Geschichte historisch treu geschrieben, ohne darum eine Geduldprobe für den Leser zu sein

Die hervorragende neue Edition von Schillers "Historischen Schriften und Erzählungen" in der "Bibliothek deutscher Klassiker"

Von Arnd BeiseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Arnd Beise

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Von der Wiege meines Geistes an bis jetzt", so Schiller 1791 in einem Brief an den dänischen Schriftsteller Jens Immanuel Baggesen, "habe ich mit dem Schicksal gekämpft, und seitdem ich die Freiheit des Geistes zu schätzen weiß, war ich dazu verurteilt, sie zu entbehren." Schillers Hinwendung zur Geschichtsschreibung war 1785 ein Versuch, sich diese Freiheit endlich zu erwerben. Trotz einiger Erfolge als Theaterschriftsteller ("Die Räuber", "Die Verschwörung des Fiesko", "Kabale und Liebe") war Schiller Mitte der 1780er Jahre nicht nur ohne Einkommen, sondern hoch verschuldet. Seine bürgerliche Existenz war eine "gescheiterte" und sogar an seinem dichterischen Talent zweifelte der Autor. Er habe die Möglichkeit, "durch etwas anders als schriftstellerische Wirksamkeit zu existieren", viel zu früh aufgegeben und den Beruf eines Schriftstellers ergriffen, noch "eh ich seine Forderungen geprüft, seine Schwierigkeiten übersehen hatte. Die Notwendigkeit, ihn zu treiben, überfiel mich, ehe ich ihm durch Kenntnisse und Reife des Geistes gewachsen war."

Nachdem er sich als Theaterdichter nicht mehr in Mannheim halten konnte, siedelte Schiller nach Sachsen über. Hier kam er bald in Kontakt mit verschiedenen Verlegern und Publizisten, mit denen er einige historiografische Sammlungen plante, so eine mehrteilige "Geschichte der merkwürdigsten Rebellionen und Verschwörungen", die er zusammen mit Ludwig Ferdinand Huber herausgeben wollte. Seit 1786 trieb Schiller verstärkt historische Studien: "Täglich wird mir die Geschichte teurer", schrieb er an den Freund Christian Gottfried Körner: "Ich wollte, daß ich zehen Jahre hintereinander nichts als Geschichte studiert hätte. Ich glaube, ich würde ein ganz anderer Kerl sein."

Die eigene für die erwähnte Sammlung geplante Geschichte der niederländischen Revolution wuchs sich unter der Hand zu einer umfangreichen Gesamtdarstellung aus, deren erster Band 1788 erschien: "ich muß Ihnen gestehen, daß ich mich durch diese Schrift in dem neuen Fach der Geschichte, dem ich mich angefangen habe zu bestimmen, beim Publikum etwas gut ankündigen möchte", schrieb er an seinen Verleger. Es ist Schiller gelungen, sich als Historiker "gut" anzukündigen. Die Sachsen-Weimarischen Bildungspolitiker Voigt und Goethe waren von der Schrift, und insbesondere ihrer exzellenten Einleitung so angetan, dass sie Schillers Berufung zum außerordentlichen Professor an der Universität Jena durchsetzten.

"Übertölpelt" nicht zuletzt von der eigenen Eitelkeit nahm Schiller an, obwohl er sich als Hochschuldozent nicht wohl fühlte: sei er doch "der Lehre selbst so bedürftig", dass er sich eigentlich nicht recht "zum Lehrer der Menschen aufwerfen" dürfte (an Baggesen). Hätte er nur Geld genug, wollte er nur noch dichten, dichten, dichten - "und die Akademie in Jena möchte mich dann im Arsch lecken..." (an Körner).

Einige Zeit aber hielt es Schiller dann doch als Professor Extraordinarius auf der Akademie aus und las über Universalgeschichte, Europäische Staatengeschichte oder die Kreuzüge; daneben publizierte er eine ganze Anzahl historiografischer Schriften, darunter so berühmt gewordene wie die "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" oder "Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon". Eine lebensgefährliche Erkrankung 1791 beendete Schillers Laufbahn als Akademiker. Ein durch Baggesen vermitteltes dreijähriges Arbeitsstipendium am dänischen Hof verschaffte Schiller dann ab 1792 zum ersten Mal in seinem Leben persönliche Unabhängigkeit und die Möglichkeit, frei von äußerer Not zu schaffen. Zunächst widmete er sich überwiegend ästhetisch-anthropologischen Fragestellungen, bevor er sich nach 1795 wieder stärker Dichtung und Dramatik zuwandte.

