Monströse Moden

Gundula Wolters Kulturgeschichte der Modekritik vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit

Von Urte HelduserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Urte Helduser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Unter den Sünderinnen und Sündern, die in einer Illustration zum "Hortus Deliciarum" der Herrad von Landsberg (1170) in der Hölle schmoren, befindet sich eine Frau in auffällig buntem Kleid, mit Schleppe und überdimensionierten Armausschnitten: Wer sein irdisches Dasein auf Äußeres, Weltliches richtet, so erfährt man hier, muss im Jenseits dafür büßen. Schließlich gehört die "Hoffart" zu den sieben Todsünden. Bereits die Kirchenväter proklamieren, dass die Christin sich im Unterschied zu Heidinnen und Jüdinnen durch ihre Abstinenz gegenüber aufwändigen Kleidern, Schmuck und Schminke auszeichne. In ihren Lehren, so Gundula Wolter in ihrer Studie über die Modekritik zwischen 1150-1620, werden die Argumente geprägt, die vom ausgehenden Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit die Beurteilung modischen Bewusstseins bestimmen.

Die Modekritik ist danach also älter als die Mode selbst. Denn letztere bildet sich, wie Wolter feststellt, erst am Ausgang des Mittelalters, in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts; hier professionalisiert sich die Schneiderzunft und bedient Adel wie aufstrebendes Bürgertum mit ausgefeilten Schnitten, Stoffen und Mustern in schnell wechselnden Zeitspannen. Die Voraussetzung dafür bildet der Wandel der spätmittelalterlichen Gesellschaft: Einst aus der höfischen Kultur hervorgegangen, dokumentiert der Kleiderschmuck nun ein neues Selbstbewusstsein des Bürgertums, das den Adel zu imitieren und zu übertreffen sucht. Diese Entwicklung ruft natürlich zugleich die Gegner auf den Plan, die die in der Mode sichtbar werdende Verweltlichung sowie die anmaßende Verletzung von Standesgrenzen anprangern. Diese Modekritik hat Gundula Wolter anhand von zahlreichen Bild- und Textquellen, beginnend mit der Vorgeschichte frühchristlicher Verurteilung der Hoffart, über Moralschriften und Satiren bis hin zu frühneuzeitlichen Flugblättern und städtischen Kleiderordnungen untersucht. Die von der Autorin herausgegriffenen Skurrilitäten erwecken den Eindruck, dass die Mode vor der Moderne doch um einiges phantasievoller war als heutige Haute Couture. Zielscheibe der Kritik sind neben tiefen Dekolletees und überlangen Schleppen an Frauenkleidern, die auf Straßen und Kirchen Staub aufwirbeln, vor allem Schnabelschuhe mit gebogenen Spitzen, "Hörnerhauben", "Mühlsteinkragen" und nicht zuletzt die Potenz suggerierenden gepolsterten Hosenlätze der Soldaten, die sogenannten "Schamkapseln". Kein Wunder, dass solche Accessoires nicht nur den Ärger der Religionsvertreter auslösen, sondern auch zum Gegenstand von Karikatur und Satire werden. Während Prediger wie Johann Strauß oder Johann Geiler von Kaysersberg den Kleiderluxus als Sünde brandmarken, versuchen weltliche Obrigkeiten aus Gründen der Einhaltung der städtisch-ständischen Ordnung die Kleidermode zu reglementieren, indem sie maximale Längen von Schuhspitzen oder Tiefen des Dekolletees festlegen.

Obwohl sie unterschiedliche Anliegen verfolgen, gleichen sich doch die Bilder der Modekritiker. So ist trotz aller Verweltlichung bis in die Frühe Neuzeit der Teufel am Werk, wenn Männer und Frauen sich schmücken: Er sitzt auf den überlangen Schleppen der Frauenkleider, schlüpft durch ihre "Teufelsfenster" genannten, weit ausgestellten Ärmel, seine Hörner verbergen sich in der Frisurenmode, und der im 16. Jahrhundert bei Männern wie Frauen gleichermaßen beliebte "Mühlsteinkragen" wird von ihm um den Hals gelegt. Der Teufel hält der eitlen Dame den Spiegel, und während diese selbstverliebt hineinblickt, schaut er ihr über die Schulter und freut sich, sie für sündige Hoffart und Unsittlichkeit gewonnen zu haben. Teufelswerk ist schließlich auch eine der folgenreichsten modischen Erfindungen im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit: die Hose. Die Aversion gegenüber dem männlichen Beinkleid gerät so sehr ins Zentrum der Modekritik des 16. Jahrhunderts, dass sie den Anlass für die "erste selbständige, sich gegen eine einzelne Modeausgeburt wendende Schrift in deutscher Sprache" bildet: Der Generalsuperintendent und Theologieprofessor Andreas Musculus aus Frankfurt an der Oder verfasst 1555 seine Predigt: "Vom zuluderten zucht und ehr erwegen, Pluderichten Hosen Teuffel". Für Hans Sachs übertrifft jedoch schließlich die Pluderhosen- und Schamkapselmode der Landsknechte noch jede teuflische Erfindung. In seinem Spottvers "Der Teufel lest kein Landsknecht mehr inn die Helle faren" kehrt Belzebub erschreckt über die Kleidersitten der Krieger ohne Beute von seinem Erdenbesuch in die Hölle zurück.

