Gespräch mit dem Dichter

Zu Jürgen Lehmanns "Kommentar zu Paul Celans'Die Niemandsrose' "

Von Kim LandgrafRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kim Landgraf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zu den wohl häufigsten Einwänden gegen die Lyrik Paul Celans gehört spätestens seit dem Band "Sprachgitter" (1958) der Vorwurf, man habe es hier mit Hermetik zu tun. Das Gerücht hält sich hartnäckig und stereotyp, meist taucht es in Kontexten auf, wo von Celan nur beiläufig die Rede ist und eine Beschäftigung mit Hermetismus im engeren Sinne nicht stattfindet. Vielfach ersetzt dieser Einwand ein kritisches Urteil und wird als vordergründige, bisweilen polemische Abwehr erkennbar.

Auch der vorliegende Band greift auf diese Einschätzung zurück, um damit im ersten Satz seines Vorworts eine weitverbreitete Leseerfahrung zu charakterisieren, der Celan und die Lyrik des 20. Jahrhunderts als unzugänglich und schwer verständlich erscheint. Solange das (und nicht mehr) mit Hermetik gemeint ist, kann die Bezeichnung als zutreffend gelten. Falsch wird er in dem Augenblick, wo der Begriff mit Verschlossenheit übersetzt wird und das Verhältnis von Celans Gedichten zur Wirklichkeit näher bezeichnen soll.

Celan hat den Vorwurf selbst mehrfach zurückgewiesen und im Gegenzug immer darauf beharrt, daß für ihn jedes Wort mit direktem Wirklichkeitsbezug geschrieben und sehr konkret sei (so im Gespräch gegenüber Arno Reinfrank und Hans Mayer). Obwohl dieser Wirklichkeitsbezug nicht immer einholbar ist, weil Celan seine Spuren im Text an vielen Stellen ganz bewußt ausgelöscht hat, verschließen sich seine Gedichte der Wirklichkeit nicht, im Gegenteil, sie nehmen sie bis in die existentielle Bedrohung hinein in sich auf. "Die Dichtung", sagt Celan im Rundfunk-Essay über Mandelstam, "reißt die untersten Zeitschichten auf, die 'Schwarzerde der Zeit' tritt zutage." Im Gedicht "Schwarzerde" aus der "Niemandsrose" wird diese selbst als "Stunden- / mutter / Verzweiflung" apostrophiert.

Gleichzeitig will Celans Lyrik nach außen hin wirken. Sie muß, von ihrer poetologischen Anlage her, um Dichtung zu sein, irgendwo ankommen, eine Begegnung muß stattfinden, damit sie nicht Kunst bleibt, nur leeres "Metapherngestöber", wie es in dem späteren Band "Atemwende" (1967) dann heißt.

Gerade dieser zweite Aspekt kommt zum Tragen, wenn Celan der in den "Problemen der Lyrik" entwickelten monologischen Poetik Gottfried Benns in seiner Büchner-Preis-Rede fast 10 Jahre später eine Poetik des Dialogs entgegensetzt. Das in Celans Gedichten so oft angesprochene "Du" ist nicht nur selbstreflexiv, wie bei Benn, sondern meint Ansprache des Anderen, des ihm Äußeren und Fremden. Mit dem von Adorno und vor allem Mandelstam angeregten Bild ist das Gedicht eine "Flaschenpost" (Bremer-Rede), die an den Leser gerichtet ist und die zugleich das Gespräch mit anderen Dichtern auch über die Zeiten hinweg in sich einschließt. In der "Niemandsrose" gilt das insbesondere für Nelly Sachs und den Widmungsadressaten des Bandes Osip Mandelstam (1891-1938).

Diese Poetik des Dialogs ist für den Umgang mit Celans Gedichten deshalb von Bedeutung, weil ein Gespräch nur dann funktioniert, wenn die Anrede umkehrbar ist. Wenn also die Flaschenpost über das konventionelle Motiv der Sehnsucht und Hoffnung hinaus einen Sinn hat und wenn der Leser in das Gespräch, das Dichtung bei Celan führen will, tatsächlich eingebunden werden soll, dann muß auch er auf das Gedicht gleichsam antworten. Dialogizität ist demnach grundsätzlich auch ein Aspekt der Rezeptionsästhetik.

