Eine immerwährende Krise

David Steinitz erzählt die spannende „Geschichte der deutschen Filmkritik“

Von Wolfgang M. SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Wolfgang M. Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Filmkritik ist in der Krise. Wieder einmal. Denn wer die „Geschichte der deutschen Filmkritik“ von David Steinitz liest, wird anschließend wissen, dass der Krisendiskurs ihr ständiger Begleiter ist. Diesmal scheint es aber besonders schlimm um die Filmkritik zu stehen: Zeitungen leisten sich immer seltener festangestellte Kritiker, im Fernsehen findet Filmkritik so gut wie nicht mehr statt und zudem bessern sich viele Filmkritiker ihr kärgliches Gehalt mit Werbetexten für Pressehefte auf und verlieren damit ihre Unabhängigkeit. Hinzu kommt die Herausforderung dessen, was man landläufig die digitale Revolution nennt. Jeder kann in irgendeiner Weise – ob im eigenen Blog, als Kunden-Rezensent bei Amazon, als Podcaster oder Forumskommentierer – filmkritisch tätig sein. Bei massenkompatiblen Großproduktionen ist die Meinung von sogenannten Fanboys inzwischen wichtiger und einflussreicher als eine Kritik im Feuilleton einer überregionalen Zeitung. Immer hysterischer wird deshalb die Frage gestellt: Ist die professionelle Filmkritik nicht bloß noch ein Relikt aus vergangenen Tagen? David Steinitz beantwortet diese Frage – wenn auch etwas zu zaghaft – mit Nein und zeigt in seiner Studie „Geschichte der deutschen Filmkritik“, die eine überarbeitete Fassung seiner Dissertation ist, dass die Lage der Filmkritik immer schon eine prekäre war, wenngleich sie durch das Internet noch prekärer geworden ist.

Der Theaterkritiker C. Bernd Sucher hat zu der Studie ein kurzes, völlig belangloses Vorwort verfasst, in dem er meint, Steinitz schreibe so gut, dass „nicht einmal die Fußnoten“ störten. Eine kuriose Auffassung von Wissenschaft, zumal für einen Professor. In der Tat schreibt Steinitz sehr elegant und stilsicher, weshalb es umso verwunderlicher ist, dass die Studie kaum ein Wort über den Stil einzelner Filmkritiker verliert. Beschrieben wird vornehmlich auf der Metaebene, aus beispielhaften Kritiken direkt zitiert wird nur sehr selten, so dass viele Erläuterungen blutleer bleiben. Mit einem Close-Reading von Beispieltexten wäre die Materie greifbarer geworden. An Platz dafür hätte es nicht gemangelt, denn warum Steinitz auch zusätzlich die Geschichte des Films und des Mediums so extensiv beschreibt, würde sich nur erschließen, wenn diese stärker analytisch mit seinen Ausführungen zur Kritik verzahnt wären. So aber ist man bei der Lektüre oft dazu gezwungen, sich Fundamentales noch einmal erklären zu lassen, das man bei potenziellen Lesern ohne schlechtes Gewissen hätte voraussetzen dürfen – oft ohne danach zu tieferen Einsichten bezüglich der eigentlichen Sache zu gelangen. 

Trotzdem, Steinitz, der als Filmkritiker bei der „Süddeutschen Zeitung“ arbeitet, leistet mit seiner Studie eine Pionierarbeit, denn bislang gab es keine umfassende Geschichte der deutschen Filmkritik. Schon deshalb ist die Arbeit lesenswert. Vorangestellt ist ihr eine kurze theoretische Einführung über den Begriff der Kritik und seine verschiedenen Ausprägungen: Steinitz spannt einen weiten Bogen von Immanuel Kant, über Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Karl Marx, bis hin zu Theodor W. Adorno, der naturgemäß kursorisch bleiben muss, aber dennoch entscheidende Positionen benennt, die in den folgenden hundert Jahren Filmkritik wiederkehren werden. Denn die Filmkritik war, und das gilt für sie noch stärker als für die Literaturkritik, immer schon ein Kampfplatz, eben weil der Film als Industrieprodukt noch viel tiefer in ökonomische und politische Zusammenhänge eingebettet ist. L’ art pour l’art galt für den Film nie, so sehr sich mancher Autorenfilmer dies auch gewünscht haben mag.

Als die Bilder laufen lernten, begann auch die journalistische Beschäftigung mit dem neuen Medium und sofort wurde heftig debattiert, ob das Kino schädlich für die Bevölkerung sei oder ob es sich per se um eine demokratische, weil bezahlbare Kunst handle und darüber, ob es überhaupt eine Kunst sei. Die kulturkritische Debatte wird während der Weimarer Republik fortgesetzt, mit noch heute berühmten Protagonisten wie Béla Balazs oder Siegfried Kracauer, der das Kino schätzte, jedoch vor dem gefälligen Unterhaltungsfilm warnte, der lediglich einen „Kult der Zerstreuung“ bewirke. Steinitz zeigt sehr eindrücklich, wie die frühen Jahre der Filmkritik durchweg von theoretischen Überlegungen zum Film geprägt waren. Ganz anders als dann im Nationalsozialismus: Mit Goebbels’ ‚Kunstbetrachter-Erlaß‘ von 1936 wurde die freie Kritik abgeschafft. Spannend und aufschlussreich ist, dass Steinitz sich in einem Unterkapitel Goebbels als Filmkritiker widmet, der Hitler einmal 18 Micky-Maus-Filme zu Weihnachten schenkte und über seine eigenen Kinoerlebnisse Tagebuch führte. Sein Lieblingsfilm, so notierte er, sei „Vom Winde verweht“. 