Variiert wird die Teufelsgestalt durch Narrenfiguren, die die Bildwelt der Modekritik seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert bevölkern. Ein wichtiges Vorbild liefert hier Sebastian Brants "Narrenschiff" (1494), auf dem auch ein "Modenarr" mitreist. Zum Narren macht sich, wer sich mit pompösen Kleidern und exotischen Federn schmückt. Von der Todsünde der "Hoffart" ist hier nur noch das bloße Laster der Torheit übriggeblieben. Auf den Flugblättern des 16. und frühen 17. Jahrhunderts befinden sich der modebewusste Narr oder die Närrin deshalb meist in tierischer Gesellschaft von Affen und Pfauen.

Die sich hier abzeichnende Naturalisierung erfährt eine besonders exzentrisch anmutende Ausgestaltung in einer spezifischen Gattung der Modekritik: Auf Flugblättern und Druckbildern werden die Auswüchse des Modischen in Berichten und Darstellungen von spektakulären Wundergeburten festgehalten. In die Körper von Neugeborenen ist die Mode der Zeit als Deformation eingeschrieben: hornartige Missbildungen des Kopfes, eine (zweite) Haut in Form von Pluderhosen oder ein "gefaltetes gekröse [...] wie etliche Weiber an den Schleiern /und sonst an den gefalteten ausgenehten kragen/ aus hoffart tragen" (Joachim Westphal, wider den hoffartsteufel, 1565). Die Missgeburt gilt als göttliches Zeichen, das die Menschen von der Hoffart abhalten soll, zugleich entlarvt sie die Mode als "monströse" Abweichung von der Natur. Nicht nur menschliche Missgeburten prangern die Eitelkeit an, auch halskrausentragende Fische sind auf Einblattdrucken des 16. und frühen 17. Jahrhunderts abgebildet und zeugen von der durch die Mode erregten Ambivalenz von Faszination und Grauen. Wolter deutet diese Darstellungen nicht zuletzt als protestantische Polemiken gegen den Katholizismus: Schließlich entsprächen die von den Missgeburten aufgewiesenen modischen Attribute, Krösen (Halskrausen), Toques (Spanische Hüte), Wämser mit Gänsebauch, Heerpauken (Spanische Hosen) und Capas (Spanische Kurzmäntel) den Kleidermerkmalen der Gegenreformation.

Wie nicht zuletzt dieses Beispiel zeigt, richtet sich die Modekritik bis zum Beginn der Frühen Neuzeit gleichermaßen auf männliche und weibliche Modenarren - wenn auch in unterschiedlicher Akzentuierung. Erst in der weiteren Modegeschichte, so stellt die Autorin ausblickshaft fest, verschärft sich die geschlechtsbezogene Unterscheidung: Während mit der Etablierung des einstigen Kuriosums Hose die Männer allmählich aus dem Blickfeld der Modekritiker verschwinden, wird für Frauen "der Kanon der Anprangerungen, Klagen und Verhöhnungen stetig erweitert werden". Feststellungen wie diese, die, auch über den Gender-Aspekt hinaus, genaueren Aufschluss über die soziale Bedeutung der Mode und Modekritik geben könnten, fallen in Wolters Darstellung knapp aus. Angesichts der Fülle von Beschreibungen modekritischer Bild- und Textdokumente, die Wolter ausbreitet, bleibt die Einordnung der Modekritik, ihres Stellenwerts, ihrer Träger und Wirkungen auf Andeutungen und Vermutungen beschränkt. Dennoch stellt der Band einen nicht nur äußerst unterhaltsam zu lesenden, sondern auch informativen und aufschlussreichen Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Mode dar.

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Gundula Wolter: Teufelshörner und Lustäpfel. Modekritik in Wort und Bild 1150-1620.
Jonas Verlag, Marburg 2002.
190 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-10: 3894453079

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