Wenig zu retten

Knud von Harbou erzählt in „Als Deutschland seine Seele retten wollte“ die ersten zehn Jahrgänge der „Süddeutschen Zeitung“

Von Michael PilzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Pilz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass bis heute eine fundierte Aufarbeitung der Geschichte der Süddeutschen Zeitung fehlt und „Gesamtdarstellungen über die großen meinungsbildenden Zeitungen […] insgesamt“ noch immer eine Seltenheit sind, stellt Knud von Harbou gleich in der Einleitung seines neuen Buches über die Frühgeschichte der Münchner SZ fest. Eine exemplarische Behebung dieses Desiderats – das sei vorweggenommen – ist dem Autor mit seiner Fallstudie allerdings nicht gelungen. Entgegen der Formulierung im Untertitel geht es im voluminösen Hardcover-Band auf über 400 Seiten nämlich weniger um „die ‚Süddeutsche Zeitung‘ in den Gründerjahren nach 1945“ als vielmehr um die Gründerjahre der Bundesrepublik Deutschland ‚im Spiegel‘ der Süddeutschen Zeitung: Jahrgang für Jahrgang hat der Autor die Zeitungsbände der Süddeutschen bis einschließlich 1955 durchgeblättert und breitet nun das Ergebnis seiner Lektüre in ausführlichen Inhaltsreferaten streng chronologisch vor dem Leser aus – allerdings, wie er freimütig eingesteht, ‚nur‘ auf die Ressorts Politik und Feuilleton beschränkt: „Auf eine Auswertung des Lokalteils musste verzichtet werden, obwohl sie eine bunte Sozialgeschichte zutage gefördert hätte. Das hätte jedoch den Rahmen dieses Buchprojekts gesprengt.“

Man ist dem Autor durchaus dankbar dafür, dass er auf eine solche Sprengung bewusst verzichtet hat, fällt doch schon das Gebotene für sich genommen an vielen Stellen aus dem besagten Rahmen, den man sich von einer historischen Darstellung zur Pressegeschichte eigentlich erwarten würde. Allzu sehr klebt der Verfasser an seinem Artikelmaterial und der darin aufgespeicherten Faktenfülle zur Zeitgeschichte, um nicht immer wieder von der Nacherzählung des Zeitungsinhalts abzubiegen ins bloße Reportieren jener Begebenheiten, die den Presseberichten selbst zugrunde liegen. Sei es nun die Bestellung Wilhelm Hoegners zum bayerischen Ministerpräsidenten, die Auseinandersetzung zwischen Thomas Mann und den Vertretern der „Inneren Emigration“ oder ein Detail aus der Geschichte der Weißen Rose: Oft genug droht von Harbou auf Basis der konsultierten Sekundärliteratur einfach nur mehr Ereignisgeschichte statt Pressegeschichte zu erzählen, um dann nach zahllosen Verhedderungen seines Ariadnefadens im Labyrinth der Zeitungsspalten doch noch auf die blattmacherischen Hintergründe der SZ zurückzukommen, um die es ja eigentlich primär gehen sollte. Die zu allem Überfluss einmontierten Info-Kästchen, die unter der Überschrift „Chronik“ die einzelnen Jahrgangskapitel des Bandes eröffnen und zeithistorische Fakten im Schulbuchstil zusammenstellen, sprechen in diesem Zusammenhang für sich.

Bunt genug geht es in diesem Buch also auch ohne Einbeziehung der Lokalspitzen zu, wobei man sich beim Nachvollzug der von Aufmacher zu Aufmacher fortgesponnenen Chronologie an die steinzeitliche Methodik eines zeitungswissenschaftlichen Positivismus seligen Angedenkens erinnert fühlt. Am Ende steht man vor dem Ergebnis einer kompilatorischen Bastel- und Fleißarbeit im Mosaiklegen, in die auch ausführliche O-Töne eingeklebt wurden. Diesem Verfahren gemäß kann es dann auch einmal vorkommen, dass über ganze zwei Seiten am Stück aus einem Brief Erika Manns zitiert wird, ohne dass es der Buchverfasser für nötig befunden hätte, wesentlich kondensierend und/oder kommentierend einzugreifen – er lässt das Material lieber für sich sprechen. Der Eindruck, dass da jemand einfach seinen Zettelkasten ausgeschüttet hat, kann bei den meisten Lesern von heute wohl nur deshalb nicht mehr so recht entstehen, weil Zettelkästen generell aus der Mode gekommen sind. Souveräne Beherrschung des Materials und eine fundierte historische Aufbereitung, die über den kursorischen, im Vorwort immerhin freimütig benannten ‚Abgleich‘ der jeweils vorgestellten Zeitungsinhalte mit aktueller Sekundärliteratur hinausgeht, sieht jedenfalls anders aus und hätte im Endeffekt wohl auch zu einer konziseren Darstellungsform geführt, bei der der Überblick stärker gewahrt worden wäre.