Kennzeichnend für den Konstitutionsraum des Dialogs ist bei Celan zunächst die Beziehung zwischen dem Ich und dem, was es wahrnimmt, anspricht und damit gleichsam zum Du werden läßt. Dieses Du bleibt im "Meridian" unbestimmt, auch im Gedicht ist es auf kein spezifisches Anderes festgelegt. Da es den Leser mit einschließt, kann am Ende genauso für ihn das Gedicht zum Gesprächspartner werden: Indem er es anspricht, wird es zum Du. Indem es zum Du wird, und das ist entscheidend, verliert das Gedicht seine Objekthaftigkeit, und die Lektüre gerät zur Begegnung. Die in der Büchner-Preis-Rede mehrfach behauptete "Kreatürlichkeit" des Gedichts, seine existentielle Bedeutsamkeit, bleibt erhalten, sein "Anderssein" wird respektiert.

Aus dieser Form der Lektüre eine Literaturwissenschaft abzuleiten und zu begründen, d.h. die Interpretation selbst als Gespräch und Begegnung zu fassen, ist nicht das Ziel des vorliegenden Bandes und wäre ohne größeren methodologischen Aufwand auch gar nicht zu leisten. Dennoch wird sowohl am methodischen Vorgehen des Kommentarwerks im Ganzen als auch am Umgang mit Celans Gedichten in der literaturwissenschaftlichen Detailarbeit eine Haltung erkennbar, die in diese Richtung voraus weist und die für die Celan-Forschung insgesamt wegweisend ist.

Von großer Bedeutung ist diesbezüglich bereits die Entstehungssituation dieses Bandes, dem ein Projekt zur Kommentierung der Gedichte Paul Celans zugrunde liegt, das von Anfang an von einem ungemein kritischen, zugleich aber stets streng am Gedicht orientierten Dialog begleitet und mitbestimmt war. Vor über zehn Jahren wurde erstmals auf zahlreichen Arbeitstreffen und damals noch unter der Leitung von Jean Bollack (Paris) und Bernhard Böschenstein (Genf) mit der "Erörterung grundsätzlicher methodischer Probleme der Celan-Forschung" begonnen. Kurze Zeit später entstand aus den Arbeitstreffen ein dann auch mit öffentlichen Mitteln gefördertes Forschungsprojekt mit dem Ziel, anhand eines Gedichtbandes "exemplarisch die Möglichkeiten des kommentierenden Zugangs zum Text" zu erarbeiten. Zweimal jährlich traf unter der Leitung von Jürgen Lehmann (Erlangen) eine Arbeitsgruppe von über zwanzig Mitarbeitern zusammen, die auf mehrtägigen Kolloquien gemeinsam sowohl die Gedichttexte selbst als auch die bereits vorliegenden Kommentare diskutierten. Zugleich dienten die Treffen erneut immer wieder "der grundlegenden Verständigung über die Prinzipien des Kommentars".

Diese langjährige und intensive Zusammenarbeit einer Vielzahl von Mitarbeitern, Gespräch und Begegnung in einem ganz praktischen Sinne, hat maßgeblich Einfluß auf die endgültige Gestalt des Kommentars genommen. Das zeigt sich zum Beispiel an der enormen Fülle von Wissen und überraschenden Klarheit und Vielheit von Einsichten, die in den Text eingegangen sind, an der überaus dichten Verknüpfung der Beiträge untereinander und ihrer jeweiligen Vorgehensweise, die vor allem, was die Möglichkeiten und Grenzen der Kommentierung betrifft, sehr genau und bewußt aufeinander abgestimmt sind.

