Intensivst geforscht

Helen Chambers untersucht 120 Jahre Fontane-Rezeption

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bekanntlich stehen nicht alle Werke eines kanonisierten Autors gleichermaßen im Blickpunkt des Interesses. Die Vorlieben des Publikums konzentrieren sich ebenso wie die Untersuchungen der Literaturwissenschaft oft auf einige für zentral erachtete Werke. Bei diesen muss es sich über die Jahrzehnte hinweg durchaus nicht immer um die gleichen handeln, wie Helen Chambers Untersuchung "Theodor Fontanes Erzählwerk im Spiegel der Kritik" deutlich macht, in der sie aufzeigt, dass während der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts der "Stechlin" im Zentrum der Fontane-Forschung stand, in den folgenden Jahrzehnten hingegen "Effi Briest".

Die Autorin der 1997 im englischen Original erschienenen und nun in einer Übersetzung von Verena Jung vorliegenden Arbeit zeigt "anhand der Werke der bedeutendsten und nachhaltig einflussreichsten Wissenschaftler" die wichtigsten "Trends" der nunmehr 120 Jahre andauernden Fontane-Rezeption auf und lässt zugleich allgemeine Tendenzen in deren Entwicklung deutlich werden. Ein chronologischer Durchgang durch die Fontane-Rezeption bildet den Hauptteil der Untersuchung. Hier schlägt Chambers` genaue Lektüre der umfangreichen Sekundärliteratur positiv zu Buche, deren zentrale Thesen nicht nur referiert, sondern auch kritisch reflektiert werden. Manche - nicht unmittelbar zur Fontane-Rezeption gehörende - Bewertung, scheint allerdings etwas überzogen, wie etwa die Rede vom "Preußenfiber", das in den Achtzigern und Neunzigern in Deutschland grassiert habe und von der Autorin mit der "Dinosaurierwelle" verglichen wird.

Nicht immer überzeugend ist auch die Gliederung der Chronologie nach Dezennien, welche die Autorin auch dann durchhält, wenn sie nicht so recht passen will. So fällt etwa ein besonders eklatanter Einschnitt in der Fontane-Rezeption, derjenige nach dem Ende des Nationalsozialismus, gerade in die Mitte der auf die "fruchtbare Periode" der zwanziger und dreißiger Jahre folgenden "mageren vierziger Jahre". Befremdlich wirkt hier zudem, dass Chambers mit erkennbar negativer Konnotation vom "politisch korrekten Ton der Entnazifizierung" spricht, in dem Gertrud Herdings 1949 erschienenen Artikel "Die neuere Theodor Fontane-Literatur" gehalten sei. Lob findet hingegen der "große ungarische, marxistische Literaturwissenschaftler" Georg Lukács, dessen Versuch, Fontanes Werk als "Wechselwirkung" zwischen dem Autor und den "spezifischen gesellschaftlichen und geschichtlichen Umständen" zu erklären, in den "schwierigen fünfziger Jahre[n]" ein "fruchtbarer neuer Ansatz" gewesen, "als Ganzes" allerdings fehlgeschlagen sei.

Zu den herausragenden Werken der Fontane-Forschung zählt die Autorin Walter Müller-Seidels 1975 erschienene Monographie "Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland", der mit Renny K. Harrigans "The Limits of Female Emancipation. A Study of Fontane's Lower Class Women" drei Jahre später die erste feministische Interpretation der literarischen Werke Fontanes folgte. Insgesamt erweiterte sich in den 70er Jahren der "Rahmen" der literaturwissenschaftlichen Untersuchungen des Œuvre entsprechend der in der gesamten Literaturwissenschaft zu verzeichnenden "Diversifizierung" der literaturwissenschaftlichen Methoden. So wurden etwa in den U.S.A. und in Frankreich psychoanalytische und (post-)strukturalistische Ansätze entwickelt, zu denen die dekonstruktive Literaturwissenschaft hinzutrat, die in den 80er Jahren eine nahezu dominierende Stellung gewann.

Den vier Kapiteln des Hauptteils schließt sich ein komparatistischer Abschnitt zu Fontanes Erzählwerk im Kontext des europäischen Realismus an. Beschlossen wird das Buch durch einen Epilog, in dem die Autorin einen Blick auf den Boom wirft, den die Fontane-Forschung 1998 anlässlich Fontanes 100. Todestag, also zwei Jahre nach Fertigstellung des englischen Manuskriptes, erlebte.

Gelegentlich wird die Lektüre des Buches durch Schnitzer der stilistisch nicht immer sattelfesten Übersetzerin beeinträchtigt. So liest man etwa nur ungern, dass die Fontane-Forschung ein Thema "intensivst" diskutiert habe, und manche Sätze bewegen sich nahe am Rande des Erträglichen. Zwei Beispiele mögen genügen: "Die meisten Arbeiten stammen von Germanisten, die mehr oder weniger gute Kenntnisse der Psychoanalyse haben, vor allem amerikanische und Schweizer Forscher, beides Länder mit großen psychoanalytischen Traditionen, waren hier aktiv"; und: "Das besondere Interesse an 'L'Adultera´, an Mythos, Anspielungen, an weiblichen Vorbildgestalten und psychosomatischer Krankheit sind alles Ausdruck des feminisierteren Forschungsspektrums als Folge der sehr artikulierten Frauenbewegung seit den 70ern, vor allem in Westdeutschland und den Vereinigten Staaten".

Titelbild

Helen Chambers: Theodor Fontanes Erzählwerk im Spiegel der Kritik. 120 Jahre Fontane-Rezeption.
Übersetzt aus dem Englischen von Verena Jung.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2001.
201 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-10: 3826020057

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