Fallstudien und Synthesen

Über einige neuere Beiträge zur Exilliteraturforschung

Von Waltraud StrickhausenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Waltraud Strickhausen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bereits in den siebziger und der ersten Hälfte der achtziger Jahre erschienen, neben der von Ernst Loewy herausgegebenen bedeutenden Sammlung literarischer und politischer Texte aus dem Exil (1979), eine Reihe von Überblicksdarstellungen zur Exilliteratur, wie beispielsweise die von Manfred Durzak (1973), Alexander Stephan (1979), Frithjof Trapp (1983) oder Konrad Feilchenfeldt (1986), sowie das dreibändige Werk von Hans-Albert Walter (1972ff.) und die 1976 begonnene Studienreihe "Deutsche Exilliteratur seit 1933", von der seit kurzem ein weiterer Teilband vorliegt. Diese konzentrierten sich freilich im Wesentlichen auf die bekannteren und berühmteren unter den Exilschriftstellern. In der Zwischenzeit sind eine große Zahl von Aufsätzen und Monografien, meist hervorgegangen aus Magisterarbeiten und Dissertationen, zu den zunächst kaum oder gar nicht beachteten unbekannteren Autorinnen und Autoren erschienen, darunter insbesondere zu jenen der jüngeren Generation, die sich vor ihrer Emigration noch keine nennenswerte Reputation, geschweige denn einen internationalen Ruf erwerben konnten. Nach dieser Phase der Einzeluntersuchungen und der Erweiterung des vorhandenen Materialkorpus scheint es nun erneut an der Zeit, durch die vergleichende Analyse und die Suche nach strukturellen Gemeinsamkeiten der im Exil entstandenen literarischen Texte zu einer synthetisierenden Sicht zu kommen und dabei die bisherigen Aussagen zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Für den Bereich des literarischen Exils in Großbritannien hat Dirk Wiemann mit seiner Studie "Exilliteratur in Großbritannien 1933 - 1945" einen ersten Versuch in dieser Richtung unternommen. Basierend auf einer an der Universität Oldenburg entstandenen Dissertation, stellt sie die erste Arbeit dar, die sich einer größeren Auswahl der im britischen Exil entstandenen literarischen Werke in einer sowohl vergleichenden als auch literaturtheoretisch orientierten Perspektive nähert. Wiemann wirft in seiner Einleitung eine Reihe wichtiger Fragen auf, die ausgehend von der bisher geleisteten "fortgeschrittene[n] Grundforschung" an die Texte selbst zu stellen wären, wie etwa die "nach den Phänomenen und Artikulationsformen kultureller Alterität bzw. kulturellen Fremdverstehens", nach den kulturellen Wechselbeziehungen zwischen kontinentalen Flüchtlingen und britischen Intellektuellen oder den poetologischen Konsequenzen des Orts-, Kultur- und Sprachwechsels.

In seiner Untersuchung konzentriert sich Wiemann allerdings auf ein bestimmtes textuelles Phänomen: nämlich die auffällige Präsenz religiöser "Codes" in den Texten des britischen Exils, die sich nicht nur in der "Konventionalisierung einer Vielzahl sakralisierender Kollektivsymbole", sondern vor allem in der Konstitution der Erzählungen auf der Folie der plots biblisch tradierter Prätexte ausdrücke. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Zusammenhang dieses Phänomens mit allgemeinen Sakralisierungsstrategien, die in der politischen Publizistik des Exils und in weiten Teilen der britischen Öffentlichkeit seit dem Eintritt Großbritanniens in den Zweiten Weltkrieg ebenso zu finden seien wie in der rhetorischen Selbstinszenierung des NS-Faschismus. Wiemann definiert die Mehrzahl der Erzähltexte des britischen Exils im Anschluss an die Definition Northrop Fryes als "romances", die als solche auf dem Prinzip der 'Mythenverschiebung' basierten. In ihrem historischen Umfeld erscheinen die Texte, so Wiemann, als Beiträge zu einer weit über den Einzeltext hinausgehenden polarisierenden und teleologisierenden "Erzählung des Antifaschismus". Unter diesem interessanten und neuen Blickwinkel analysiert er unter anderem Hermynia Zur Mühlens Roman "Came the Stranger" (1946), Arthur Koestlers "Arrival and Departure" (1943) und Robert Neumanns "An den Wassern von Babylon" (zuerst 1939). Neben der Hauptgruppe der Texte, die auf der Basis eines romantischen Subtextes organisiert seien, macht Wiemann zwei weitere kleinere Textgruppen aus, und zwar solche mit einem "tragödialen" bzw. einem satirischen Subtext, die beide nicht nur als "Einspruch gegen Faschismus und Krieg", sondern "auch als polemische Kommentare zur historischen Euphorie der romances gelesen werden können". Dirk Wiemanns Studie zeichnet m. E. überzeugend nach, wie in Krisenzeiten offenbar der Rückgriff auf die "ganz alten Geschichten" als Berufungsinstanz am nächsten zu liegen scheint und kommt zu dem Schluss, dass der eigene Rückfall in solche Muster, wie er etwa in den Äußerungen der Protestbewegung gegen den Golf-Krieg 1991 zu beobachten gewesen sei, vor Augen führe, "wie wenig Narrationspotential zur Verfügung steht, das in einer solchen krisenhaften Situation taugen könnte als aufgeklärte Alternative zur Mystifikation".