Dabei ist das Ziel, das sich der Verfasser für seine Untersuchung gesteckt hat, durchaus ambitioniert und von einigem Belang, nicht zuletzt im Kontext jüngerer historischer Forschungen zur Kontinuitätsgeschichte der Jahre vor und nach 1945. Dass es trotz der Reeducation- und Medienpolitik der Besatzungsmächte auch für die Pressegeschichte irrig wäre, von einer radikalen ‚Stunde Null‘ in Deutschland zu sprechen, dürfte inzwischen zum Common Sense gehören. Insbesondere für die Geschichte der Süddeutschen Zeitung impliziert diese Einsicht aber doch einen gewissen Bruch mit der einen oder anderen Vorstellung, die vom heutigen Erscheinungsbild des Blattes ausgehend auf dessen Anfänge rückprojiziert werden könnte: „Heute assoziiert man mit der Süddeutschen eine offene, lebendige, fantasiereiche, liberale Zeitung. In der ersten Dekade nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs entsprach sie diesem Erscheinungsbild nicht.“

Dieser vom Verfasser einleitend getroffene Befund ist eindeutig und vor allem im Vergleich der frühen SZ mit der konkurrierenden Neuen Zeitung überaus erhellend, zumal von Harbou die Gründe für das konservative Profil des Blattes in dessen Anfangsjahren nicht zuletzt an einzelnen leitenden Protagonisten und ihren Netzwerken zu illustrieren versteht. Mit seiner Biografie des katholischen Hochland-Publizisten und SZ-Mitbegründers Franz Josef Schöningh, die 2013 im Münchner Allitera-Verlag erschienen ist und insbesondere die politischen Verstrickungen des Dargestellten im Nationalsozialismus in den Fokus nimmt, hat sich Knud von Harbou bereits als Kenner der Materie ausgewiesen und einen wichtigen, aus Primärquellen geschöpften Beitrag zur deutschen Pressegeschichte geliefert, dessen Ergebnisse nun auch in das neue Buch über die Süddeutsche Zeitung eingeflossen sind.

Die biografischen Partien, die sich mit der NS-Vergangenheit einzelner Mitarbeiter und ihren sozialen Kontakten beschäftigen, zählen denn auch zu jenen Steinchen, die aus dem vorgelegten Mosaikgemälde positiv herausleuchten, auch wenn solche Miniaturen vom erdrückenden Rest des angesammelten Materialhaufens immer wieder in den buchstäblichen Schatten gestellt zu werden drohen und auch nicht immer von gleichbleibender Qualität sind. So wird etwa das Porträt des langjährigen Feuilleton-Mitarbeiters W. E. Süskind mitsamt den vor 1945 liegenden Etappen seiner Journalisten-Karriere in hinlänglicher Deutlichkeit gezeichnet, während dasjenige des Literatur-Redakteurs Curt Hohoff im Vergleich dazu denkbar blass und oberflächlich bleibt, obschon auch (und gerade) bei diesem Autor Einschlägiges auszuführen gewesen wäre.

An Oberflächlichkeiten, die in einem seltsamen Missverhältnis zur detailversessenen Nacherzählung einzelner Zeitungsartikel stehen, ist von Harbous Buch allerdings ebenso reich wie an stilistischen Schludrigkeiten, die weder von der Genauigkeit (oder gar dem Vorhandensein) des Lektorats noch von der Gründlichkeit des Autors zeugen. Wenn etwa unter der Abschnitts-Überschrift „Zögernde Neuausrichtung des Feuilletons“ zu lesen steht, dass sich das SZ-Feuilleton des Jahres 1947 nach wie vor „einem konservativen Verharren verpflichtet“ gezeigt habe beziehungsweise gegenüber den früheren Jahrgängen „in seiner abwartenden Haltung gleich“ geblieben sei, da „[n]irgends […] eine ästhetische Aufbruchsstimmung zu spüren gewesen“ wäre, stellt sich immerhin die Frage, worin denn nun die meinethalben zögerliche, vom Verfasser aber deutlich genug annoncierte „Neuausrichtung“ des Ressorts überhaupt bestanden haben mochte. Dass im selben Abschnitt von einem „Nachruf auf die unzweifelhafte Ricarda Huch“ die Rede ist, ist demgegenüber nur ein beliebig herausgegriffenes Beispiel aus einem unzweifelhaft bunten Strauß an Stilblüten, der hier nicht in seiner vollen Pracht entfaltet zu werden braucht.

