Mein Name sei Biedermeier

Zwei literaturwissenschaftliche Sammelbände erkunden die Phase zwischen Goethezeit und Realismus

Von Stephan LandshuterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Landshuter

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Problem beginnt schon bei der Namensgebung und ihren oft verhängnisvollen Implikationen. Soll man die literarische Phase zwischen Goethezeit (ab ca. 1820 auslaufend) und Realismus (um ca. 1850 beginnend) nun "Biedermeier" oder "Vormärz" (oder gar "Restaurationsepoche" oder "Frührealismus") nennen? Bislang gibt es in dieser Frage nicht den Hauch eines Konsenses. Im ersten Fall produziert man aufgrund der Assoziationen leicht das Missverständnis, die Literatur dieser Epoche sei dominant bieder-bürgerlich, eher unpolitisch-privatistisch und daher harmlos. Die Bezeichnung "Vormärz" hingegen könnte ungewollt transportieren, dass die Literatur vor 1848 grundsätzlich politisch aufgeladen gewesen sei, was ebenso nicht der Wahrheit entspricht, und, als Zusatzimplikation käme hinzu, dass sie logischerweise automatisch mit der Revolution geendet habe (denn wie sollte ein Text von 1850 noch in die Epoche des "Vormärz", d. h. eine Zeit vor 1848, gehören können?). Problematisch ist hierbei schon die Tatsache, dass sich literarische Epochen meist nicht an politische Zäsuren zu halten pflegen und ganz eigene Grenzen ziehen (auch wenn das Literaturgeschichten, die mit Epocheneinschnitten wie 1815, 1848, 1871 oder 1918 operieren, offenkundig nicht wahrhaben wollen).

Diejenigen, die den Fallstricken dieser Epochenbenennung entkommen wollen, indem sie die Epoche zwischen Goethezeit und Realismus in einen "Biedermeier"-Anteil einerseits und eine "Vormärz"-Hälfte andererseits aufteilen (so Helmut Bock in seinem Aufsatz in "Vormärz und Klassik"), die parallel koexistiert hätten, lösen das Problem auch nur scheinbar, weil diese Einteilung die Wirklichkeit der Epoche, die viel ausdifferenzierter ist, als dieses simplifizierende Modell es will, ebenfalls nicht erfasst. Mit überzeugenden Argumenten vertreten diese letztgenannte Position Christian Begemann, Wolfgang Lukas und Martin Lindner in ihren Aufsätzen in "Zwischen Goethezeit und Realismus", indem sie erstens zeigen, dass politisch progressive Dichter und ihre konservativen Kollegen von ähnlichen poetologischen Ansätzen und verwandten ideologischen Denkfiguren ausgehen, und zweitens die konservativen Dichter bei weitem nicht so affirmativ oder idyllisch sind, wie es das Klischee möchte. Deshalb erscheint der von Michael Titzmann im Vorwort des von ihm herausgegebenen Bandes entworfene Lösungsansatz als der einzig sinnvolle: Man wird sich faute de mieux doch auf eine dieser beiden Bezeichnungen einigen müssen (wobei Titzmann "Biedermeier" favorisiert), die dann, entleert von jeder irreleitenden Semantik, als reiner Name für eine Epoche fungiert. Erst dann, wenn sich die vorläufige Epocheneinteilung bestätigt, kann aus dem Namen ein Begriff werden.

Diese Eingangsüberlegungen sollen als Einstimmung für die Betrachtung zweier Sammelbände dienen, die diese von der Literaturwissenschaft lange Zeit vernachlässigte und unterschätzte Epoche erkunden, die erst seit Anfang der 70er Jahre, sprich seit Erscheinen von Sengles legendärem (aber zurecht umstrittenem) Mammutwerk "Biedermeierzeit", allmählich in ihrer Bedeutung entdeckt wird. An beiden Titeln lässt sich die eben skizzierte Problematik schon ablesen. "Vormärz und Klassik" heißt der eine Band, beim anderen, "Zwischen Goethezeit und Realismus" betitelten, spricht man im Untertitel von der "Phase des Biedermeier".

