Mittelpunkt des Weltbuchhandels

Georg Jäger legt den ersten Teilband seiner Geschichte des Deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert vor

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der gesamte deutsche Buchhandel, so spottet man, macht im Jahr weniger Umsatz als Aldi Süd. Dafür kann er auf eine längere Geschichte zurückblicken. Um sie zu dokumentieren wurde bereits 1876 die Historische Kommission des Börsenvereins ins Leben gerufen und in ihrem Auftrag die "Geschichte des deutschen Buchwesens" erarbeitet. Es entstand der vierbändige "Kapp-Goldfriedrich" (zwischen 1886 und 1913 erschienen), die Darstellung einer einzigartigen Buch- und Verbandskultur.

Seither ist diese Geschichte bewegt fortgeschrieben worden, die einschneidendsten Ereignisse waren Hitlers Machtergreifung und der Zweite Weltkrieg. So mancher traditionsreiche Verlag ging im Bombenhagel unter, aber erst durch die deutsche Teilung, so der Münchener Verlagsbuchhändler Horst Kliemann, habe der Buchhandel "sein Gedächtnis" verloren. Verloren war Leipzig, die bis dato bedeutendste Bücherstadt Deutschlands, verloren waren auch die Bibliothek und das Archiv des Börsenvereins. Auf Horst Kliemanns Anregung hin wurde die Historische Kommission des Börsenvereins wieder ins Leben gerufen, und Kliemann war es auch, der das Geleitwort zum ersten Band der Reihe "Archiv für Geschichte des Buchwesens" schrieb, die seit 1956 erscheint und Beiträge zu allen Aspekten der Buch- und Buchhandelsgeschichte veröffentlicht. Die Horst-Kliemann-Stiftung war es nicht zuletzt, die aus ihren Mitteln einen Beitrag zur Förderung einer neuen und neuartigen Buchhandelsgeschichte leistete, die nun im ersten Teilband vorliegt.

Lange vor der deutschen Wiedervereinigung, im Jahre 1984, bewilligte der Börsenverein die Mittel für die Vorarbeiten zu diesem Projekt. Hauptherausgeber und - mit zwei Dritteln des Textumfangs - Hauptautor des ersten Bandes ist Georg Jäger, Literatur- und Buchwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München und seit mehr als zehn Jahren Leiter des dortigen Aufbaustudiengangs Buchwissenschaft. Jäger ist Mitglied der Historischen Kommission und hat sich seit den 70er Jahren mit Publikationen zur Sozialgeschichte der Literatur einen Namen gemacht, er ist nicht nur in der Buch- und Bildungsgeschichte beschlagen, sondern auch an neuen Theoriekonzepten interessiert. Ihm ist es zu verdanken, dass sich die vorliegende Buchhandelsgeschichte den benachbarten kulturwissenschaftlichen Disziplinen öffnete, dass sie die gesamtgesellschaftliche Funktion des Buchhandels in den Blick nahm und dadurch nicht zuletzt auch eine Geschichte der Literaturvermittlung und der gesellschaftlichen Kommunikation geworden ist.

Somit ein Glücksfall. Das Werk, das nach langer Forschungsarbeit sukzessive-flott in drei Teilbänden vorgelegt werden soll, ist nach politischen Epochen gegliedert. Teil 1 stellt das Kaiserreich dar, gefolgt von Weimarer Republik und "Drittes Reich". Wie jeder Band behandelt auch der vorliegende Band den "gesamten Kommunikationszusammenhang vom Autor bis zum Käufer und Leser". Dieser erste Teil ("Das Kaiserreich 1870 - 1918") überschneidet sich zeitlich mit der Darstellung Johann Goldfriedrichs, arbeitet aber Aspekte heraus, die dieser in seiner "kaiserzeitlichen Prägung" noch nicht erkennen konnte, darunter die Entstehung neuer Berufe wie die des Herstellers, des Lektors oder des Werbefachmanns. Diese Berufe entstanden aus der Notwendigkeit einer immer stärkeren Ausdifferenzierung der Arbeitsabläufe und dem immer größeren Druck, sich programmatisch und in Konkurrenz zu anderen Verlagshäusern zu bewähren. Die Herstellungstechnik und mehr noch die Buchgestaltung prägten ganz individuell das Gesicht des Verlages: "Das äußere Erscheinungsbild eines Buches sollte gesicherte Traditionen widerspiegeln und den Charakter der Massenproduktion verschleiern" (Peter Neumann). Das einzelne Buch sollte nicht nur in all seinen Komponenten (Papier, Druck, Einband) stimmig sein, sondern es sollte sich auch in eine Programmatik einpassen, die einer inhaltlichen und ästhetischen "Gesamtregie" folgte.

