Literatur im dialogischen Wechselgesang

Rolf Selbmanns Einführung in die Lyrik des Realismus

Von Helge SchmidRSS-Newsfeed neuer Artikel von Helge Schmid

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Arno Schmidt entwickelte in den 50er Jahren dialogisch strukturierte Autorenfeatures für den Funk. Diese Sendungen, in der Schmidt bekannte und weniger bekannte Schriftsteller der Goethezeit und des Realismus vorstellte, sind heute Klassiker der Rundfunkgeschichte. Das dialogische Verfahren, das Sprechen über Literatur mit verteilten Rollen, hatte etwas ungemein Unterhaltsames und verwandelte den gewöhnlich störenden Gestus des Belehrenden und Didaktischen des Bildungsprogramms in einen Kunstgriff: Schmidt kultivierte die Überlegenheit als etwas Kauziges, Skurriles, Liebenswertes, er führte den Literaturenthusiasten als Sonderling vor, tauchte seine Besserwisserei in den milden Schein der Ironie und ließ den Belesenen fast selbst schon als offenes Buch und Kunstwerk erscheinen.

Von diesem Kunstgriff, Literatur im dialogischen Wechselgesang vorzustellen, ließ sich der Literaturwissenschaftler Rolf Selbmann anregen. Selbmann lässt in seinem Buch zwei Sprecher auftreten und über die Lyrik des Realismus diskutieren. Der Verfasser kann freilich auf eine lange Tradition der didaktischen Dialogizität verweisen - von der Mäeutik des Sokrates bis zur ästhetischen Theorie Karl Wilhelm Solgers: "Erwin. Vier Gespräche über das Schöne und die Kunst" (1815). Solger war es auch, der das erkenntnisstiftende Paradigma des Dialogs explizit verteidigte.

Die beiden Sprecher A und B bei Selbmann sind jedoch nicht mehr individualisiert wie noch bei Sokrates, Solger und Schmidt; sie sind keine "Typen" mehr, keine Sonderlinge, sondern gleichberechtigte Positionierungen im literaturwissenschaftlichen Diskurs. Dieser sachliche, entpersonalisierte Gestus nimmt der Präsentationsform viel von ihrem Unterhaltungswert und trägt wieder die Aura des Didaktischen hinein. Sie ist jedoch allemal kurzweiliger und spannender als die bisweilen allzu trockene Literaturwissenschaft. Diese Präsentationsform ist Programm: Selbmann möchte eine Einführung bieten, er ist selber als Gymnasiallehrer tätig, und so richtet sich sein Buch wohl vor allem an Schüler der Sekundarstufe II und an Studierende im Grundstudium.

Seine Einführung ist daher in Lektionen unterteilt, die allerdings nicht "Lektionen" heißen, sondern "Gespräche". Die intendierte Mündlichkeit erlaubt ein freieres Sprechen, auch einmal quasi "ins Unreine", weil sich der andere "Sparringpartner" ja sogleich einklinken und den Gedanken richtig weiterführen kann. Der Dialog bietet - analog zur "Feuerzangenbowle" - auch die Möglichkeit, sich "ganz dumm" zu stellen und die alte Frage nach dem Verhältnis von Sprache, Welt und Realität noch einmal aufzuwerfen.

Rolf Selbmann diskutiert gleich zu Beginn die wichtigsten Theoretiker des Realismus (angefangen bei Auerbach) und ihre wichtigsten Basispostulate, darunter das Referenzpostulat. Er verweist darauf, dass zentrale Ergebnisse der Forschung (etwa die Friedrich Sengles) noch gar nicht abgeschöpft seien. Sodann lässt Selbmann A und B mit verteilten Sprecherrollen über einzelne Texte diskutieren.

Zehn solcher Gespräche bietet sein Band. Vom Ende der Kunstperiode (der Goethezeit), von der Abgrenzung des Realismus gegen die subjektivistische Romantik, arbeitet er sich vor bis zur Überwindung des Realismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Fortgang der Argumentation lässt auch erkennen, wie sich der Realismus intern wandelt: das Denk- und Literatursystem des Literarischen Realismus, so Selbmanns Grundthese, simuliert Wirklichkeit, eine "bessere Wirklichkeit", um Verlusterfahrungen zu kompensieren. Die einzelnen Kapitel thematisieren das Problem der Epochenschwelle(n), das Verhältnis von Politik und Poesie, das semiotische Verhältnis von Bild, Abbild und Sprache, die Naturwissenschaft(en) im Gedicht, die Form der Ballade als Geschichtserzählung und die Basispostulate des Literatursystems Realismus. Im letzten Kapitel kommt der Verfasser zu einer - freilich zu knapp ausgefallenen - sichtenden Zusammenfassung seiner Beobachtungen.

Der Dialog bietet Selbmann die Möglichkeit, die Interpretation an jeder beliebigen Stelle abzubrechen oder wieder aufzunehmen. Und implizit verdoppelt er sich sogar, dort nämlich, wo die Gedichte selber in einen Dialog eintreten. Der Verfasser kann nämlich zeigen, dass viele Texte, darunter Storms berühmtes "Oktoberlied", nicht nur auf Realität referieren, sondern auch auf Literatur, in diesem Falle auf Geibel. Hier entspinnt sich ein äußerst spannendes Beziehungsgeflecht, das von Selbmann methodisch im Sinne der älteren Motivforschung dargestellt wird. Der sprachliche Gestus seiner Einführung ist bewusst salopp gehalten ("Abklatsch", "unsere aufgedröselten Interpretationsfäden" und dgl.) und verzichtet auf eine allzu angestrengte Metasprache. Dennoch setzt diese schmale Studie mehr an Wissen voraus, als sie erahnen lässt.

Titelbild

Rolf Selbmann: Die simulierte Wirklichkeit. Zur Lyrik des Realismus.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 1999.
160 Seiten, 15,20 EUR.
ISBN-10: 3895282383

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