Der Band "Vormärz und Klassik" untersucht in seinen 17 Beiträgen das spannungsreiche Verhältnis der Schriftsteller in den 1830er und 1840er Jahren zur vorangegangenen "Kunstperiode", wie es in damaligem Sprachgebrauch hieß, und zu dem literarischen Übervater Goethe im engeren Sinn. Sämtliche Dichter von Rang nach 1830 setzten sich mit Goethe auseinander, es blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Die einen wollten sich von ihm abgrenzen, andere benutzten sein Werk als Musterkoffer lyrischer Formen. Auffallend an dem Band "Vormärz und Klassik" ist die Ubiquität Heines, der ja das Diktum vom "Ende der Kunstperiode" hervorbrachte, auf das er gerne festgelegt wird, als hätte er sich diesen Satz eintätowiert. In einem der interessantesten Beiträge zeigt Peter Stein, dass Heines Verhältnis zur "Kunstperiode" viel gebrochener war, als es das Klischee will. Stein zeigt die vielen Richtungswechsel im Schaffen Heines, der sich fortlaufend dem Konzept der "Operativität" von Literatur im Diskurs der Politik ab- und wieder zuwandte. Stein entdeckt so in Heine auch das Signum der Epoche: "Festhalten und Umbruch von operativen und ästhetischen Traditionen" sei so ziemlich der einzige Zusammenhang, der in dieser chaotischen Zwischen-Epoche rekonstruierbar sei.

Wenn auch Heine häufiger, zentraler Redegegenstand in diesem Buch ist (so auch bei Jürgen Fohrmann, Ralf Schnell und Peter Uwe Hohendahl), so darf doch nicht übersehen werden, dass sich einige Beiträger dankenswerter Weise auch mit anderen Zeitgenossen beschäftigen. So beschreibt Lothar Ehrlich das ambivalente Verhältnis Immermanns zu Goethe, und Hans-Georg Werner geht der bislang wenig erforschten Beziehung Büchners zu Goethe nach. Hartmut Steinecke wendet sich Pückler-Muskau zu und wirbt für dessen Wiederentdeckung, während Harro Müller in essayistischem Plauderton das Verhältnis von Büchners bzw. Grabbes Schaffen zu Schiller untersucht. Von großem Wert sind die aus der geschichtswissenschaftlichen Ecke kommenden Überlegungen Helmut Bocks, der en passant auch die Bezeichnungen "Biedermeier" bzw. "Vormärz" bzw. deren bisherige Bedeutungen in der Forschung diskutiert. Bock liefert mit seinem historisch fundierten Aufsatz, in dem er auch einen gravierenden Umbruch gesellschaftlicher Mentalitäten nachweist, ein gutes Fundament für die literarhistorischen Überlegungen der übrigen Forscher.

Der zweite zu besprechende Band "Zwischen Goethezeit und Realismus" ist aufgeteilt in drei Sektionen. Im ersten Teil grenzen sieben Beiträge das "Biedermeier" im Rückblick zur "Goethezeit" ab. Im mittleren Teil geht es in vier Beiträgen um eine mehr oder minder interne Definition dieser Phase, während sich im abschließenden und umfangreichsten Teil neun Beiträge um den Wandel vom "Biedermeier" hin zum nachfolgenden "Realismus" drehen. Während der Band "Vormärz und Klassik" die Epoche unter einer ganz spezifischen Fragestellung zu beleuchten versucht, gibt es hier keine thematische Eingrenzung. Die Mehrzahl der Beiträge zeigt gute, innovative Ansätze, um diese problematische Epoche wenigstens ansatzweise in den Griff zu bekommen.