Anschaulich und schlüssig sind auch Steinitz’ sachliche und objektive Schilderungen der kontrovers geführten Diskussionen um die bundesrepublikanische Filmkritik. Dass der Autor, kennt man seine Filmkritiken, selbstverständlich auch einer bestimmten Richtung zuzuordnen wäre – und zwar der nicht-ideologiekritischen – spielt bei der Abhandlung kaum eine Rolle. Das ist respektabel und gewinnbringend für den Leser, der sich je nach Gusto selbst positionieren darf. Besonders eindrucksvoll ist Steinitz’ Beschreibung der Filmkritik in der Phase zwischen 1960 bis 1990, in der Filmkritiker verschiedenster Couleur erbittert um ihren jeweiligen Deutungsanspruch kämpften. Den Vertretern der „politischen Linken“, die besonders auf die konkreten Filminhalte in ihren Rezensionen abzielten, stehen die Vertreter der „ästhetischen Linken“ gegenüber, denen sich das Politische in erster Linie durch die Form offenbarte. In den 1980er-Jahren wird dieser Streit fortgesetzt, eine neue Generation von Filmkritikern strebt nach der Vormachtstellung, führt neue Kriterien zur Bewertung von Filmen ein und sorgt für eine Entpolitisierung: Die „subjektive Filmkritik“ ist geboren, deren berühmtester Vertreter der bereits verstorbene Michael Althen war. Diese damals jungen Wilden kokettierten offen mit ihrer Vorliebe für das große Hollywoodkino, warfen vielen Autorenfilmern einen enervierenden Intellektualismus vor und übertrugen diesen Vorwurf auch auf jene Kritikerkollegen, die in einem „Gefängnis aus Büchern“ (Claudius Seidl) säßen und mit ihrer unverständlichen Schreibweise vor allem die Leser beleidigen würden.

Dargestellt ist dies alles ausgewogen, und doch vermisst man schmerzlich eine wirkliche Analyse der einzelnen Positionen. Zwar kontextualisiert Steinitz, dass das Kulturverständnis der Kohl-Regierung eines war, das von Filmen Unterhaltung und keine Kunst oder Gesellschaftskritik erwartete, doch bleibt er eine Antwort oder zumindest eine These schuldig, ob die neue, bewusst affirmative Filmkritik nicht zuvörderst eine Fortschreibung dieses unkritischen Denkens der Politik mit den Mitteln der Filmkritik sein könnte. Auch was die Kritiken der 1990er-Jahre betrifft, die Steinitz als noch unpolitischer und poplastiger beschreibt als die der 1980er, hätte mehr theoretische Durchdringung des Sachverhalts gutgetan; denn es war beispielsweise Jean Baudrillard, der schon zur Wendezeit davor gewarnt hatte, dass die ‚fröhlichen Neunziger‘ fürchterlich beliebig und belanglos werden könnten – was sie, bezogen auf die Filmkritik, tendenziell auch waren.

Die „Geschichte der Filmkritik“ bleibt an diesen Stellen zu deskriptiv und wird erst schärfer im Ton – jedoch leider nicht in der Analyse –, als es um den Stand der Filmkritik im digitalen Zeitalter geht. Bedauerlicherweise nimmt das entsprechende Kapitel überwiegend die schwindende monetäre Entlohnung von Filmkritikern in den Fokus, was sicherlich ein wichtiger Aspekt ist, der den Online-Journalismus grundsätzlich betrifft, aber lange nicht der wichtigste. So ist es schade, dass als positive oder negative Beispiele nur die üblichen Verdächtigen der Online-Filmkritik genannt werden, die nahezu alle einen ‚seriösen‘ Feuilleton-Hintergrund haben oder Filmwissenschaftler sind; spannendere Formate aber finden – immerhin besteht das Netz nicht nur aus Texten, sondern ist stark audiovisuell geprägt – keine Erwähnung. Gerade in Zeiten von schwarmartigen Service-Kritiken wäre ja die Frage zu stellen, ob es nicht an der Zeit ist, auf jene Kompetenzen sich zu besinnen, die die ideologiekritischen und ästhetisch argumentierenden Filmkritiker der Vergangenheit einmal entwickelt haben. Denn fest steht: Kritiken in Form von Filmtipps gibt es zu Genüge, dafür muss man keine Zeitung abonnieren beziehungsweise keinen professionellen Filmkritiker honorieren. Und so hätte man sich im Fazit anstatt einer recht braven Zusammenfassung des Dargelegten eine angriffslustigere Verteidigung der Filmkritik gewünscht, denn als diese ist Steinitz’ Studie durchaus interpretierbar, weil man zum Teil längst vergessenen kritischen Standpunkten begegnet, die man gewiss gewinnbringend – im monetären wie im idealistischen Sinne – wiederbeleben könnte und sollte.

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David Steinitz: Geschichte der deutschen Filmkritik.
edition text & kritik, München 2015.
325 Seiten, 30,00 EUR.
ISBN-13: 9783869164090

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