Im Brennglas der Peripherie

Jerome Ferraris Korsika-Trilogie verflicht Kolonial- und Familiengeschichten des blutigen 20. Jahrhunderts

Von Bernd BlaschkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernd Blaschke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Familienromane haben im letzten Jahrzehnt großen Zuspruch gefunden. Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur reflektierten Zeitgeschichte gerne anhand der Berufswahlen, Wohnorte und Paarungsschicksale entlang den Generationen einer Familie. So ließ sich gleichermaßen panoramatisch wie konkret erzählen über das abgeschlossene 20. Jahrhundert. Das war bekanntlich zutiefst gekennzeichnet von Brüchen aller Art, von Gewalt und von einem hohen Maß an Mobilität. Fest steht, dass das Lesepublikum – wie schon seit dem 18. Jahrhundert – gerne weiterhin zu Familiennarrationen greift. Vermutlich vor allem deswegen, weil diese Orientierung und eine gewisse Heimeligkeit versprechen, gleichsam eine temporäre Adoption und empathisches Miterleben in den Familienkreisen der literarischen Wahlverwandten. Auch die Jurys von Literaturpreisen fanden regelmäßig Gefallen an diesem Subgenre des Romans. Sie zeichneten die Familienromane von Arno Geiger, Julia Frank oder Eugen Ruge mit dem Deutschen Buchpreis aus.

Von 2008 bis 2012 hat Jérôme Ferrari, ein in Deutschland bisher erst zögerlich rezipierter französischer Romancier, die Möglichkeiten des Familienromans auf sehr welthaltige Art und Weise zu neuen Höhen geführt. Ferrari stammt aus einer korsischen Familie und wuchs bei Paris im Milieu der Mittelklasse auf. Seine Mutter war Lehrerin, der Vater Ingenieur. In der Kapitale studierte er Philosophie, doch verließ er das Zentrum anschließend und arbeitete als Philosophielehrer an Gymnasien in Algerien, Korsika und Abu Dhabi. Und genau diese Weltläufigkeit, ein feines Sensorium für Berührungs- und Wendepunkte von Geschichte(n), Orten und Lebensläufen, zeichnet auch seine Korsika-Trilogie aus. Die drei Romane „Balco Atlantico“, „Und meine Seele ließ ich zurück“ sowie „Predigt auf den Untergang Roms“ kreisen um Vorfahren und Sprösslinge von vier Generationen einer korsischen Familie.

Ferraris Narrative und ihre Protagonisten kehren zwar immer wieder zurück auf die zugleich archaische wie vom Tourismus frequentierte Mittelmeer-Insel, doch führen die Lebensläufe der Familienmitglieder und mithin die Erzählfäden auch hinein in die Geschichte der Kriege des 20. Jahrhunderts. Sie werfen dabei ungemein eindringliche Schlaglichter auf die psychischen Folgen für die Kämpfer und Opfer der Kriege. Als hellwacher Beobachter verhandelt Ferrari in der Trilogie zudem Migrationen, Kulturkontakte und Konflikte, die sich besonders prägnant und anschaulich an der Peripherie zeigen. Mit einem Faible für Pathos und Gewalt spielt der philosophische Geschichtenerfinder durch, was geschehen kann, wenn europäische Touristen, afrikanische Migranten, eingesessene Korsen und korsische Remigranten mit ihren kulturellen Prägungen und individuellen Trieben aufeinandertreffen.

