurz und bündig: „Without the gift of empathy the historian would be lost“.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, alle Einsichten zu referieren, zu denen uns die Autorin mit ihrem beeindruckenden Buch verhilft. Sie behandelt Kracauers „Geschichte“ als Funktion ihres Autors, seiner individuellen Lebens- und Erfahrungsgeschichte, seiner Korrespondenzen und Lektüreeindrücke. Was aber ist das Genuine, das Eigenständige, das Bleibende dieses Werkes, auch und gerade für Historiker (zu denen ja auch der Rezensent zählt)? Baumann beantwortet diese Frage mit dem „Vorraum-Denken“ Kracauers, der die Geschichte von Philosophie und Kunst abgrenze, die beide auf absolute Wahrheiten abzielten. Demgegenüber halte sich die Geschichte eher im „Vorraum“ der letzten Dinge auf, denn sie sei weder dogmatisch noch könne sie irgendwelche absoluten Gewissheiten verkünden. Als Vorbild für historisches „Vorraum-Denken“ diente Kracauer der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt. Anhand von dessen Werk versucht er eine „Utopie des Dazwischen“ zu konturieren, bei der sich die (stets relative) „Wahrheit“ der Geschichte in den Hohlräumen zwischen dem schon Bekannten finden lasse. Kracauer ging es auch darum, die Geschichte als eigene Wissenschaft erst zu konstituieren; ein Bemühen, das an Marc Blochs „Apologie der Geschichtswissenschaft“ von 1941 erinnert, die er in „Geschichte“ sowohl rezipiert wie kritisiert hat. Dazu insistierte Kracauer auf einem behutsam modernisierten Historismus, bei der die Mitte des 19. Jahrhunderts ausdifferenzierte historische Methodik, also Heuristik, Kritik und Interpretation, sowie die Topik als Lehre von der Form der geschichtlichen Darstellung (Johann Gustav Droysen) intakt bleiben und nur durch einige Neujustierungen ergänzt werden sollten. Dazu zählten die erzähltechnische Berücksichtigung der kumulierten Gleichzeitigkeit von historischen Ereignissen, der Verzicht auf die Kategorie der Kausalität, die Ablehnung jedweder historischer Gesetzmäßigkeiten und die Hinwendung zur mikrogeschichtlichen Beschreibung.

Aus der Perspektive des heutigen Historikers mutet Kracauers „Vorraum“-Kapitel – übrigens das letzte in „Geschichte“ – dunkel und verworren an. Dies resultiert in erster Linie aus dem Sachverhalt, dass es nur auf einem kaum durchgearbeiteten Exposé beruht und nicht über das Stadium eines ersten Entwurfs hinausgekommen ist. Das zentrale Gelenkstück von Kracauers „Geschichte“ ist unvollendet. Liest man dieses Werk mit den Augen eines Spezialisten für die Geschichte des Nationalsozialismus und bezieht zudem die erwähnte Benjamin-Kritik in die Betrachtung ein, so könnte dessen Bedeutung aber auch auf einer anderen Ebene liegen. Benjamins materialistisch-messianische Forderung, die Geschichte „gegen den Strich zu bürsten“ und sich einer Geschichte der Opfer zuzuwenden, wird bei Kracauer lautlos und unbemerkt zugunsten einer Betrachtungsweise aufgegeben, die man vielleicht mit Saul Friedländer als „integrierte Geschichte“ bezeichnen könnte. Kracauer geht es darum, eine Geschichte von Tätern und Opfern, von objektiven Gegebenheiten und subjektiven Wahrnehmungsweisen und von konkreten und allgemeinen Aspekten zu erzählen. Seine Geschichtsschreibung strebt danach, die unterschiedlichsten Perspektiven in einem einzigen Referenzrahmen zu integrieren. Hierzu bedarf es eines Historikers, der sich seinem Stoff flexibel anschmiegt und zudem die notwendige Dosis an Empathie entwickelt. Wer Geschichte schreiben will, muss sich zuerst einmal selbstreflexiv zum eigenen Historiker-Ich verhalten. Und um dies auch realisieren zu können, sollte er Kracauer (und Baumann über Kracauer) lesen.

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Stephanie Baumann: Im Vorraum der Geschichte. Siegfried Kracauers „History –The Last things before the Last“.
Konstanz University Press, Konstanz 2014.
400 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783862530342

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