Das Interesse an der Geschichte hatte er aber nicht verloren. Es war, so scheint es, immer schon und bis zu seinem Tod die Grundlage auch seiner Dichtung. Zwar gab es während der Arbeit an der "Wallenstein"-Trilogie noch manch krisenhaft erlebten Punkt, wo Schiller über das Verhältnis von Dichtung und Geschichte mit sich uneins war, aber rückblickend bekannte er 1798 Goethe gegenüber: "Ich werde es mir gesagt seyn lassen, keine andre als historische Stoffe zu wählen, frey erfundene würden meine Klippe seyn." Er brauchte die historisch verbürgte Gegebenheit als Widerlager seiner Imagination, denn er hatte erkannt, dass "die objective Bestimmtheit eines solchen Stoffs meine Phantasie zügelt und meiner Willkür widersteht".

Die vorliegende zweibändige Neu-Edition von Schillers "Historischen Schriften und Erzählungen" hat nun gegenüber älteren Ausgaben den Vorzug, dass sie die historische Prosa, sei es im engeren Sinn wissenschaftliche Geschichtsschreibung oder aber historische Belletristik, im Zusammenhang versammelt. Ohnehin ist die Trennlinie zwischen Historiografie und Erzählung in der Zeit um 1800 keine scharf zu ziehende, und schon gar nicht in Schillers Fall. In der Vorrede zur "Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung" schrieb Schiller 1788: "Meine Absicht bei diesem Versuche ist mehr als erreicht, wenn er einen Teil des lesenden Publikums von der Möglichkeit überführt, daß eine Geschichte historisch treu geschrieben sein kann, ohne darum eine Geduldprobe für den Leser zu sein, und wenn er einem andern das Geständnis abgewinnt, daß die Geschichte von einer verwandten Kunst etwas borgen kann, ohne deswegen notwendig zum Roman zu werden." Ein Rezensent der ersten Buchausgabe von Schillers einzigem Roman "Der Geisterseher" (1789) betonte, dass es auch in diesem Fall sinnlos sei, "zu untersuchen, ob das Ganze Geschichte oder Gedicht sey [...]. Wenn diese Schrift auch keine treue Geschichte [...] ist, so ist sie doch ein recht gut getroffenes Sittengemählde unseres Zeitalters".

Letzteres gilt insgesamt für die im engeren Sinn historischen Erzählungen Schillers, die zwischen 1782 und 1786 entstanden sind, und die häufig als "Übungsstücke" qualifiziert wurden. "Warum auch nicht?" fragt der Herausgeber zu Recht: "An diesen Texten hat der junge Autor seine schriftstellerischen Fähigkeiten ausprobiert, und er bekam bald die Gewissheit dessen, der Erfolg hat." Was diese Erzählungen eint, ist die Betonung ihrer "Wahrheit", das heißt ihrer verbürgten Authentizität. Auch wenn diese Authentizität nur vorgespiegelt war (zum "Geisterseher" schrieb Schiller einmal, man dürfe es hier mit der "Wahrheit nicht so genau nehmen"), zeigt sie die Dominanz des wissenschaftlichen Geschichtsinteresses bei Schiller, der auf gewissenhaftem Quellenstudium insistierte.

Freilich war es bei Schiller damit auch nicht immer so weit her. Theodor Kükelhaus hat in seinem Kommentar der "Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs", der sich in Ludwig Bellermanns 1895-97 erschienenen Werkausgabe findet, Schillers Quellenarbeit zusammenfassend bewertet: "zwar gewissenhaft und auch ziemlich umfangreich, aber keineswegs gründlich und noch weniger kritisch". Schiller sei nirgends zu "einer selbständig gewonnenen Meinung über ein einzelnes Ereignis oder eine Person" gekommen, stets sei er den "bestimmenden Zügen" der Quelle gefolgt. Der Herausgeber der vorliegenden Ausgabe zitiert diese Einschätzung, um dann gleichsam kopfschüttelnd die Bemerkung anzuschließen: "Angesichts dieses Tatbestandes fragt man sich bei manchen heutigen Interpretationen, warum Forschungsergebnisse, auch wenn sie in alten Büchern stehen, nicht zur Kenntnis genommen und in Erwägung gezogen werden."

