Sehnsucht Endstation: Lebensgeschichten hinter der Flüchtlingskrise

In der Anthologie Die Hoffnung im Gepäck. Begegnungen mit Geflüchteten erzählen Doris Dörrie, Uwe Timm und 16 weitere deutsche Autoren von Fluchtgeschichten aus aller Welt

Von Monika SchapowalowRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Schapowalow

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn man über die Migrationsbewegungen der letzten Jahre spricht, ist gemeinhin von einer „Flüchtlingskrise“ die Rede, der Begriff hat sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel. Wahlweise wird auch von „Flüchtlingsströmen“ oder einer „Flüchtlingswelle“ gesprochen – gemeinsam ist allen diesen Begriffen die negative Konnotation des Geflüchteten als Krise, vergleichbar mit einer Naturgewalt, die Europa überrollt mit ihrer Fremdheit und ihrem fremden, weil in Westeuropa oft kaum noch vorstellbaren Leid.

Der Literaturbetrieb hat die Flüchtlingsthematik – gemessen an seiner akuten Relevanz – bisher recht zögerlich ins Auge gefasst. Und das, obwohl gerade die Literatur das zutiefst subjektive, weil nicht in ein Muster pressbare Erleben der Flucht erfahrbar machen und bewusst Perspektiven ergründen oder wechseln kann, wo der Journalismus mit seiner zumindest um Objektivität und Realismus bemühten Berichterstattung an seine Grenzen kommen muss. Umso aktueller erscheint in diesem Zusammenhang nun also die Anthologie Die Hoffnung im Gepäck, erschienen bereits im Dezember 2015 und damit sozusagen noch in der heißen Phase der sogenannten Flüchtlingskrise. 18 Schriftsteller, darunter namhafte Autoren wie Doris Dörrie oder Uwe Timm, schreiben darin jeweils über ihre Begegnungen mit Flüchtlingen. Der Erlös der Anthologie kommt dem Beratungs- und Behandlungszentrum Refugio in München zugute, das wohl auch einen Großteil der Begegnungen organisierte.

Gerade dieser Ansatz einer durch Form und Inhalt bewusst vielseitigen und vielstimmigen Beitragspalette und der Kürze der einzelnen Beiträge, die Anthologie umfasst gerade mal 172 Seiten, bietet ein enormes Potenzial für die Ergründung dessen, was an Individuellem und allgemein Menschlichem hinter ‚der Flüchtlingswelle‘ steht. Zu Wort kommen Geflüchtete aus den verschiedensten Krisenregionen der Erde und eben auch nicht nur solche, die im letzten Jahr nach Deutschland kamen. In ganz unterschiedlicher Weise erzählen die Autoren ihre Geschichten: von Ramadu aus Togo, die vor Beschneidung und Zwangsheirat eigentlich nach Kuwait fliehen wollte, bevor der Zufall sie nach München verschlug; von Robert aus der Demokratischen Republik Kongo, der versucht, sich mit einem Hungerstreik Gehör in Deutschland zu verschaffen; von Ahmad, dem syrischen Studenten, auf dessen Gesicht ein abgebrühtes Lächeln erscheint, wenn er vom Bürgerkrieg und seiner Flucht spricht; von der namenlosen Uigurin, deren Kultur und Glaube im Vielvölkerstaat China unterdrückt werden. Es sind diese und die vielen anderen individuellen Geschichten, die das globale Ausmaß der Unterdrückung erkennen lassen, sei sie politisch, ethnisch oder sexuell motiviert. Bei aller Verschiedenheit der Einzelschicksale betont die kaleidoskopartige Zusammenstellung aber auch das gemeinsame Trauma der Unterdrückung, der Flucht und nicht zuletzt auch des schwierigen Starts in ein neues Leben bei einer je nach Geschichte hilfsbereit, fremdenfeindlich oder gleichgültig gesinnten Umgebung. So bietet die Anthologie nicht nur ein Panorama des Flüchtenden, sondern auch unserer Aufnahmegesellschaft.

Es lohnt sich hierbei, die Beiträge auch zeitlich gesehen möglichst losgelöst voneinander zu lesen. Denn so sehr sich Stil, Inhalt und Kontext unterscheiden mögen, gerade die Universalität des Leids macht es bei einem pausenlosen Lesen mitunter doch auch schwer, den Einzelschicksalen und nicht zuletzt auch der individuellen literarischen Qualität der Beiträge gerecht zu werden. Diese ist, wie bei einer Anthologie nicht anders zu erwarten, natürlich nicht homogen: gerade obwohl die literarische Aufarbeitung der Flucht Raum für kreative Ansätze bietet, fallen viele Beiträge dann doch in ein journalistisch-berichtendes Schema zurück, das in dieser Form sicher auch in den einschlägigen Medien zu finden wäre. Das ist durchaus legitim, schöpft aber weder das Potential dieser Anthologie aus noch das der eindrücklichen, teils in ihren Begebenheiten fast schon fiktiv anmutenden Lebensgeschichten der Geflüchteten. Dabei bleiben gerade diejenigen Beiträge im Gedächtnis, in denen der Kontext des Interviews und die vermittelnde Instanz des deutschen Schreibenden sich auflöst und dann tatsächlich, wie im Klappentext angekündigt, die Geflüchteten erzählen lässt: besonders eindrücklich, um nur ein Beispiel zu nennen, geschieht dies in Fridolin Schleys Text zu Amal aus Somalia, der den Leser ohne Pause, das heißt auch ohne Punkt, ohne Satzende, wie in einem Sog (oder einem Alptraum?) durch das bewegte Leben des jungen Mädchens führt, inmitten eines sich in islamistischer Radikalisierung zersetzenden Landes.

Ein weiterer, wenn auch nicht großer Wehrmutstropfen betrifft schließlich die Präsenz von Refugio in den Beiträgen. Dessen Auftritt erscheint oft gleichsam einem deus ex machina als rettende Instanz inmitten von bürokratischer Gleichgültigkeit und psychischem Leiden. So sehr der Verein sicher zu Recht als Rettung gepriesen wird, wirkt seine explizite Nennung innerhalb der literarischen Texte mitunter aber doch irritierend und hinterlässt den Eindruck einer Auftragsarbeit – die die Anthologie in gewissem Sinne ja auch ist und sein darf, allerdings dann auch einen Teil ihrer kreativen Autonomie einbüßt.

All dieser Kritik zum Trotz schafft Die Hoffnung im Gepäck jedoch etwas, das in der manchmal trägen Literaturlandschaft öfter vorkommen sollte und greift ein brandaktuelles gesellschaftliches Thema literarisch auf. So erklingen die Geschichten hinter der Krise, der Welle oder wie auch immer man die Geflüchteten nun titulieren mag, Geschichten, die gerade in Zeiten scheinbarer Überforderung umso dringlicher gehört werden sollten.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Cornelia von Schelling / Andrea Stickel (Hg.): Die Hoffnung im Gepäck. Begegnung mit Geflüchteten.
Allitera Verlag, München 2015.
172 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783869068039

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