Ferrari hat seine Korsika-Trilogie dabei nicht, wie es für Familiennarrative üblich wäre, chronologisch geordnet, vielmehr schreitet er von Buch zu Buch in der Zeit und den Generationen zurück. Wobei jeder Roman auch gut für sich lesbar ist. Das macht deren deutsche Übersetzungsgeschichte unproblematisch; der junge Zürcher Secession Verlag brachte 2010 zuerst den zweiten Band heraus, sodann den dritten Band „Predigt auf den Untergang Roms“, der den Prix Goncourt 2012 und damit höchste internationale Aufmerksamkeit einbrachte, sowie den ersten Band, die beide 2013 auf Deutsch erschienen. Der Verleger Christian Ruzicska produziert in seinem kleinen Verlag mit Entdeckergeist und einem guten Gespür für interessante Autoren sehr schön gestaltete Bücher. Für die Romane Ferraris dient Ruzicska zugleich als geschickter Übersetzer, der die oft lang ausschwingenden Partizipialkonstruktionen des französischen Stilisten in ein gleichfalls rhythmisiertes Deutsch überträgt.

Der erste Band, „Balco Atlantico“, kreist um Beziehungsgeschichten in der studentischen Generation der Jahrtausendwende. Die jungen Aktivisten des bewaffneten, terroristischen korsischen Unabhängigkeitskampfes verfehlen ihre Träume und ihre éducation sentimentale auf verschiedenste Weisen. Dem korsischen Nationalismus stand auch der junge Ferrari einst nahe, wohingegen er nun in seinem Erzählwerk ziemlich desillusioniert von den wenig idealistischen Privatmotiven der Kämpfer berichtet. Parallel zu den Ideen und Taten dieser korsischen Kämpfer, deren Eitelkeit und sexuelle Besonderheiten neben regionalistischen Idealen und fragwürdigen Geschichtskonstruktionen als Antriebe des militant terroristischen Befreiungskampfes aufgedeckt werden, erzählt „Balco Atlantico“ von den Wünschen und den Widerfahrnissen eines jungen afrikanischen Geschwisterpaars, das nach Korsika migriert. Der junge Mann verdingt sich notgedrungen als Drogendealer und wird von den korsischen Nationalisten erschossen. Auch dieser Mord geschieht eher aus niedrigen persönlichen Gründen als aufgrund der vorgeschobenen politischen Ideale. Seine Schwester arbeitet in jener Bar im korsischen Bergdorf, die als Zentrum, Begegnungs- und Verknüpfungspunkt der mannigfaltigen Erzählstränge dient.

Ferrari erfindet zahlreiche plastische Figuren, neben den Liebespaaren oft auch Freundschafts- oder Geschwisterpaare, deren Partner sich mit ihren komplementären psychischen Dispositionen anziehen, ohne doch zu stabilen Beziehungen oder gar einem sinnerfüllten Leben gelangen zu können. Stéphane, einer der brutalen Freiheitskämpfer, die ihren Stolz und ihre Männlichkeit weitgehend auf Waffenbesitz und ideologisch verbrämter Gewalt aufbauen, verklärt die junge, ihm verfallene Virginie zu einer Art asexuellen Heiligen. Sie lässt dies lange geschehen und scheint es auch zu genießen, verschafft sich irgendwann aber neben den voyeuristischen Orgien mit Stéphane auch realere sexuelle Berührungserfahrungen, wie auch er mit zahlreichen anderen, nicht verklärten Frauen schläft. Komplementär wirken auch der idealistische Dominique, dessen Sinn für Ethik bei der Revolution ohne Gewalt auskommen möchte und sein abgebrühter Genosse Dominique, der am Ende den Gewalttäter Stéphane umbringen wird. Zur Identifikationsfigur taugt letztlich keiner dieser jungen Wirren. Auch nicht Professor Théodore, der zwar wie sein Autor verzweifelt ist über den Lauf der Dinge auf Korsika, der sich jedoch bald schon als ein aufgeblasener Pseudowissenschaftler und sexbesessener Verführer zu erkennen gibt, der seine Trennung von Frau und Tochter nicht verwinden kann – und in dessen Bewusstseinsmischmasch aus Traum, Wahn und Begehren der Leser auch keinen Halt findet. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven und über weite Strecken im nichtverlässlichen Erzählmodus von Kapiteln, die als „Gedächtniswucher“ überschrieben sind.

