Männer, Moden und Museen

Geschlechterinszenierungen in Literatur, Kunst und Gesellschaft

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leuten die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen", erklärt Arthur Schopenhauer, woraus man ersehen kann, dass Höflichkeit - wie alles schwere - erlernt und eingeübt sein will. Diese Erkenntnis machen sich seit einigen Jahren zunehmend die - fast ausschließlich weiblichen - SeminarleiterInnen von sogenannten Benimmseminaren zunutze und setzen sie in klingende Münze um.

Was und wie in diesen Kursen gelehrt wird, hat Elisabeth Timm in einer aufschlussreichen Untersuchung unter dem Aspekt der Geschlechterinszenierungen genauer unter die Lupe genommen. Hierzu hat sie nicht nur eine Reihe dieser Seminare als beobachtende Teilnehmerin besucht (darunter ebenso wohl "teure Veranstaltungen für 'Führungskräfte'", als auch "billige Angebote an Volkshochschulen"), sondern zudem 13 Lehrende und 33 TeilnehmerInnen interviewt. In den Seminaren selbst fiel ihr schnell auf, dass Praktiken eingeübt werden, welche die Lehrenden explizit als "ausgestorben", "altmodisch" oder "veraltet" klassifizierten. Oft handelt es sich hierbei um Verhaltensregeln zwischen den Geschlechtern, die männliche Vorherrschaft und weibliche Unselbstständigkeit und Inferiorität inszenieren. So obliegt es etwa dem Mann beim gemeinsamen Restaurantbesuch, den Wein zu kosten. Neben intergeschlechtlichen Verhaltensregeln, bei denen etwa der Frau in den Mantel zu helfen und ihr die Tür aufzuhalten ist, oder - weniger bekannt - sich sämtliche Männer einer Gesellschaft kurz zu erheben haben, wenn eine Frau aufsteht, werden auch "patriarchalische Körperstereotype" vorgeschrieben. So sollen sich Frauen nicht breitbeinig hinstellen und beim Sitzen stets die Knie geschlossen halten. Ihre Kleidung soll feminin wirken, und weibliche Führungskräfte werden nachdrücklich davor gewarnt, einen Hosenanzug zu tragen, "weil er manche Männer 'erschrecken' würde".

In der Ablehnung feministischer Kritik an solchen Körperidealen und Kleidungsvorschriften sind sich SeminarleiterInnen und in die überwiegend weiblichen KursteilnehmerInnen einig. Da erstaunt es schon, dass die Seminarleiterinnen vehement für die Emanzipation und Gleichberechtigung von Frauen plädierten. Ihre bisweilen fast schon "kämpferisch" anmutenden Verweise auf die anhaltende Diskriminierung dienen Timm zufolge jedoch gerade der Absicht, die "körperbezogene Ungleichheit" zwischen den Geschlechtern zu perpetuieren. Nachdem zunächst allgemeine "emanzipative Deklarationen" formuliert worden sind, lassen sich konkrete patriarchalische Praktiken umso leichter propagieren. Schließlich habe man es ja nicht nötig, die Emanze "raushängen" zu lassen. Entsprechend wird feministische Kritik genau dann lächerlich gemacht, wenn sie den Zusammenhang zwischen "politischem Ideal" und "alltagskultureller Praxis" benennt. Die von SeminarleiterInnen und -teinehmerInnen geteilte "Ablehnung der alltagspraktischen Umsetzung des Gleichheitsideals" resultiere - und hier liegt der eigentliche Clou in Timms Argumentation - "aus der Verbindung des Geschlechterideals mit [...] dem Klassenideal". Die emanzipatorischen Allgemeinplätze dienten nämlich "Distinktionsintentionen" und "normierende[n] Vorgaben", welche die kulturellen Praktiken der "unteren Klassen" als "illegitim" erklären. Denn wer "geschlechterdifferenzierende Regeln nicht kennt, ist nicht kultiviert, nicht distinguiert oder kommt aus der Gosse". Zweifellos eine ebenso originelle wie nachvollziehbare Argumentation, die eine intensivere Auseinandersetzung lohnen dürfte. Doch sollte darüber nicht vergessen werden, dass der Zweck sexistischer und patriarchalischer Höflichkeitsformen auch in der Aufrechterhaltung der Geschlechterhierarchie liegt. Zutreffend ist sicherlich auch, dass geschlechterdifferenzierende Praktiken im "Diskurs der Distinktion" als "Zeichen der Zugehörigkeit zu den oberen Klassen" dienen. Allerdings nicht generell, sondern nur bestimmte, 'distinguierte'. Eben diejenigen, die in den Benimmseminaren eingeübt werden. Schließlich hat auch 'die Gosse' ihre eigene geschlechterdifferenzierende Pragmatik - und die ist gewiss nicht weniger sexistisch als die der Mittel- und Oberschicht.

Timm hat ihren anregenden Vortrag 2001 im Rahmen einer Ringvorlesung gehalten, die das "Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie" im Auftrag der "Kommission Frauenforschung in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde" veranstaltete. Die Vorlesungen setzten sich insgesamt auf vielfältige Weise mit verschiedenen Aspekten der "Idee von Geschlecht als Performanz und Maskerade" auseinander. So beleuchtete Barbara Waldis am Beispiel zweier türkisch-schweizerischer Paare die "geschlechtstypischen Migrationstrategien" bei "binationaler Partnerwahl". Aber auch die Geschlechterperformanz in Museen wurde vorgestellt. Roswitha Muttenthaler untersuchte am Beispiel eines dänischen Frauenmuseums, der Niederösterreichischen Landesausstellung "aufmüpfig & angepasst" (1998) und des Naturhistorischen Museums in Wien die "Kapazität von Ausstellungsdisplay[s], Geschlechtergeschichten zu erzählen". Dabei richtete sie ihr Augenmerk insbesondere auf die visuellen Darstellungsweisen der Repräsentation von Frauen sowie darauf, wie diese den "Aneignungsprozess der BesucherInnen" anleiten. Margit Berwing-Wittl und Laura Wehr stellten eine Ausstellung zu "Männerkulturen" vor, die sie gemeinsam mit einer studentischen Gruppe im Volkskundemuseum Burglengenfeld gezeigt haben.