Bezeichnender für die nicht immer auf begriffliche Präzision achtende Schreibweise des Autors scheinen vielmehr Widersprüche zu sein wie etwa derjenige zwischen der Charakterisierung des Schriftstellers Ernst Wiechert als eines „zumindest nationalsozialistisch affinen“ Dichters einerseits und der mehrere Seiten später getroffenen Feststellung andererseits, Wiechert sei der NSDAP suspekt gewesen, „weil er das Völkische nicht mit der NS-Ideologie verband“. Auch die Behauptung, dass der 1945 verstorbene Schriftsteller Felix Hartlaub „einer breiteren Öffentlichkeit erst 2002 bekannt“ geworden sei (als nämlich bei Suhrkamp eine kommentierte Sammlung seiner Schriften herauskam), scheint angesichts der bereits 1955 von Hartlaubs Schwester Geno bei S. Fischer zusammengestellten und schon vier Jahre später in einer preiswerten Sonderausgabe abermals auf den Markt gebrachten Edition seines Gesamtwerks nicht gerade von einer tiefer gehenden Kenntnis der zeitgenössischen Rezeptionssituation geprägt zu sein.

Eine gewisse Lässigkeit bei der Schilderung historischer Tatsachen lässt sich aber nicht nur auf literarischem Terrain beobachten, sondern auch beim Aufweis politischer Zusammenhänge. Der SZ-Mitbegründer August Schwingenstein etwa wird bei von Harbou lediglich zu den „eher seltenen Personen“ gerechnet, „die sowohl der Sozialdemokratie nahestanden […] als auch tief dem katholischen Glauben verbunden waren“. Laut Paul Hoser war die eigentliche parteipolitische Heimat des nachmaligen CSU-Mitglieds Schwingenstein in der Zeit vor 1933 allerdings keineswegs bei der SPD zu suchen (wie der Leser möglicherweise aus dem zitierten Hinweis auf die Sozialdemokratie schließen könnte), sondern vielmehr beim Bayerischen Bauernbund, für dessen Presse er bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten tätig war – unter anderem als Pressesprecher und Herausgeber der parteiamtlichen Landtagskorrespondenz, was von Harbou in dieser Form aber offensichtlich nicht für mitteilungswürdig erachtet.

Wenn schließlich noch die Münchner Neuesten Nachrichten (MNN) – als unmittelbare Vorgängerzeitung der Süddeutschen Zeitung – zusammen mit der Frankfurter Zeitung, der Vossischen Zeitung und dem Berliner Tageblatt unter die großen „liberal-bürgerlichen Zeitungen der Weimarer Republik“ gerechnet werden, für die „die Freiheit von fremden, großkapitalistischen und sonstigen politischen Einflüßen“ charakteristisch gewesen sei, muss die Frage zumindest erlaubt sein, ob der Verfasser die existierende Forschung zur Geschichte der Münchner Presse vor 1945 überhaupt zur Kenntnis genommen hat. Bereits der oberflächliche Blick in einen einschlägigen Lexikoneintrag hätte ihm jedenfalls verraten müssen, dass gerade die MNN als eines der handgreiflichsten Beispiele für den gravierenden Einfluss schwerindustrieller Kreise auf die antirepublikanische Meinungsbildung im rechtsnationalen Milieu der 1920er- und frühen 1930er-Jahre gelten dürfen.