Wie der titelgebende Balco Atlantico, eine Promenade am afrikanischen Atlantik, als ein idyllisch erinnerter Sehnsuchtsort für die ausgewanderten Hayet und Khaled, so ist auch das korsische Dorf letztlich nur aus der Ferne ein idealer Lebensort. Die von der akademischen Philosophie enttäuschten Jugendfreunde Matthieu und Libero sehnen sich in „Predigt auf den Untergang Roms“ auf die Insel zurück, weg aus ihrem Studienort und Moloch Paris. So wie sich zwei Generationen zuvor der Offizier Delgorce in „Meine Seele ließ ich zurück“ aus den Schrecken des Krieges in das nur vermeintlich idyllische Dorf sehnte. Doch gerade der mit zahlreichen Zitaten auf Augustinus anspielende Predigt-Roman zeigt, wie sehr sich auch die wohlmeinenden Projekte der Paris-Aussteiger als hinfällig erweisen. Sie haben sich mit ihrer Bar einen vermeintlich idealen Lebens- und Arbeitsraum geschaffen, der mittels sexistischem Einsatz adretter Kellnerinnen zugleich allzu geschäftstüchtig arrangiert wurde. Die Freude, der abstrakten oder korrupten Pariser Intellektuellenwelt entkommen zu sein und ein praktisches Werk, eine allseits frequentierte Trink- und Begegnungsstätte in die Dorfwelt zu pflanzen, währt kaum einen Sommer.

Nach vielen anderen gescheiterten Kneipiers übernehmen Mathieu und sein Kindheits- und Studienfreund, der aus Sardinien stammende, doch auf Korsika aufgewachsene Libero, die Dorfbar. Dieses Lokal funktioniert eine Weile prächtig aufgrund der sexuellen Energien, die von den Jungs geschickt kanalisiert und ausgebeutet werden. Den destruktiven Entgrenzungen der erotischen Begehrlichkeiten all der einsamen Einheimischen und gestrandeten Fremden fällt die Bar aber schließlich krachend zum Opfer.

So überraschend wie geschickt verschränkt Ferrari diese profane Unternehmung des Barbetriebs, ihr Aufblühen zur vermeintlich besten aller Welten, dann ihren Untergang in Betrug und Gewaltausbrüchen mit Augustinusʼ politisch-theologischen Reflexionen über die Vergänglichkeit aller weltlichen Projekte. Doch rahmen nicht nur zahlreiche Motti des Kirchenvaters die Erzählungen, sondern auch auf der Ebene des Erzählten spielt dieser eine Rolle, arbeitet doch Matthieus Schwester als Archäologin bei Ausgrabungen im nordafrikanischen Hippo, und auch der Barbetreiber Libero widmete Augustinus seine Abschlussarbeit. Die Beziehung von Metropolen und kolonialen Peripherien werden nicht nur durch den Lebenslauf und Zitate des Augustinus bis in die alteuropäischen Ursprungsmomente zurückreflektiert, ebenso finden sich auch Matthieus Großväter in die jüngere französische Kolonialgeschichte verstrickt.

Sein mütterlicher Großvater ist der Offizier Delgorce, dessen Kriegserlebnisse im mittleren Band der Trilogie reflektiert werden. Matthieus väterlicher Großvater Marcel Antonetti erlebte den Niedergang des französischen Kolonialreiches in Afrika mit. Die Eltern Matthieus stammen durch eine Vetternliebe und Vetternehe letztlich aus der gleichen korsischen Familie. Kondensiert spiegelt sich in den Lebenswegen und Enttäuschungen der Familienmitglieder der Untergang des französischen Weltreichs. Mit seinen Echos auf Augustinus und auch auf Voltaire öffnet Ferrari sein Familien- und Geschichtsnarrativ aber auch philosophischen, metaphysischen Fragen nach der Ordnung der Dinge und dem Lauf der Welt – freilich ohne auf diese angerissenen Meta-Fragen direkte oder systematische Antworten zu geben. Vielmehr führt er erzählend und postmetaphysisch den Untergang von Reichen und Ordnungssystemen vor, ganz ohne eine andere Welt in petto zu verkünden.