"Das Vermächtnis des Exils" lautet übertragen der Titel eines im Herbst 1998 von Deborah Vietor-Engländer herausgegebenen Sammelbandes, der zuvor bereits als "Special Number" der renommierten germanistischen Zeitschrift "German Life and Letters" erschienen war. Er schließt sich an die seit etwa zehn Jahren sehr intensive Arbeit der britischen Exil(literatur)forschung an, gleichwohl ohne sich auf das Zufluchtsland Großbritannien zu beschränken. Der Band beginnt mit einem sehr persönlichen Erinnerungstext, in dem der 1922 in Hildesheim geborene Literaturwissenschaftler und Exilforscher Guy Stern seinen eigenen Exilweg in den Vereinigten Staaten nachzeichnet ("The Americanization of Günther"), und endet mit einer kurzen Überblicksdarstellung über das deutschsprachige Exil in Skandinavien von Helmut Müssener. Etwa die Hälfte der übrigen Beiträge sind einzelnen Biografien wie der des "mysteriösen" Rudolf Kommer, der aufgrund seiner exzellenten Kontakte zur amerikanischen und britischen high society mittellosen Exilanten wie dem Theaterkritiker Alfred Kerr unter die Arme greifen konnte, und den Bedingungen des Exils gewidmet. So gibt Alexander Stephan einen Einblick in seine Forschungen zur Überwachung der Exilierten durch die Gestapo und andere deutsche Behörden im In- und Ausland anhand der Beispiele Klaus und Erika Mann. Charmian Brinson räumt mit dem Klischee auf, Frauen hätten es aus einer Vielzahl von Gründen heraus leichter gehabt, mit der Exilsituation fertig zu werden als ihre männlichen Leidensgenossen, und schildert zum einen anhand von Einzelschicksalen die unterschiedlichen Situationen und Schwierigkeiten, mit denen emigrierte Frauen in Großbritannien konfrontiert waren. Zum anderen analysiert sie die speziell an Frauen adressierten Beiträge in Exil-Publikationen wie "Die Zeitung", "Der Zeitspiegel" und "Frau in Arbeit" (später "Die Frau") im Hinblick auf die Erwartungen und Zielsetzungen, die darin an die Exilantinnen herangetragen wurden. Neben einem Artikel von Inge Jens über Thomas Manns Tagebücher aus der Exilzeit, widmen sich insbesondere Dagmar C. G. Lorenz, Jost Hermand und Anthony Grenville der Exilliteratur. Lorenz untersucht die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Exil von fünf prominenten jüdischen Schriftstellerinnen (Claire Goll, Veza Canetti, Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs und Cordelia Edvardson) und deren Einfluss auf ihre literarische Produktion. Anthony Grenville analysiert die vermutlich früheste Darstellung des Holocaust, Ernst Sommers 1943 in London geschriebenen Roman "Revolte der Heiligen", und macht überzeugend deutlich, dass hier bereits zahlreiche der zentralen Fragen eindrucksvoll dargestellt sind, die die Holocaust-Forschung seit 1945 beschäftigt haben, insbesondere die der Möglichkeit eines bewaffneten jüdischen Widerstands im Gegensatz zur Kollaboration mit den Verfolgern, welche aus einer alten jüdischen Tradition des Duldens und des passiven Widerstands zu erklären sei, und hieraus folgend die problematische Rolle der "Judenräte".

Last but not least sei auf den Band "Literarische Kultur im Exil / Literature and Culture in Exile" hingewiesen, in dem Guy Stern seine zweite Sammlung von Aufsätzen zur Exilthematik vorlegt, Beiträge aus den Jahren 1989 - 1997, die einmal mehr die ungeheuere Produktivität des Literaturwissenschaftlers und Exilspezialisten dokumentieren. Neben grundsätzlichen Überlegungen, etwa bezüglich des jüdischen Beitrags zur Exilliteratur oder der Didaktik der Exilliteratur, folgen wegweisende Untersuchungen zu Leitthemen, Autorenprofilen und Werkstrukturen, wie zum Beispiel biblischen Stoffen (Moses, Hiob) als Folie der Auseinandersetzung mit Verfolgung und Exil, und zur Wirkungsgeschichte der Exilliteratur. Ein besonderes Verdienst Guy Sterns besteht jedoch meines Erachtens darin, den Blick zum einen auch auf die Auseinandersetzung der jungen deutsch-jüdischen Literatur nach 1945 mit dem Thema Exil gelenkt und zum anderen erstmals auf das Echo der Exilliteratur in der amerikanischen Literatur der Nachkriegszeit hingewiesen zu haben, dem ein ganzes Kapitel gewidmet ist.

Titelbild

Dirk Wiemann: Exilliteratur in Großbritannien 1933-1945.
Bostelmann & Siebenhaar Verlag, Opladen 1998.
377 Seiten, 48,10 EUR.
ISBN-10: 3531131583

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Guy Stern: Literarische Kultur im Exil : Gesammelte Beiträge zur Exilforschung. Literature and Culture in Exile : Collected Essays on the German-Speaking Emigration after 1933 (1989-1997).
Dresden University Press, Dresden 1998.
426 Seiten, 50,10 EUR.
ISBN-10: 3931828050

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Deborah Vietor-Engländer (Hg.): The legacy of Exile. Lives, Letters, Literature.
Verlag Villa Massimo, London 1999.
192 Seiten, 39,30 EUR.
ISBN-10: 0631214542

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John M. Spalek / Konrad Feilchenfeldt / Sandra H. Hawrylchak: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Band 3/1, USA.
K. G. Saur Verlag, München 2000.
471 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-10: 3908255163

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