Mütter und Töchter in der Literatur

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Mit dem oft weniger verstellten Blick aus der Ferne untersucht die südkoreanische Germanistin Hee-Kyung Kim-Park in ihrer Dissertation "Mutter-Tochter-Beziehungen in deutschsprachigen Romanen von Frauen im ausgehenden 18. Jahrhundert". Hierzu zieht sie fünf Romane heran: Sophie von La Roches "Geschichte des Fräuleins von Sternheim", Caroline von Wolzogens "Agnes von Lilien", Benedikte Nauberts "Die Amtmannin von Hohenweiler", Wilhelmine K. von Wobesers "Elisa oder das Weib wie es sein sollte" und Therese Hubers "Luise".

Da bislang, wie Kim-Park zu recht feststellt, zwar die literarische Darstellung der bürgerlichen Familie eines der am häufigsten untersuchten Sujets der Literaturwissenschaft ist, jedoch noch keine Studie vorliegt, die den Darstellungen des Verhältnisses von Müttern und Töchtern in den Werken deutschsprachiger Schriftstellerinnen des 18. Jahrhunderts nachgeht, schafft sie mit ihrer Untersuchung einem wirklichen Desiderat Abhilfe.

Vielleicht, so die Autorin, sei man sich in Deutschland gar nicht darüber im Klaren, in welch "ungeheurem Ausmaß" die "Ablösung der Mutter" die abendländische Vorstellung über den Individuationsprozess prägt. Die von ihr untersuchten Romane, so Kim-Park, beschrieben die "Etablierung der symbolischen Ordnung des Vaters" und zeugten davon, dass nicht nur die Genealogie der Familie, sondern auch die der Tochter patrilinear sei. Doch werde die symbolische Ordnung des Vaters auf deren "Ausschließungspraktik" gegenüber der weiblichen Genealogie zurückgeführt. Damit werde die "Codierung der bürgerlichen Familie" vorwiegend unter einem negativen Gesichtspunkt reflektiert, von dem aus die weibliche Genealogie als "verdrängt, verzerrt und verleugnet" dargestellt werde. Doch werde die patrilineare Genealogie dabei gleichzeitig als durch die matrilineare "unterbrochen, umgebogen oder unterlaufen" dargestellt.

Die Literarisierung von Mutter-Tochter-Beziehungen ist auch ein zentrales Thema der 1999 unter dem Titel "Weibliche Perspektiven in der Gegenwartsliteratur" publizierten Dissertation von Birgit Schütter. Die Autorin konzentriert sich zwar ebenfalls auf die deutschsprachige Literatur von Frauen, untersucht allerdings ganz überwiegend Publikationen der letzten 30 Jahre. Die von ihr herangezogenen Romane (unter anderem Ingeborg Drewitz' "Gestern war heute", Ursula Erlers "Die neue Sophie", Jutta Heinreichs "Das Geschlecht der Gedanken", Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin" und Verena Stefans "Häutungen") seien nicht nur "inhaltlich innovativ", sondern auch hinsichtlich der auf "subjektive Momente bedachten Schreibweise". Dies ist, wie die Autorin mit essentialistischem Zungenschlag meint, einer "weibliche Ausdrucksstärke" zu verdanken. Andererseits, so merkt sie kritisch an, bewegten sich einzelne Texte aber auch in der "Randzone feministischen Kitsches".

Was die Mutter-Tochter-Beziehungen anbetrifft, so zeigt Schütter auf, dass die Töchterfiguren in den Romanen der letzten Jahrzehnte das von den Müttern gelebte Rollenmodell als passiv und von Resignation geprägt ablehnen. Zudem erschüttert die Autorin unter Rückgriff auf die "richtungsweisende Theorie" der Psychoanalytikerin Nancy Chodorows den "Mythos von der grenzenlosen Mutterliebe" und "entlarvt" die vermeintliche Solidarität von Mutter und Tochter als ein "Geflecht von Wut und Haß".

Rolf Löchel

Titelbild

Birgit Schütter: Weibliche Perspektiven in der Gegenwartsliteratur.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
234 Seiten, 35,30 EUR.
ISBN-10: 3631343914

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Titelbild

Hee-Kyung Kim-Park: Mutter-Tochter-Beziehungen in den Romanen von Frauen im ausgehenden 18. Jahrhundert.
Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2000.
302 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3897410567

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