Natürlich mussten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. Georg Jäger stellt dar, wie sich Familienunternehmen zu Kapitalgesellschaften entwickelten. Wo ein Unternehmen familial strukturiert war, war früher oder später die Erbfolge zu regeln - und das ging nicht immer ohne Substanzverlust für das Unternehmen vor sich. Zersplitterung des Erbes und Kapitalabzug waren die Folgen, oft fehlte auch ein Erbe, der willens und in der Lage war, die Unternehmenstradition fortzusetzen. Ein Ausweg war die Trennung von Geschäftsführung und Geschäftsbesitz und die Umwandlung in Aktiengesellschaften. An diversen Beispielen demonstriert Jäger die Chancen und Risiken solcher Einschnitte. Ein geglücktes Beispiel ist das Bibliographische Institut (1915 umgewandelt), während die Firma Manz in Regensburg erhebliche Turbulenzen durchstehen musste, bis dann im Geschäftsjahr 1899/1900 die Rückumwandlung erfolgte. Banken und andere Kapitalgeber engagierten sich vor allem bei Presseverlagen, weil hier kräftige Spekulationsgewinne zu erwarten waren, auf jeden Fall aber die Rendite höher lag als im Buchgeschäft. Oft kam es daher bei Geschäftsumwandlungen zur Trennung von Presse- und Buchverlag.

Das Buch, als Ware und als kulturelles Gut betrachtet, wird in dieser umfassenden und doch knappen Darstellung auf seine sozialen, politischen, technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bezogen. In der Einleitung stellen Monika Estermann und Georg Jäger zunächst die Leitlinien des Projektes vor. Im ersten Kapitel arbeiten sie dann die Voraussetzungen und Entwicklungstendenzen im Deutschen Reich bis 1871 heraus und können dabei auf - zum Teil eigene - Vorarbeiten zurückgreifen. Stichworte wären die beiden "Leserevolutionen" im 18. und 19. Jahrhundert, die Entstehung der Lesegesellschaften und Leihbibliotheken, der Übergang von der "intensiven" zur "extensiven" Lektüre, der wachsende Bedarf an Bildungs- und Unterhaltungsware oder das Aufkommen literarischer Moden. Lesen und Lektüre gehören im 19. Jahrhundert zu den Bedingungen des sozialen Aufstiegs, neue Leserschichten bezeugen - vor allem in den letzten Dezennien - den wirtschaftlichen Aufschwung auf breiter Basis.

Reichtum und Unternehmenskultur werden durch raumgreifende Verlagsgebäude und das "Gefühl einer Betriebsgemeinschaft" augenfällig. Nicht nur die Maschinensäle fallen immer größer aus, auch die Privatkontors der Verleger werden prachtvoll ausgestattet und die Geschäftshäuser immer optimaler auf den Personen- und Warenverkehr zugeschnitten. Viele große Betriebe können sich - lange vor Bismarcks Sozialgesetzgebung - ein besonderes soziales Engagement für ihre Mitarbeiter in Form von Unterstützungkassen leisten. Georg Jäger bringt das Beispiel der Gebrüder Härtel (von Breitkopf und Härtel), die für alle Kinder der bei ihnen arbeitenden Familienväter "Schulfreistellen" einrichteten. Mit Stiftungen und Pensionskassen hielt der schlesische Buch- und Zeitungsverlag Korn in Breslau seine Arbeiter von der gesellschaftlichen Organisation fern und schützte sich so vor Streiks.

Das Selbstverständnis und Selbstbild des Verlegerstandes hat sich schon vor dem Darstellungszeitraum grundlegend gewandelt. Im Kaiserreich versteht man sich als Motor einer Wachstumsgesellschaft, als Beförderer aufklärerischer Bestrebungen, als Mittler zwischen kulturellen und wirtschaftlichen Interessen. Verleger werben dafür, dass - vor allem in den Städten - das Bildungsangebot verbessert wird, zumal so manche Region den Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern nur decken kann, wenn die Schulausbildung gründlich, die alimentäre Versorgung reichhaltig und die medizinische fachkundlich erfolgt, kurz wenn alle Bevölkerungsschichten an Fortschritt und Wachstum partizipieren.

