Viel Goldt für wenig Geld

Beste Kolumnen und beste "Nicht-Kolumnen" von Max Goldt in einem Band

Von Klaus Cäsar ZehrerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Cäsar Zehrer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Max Goldt ist gut, ergo ist das Beste von Max Goldt erst recht gut. Wenn Goldt also einen Band mit seinen besten Kolumnen aus "Titanic" herausbringt ("Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine"; vgl. www.literaturkritik.de/txt/1999-12-23.html); wenn er dem ein Jahr später eine zweite Sammlung mit seinen besten "Nicht-Kolumnen" an die Seite stellt, die auch noch einige bislang unveröffentlichte Texte enthält ("Die Aschenbechergymnastik", 2000); wenn Zweitausendeins im gleichnamigen Jahr die beiden an sich schon opulenten und mit je 36 DM bereits ziemlich billigen Einzelteile zu einem prallen 850-Seiter zusammenpackt, der logischerweise "Okay Mutter, ich mache die Aschenbechergymnastik in der Mittagsmaschine" heißt; wenn das Ergebnis zudem lächerliche 19,80 kostet, und zwar nicht mal Euro, sondern Mark, dann gibt es keinen erkennbaren Grund, das Buch nicht zu kaufen. Ende der Besprechung. Und nun zu dem, was nicht im Best-of-Trumm steht, weil Goldt es aussortiert hat.

Viel ist es nicht, sieht man von Liedtexten und Comics ab, von denen nur ein paar Kostproben übernommen wurden. Ein paar Seiten mehr, und aus der Auswahl wäre eine vorläufige Gesamtausgabe geworden. Von Bescheidenheit zeugt es ja nicht gerade, wenn ein Autor so gut wie alles, was er bislang veröffentlicht hat, unter "das Beste" verbucht. Dahinter mag die Absicht stehen, das weniger Wohlgeratene mitsamt den alten Büchern, die sich nun wohl kaum mehr verkaufen lassen, weil sie fast vollständig im neuen enthalten sind, in Vergessenheit geraten zu lassen. Ein literarisches Facelifting, oder sagen wir ruhig: Ein Akt kultureller Barbarei, den wir uns nicht gefallen lassen wollen, ohne wenigstens noch einen Blick zu werfen auf das, was erst wieder in den Sämtlichen Werken Aufnahme finden wird: Das Schlechteste von Max Goldt.

Das traurige Schicksal des Verramschtwerdens erlitt, nur zwei Jahre nach seiner Geburt, das Gedichtbändchen "Erntedankfäscht" (1998). Richtig schad drum ist's nicht. Fünfzig Gedichte, von Goldt in Kooperation mit Gerhard Henschel an zwei Kneipenabenden aus der Lameng hingeworfen, gepaart mit fünfzig relativ beliebigen Fotos - fertig war die Parodie auf das zum Nachdenken anregende Geschenkbüchlein. Einige hübsche Einfälle finden sich darin, etwa in dem Rührstück über Kinderarmut: "Statt Pfeffer auf die ohnehin kaum vorhandenen Tomaten / müssen die Kinder die Haarstoppel aus Vatis Elektrorasierer auf die Tomaten streuen", aber es ist zu einfach, Laienlyrik zu verarschen, so dass Goldt und Henschel ohne nennenswerten Ertrag nur ihr Talent daran verschwendeten. Ganze vier Gedichte haben den Weg in Goldts Auslese gefunden. Das reicht auch.

