Die Herausforderung der Emotionen

Ein gewissenhaftes, überholtes Lehrbuch der Kognitionswissenschaften

Von Geret LuhrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Geret Luhr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seitdem der erste denkende Homo Sapiens über einen Toten gebeugt stand und sich angesichts des scheinbar noch intakten Körpers fragte, wo denn das Leben hin sei, verstand man den Menschen als ein in Körper und Geist gespaltenes Wesen. Um den Geist reinzuhalten wurden im Verlauf der Kulturgeschichte die Gefühle des Menschen seinem Körper zugeschlagen. In den modernen Kognitionswissenschaften führt das allerdings zu einem Paradox: Denn während die Neuro-Materialisten in der Lage sind, unser Denken auf der Grundlage komplexer Repräsentations- und Computationsverfahren nachzubilden, gelingt ihnen das bei den eher körperabhängigen Gefühlen nicht.

Hielte man sich an das Menschenbild der ersten Staffel der "Star Trek"-Serie, in der der Vulkanier Mr. Spock emotionsfrei und logisch denken kann, bräuchte man sich über das Problem nicht den Kopf zu zerbrechen. Inzwischen weiß man jedoch, daß die Gefühle des Menschen ein integraler Bestandteil des menschlichen Denkens sind. Die Emotionen gehören deshalb zu den großen Herausforderungen für die Kognitionspsychologie.

Das Lehrbuch zur "Kognitionswissenschaft" von Paul Thagard versucht, sich dieser Herausforderung zu stellen. In zahlreichen didaktisch gut aufbereiteten Einzelkapiteln (samt Zusammenfassungen, Verständnisfragen und Diskussionsvorschlägen für die Lerngruppe) wird das "Computationale-Repräsentationale Verständnis des Geistes" - kurz CRUM - vorgestellt und beschrieben; ein eigener Abschnitt ist den Emotionen gewidmet. In gedrängter Form werden einige Forschungsergebnisse referiert, die Leistung und Funktion von Gefühlen beschrieben: Emotionen liefern vor allem eine zusammenfassende Beurteilung unserer persönlichen Problemlösungsituation, sie dirigieren die kognitiven Ressourcen und tragen zur Entscheidungsfindung bei. Der nächste Forschungsschritt wäre, diese Leistung der Gefühle ergänzend in CRUM einzuschreiben. "Möglicherweise", schreibt Thagard, könnte man entsprechende regelbasierte Systeme mit dem Computer schaffen, und er skizziert auch, wie er sich das vorstellt.

Warten muß der deutsche Leser des 1996 für den englischsprachigen Markt verfaßten Buchs auf solche Programme und entsprechende Lösungen freilich nicht mehr. Seit einigen Monaten liegen sie in Dietrich Dörners wegweisendem "Bauplan für eine Seele" vor (vgl. literaturkritik.de Nr. 2/3 unter 1999-02-05.html). Das ganz anders konzipierte, ordentliche Lehrwerk Thagards wird dadurch für das Studium nicht überflüssig - es sollte jedoch durch die Ideen Dörners ergänzt werden.

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Paul Thagard: Kognitionswissenschaft. Ein Lehrbuch.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1996.
256 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3608919198

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