Diese Bemerkung ist symptomatisch für einen weiteren großen Vorzug der neuen Edition, nämlich das große Engagement, mit dem der erfreulich umfangreiche Kommentar (sein Umfang entspricht jeweils etwa der Hälfte der kommentierten Texte) geschrieben ist. Zudem ist der Kommentar frei von der unkritischen Bewunderung, die andere Arbeiten zu Schiller häufig prägen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Abschnitt zu "Struktur und Gehalt" von Schillers erstmals 1795 publizierter Schilderung der "merkwürdigen Belagerung von Antwerpen in den Jahren 1584 und 1585", eine stilistisch exzellente Erzählung. Herbert G. Göpfert nannte sie daher in der 1958-59 erschienenen Hanser-Ausgabe, die übliche Meinung wiedergebend, "eine der besten historischen Erzählungen Schillers, ein Stück großer Prosa". Otto Dann, der Herausgeber vorliegender Edition, kann diese Ansicht nicht teilen. Das "Fabula docet" beherrsche penetrant die Erzählung, und Dann macht keinen Hehl daraus, dass ihm diese "Lehre" missfällt: Die Erzählung demonstriert nämlich die Unterlegenheit einer Republik gegenüber einer absolutistischen Institution, in diesem Fall der spanischen Truppe, der ein genialer Führer vorsteht. Außerdem verrate der Text eine merkwürdige Vorliebe Schillers für blutrünstige Einzelheiten des Kampfes. Insgesamt sei die Erzählung doch wohl nicht mehr als ein "Lückenfüller" für Schillers eigene Zeitschrift sowie ein "Rückfall in eine rhetorisch-moralisierende Geschichtsschreibung", dessen inhaltliche Aussage fragwürdig sei, bedeute sie doch "einen Rückzug von den politischen Grundsätzen, die der früheren Geschichtsschreibung Schillers ihren Schwung gaben. Das Lob der Zeitgenossen gibt zu denken; das der späteren Kommentatoren ist wohl weitgehend ein Problem des Abschreibens. Darf allein das ästhetische Urteil maßgebend sein?"

Was sich der vorliegenden Edition gut entnehmen lässt, ist die entschiedene Wandlung von Schillers politischer Einstellung und in seinem historischen Weltbild. Da diese Ausgabe die erste moderne Edition ist, die die historischen Schriften in der Chronologie ihres ersten Erscheinens abdruckt, und dies - ebenfalls abweichend von der traditionellen Vorliebe für "Ausgaben letzter Hand" - durchgehend in ihrer ersten Fassung, kann dieser Wandel nun erstmals konkret nachvollzogen werden.

Sichtbar wird dabei, wie Schiller unter dem Eindruck der Ereignisse in Frankreich nach 1789 und unter dem Einfluss seiner Freunde aus dem Hochadel der sächsischen und thüringischen Kleinstaaten zunehmend seine ursprünglich republikanischen Überzeugungen verlor. Zwar blieb der für seine Publizistik insgesamt zentrale Begriff die "Freiheit", sie wurde aber von Schiller zunehmend den Fürsten und ihrer Libertät zugeordnet, nicht mehr den Völkern und Nationen. Auch die universal- und entwicklungsgeschichtlichen Perspektiven, die noch seine akademische Antrittsvorlesung aus dem Mai 1789 prägten, gingen Schiller verloren. "Die Welt, als historischer Gegenstand", so der Autor in der 1801 publizierten Abhandlung "Über das Erhabene", sei "im Grunde nichts anders als der Konflikt der Naturkräfte unter einander selbst und mit der Freiheit des Menschen". Das nun hat mit der Auffassung von der Geschichte als "Schauplatz" des menschlichen Kampfes um kontinuierlich sich entfaltende gesellschaftliche Freiheit nichts mehr zu tun. Doch hatte genau diese Einstellung etwa der "Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung" jenes politische Pathos verliehen, das sie zum anziehendsten Werk des Historikers Schiller macht. Hier gibt es nicht jene "kolossalischen" Menschen, die das Frühwerk von den "Räubern" bis zum "Dom Karlos" bevölkern und in den späteren Schriften wieder auftauchen. Schillers Held in seiner ersten großen historischen Schrift ist das niederländische Volk insgesamt.