Ebenfalls zu Goldts kleineren Publikationen zählt "Ein gelbes Plastikthermometer in Form eines roten Plastikfisches" (1998). 32 Seiten kosten 26 Mark, und das ist nicht zu teuer, denn erstens ist das Heft wunderschön mit Bleisatz und roter, grüner und goldener Farbe gedruckt, zweitens hat man es in längstens fünfzehn Minuten durch und kann dann etwas anderes machen, zum Beispiel damit prahlen, weitgehend unbekannte Goldt-Texte zu kennen, drittens wird man, legt man es für eine Weile zur Seite, reich, denn in wenigen Jahrzehnten werden für diese bibliophile Kostbarkeit in limitierter Auflage von 3.000 Stück Spitzenpreise bezahlt werden, und viertens kann Goldt darin seine größte Stärke ausspielen, nämlich in Prosaminiaturen allerlei unwichtige Dinge verhandeln: "Wenn man ein Buch namens Berühmte Milchtrinkerinnen schreiben möchte, und es fallen einem nur zwei Damen ein, die für ihre Neigung zum Milchtrinken bekannt waren, nämlich Elisabeth von Österreich und Ella Fitzgerald, dann ist das kein Drama, nicht einmal ein Dramolett. Man muß einfach die Kapitel über Elisabeth von Österreich und Ella Fitzgerald etwas ausführlicher fassen, und schon ist das schöne Buch fertig." Und schon ist der schöne Text fertig.

Am meisten gestrichen hat Goldt ausgerechnet bei den "Titanic"-Kolumnen, durch die er erst richtig bekannt wurde. Aus den ersten beiden Jahren 1989 und 1990 haben es nur ganze zwei Texte in die Auswahl geschafft. Das ist doppelt ärgerlich, denn zum einen sind die frühen Kolumnen zwar noch etwas bräsig und lange nicht so schillernd und flink wie die Meisterstücke aus der Hochkolumnenzeit, aber doch sehr wohl lesbar, und zum anderen beginnt das ganze dicke Buch nun mit Kolumne Nummer 18 und dem Satz: "Wohl weiß ich, die Leserschaft erwartet mal wieder ein augenzwinkerndes Protokoll eines prall durchlebten Monats", woraus die Leserschaft schließen muss, die vorangegangenen siebzehn Kolumnen hätten aus augenzwinkernden Protokollen eines prall durchlebten Monats bestanden, ohne dass ihr die Möglichkeit zur Überprüfung gewährt wird. Schon bei der Zusammenstellung seines ersten Kolumnenbuchs "Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau" stand Goldt vor dem Problem, dass ihm seine alten Texte nicht mehr recht gefielen, doch damals fand er die bessere Lösung. Im Vorwort schrieb er: "Der Einfall, nur eine Auswahl herauszubringen, die mißratenen Aufsätze also fortzulassen, verdunkelte mein Hirn nur kurz, denn dies Verfahren hätte zu einem Buch geführt, das wegen seiner extremen Wenigseitigkeit von jedermann als mißraten eingestuft worden wäre. [...] Man lechzt auch nach Mittelmaß, wenn man das Gefühl hat, es werde einem ungerechterweise vorenthalten."

Da dem so ist, und da Goldt sich nun entschlossen hat, uns das Mittelmaß seiner Lehrjahre nunmehr vorzuenthalten, hier noch ein ganz spezieller Lesetip für die Wissenschaft und engere Fanzirkel: 1987/88, vor seiner "Titanic"-Zeit, schrieb er eine Kolumne in "Ich und mein Staubsauger", einem Berliner Fanzine mit einer Auflage zwischen 200 und 1.000 Exemplaren. An die Hefte kommt man natürlich kaum mehr, im Buch sind die Texte nie erschienen, aber man kann sie im Internet nachlesen unter: www.wdp.net/staubsauger. Sehr unbekümmert und streckenweise unbedarft geht es da noch zu, doch selbst Goldtkenner können noch einiges dazulernen, beispielsweise, dass es für diejenigen, die dem Aufruf in der "Staubsauger"-Kolumne Nr. 14 folgten und eine Postkarte mit dem Satz "Die Hauptstadt von Rumänien heißt Budapest" einschickten, das Gleiche zu gewinnen gab wie zweieinhalb Jahre später im Preisausschreiben der "Titanic"-Kolumne Nr. 17: Ein Tütchen mit Herrn Goldts abrasierten Kotelettenhaaren. Hätten Sie's gewusst?

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Max Goldt: Okay Mutter, ich mache die Aschenbechergymnastik in der Mittagsmaschine.
Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2001.
864 Seiten, 10,10 EUR.
ISBN-10: 3861503808

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