Überhaupt, die Münchner Neuesten: Wenn es schon erklärtermaßen um die Darstellung und Offenlegung von Kontinuitäten in den Jahren vor und nach 1945 geht, hätte man sich als Leser insbesondere hierzu eingehendere Informationen gewünscht, die über die Feststellung der technischen Übernahme von Räumlichkeiten und Druckmaschinen des vormaligen MNN-Verlags Knorr & Hirth oder auch des „altbewährte[n] Zeitungsformat[s] der MNN“ durch die Süddeutsche Zeitung hinausgehen, zumal die Münchner Neuesten Nachrichten in hauseigenen Darstellungen der SZ bis heute als traditionsstiftendes Vorgängerblatt Erwähnung finden: „Was wissen Leser und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung von den Münchner Neuesten Nachrichten, die heute noch im Untertitel der SZ auftauchen […]? Die Süddeutsche Zeitung ist nicht die Rechtsnachfolgerin der Münchner Neuesten, aber doch ihr heutiges Pendant im städtischen Leben und […] auf der gesamtdeutschen Pressebühne“, heißt es etwa in Gustav Seibts Porträt des konservativ-monarchistischen Leitartiklers Erwein von Aretin, das erstmals am 25. Februar 2002 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erschienen ist und dann auch in Seibts Essaysammlung Deutsche Erhebungen von 2008 nachgedruckt wurde.

Man kann die Frage ruhig aufgreifen: Was weiß Knud von Harbou von den Münchner Neuesten Nachrichten in ihrem Verhältnis zur Süddeutschen Zeitung, oder besser: Was weiß er den Lesern seines Buches darüber mitzuteilen? Erwein von Aretins gelegentliches Wiederauftauchen auf den Seiten der SZ bis in die 1950er-Jahre hinein wird bei ihm jedenfalls nur mehr als ein beiläufig zu erwähnendes Kuriosum des süddeutschen Partikularismus unter der Zwischenüberschrift „Bayerische Varia“ verbucht. Zwar finden sich hier und da auch noch weitere vereinzelte Hinweise auf den einen oder anderen vormaligen Mitarbeiter der Münchner Neuesten Nachrichten in der neuen SZ, sie bleiben aber punktuell und denkbar zufällig. Stärker kontextualisierende Verbindungslinien werden selbst dort nicht gezogen, wo sie so evident zutage treten wie am Beispiel des immerhin abgebildeten Erstentwurfs für den Titelkopf der Süddeutschen Zeitung aus dem Atelier von Hans Döllgast, der mit den Münchner Frauentürmen sogar ein zentrales Bildmotiv aus der ursprünglichen Titelei der  Münchner Neuesten Nachrichten zitiert und so bei allen Unterschieden in der Typografie bereits optisch ein gewisses Maß an Kontinuität zwischen beiden Blättern in Szene gesetzt hätte. Dass der Titel in dieser Form nicht verwendet wurde, mochte an der von Paul Hoser an anderer Stelle erwähnten Skepsis der amerikanischen Militärregierung vor einer allzu engen Anlehnung des neuen Blattes an die Münchner Traditionszeitung aus der Zeit vor 1945 gelegen haben; Knud von Harbou scheint sich für derlei Detailfragen aber nicht weiter zu interessieren. Er unterschlägt sogar die Tatsache, dass der für die Gründungsgeschichte der Süddeutschen Zeitung bis in die Namensfindung hinein bedeutsame Kunstkritiker und Essayist Wilhelm Hausenstein während der Weimarer Jahre seinerseits zum personellen Pool des MNN-Feuilletons und zum Autorenkreis des Buchverlags von Knorr & Hirth gezählt hatte. Stattdessen wird Hausenstein lediglich als prominenter Mitarbeiter der ehemaligen Frankfurter Zeitung eingeführt. Geschichte und Tradition der Münchner Neuesten Nachrichten als potenzieller Rezeptionshorizont zumindest für die lokale Leserschaft nach 1945 bleiben auf diese Weise weitestgehend ausgespart.

Wie gesagt: Eine fundierte Aufarbeitung der SZ-Geschichte steht noch immer aus. Um überzeugen zu können, müsste sie freilich auch methodisch anders ausfallen als bei von Harbou. Von den Schwächen im Detail abgesehen erinnert seine ganze referierende Herangehensweise am Ende doch zu sehr an Michael Köhlmeier und seine Praxis, bekannte Stoffe der Weltliteratur auf populäre Art und Weise nachzuerzählen. Für Köhlmeier dagegen scheint hier ein fruchtbares Feld brach zu liegen: Nachdem er bekanntlich längst schon die Bibel neu erzählt hat, könnten sich für die Zukunft ja auch einmal die Inhalte alter Zeitungsjahrgänge als dankbarer Gegenstand erweisen. Für die Jahre 1956 ff. hat ihm Knud von Harbou bei der Süddeutschen noch einiges übrig gelassen.

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Knud von Harbou: Als Deutschland seine Seele retten wollte. Die Süddeutsche Zeitung in den Gründerjahren nach 1945.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2015.
445 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783423280556

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