"Groß und beruhigend ist der Gedanke, daß gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich noch eine Hülfe vorhanden ist, daß ihre berechnetsten Plane an der menschlichen Freiheit zu Schanden werden, daß ein herzhafter Widerstand auch den gestreckten Arm eines Despoten beugen, heldenmütige Beharrung seine schrecklichen Hülfsquellen endlich erschöpfen kann. Nirgends durchdrang mich diese Wahrheit so lebhaft, als bei der Geschichte jenes denkwürdigen Aufruhrs, der die vereinigten Niederlande auf immer von der spanischen Krone trennte". Schiller habe nicht "das Außerordentliche oder Heroische dieser Begebenheit" zur Darstellung gereizt, sondern dass der Held dieser Geschichte kein individueller, sondern das "Volk" sei. Ein "friedfertiges Fischer- und Hirtenvolk" (in Zeeland und Holland) und ein "gutartiges, gesittetes Handelsvolk" (in Brabant und Flandern), beide von ihrer eigenen Kraft "überrascht", sei der kollektive Held seiner Geschichte. Dessen "Kraft", so Schiller weiter, sei "unter uns nicht verschwunden; der glückliche Erfolg, der sein Wagestück krönte, ist auch uns nicht versagt, wenn die Zeitläufte wiederkehren und ähnliche Anlässe uns zu ähnlichen Taten rufen." Diesen Satz strich Schiller für die zweite Auflage seines Buchs 1801. Also findet er sich auch in den bisherigen Neu-Ausgaben des Textes nicht, besser gesagt, er wurde in den Anmerkungsapparat verbannt. Dass er jetzt wieder in seinem integralen Zusammenhang auftaucht, zeigt noch einmal, wie wichtig es ist, sich von dem Grundsatz der "Ausgaben letzter Hand", die letzte vom Autor autorisierte Fassung als Textgrundlage zu nutzen, zu verabschieden. Ohnehin kann man vermuten, dass Autoren ihre Texte, wenn sie später daran herumfeilen, häufig verschlimmbessern, indem sie die erste "der Gunst des Augenblicks" verdankte Fassung entstellen oder sogar verfälschen.

Der "Geisterseher" zum Beispiel ist bisher stets in der Fassung der dritten Buchausgabe nachgedruckt worden. Die Leser haben also "einen Text in der Hand, der von Schiller dreimal überarbeitet, zweimal in seiner Gesamtkonzeption umgestaltet und dadurch keineswegs verbessert wurde", wie Otto Dann mit wünschenswerter Deutlichkeit sagt: "Wer diesen Text als eine einheitliche Gesamtkomposition verstehen will, gerät daher in Schwierigkeiten; das belegen die heute vorliegenden Kommentare zur Genüge. 'Der Geisterseher' erschließt sich nur dem, der ihn geschichtlich, und das heißt: in den Zeit-Schichten seiner Entstehung zu lesen versteht. Dazu ist es notwendig, auf die Erstfassung zurückzugreifen".

Dies ist nun in Danns geschichtlich orientierter Ausgabe der "Historischen Schriften und Erzählungen" erstmals geschehen, und so bietet diese rundum zu lobende Edition nicht nur in diesem Fall den zur Zeit besten Text, der auf dem Buchmarkt erhältlich ist.

Titelbild

Friedrich Schiller: Historische Schriften und Erzählungen I. Friedrich Schiller Werke und Briefe Bd. 6.
Herausgegeben von Otto Dann.
Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
1008 Seiten, 66,00 EUR.
ISBN-10: 3618612605

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Friedrich Schiller: Historische Schriften und Erzählungen II. Friedrich Schiller Werke und Briefe Bd. 7.
Herausgegeben von Otto Dann.
Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
1.092 Seiten, 76,00 EUR.
ISBN-10: 3618612702

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch