Von Holzmenschen und Lehmmenschen

Kristiane Kondrats Kindheitserinnerungen "Vogelkirschen"

Von Katrin SteinbornRSS-Newsfeed neuer Artikel von Katrin Steinborn

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Ihrigen waren vom Schlage der Holzmenschen. Alle, die sie seit frühester Kindheit gekannt hatte, waren aus Holz geschnitzt: die Eltern, Tanten, Onkel, Großonkel, die Leute, die zu Besuch kamen, jene, die in derselben Straße wohnten und jene in den Nachbarstraßen.

Als urwüchsig und kraftvoll beschreibt Kristiane Kondrat die Volksgruppe der Banater Schwaben in ihren Kindheitserinnerungen "Vogelkirschen". Sie spricht von ihren Landsleuten als einem derben Völkchen, das sich bei der Totenwache Gruselgeschichten erzählte, um das Erzählte in einem abschließenden Gelächter zu zerstreuen und unschädlich zu machen. Aberglaube bestimmte den Alltag. Schlüssellöcher wurden mit Zeitungspapier verschlossen, denn man fürchtete die Drud, einen bösen Dämon, der des Nachts in die Wohnungen eindrang, Neugeborene stahl und gegen leblose Bälger austauschte.

In ihren Erzählungen lässt die Autorin eine archaische Lebenswelt erstehen, die längst der Vergangenheit angehört. 1938 wurde sie in der Arbeiterstadt Reschitz im Banater Bergland geboren. Dieses Gebiet erstreckt sich von den westlichen Ausläufern der rumänischen Südkarpaten bis zur Donau, die dort die Grenze zu Serbien bildet. Eine wechselvolle Geschichte prägte diesen Landstrich und seine Bevölkerung. Nach der Befreiung von der Osmanenherrschaft wurde er Teil des Habsburgerreichs. In der Folge siedelten sich dort österreichische Kolonisten an. Seit 1920 gehört dieses Gebiet zum rumänischen Staat. Im Banat lebten verschiedene Ethnien zusammen, lange bevor der Begriff einer multikulturellen Gesellschaft in Gebrauch kam. In der Umgebung von Reschitz wurden vier Sprachen gesprochen, und es konnten sieben Konfessionen gezählt werden. Wie überall in Osteuropa war das Ende des zweiten Weltkriegs auch für die deutschstämmige Bevölkerung im Banat mit leidvollen Erfahrungen verbunden. So erlebte Kondrat die Deportation ihres Vaters in die Sowjetunion. In der Schule war sie dem Zorn der rumänischen Lehrerin ausgesetzt, die sie schlug und vor der Klasse bloßstellte, weil sie schlecht rumänisch sprach. Für das Kind gehört die Lehrerin zu den Lehmmenschen, die wie die Lava eines Vulkan die kleine Stadt langsam aber zäh überfluten und in eine Steinwüste verwandeln. Diese Lehmmenschen erscheinen der kleinen Kristiane als fremde, bedrohliche Wesen, die die vertraute Umgebung gewaltsam in Besitz nehmen und nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten verändern. "Auch in große alte Häuser quartierten sich Lehmleute ein, und sie kamen in die Büros und besetzten die Sessel der Behörden. Sie gaben den Ton an, und die Holzlandschaft veränderte sich und wurde traurig."

Die parabelhafte Erzählung "Die Lehmmenschen" enthält zahlreiche Bezugspunkte zur Zeitgeschichte. Die frühen Verfassungen der Volksrepublik Rumänien garantierten zwar grundlegende Minderheitenrechte, was aber Bildungswesen, Sprache und Kultur betraf, so ordneten sie diese rigoros dem Aufbau des Sozialismus unter. Inoffiziell etablierte sich jedoch eine systematische Anti-Nationalitätenpolitik im Geiste des rumänischen Nationalismus. Höhere und mittlere Machtpositionen in Gebieten mit überwiegender Minderheitenbevölkerung wurden mit Rumänen besetzt. Doch auch ohne detaillierte Kenntnis der historischen Bezüge lassen sich Kondrats Erzählungen mit Gewinn lesen. Denn der Autorin geht es weniger darum, die gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit zu dokumentieren, wie es so oft ein Anliegen der sogenannten Vertriebenenliteratur ist. Vielmehr schildert sie die Ereignisse aus der Sicht der kleinen Kristiane, die als Kind keine Vorstellung von politischen Zusammenhängen hat und deshalb das Erlebte nur schwer einordnen kann. Dingen, die sie sich nicht zu erklären vermag, verleiht sie ihre eigene erfundene Bedeutung. Die bildreiche Sprache der Erzählungen entspricht dieser kindlichen Phantasie. Ihren Ausdruck findet die Vorstellungskraft des Mädchens gelegentlich in traumhaften, surreal anmutenden Szenen. Etwa als sich das Mädchen vom heimischen Dachboden aus in die Lüfte erhebt und dem Weg der Gänseseelen folgt, die nach der Schlachtung ins Dorf der Großmutter zurückkehren.

Kondrat will in ihren Erzählungen die Erinnerung an das Banater Bergland und die seltsamen Menschen, die einst dort lebten, wachhalten. Für die Autorin liefert dieser Landstrich bis zum heutigen Tag den Beweis dafür, dass ein friedliches Zusammenleben verschiedener Ethnien möglich ist. Dennoch verklärt sie die Heimat nicht. Denn der Ort ihrer Kinderjahre war alles andere als eine Idylle.

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Kristiane Kondrat: Vogelkirschen. Kindheitserinnerungen aus dem Banater Bergland. Erzählungen.
Bachmaier Verlag, München 2000.
138 Seiten, 11,70 EUR.
ISBN-10: 3931680215

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