Vom ersten deutschen Nationalstaat gingen zahllose Impulse aus, das sehr heterogene Gefüge rechtsstaatlich zu konsolidieren. Wie Wolfram Siemann und Andreas Graf darstellen, wurde das Reichspressegesetz vom 7. Mai 1874 allgemein als beträchtlicher Fortschritt auf dem Gebiet der Pressefreiheit verstanden. Der Schutz geistigen Eigentums einerseits, die Befreiung von regulativen Eingriffen andererseits wirkten sich für Buchhandel, Verlagswesen und Presse positiv aus. Sie kamen in den Genuss der Gewerbefreiheit, sofern sie ihr Gewerbe bei "der zuständigen Behörde ihres Wohnortes" anmeldeten. Der Kolportagebuchhandel wurde weiterhin unterbunden, soweit er sein Geschäft mit anstößigen oder "staatsgefährlichen Schriften" zu machen suchte. Verschiedene prominente Zensurverfahren (gegen Wilhelm Busch, Gerhart Hauptmann, Oskar Panizza, Carl Sternheim, Ludwig Thoma) fallen in den Darstellungszeitraum und setzen der Freiheit der Presse, des Buchhandels und Verlagswesens bisweilen enge Grenzen. Hingegen wurde das Urheberrecht verbessert und internationalisiert. Spannend stellt Martin Vogel die Entwicklung des Urheberrechts einerseits, des Verlagsrechts andererseits dar: Das Verlagsrecht wurde Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr aus dem "gewerblichen Aufwand" des Verlegers berechnet, sondern "als ein vom Autor abgeleitetes Recht" verstanden. Das Urheberrecht bezog sich nicht mehr lediglich auf ein Werk, sondern wurde Persönlichkeitsrecht und stellte "wesenmäßig den Urheber in seinen ideellen und materiellen Beziehungen zu seiner Schöpfung unter Schutz".

Die Typologie der Verlegerpersönlichkeit ist dann wieder Sache von Georg Jäger. Neben jenem Typus, der noch "ganz seiner Arbeit und seiner Pflicht" lebte, tritt der verlegerische Selbstdarsteller, der auf Repräsentation Wert legt, neben ideelle Zielsetzungen tritt wirtschaftliches Erfolgsstreben, neben die nach innen und außen demonstrierte Solidität des Unternehmens die "Kulturmission". Öffentliches Engagement erhöht die Reputation des Verlegers und ist nicht selten überlebensnotwendig. So muss besonders der "Provinzverleger" soziale Pflichten wahrnehmen und "sich über Gesellschaften und Vereine in das örtliche Netz von Bekanntschaften und Beziehungen" einfügen. Die Ausbildung der Verleger ist in der Regel vielseitig, ja umfassend, und bald erwerben sie Ehrendoktorate, Orden und Titel als Indikatoren ihrer gehobenen gesellschaftlichen Stellung. In einem Wandbild Anton von Werners lässt sich der Zeitungsverleger Rudolf Mosse verherrlichen. Im Stil der niederländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts ist er mit Familie und Freunden vor einem Stadtpalais und antikisierenden Kolonnaden zu sehen. So präsentiert sich heute nur noch Bernd F. Lunkewitz.

Jäger stellt Einzelpersönlichkeiten vor (darunter Heinrich Korn und Wilhelm Ernst) und abstrahiert nach wechselnden Gesichtspunkten: jeweilige Zielsetzung, Vermögensverhältnisse, Frauen an der Verlagsspitze. Der habituelle Wandel um 1900 wird in einer Folge von Portraitfotos deutlich. Der Personalbestand der Betriebe wird untersucht, die interne Gliederung der Verlage dargestellt, der Beruf des Verlagsvertreters gewürdigt. Am Ende jedes Kapitels steht eine ausführliche Bibliographie der verwendeten und weiterführenden Literatur, so dass sich dieses Buch quasi auch als kommentierte Bibliographie und als Quellenkunde lesen lässt. Diverse Tabellen entwerfen Kalkulationsbeispiele oder geben Auskunft über die oft lebenslange Betriebszugehörigkeit der Mitarbeiter ("Ehrentafel der Jubilare"), über die Entwicklung des Maschinenparks, über Auflagen und den Absatz von Zeitschriften und Büchern. Ein ausführliches Kapitel von Gangolf Hübinger und Helen Müller beschäftigt sich mit den politischen, konfessionellen und weltanschaulichen Verlagen im Kaiserreich. Der Universal-, Fakultäten- und Universitätsverlag ist wiederum Sache Georg Jägers, ebenso der wissenschaftliche, der medizinische und der juristische Verlag. Paradigmatisch werden einzelne Häuser eingehend gewürdigt, zum Beispiel E. S. Mittler & Sohn, dessen programmatischer "Dualismus von militärischer Machtpolitik und kultureller Verinnerlichung" nicht nur einer Vorliebe des Verlegers entsprach, sondern auch ein "Signum der Epoche" war.

Die "Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert" bietet vielfältige Anschlussmöglichkeiten. Vorbildlich ist dabei die Ökonomie der Darstellung, die pragmatische Applizierung der theoretisch-systematisch entfalteten wissenschaftlichen Episteme und der diskret eingebrachte Materialreichtum. Chapeau bas!

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Georg Jäger / Dieter Langewiesche / Wolfgang Siemann (Hg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band 1. Das Kaiserreich 1871 - 1918. Teil 1.
Herausgegeben von der Historischen Kommission der Buchhändler-Vereinigung.
Buchhändler-Vereinigung, Frankfurt a. M. 2001.
648 Seiten, 66,00 EUR.
ISBN-10: 3765723517

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