Auch das Interesse von Sylka Scholz galt der Konstruktion von Männlichkeiten. Sie hatte 24 "ostdeutsche Männer" zu ihren Biographien befragt. Anhand der Interviews stellte sie in Basel dar, "wie diese Männer ihre Männlichkeiten inszenieren". Zentraler Bezugspunkt der Lebensgeschichten aller befragten Männer war ihr Berufsleben, zentral daher auch für deren Männlichkeitskonstruktion, wie Scholz annimmt. Dass Fragen zu den familiären Beziehungen hingegen meist nur "kurz und bündig" beantwortet werden, erklärt sie damit, "dass diese kulturell als 'weiblich' gelten". Scholz bedenkt nicht, dass Auskünfte über die Familie eher den privaten ja intimen Bereich tangieren, und die Männer vielleicht deshalb zurückhaltender über sie erzählten. Eine solche Zurückhaltung gehört natürlich wiederum zur Inszenierung von Männlichkeit.

Ein Bereich kam in den Interviews offenbar überhaupt nicht zur Sprache, obwohl er, wie Untersuchungen zeigen, zum Alltag eines großen Teils der männlichen Bevölkerung gehört. Die Rede ist vom gelegentlichen oder regelmäßigen Besuch bei Prostituierten, bei dem - so steht zu vermuten - Männlichkeit als Macht inszeniert wird. Ina Spieker ging in ihrem Vortrag zwar nicht der Inszenierung von Männlichkeit durch Freier und Zuhälter nach, doch unternahm sie es, eine "Kontinuitätslinie" von der "'Entdeckung' der Prostitution als Thema" im Fin de Siècle bis zur Gegenwart aufzeigen. Dabei beklagte sie nicht nur die "mangelnde gesellschaftliche Anerkennung [der] Arbeit" von Prostituierten, sondern führte gegen das "vermeintliche Missverhältnis zwischen Zuhältern und ihren Frauen" sowie gegen das "Stereotyp vom Zuhälter als Prototyp eines Schurken" die Berliner Prostituiertengruppe Hydra an, die behauptet, dass "derartige Verbindungen [...] auf freien Entscheidungen, wie 'normale' Partnerschaften eben auch" beruhen würden. Dass zahlreiche Frauen aus osteuropäischen und anderen Ländern mit falschen Versprechungen in EU-Staaten gelockt werden, dass sie wochen- und monatelang gefoltert und immer wieder vergewaltigt werden - "zugeritten", wie es im Ludenjargon heißt -, dass sie drogenabhängig gemacht werden, bis sie sich in ihr Schicksal fügen, den 'Beruf' Hure ausüben, spricht eine andere Sprache und zeigt, wie es um die von Spieker behauptet "freie Sexualität" und die "weibliche Lust und Macht" von Huren tatsächlich bestellt ist. In den Ohren dieser gemarterten, erniedrigten und zu Waren in einem florierenden Frauenhandel entmenschlichten Prostituierten hätte Spiekers Wort von den "Mythen etwaiger Fremdbestimmung" von Huren nur zynisch klingen können.

Weit mehr Überzeugungskraft besaßen Gertrud Lehnerts luzide Ausführungen zu "Geschlechtermoden". Nicht nur Schmuck, Kleidung und Körperaccessoires unterliegen der Mode, sondern auch, "was wir unter 'Geschlecht' - in der Regel unter Weiblichkeit und Männlichkeit - verstehen". Die Kleidermode ist nun allerdings nicht etwa ein bloßes "Abbild" sich wandelnder Geschlechterkonzepte, sondern trägt ihrerseits zur "Konstituierung dieser Konzepte" und ihrem Wandel bei, wie die Autorin anhand dreier "modische[r] Traditionen" aufzeigte: Der "klassische[n] Linie in der 'vermännlichten' Tradition" (Chanell, Demeulemeester), dem "theatralische[n] Spiel mit historischen Weiblichkeiten" (Vivienne Westwood), und der "Neuerfindung des Körpers" (Comme des Garçons/Rei Kawakubo). Dass man das Geschlecht trotz seiner Inszenierung und Re-Inszenierung nicht wechseln kann wie ein Kleid, hat schon Judith Butler angemerkt. Lehnert wies nun in einer originellen Wendung darauf hin, dass auch der "Kleiderwechsel - oder doch: das Wechseln von Kleiderstilen - so wenig beliebig [ist] wie das Wechseln des Geschlechts". Doch das ist nur eine aus einer ganzen Reihe erhellender Thesen der Autorin, die nun, ebenso wie auch die anderen Basler Vorträge, in einem von Christine Burckhardt-Seebass und Sabine Allweier herausgegebenen Sammelband nachgelesen werden können.

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Christine Burckhardt-Seebass / Sabine Allweier (Hg.): Geschlechter-Inszenierungen. Erzählen - Vorführen - Ausstellen.
Waxmann Verlag, Münster 2003.
158 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3830912730

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