Martin Lindner zeigt auf überzeugende Weise, wie und weshalb sich die Liebeslyrik von der Goethezeit zum Biedermeier verändert, und er vermittelt daneben, wie sich gleichzeitig mit der Literatur auch die anthropologischen Implikationen und das Personenkonzept zwischen 1820 und 1860 wandeln. Christian Begemanns Beitrag zeigt die Veränderungen des diskursiven Feldes "Kunst und Liebe" vom Ende der "Romantik" hin zum "Biedermeier". Beachtlich ist hier zudem das breite Textkorpus, in dem sich auch abseitige Texte wie Seidls "Kunst und Liebe" (1841), Mundts "Madelon oder die Romantiker in Paris" (1832) oder Gaudys "Das Modell" (1838) finden, zu denen Begemann seine Interpretationsansätze aufzeigt. Begemanns Thema nahe stehend, schreibt Wolfgang Lukas über die Denkfigur der "erotischen Entsagung", die zwar im gesamten 19. Jahrhundert auftritt, in der "Biedermeier-Phase" aber ein ganz spezielles Modell entwickelt, das in einen umfassenden mentalitätsgeschichtlichen Desillusionierungsprozess eingebettet ist, der um 1820 beginnt und ab ca. 1830 verschärft Formen annimmt. Dieses massiv pessimistische Modell grenzt Lukas einerseits zur späten Goethezeit, in der noch ein versöhnlicheres Entsagungs-Modell vorherrscht, und andererseits zum frühen Realismus ab, in dem eine Psychopathologisierung des Entsagungsmodells rekonstruierbar ist.

Hans Krah beschreibt zwei abstrakte Konzeptionen von "Welt" im Drama zwischen 1800 und 1840, wobei er verdeutlicht, dass das erste Modell, in dem noch das Kausalitätspotential und damit einhergehend Einschätzbarkeit von Realität vorherrschte, schleichend abgelöst wird durch ein zweites Modell, in dem all diese Kategorien ihre Sicherheit verlieren. Auch bei Krah findet sich also die bei Lukas diagnostizierte Negativierung der Weltsicht und der impliziten literarischen Anthropologie. Jürgen Link präsentiert in seinem Aufsatz in nuce einige Ergebnisse seiner diskursanalytischen Forschungen zum Feld "Normalität", das, wie Link auch in seinem anregenden opus magnum "Versuch über den Normalismus" (1997) gezeigt hat, ein spezifisches Produkt moderner okzidentaler Gesellschaften seit dem 19. Jahrhundert ist. Nie zuvor gab es eine "Normalität" in diesem implizit statistischen Sinne, wie es sich schubweise seit etwa 1800 entwickelte. Links eingewobene These, dass Chamissos "Peter Schlemihl" vor allem als "Symbol einer unspezifischen Denormalisierungsangst" zu lesen sei, ist gewiss einer Beachtung wert, wenngleich damit die Rätselhaftigkeit dieses Textes nur partiell geklärt werden kann. Marianne Wünsch interpretiert fünf Texte, die sie als "Metatexte des Biedermeier" ausweist, weil sich in ihnen die Phase selbst als solche reflektiere. Bemerkenswert ist an diesem Beitrag vor allem die Herausarbeitung der versteckten politischen Implikationen dieser Texte. Auf einleuchtende Weise zeigt Wünsch, worin genau die spezifische Konservativität von Stifters "Narrenburg" (1844) besteht, die sich selbst als im Grunde nicht-realisierbar darstellt, oder weshalb Büchners "Lenz" (1839), obwohl die darin erzählte Geschichte zeitlich am Ende des 18. Jahrhunderts situiert ist, dennoch als Metatext der Biedermeier-Phase gelesen werden kann. Hauffs "Das Bild des Kaisers" (1828) erweist sich als besonders spannender Fall, weil sich dort der von Wünsch zurecht diagnostizierte reduzierte Konservatismus einer ersten Lektüre weitgehend verschließt. Wie schon Begemann und Lukas untersucht auch Gustav Frank ein breit gefächertes Korpus von Primärtexten, um dem "Mythos vom Matriarchat" als Reaktion des Realismus auf die "Biedermeier"-Phase auf die Spur zu kommen, und Michael Titzmann liefert eine gründliche Einzeltextinterpretation von Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe" (1856) im Kontext der Konstituierung des frühen Realismus in den 1850er Jahren.