Der zweite Band ist in ästhetischer Hinsicht der vielleicht gelungenste der drei Romane; und der zweifellos am stärksten auf wenige Figuren und dramatische Grenzerfahrungen fokussierte Band. „Und meine Seele ließ ich zurück“ erzählt von der bitteren Desillusionierung der mittleren Generation und zugleich vom Sturz der moralischen wie politischen Größe Frankreichs. In raffinierter Perspektivierung entfaltet dieses schmale Buch den Weg des Generals Delgorce. Als junger Mann war er für die Resistance aktiv und geriet in deutsche Gefangenschaft. Im Indochina-Krieg vertrat er dann schon eine viel weniger gerechte Sache – durch eigene Aufopferungsbereitschaft vielleicht gerade noch ehrenhaft –, um schließlich im Algerienkrieg als Folter-Kommandant zu enden, der vergeblich versucht, gegenüber dem gefangengenommenen Chef der algerischen Freiheitskämpfer, Menschlichkeit und Soldatenehre zu bewahren. Diese Generation ist, wie der meisterlich fokussierte Kurzroman eindrücklich verdeutlicht, tief verstrickt in Frankreichs Kolonialkriege.

Durch seine poetischen Titel und Kapitelüberschriften, mittels seiner zahlreichen philosophischen oder biblischen Motti und mit vielfach wechselnden und gebrochenen Erzählperspektiven entfaltet der französische Romancier seinen Familien-Geschichtsroman jenseits des üblichen realistisch-auktorialen Erzähl-Mainstreams. Die alles andere als einfach den Inhalt oder die Moral vorgebenden Motti geben dem Leser einiges zu denken und kennzeichnen die Trilogie ebenfalls als geschichtsphilosophisch ambitioniertes Erzählprojekt. Wobei die nicht immer evidente Beziehung dieser philosophischen Einschüsse zu den Narrativen über Familien- und Geschichtsereignisse für manche Leser auch manieriert wirken mag. Gleichfalls verstören kann Ferraris Tendenz, körperliche Gewalt und seelische Grausamkeiten mittels dieser gelegentlich an Marcel Prousts Satzkaskaden erinnernden Beschreibungs- und Erinnerungskunst auf betörende Art zu ästhetisieren. Leid, Tod, und Niedergang erscheinen in diesen Romanen kaum je grob und grausam, sondern vielmehr sprachlich überhöht in kühnen Bildfindungen und eleganten Rhythmen.

Schrecken und Schönheit sind in den Werken Ferraris enge Verwandte. Letztlich hat der Leser bei diesem philosophisch aufgeladenen Familienromankosmos zu entscheiden, was er dabei als ontologische, erkenntnistheoretische oder moralische Position gelten lassen mag. Und was er bestaunt und bewundert als rhetorisch kraftvolle Sprachkunst, die den negativen Phänomenen von Schmerz, Niedergang, Wut und Trauer zwar kein besseres Jenseits entgegensetzen kann, wohl aber bezwingende Sätze.

Titelbild

Jérôme Ferrari / Jérôme Ferrari: Und meine Seele ließ ich zurück. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Christian Ruzicska.
Secession Verlag für Literatur, Zürich 2011.
152 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783905951103

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Jérôme Ferrari / Jérôme Ferrari: Und meine Seele ließ ich zurück. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Christian Ruzicska.
Secession Verlag für Literatur, Zürich 2011.
152 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783905951103

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Jérôme Ferrari: Predigt auf den Untergang Roms. Roman.
Aus dem französischen von Christian Ruzicska.
Secession Verlag für Literatur, Berlin 2013.
194 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783905951202

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