Wenn Worte wanken

Helmut Qualtinger liest „Mein Kampf“

Von Clarissa HöschelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Clarissa Höschel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der erste Tag des neuen Jahres ist aus vielerlei Gründen etwas Besonderes; ein Grund verbirgt sich hinter der wohlklingenden Wendung post mortem auctoris – eine Wendung, die, was die Betriebsamkeit von Angehörigen der schreibenden und verlegenden Zunft anbelangt, fast die Motivationskraft einer magischen Formel hat, denn sie kündigt den Zeitpunkt der Freiheit an – Freiheit von Urheberrechten und damit freie Bahn zu Ruhm und Ehre, zuweilen auch zu Geld und Gold.

Nicht immer geht diese Rechnung auf, und manchmal geht es überhaupt um ganz etwas anderes. So geschehen zu Beginn des Jahres 2016, als sich alles um das seit 1945 verbotene Hitler-Buch „Mein Kampf“ drehte, dessen Text nun – 70 Jahre post mortem auctoris – frei von Urheberrechten ist. Gerade dieser Text ist allerdings alles andere als ‚frei‘, steht er doch seit Jahren im Zentrum von Diskussionen und Debatten, die ebenso ausgiebig wie langatmig zu erörtern suchten, wie denn mit diesem Text ab dem Moment seiner ‚Freilassung‘ zu verfahren sei. Das Original, seinerzeit von dem Sozialisten George Orwell rezensiert, millionenfach verkauft, verschenkt und verteilt, rangiert, je nach Perspektive, zwischen dem meist- und dem am wenigsten gelesenen Werk seiner Zeit; die Wahrheit mag irgendwo dazwischenliegen.

Tatsache ist, dass „Mein Kampf“ 1945 erwartungsgemäß verboten und zumindest in Deutschland seither auch nicht mehr gedruckt wurde. Das Œuvre wanderte in den Giftschrank und profitierte nicht zuletzt von der Aura des Verbotenen, die diesen per definitionem seit jeher umgibt. Hinzu kommt der Umgang mit unserer Vergangenheit, der eine direkte Auseinandersetzung mit diesem Text aus verschiedenen Gründen unmöglich gemacht hat. Über diesen Text ist hingegen umfassend und auf allen Ebenen diskutiert worden – angefangen von stilistischen, semantischen und morphologischen Analysen über immer wieder kolportierte Beispiele verunglückter Metaphern bis hin zu dem wahnwitzigen Etikett „Bildungsroman“ oder der Frage, ob denn Hitler ein guter Schriftsteller gewesen sei. Der jetzt möglichen, gebotenen und mehr als notwendigen Annäherung hat dies dennoch kaum den Boden geebnet, denn noch immer scheint die Erkenntnis schwierig oder schmerzhaft (oder auch beides zusammen), dass sich Ereignisse nun einmal am besten und ehesten verarbeiten lassen, wenn man sich direkt mit ihnen auseinandersetzt. Hitlers „Mein Kampf“ ist ein solches Ereignis, mit dem es sich zu beschäftigen gilt. Doch wer genau sollte dies tun? Über Jahre drehte sich die Diskussion um die grundlegende Frage der Leserschaft, oder besser gesagt darüber, wer denn überhaupt zu dieser Leserschaft gehören könnte? Soll den Text jeder lesen können? Oder doch lieber niemand? Oder soll er kontrolliert zugänglich gemacht werden?

Nach jahrelangen Debatten fiel die Entscheidung zugunsten dieser letzten, der kontrollierten Option; das Ergebnis ist die – bereits in den 1980er-Jahren begonnene und am 8. Januar 2016 erschienene Kritische Edition des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), die Hitlers Original in zwei Bänden mit insgesamt fast 2.000 Seiten und fast doppelt so vielen Kommentaren herausgegeben hat.

Das Ergebnis ist eine wissenschaftlich fundierte Edition, dessen Anmerkungen zeigen sollen, wie das, was Hitler in seinen Schriften zusammengesammelt hat, im politischen Leben umgesetzt wurde, wenngleich historische und politische Prozesse ungleich komplexer sind als deren ideologische Grundlagen.

Das Werk war gedacht für eine breitere Öffentlichkeit, für all jene, die bereit waren und sind, sich kritisch und mit der gebotenen Distanz mit Hitlers Schriften auseinanderzusetzen. Aus dieser Perspektive heraus ist allerdings nur schwer nachvollziehbar, weshalb die erste Auflage – 4.000 Exemplare – gerade einmal ein gutes Viertel der Vorbestellungen bedienen konnte. Bleibt zu hoffen, dass hier dem tatsächlichen Interesse noch Rechnung getragen werden wird.

Ebenfalls pünktlich zu Jahresbeginn, und gleichsam als Gegenpol zu der kommentierten Ausgabe des IfZ, gibt der Suhrkamp Verlag eine DVD heraus, die gut 90 Minuten Lektüre aus „Mein Kampf“ präsentiert – unplugged, sozusagen im Original, ganz ohne Kommentare.

Kein Geringerer als der legendäre Helmut Qualtinger ist dort zu sehen und zu hören, zeitlos aktuell und gleichzeitig anachronistisch – Qualtinger ist bereits 1986 – vor genau 30 Jahren – verstorben.

Woher stammt aber nun die Qualtinger-Lesung? Sie gehört in den Kontext einer Veranstaltungsreihe des Hamburger Thalia-Theaters, das anlässlich des 40. Jahrestages von Hitlers Machtübernahme – also bereits 1973 – verschiedene Veranstaltungen bot, darunter auch Qualtingers Lesung. Qualtinger selbst hat mit dieser einmal mehr provoziert, allerdings nicht zum ersten Mal, denn bereits zehn Jahre zuvor thematisierte er Opportunismus und Antisemitismus in seinem einstündigen Monolog „Der Herr Karl“.

Mit Hitlers „Mein Kampf“ ging Qualtinger wiederholt auf Lesereise, unter anderem 1985 durch Österreich. Die nun herausgegebene DVD stammt aus einer Wiener Lesung vom 8. Mai 1985 – dem 40. Jahrestag des Kriegsendes.

Was man zu sehen bekommt, ist schnell erzählt: Ein in ein dunkles Cordsakko gekleideter Qualtinger sitzt an einem kleinen Tisch, im Hintergrund ein roter Vorhang. In seinen Händen ein Buch. Dann liest er. Was man hört, ist Sprachgewalt, die Gänsehaut produziert und Nackenhaare aufstellt. Und schon ist er mittendrin in dem, was seit Jahrzehnten ebenso kunstvoll wie scheinheilig tabuisiert wurde: Buchstaben formen sich zu Wörtern, mehrere davon ergeben Sätze, mehrere Sätze lassen zwischen den Zeilen Platz. Genau dort setzt Qualtingers Stimme an, hebt die Sätze so beherzt aus den Angeln, dass sie polternd zu Boden krachen, noch ehe Qualtinger das Bedürfnis nach seinem nächsten Atemzug hat. Mehr Kommentar zu Hitlers „Mein Kampf“ – das IfZ möge mir verzeihen – ist wahrlich nicht notwendig. Der Rest ist Schweigen.

Kein Bild

Helmut Qualtinger liest „Mein Kampf“.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.
93 Minuten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783518135365

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