Thomas Anz schildert, wie grobschlächtig der berühmteste programmatische Realist der 1850er Jahre, Julian Schmidt, die Welt in einen "gesunden" und einen "kranken" Anteil aufspaltet und die literarischen Verfahren, die er als positiv empfindet, in die Schublade "gesund" steckt (Otto Ludwig) bzw. alles, was er für verwerflich hält (Hölderlin, Tieck, Büchner, Heine, Gutzkow), in die Welt der "Krankheit" abschiebt. Selbst bei Autoren, zu denen Schmidt ambivalent eingestellt ist (Kleist und Hoffmann), kommt dieses Denken nicht ins Trudeln, denn Schmidt teilt in diesen Fällen die Werke kurzerhand in Anteile, die er verwirft, und solche, die er gelten lässt. So ist aus seiner Perspektive Kleists "Prinz von Homburg", um im Bild zu bleiben, ein an sich kerngesundes Drama, lediglich in der Todesfurchtszene kränkelt es arg, weil Schmidt Angst als unaufgeklärten Affekt ablehnt. Mit dieser Begrifflichkeit geht ein kaum erträgliches Moralisieren einher, denn das "Kranke" wird mit "Lasterhaftigkeit" korreliert und das "Gesunde" mit "Tugendhaftigkeit". Schmidt schreckt denn auch nicht davor zurück, die Autoren von Werken, die er desavouiert, als persönlich krank zu diffamieren.

Abschließend sei noch auf die in den Beiträgen von Laufhütte bzw. Schönert vertretene, in diesem Band aber offenbar nicht konsensfähige These hingewiesen, dass es den "Realismus" schon weit vor 1848 gegeben habe. Schönert spricht anhand seiner Beobachtungen zu Auerbachs "Schwarzwälder Dorfgeschichten" (1841 bis 1860) von einem "Protorealismus" (was immer dieser Begriff genau meinen soll) in den 1840er Jahren, und Laufhütte legt Wert darauf, Droste-Hülshoffs "Judenbuche" (1842) als Text des "Realismus" und nicht des "Biedermeier" verstanden zu wissen, wobei Laufhütte "Biedermeier" hier nicht als Epochennamen verwendet, sondern auf die verbreitete despektierliche Verwendung dieses Wortes für eine formell wie ideologisch minderwertige Literatur zurückgreift. So positiv es ist, dass Laufhütte gegen althergebrachte, oft geradezu unsinnige Deutungen dieser komplexen Novelle vorgeht und wertvolle neue Deutungsmuster aufzeigt, so bedauerlich ist es, dass hier der Terminus "Realismus", der ja (ähnlich wie "Biedermeier" im Idealfall) nichts als ein Name für eine Epoche ohne apriorische Semantik sein soll, mit der wörtlichen Bedeutung kurzgeschlossen wird, wodurch impliziert wird, dass sich die Texte der Epoche "Realismus" in einer besonderen Weise "realistisch" verhielten. Diese Sicht muss nach jüngsten Forschungen als unhaltbar gesehen werden und sollte allmählich ad acta gelegt werden.

Kein Bild

Lothar Ehrlich / Hartmut Steinecke / Michael Vogt (Hg.): Vormärz und Klassik.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 1999.
300 Seiten, 50,10 EUR.
ISBN-10: 3895281840

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Titelbild

Michael Titzmann (Hg.): Zwischen Goethezeit und Realismus. Wandel und Spezifik in der Phase des Biedermeier.
Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2002.
505 Seiten, 88,00 EUR.
ISBN-10: 348435092X

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