Schönschreibeübung

Stephan Hermlins Frühwerk und die Typisierung des Arbeiters in der DDR

Von Rouven ObstRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rouven Obst

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"aus der Not wird eine Tugend gemacht und der Mangel zur (ästhetischen) Norm erhoben" (Ohlerich)

Die Ästhetisierung und Romantisierung des proletarischen Mangels scheint zentral im frühen Schaffen Stephan Hermlins. Eine Publikation im trafo verlag unter dem Titel "Stephan Hermlins Verhältnis zur Arbeiterklasse: Zwischen Bürgertum und Sozialismus" versucht, Gründe dafür anzugeben. Gregor Ohlerich geht in seiner systematischen Analyse exemplarisch dem Verhältnis der bürgerlichen Ursprünge und der proletarischen Ansprüche, welches weite Teile der sozialistischen Intelligenz betraf, im schriftstellerischen Schaffen Hermlins nach. Er legt infolge der Adaption der Bourdieuschen Theorie des kulturellen Kapitals und dessen Variationen bezüglich des literarischen Feldes (zuletzt umfangreich in Pierre Bourdieu, "Die Regeln der Kunst", Frankfurt a. M. 1999) eine Untersuchung vor, die unbedingt nachvollziehbar die Figur Hermlins im kulturellen und politschen System der DDR verortet. Dadurch lässt sich für Stephan Hermlin ein gänzlich neues Werkverständnis erschließen.

Es gelingt Gregor Ohlerich, die Übernahme der Bourdieuschen Theorie des kulturellen Kapitals für die DDR geltend zu machen, indem er treffend die Gewichtung von den ökonomischen zu den politischen und kulturellen Kapitalien als den wesentlichen Kapitalien der DDR verlagert. In der Folge analysiert er skizzenhaft die Person Hermlin mit den ihr zugänglichen Kapitalien. Für die Form der Kapitalienrepräsentation nutzt er die Bourdieusche Formel des Habitus und prägt für Hermlin die Wendung vom Habitus der Gerechtigkeit.

Die Gretchenfrage, die sich stellt ist, ob nicht hinsichtlich der verhandelten sozialen Habitusprägung bereits mit hermeneutischer Analyse im Sinne Gadamers hätte geklärt werden können, wozu hier Bourdieu bemüht wird: dass die Außenseiterposition Hermlins ständige Systemimmanenz bezeugt, bzw. dass erst die Teilhabe an einem System ein Außenseiterdasein ermöglicht.

Und doch erschließen sich durch Bourdieu die spezifisch modernen (und) sozialen Dimensionen dieser gesellschaftlichen Randposition Hermlins und machen auf die Charakteristik des "Kapitalienhandels" moderner gesellschaftlicher Beziehungen aufmerksam. Dass dies ebenso für die Länder mit sozialistischer Prägung in Anschlag gebracht werden kann, dürfte dabei besonders interessieren und wird begründet und ausführlich von Gregor Ohlerich herausgearbeit; die Systeme dieser Prägung waren eben mehr Kinder des bürgerlichen kapitalistischen Zeitalters, als es ihnen lieb war: auch sie konnten sich der Verwertungslogik modernen gesellschaftlichen Denkens und Handelns nicht entziehen.

Für das Verständnis des literarischen Feldes ergeben sich durch den Blickwinkel dieser soziologischen Methodik einer Analyse des kulturellen Kapitals spezifische neue Fragen: Was bedeutet dieser "Kapitalienhandel" konkret für die Beziehungen der agierenden objektivierten Subjekte? Wie wirkt sich das auf die Kunst aus? Und kommt diese Analyse über die Kulturindustriethese von Adorno und Horkheimer überhaupt hinaus? Beschränken wir uns hier auf die Beantwortung der letzten Frage, da sie die anderen umgreift.

Der Gewinn gegenüber der Verwertungsbeschwörung durch Adorno und Horkheimer liegt in dem in concretio erlangten Wissen bezüglich der Struktur des Handelns in verschiedenen Sphären, die durch abstrakte Verwertung konvertibel werden (denn auch die politische und kulturelle Tätigkeit bleibt von den ökonomischen Kategorien der abstrakten Arbeit nicht unberührt: die Möglichkeit des Vergleichens ungleicher Produktionsverhältnisse und -produkte). Dieses Spiel mit den verschiedenen Kapitalien sozialer Provenienz erfolgt durch den gezwungenen Umgang mit selbigen bzw. die zwanghafte Einordnung oder Unterordnung unter diese. Dass in der DDR versucht wurde, das Gewicht des ökonomischen Kapitals durch gerechte Verteilung zu negieren, lässt die anderen Kapitalien nur um so schwerer wiegen.

So war für Hermlins gesellschaftliche Position weniger der Erfolg am Markt entscheidend, als vielmehr die Anerkennung im politischen und kulturpolitischen Feld. Zu Hermlins erfolgreichem Schreiben gehörte untrennbar die Zugehörigkeit zur bürgerlichen Klasse mit der ihr innewohnenden Optik für die ausgebeutete Schicht der Arbeiter. Denn gerade die Zugehörigkeit zu einer vom Proletariat getrennten und das Proletariat bedingenden gesellschaftlichen Sphäre schärfte Hermlins Blick für diesen Stand. Besser gesagt war sein Bewusstsein für die Arbeiter so abstrakt und gering, dass er konkret über diese und zu diesen nichts zu sagen wusste. Dieses plausibel ausgearbeitet zu haben, ist ein herausragendes Merkmal des vorliegenden schmalen Bandes. Die Arbeiter waren Hermlin fremd und gleichzeitig aufgrund biographischer Erfahrungen doch nah. "Nicht die konkreten Forderungen der Kommunisten überzeugen die Vertreter der Oberschicht, sondern das etwas diffuse Gefühl, dass es sich dabei um eine Gruppe handelt, die die Zustände im Sinne aller verändern und verbessern will." (Ohlerich). So bekommt der konkret entleerte Arbeiter sein scharf konturiertes Denkmal vorgesetzt: Körperlichkeit, Armut, Wille und Handlung sind seine hervorstechenden Merkmale.

Überaus interessant und lesenswert gestaltet sich folglich die Analyse des erzählerischen Frühwerks Hermlins ("Arkadien", "Die erste Reihe", "Der Leutnant York von Wartenburg" und "Die Kommandeuse") unter dem Aspekt des Habitus der Gerechtigkeit und der in diese eingehenden kulturellen Kapitalien. Hier findet eine produktive und aufschlussreiche Verknüpfung der gesellschaftlichen Individualstruktur Hermlins und seiner Textzeugnisse sowie deren Rezeption statt. So lässt sich bereits in diesen Schriften ausführlich zeigen: Hermlin "lieferte genau die Typisierung der Arbeiterklasse, die von staatlicher Seite gefordert wurde" (Ohlerich). Und so schrieb Hermlin in doppelter Weise für die Arbeiter. Für die Arbeiter als Publikum im Arbeiter-und-Bauern-Staat und für den Arbeiter als Typus; er versorgte den Arbeiter mit seinem vorgeschriebenen Selbstbild.

Titelbild

Gregor Ohlerich: Stephan Hermlins Verhältnis zur Arbeiterklasse: Zwischen Bürgertum und Sozialismus. Eine literatursoziologische Untersuchung auf der methodischen Grundlage von Pierre Bourdieus Theorie des sozialen Raumes. Mit einem Vorwort von Hannelore Scholz.
trafo verlag, Berlin 2000.
105 Seiten, 13,20 EUR.
ISBN-10: 3896261576

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