Der äußeren Form nach folgen die Beiträge zu den insgesamt 53 Gedichten der "Niemandsrose" dem üblichen Schema. Die Erläuterungen, die jeweils in einen Überblickskommentar und den nachfolgenden Stellenkommentar unterteilt sind, bilden das Kernstück jedes einzelnen Beitrags. Ihnen voraus gehen Angaben zur Überlieferung, die auch Textvarianten verzeichnen. Weitere Materialien werden gegebenenfalls am Ende referiert, und auf einschlägige Forschungsliteratur wird verwiesen. Jürgen Lehmann hat den Kommentaren zusätzlich eine umfassende Einführung zum Gedichtzyklus im Ganzen vorangestellt, die in ihrer Klarheit und Schärfe, ihrem Anspruch, den sie als Einführung vertritt, bisher unerreicht sein dürfte. Hier vor allem gewinnt man den Eindruck, daß heute die Celan-Forschung früheren Positionen gegenüber im Wandel begriffen ist, da sie einen identifizierenden Zugriff, das vorbehaltlose Benennen, nicht scheut, wo es Gedichte und Forschungsstand zulassen, gleichzeitig aber der Dichtung, und das ist sehr wichtig, ihre spezifische "Dunkelheit" (Celan) läßt.

Besonders deutlich wird dieses Zugleich von Nehmen und Lassen, begrifflich-identifikatorischer Aneignung und interpretativer Zurückhaltung, Offenheit, in den Beiträgen selbst. Auch hier wird ebenso klar und präzise benannt, was sagbar erscheint; verschiedenste Motive werden bestimmt, erläutert und in Zusammenhang mit anderen Texten Paul Celans gebracht, intertextuelle Bezüge werden aufgedeckt und verortet, Chiffren entschlüsselt. Mit Hilfe derer, die Celan gekannt haben und somit "Wesentliches über die Genese der Gedichte und deren lebensgeschichtliche Kontexte vermitteln konnten", wird mehrfach der "direkte Wirklichkeitsbezug" wieder durchsichtig und lesbar gemacht.

Doch gerade im Kommentarteil bedingt die spezifische Nähe zum Gedicht eine Vorgehensweise, die von äußerster Vorsicht und Aufmerksamkeit gegenüber dem nicht mehr Sagbaren, dem nicht mehr eindeutig Identifizierbaren geprägt ist. Formulierungen wie "wäre zu denken an" oder "ist interpretierbar als" oder "kann so oder so gelesen werden" oder "nicht auszuschließen daß" sind bei allen Kommentatoren zu finden. Das sind keine Worthülsen aus Unsicherheit oder Nicht-Wissen. Hier werden nicht eigene Schwierigkeiten mit einem Text zu Schwierigkeiten des Textes erklärt, um dann womöglich Hermetik zu behaupten. Dahinter steckt vielmehr Methode, die in eine ganz andere Richtung strebt. Der Zugang ist schwebend, weil das Gedicht es erfordert. Komplexität und Vielschichtigkeit des Gedichts sind als ihm grundsätzlich eigen erkannt. Daß man sie nicht vollständig ausloten kann, führt eben nicht dazu, diese Eigenheit zu übergehen, sondern mit ihr zu arbeiten, sie anzuerkennen. Unter Berücksichtigung der Poetik des Gedichts als Gespräch, ist das eine mögliche Form, die Richtung, die das Gedicht auf den Leser zu nimmt, umzukehren und so der Interpretation als Gespräch und Begegnung einen Sinn zu verleihen.

Dieser Kommentarband zur "Niemandsrose" ist in der Celan-Forschung ein Novum, und es wäre zu wünschen, daß weitere Bände dieser Art folgen. Das Projekt hat zu einer Sprache gefunden, die neu ist und weniger esoterisch, weniger voraussetzungsreich als Vieles, was bisher zu Celan publiziert wurde. Der Sinn des Kommentars ist damit erfüllt, daß Celans Gedichte dem Leser nach seiner Lektüre näher gekommen sind, ohne ihre Eigenheit, Fremdheit zu verlieren. Darüber hinaus bietet er eine hervorragende Einstiegsmöglichkeit in Celans Gesamtwerk. Daß hier nur Interpretationsansätze geliefert werden, ergibt sich aus seiner Anlage von selbst. Gerade darin liegt das Besondere, daß der Leser zu jeder Zeit selbst dazu herausgefordert und angeregt ist, von hier aus weiterzugehen, das Gespräch mit der Dichtung Paul Celans zu suchen.

Titelbild

Jürgen Lehmann (Hg.): Kommentar zu Paul Celans "Die Niemandsrose".
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 1998.
430 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3825304655

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