Offen für neue Kontexte

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur im wiedervereinigten Deutschland

Von Paola QuadrelliRSS-Newsfeed neuer Artikel von Paola Quadrelli

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der vorliegende Band soll als Fortsetzung von zwei jüngeren Sammelbänden der Herausgeber verstanden werden: "Écritures de l'unification allemande" (1999) und "Mentalitätswandel in der deutschen Literatur zur Einheit" (2000). Volker Wehdeking ist außerdem der Autor einer der ersten Bestandsaufnahmen der deutschen Literatur nach der Wende: "Die deutsche Einheit und die Schriftsteller" (1995). Die nun im Titel erfolgende Betonung des "europäischen Kontextes" soll dazu dienen, der gegenwärtigen deutschen Literatur neue Spielräume zu bieten, anstatt sie ständig in das ewige Umfeld der "deutschen Schuld" und der "deutsch-deutschen Beziehungen" zu zwängen.

Die fortschreitende Entfernung von den Zeiten der DDR, das langsame Verschwinden der Ideologien, das sich überall etablierende Modell der Konsumgesellschaft (mit ihrem "postmodernen Warenhaus-Minimalismus von Konsumrausch, Drogen, DJs und Techno-Freaks", so Wehdeking) nivellieren einerseits die Unterschiede zwischen west- und ostdeutschen Autoren und ermöglichen andererseits eine subtilere Berücksichtigung von literarischen Texten unter ihrem formalen Aspekt, jenseits der bis heute üblich starren historisch-politischen Kontextualisierungen. Das ist gerade der Fall für die jüngere Christa Wolf-Forschung (auf die Irmgard Scheitler eingeht): nach den feministischen und ökologischen Lektüren der amerikanischen (aber auch europäischen) Forschung der Siebziger und Achtziger Jahren, die wesentlich zur weltweiten Resonanz der Autorin beigetragen haben, setzt sich nun eine neue Annäherung an die Texte der Autorin durch: "Christa Wolf sollte stärker unter einem formalen Aspekt betrachtet werden, die Rezeption entdeckt die 'postmoderne' Autorin"; neue Interpretationen "nehmen [...] Abschied von der bisher so starren Kontextualisierung, die in der Autorin immer nur die DDR-Schrifstellerin sah und von ihren Büchern immer vornehmlich Auskünfte über die DDR erwarte".

Die Einbeziehung der neuen österreichischen (Fabrizio Cambi) und Schweizer Literatur (Anne-Marie Gresser) will wiederum bescheinigen, dass die gemeinsame Sprache entscheidender für die Einheit einer Literatur ist als etwa die gesellschaftlichen und politischen Umstände.

Die deutsche Vergangenheit bleibt allerdings im Vordergrund, denn selbst die über die deutschen Grenzen hinausgehende Resonanz des Literaturstreits um den "Tod eines Kritikers" von Martin Walser oder der überraschende Erfolg des Bestsellers von Bernhard Schlink, "Der Vorleser", bezeugen eher die andauernde Brisanz von Holocaust-Themen in der in- und ausländischen Presse als die Verankerung der deutschen Literatur im europäischen Kontext oder den effektiven Ruhm deutscher Schriftsteller im Ausland. Dabei ist erwähnenswert, dass die Beiträge über Walser (Michael Braun und Andreas Meier) und über Schlink (Lothar Bluhm) auf die Rezeption der beiden Romane in der Presse differenziert eingehen, voreilige Urteile revidieren und zu eigenen, teilweise originellen Positionen gelangen. Braun und Meier weisen die Anklagen von Antisemitismus in Bezug auf Walsers Roman zurück und interpretieren vielmehr die Geschichte "als eine schwarze Komödie über die Praktiken und Auswirkungen des Fernsehliteraturbetriebs" (Braun). Meier hält sich bei den ästhetischen Merkmalen des Romans auf, wobei er auf die zahlreichen Stoff- und Motivzitate aus früheren Romanen Walsers sowie auf die "Dominanz des Konjunktivischen" im Roman hinweist: Walser verzichtet auf eine direkte Schilderung von Erfahrungen und präsentiert statt dessen "das Geschehen in medialen Vermittlungen, zahlreichen Gesprächen und Tonbandaufnahmen. Diese Dominanz des Konjunktivischen demonstriert, schließlich, dass es innerhalb der Kulturzirkel "keine Tatsachen gibt, sondern nur Versionen" (Meier).

Lothar Bluhm geht die bisherige Kritik zu Schlinks Roman durch - von der Euphorie der ersten Rezensenten zu den skeptischeren und sogar stark kritischen Einwänden von späteren Kritikern (nach denen die Täter in "Der Vorleser" in eine Opferperspektive gerückt würden) bis zum entscheidenden Beitrag von Beate M. Dreike (2002) zur Rechtsskepzis in Schlinks Roman. Ausgehend von dem methodischen Ansatz Dreikes und anhand einer durchaus klaren juristischen Einleitung, die frühere Prosatexte (den Kriminalroman "Selbs Justiz" und die Erzählung "Der Seitensprung") und sogar juristische Aufsätze Schlinks einbezieht, beschäftigt sich Bluhm mit der Frage der Würde und mit dem für den Juristen Schlink schmerzlichen und unvermeidbaren Unterschied zwischen Rechtsprechung und Gerechtigkeit. Zentral in Bluhms Beitrag bleibt die Frage, warum Michael Berg im Prozess gegen die ehemalige Geliebte Hanna Schmitz deren Analphabetismus verschweigt, wohl wissend, dass dieser Umstand zu einem milderen Urteil hätte führen können. Die Rücksicht auf die individuellen Entscheidungen (Hanna selbst verschweigt aus Scham ihren Analphabetismus), der Respekt für die Freiheit des Menschen und für die Unantastbarkeit der menschlichen Würde führen Michael dazu, im Prozess nicht einzugreifen. In dieser Hinsicht erweist sich der Roman als ein komplexes Werk, das die Frage aufwirft, ob und inwieweit der Einzelne in das Leben des Anderen eingreifen darf, soll oder muss.

Wie es wohl in einem Sammelband, der sich mit zeitgenössischer Literatur befasst, zu erwarten ist, wird hier den Problemen der Rezeption und der Aufnahme deutscher Romane in der Presse viel Aufmerksamkeit geschenkt: diese Perspektive beherrscht auch den Beitrag von A. M. Corbin über Grass' "Ein weites Feld" und "Im Krebsgang". Reinhard Wilczek revidiert das in der Kritik häufig wiederkehrende Bild von Uwe Timm als unterhaltsamem und lesbarem, allerdings mit geringer philosophischer Tiefe versehenem Autor, indem er Timms Haltung zum Erzählen aufgrund der menschlichen Daseinsstrukturen von Heidegger interpretiert (über Heidegger will Timm in seiner Studienzeit eine Dissertation fertig gestellt haben). Im Band herrscht insgesamt ein gutes Gleichgewicht zwischen monographischen Abhandlungen (weiter sind zu zitieren: Wehdeking über "Endmoränen" von M. Maron, Arthur Williams über die Einstellung Sebalds zur deutschen Geschichte und zur deutschen Heimat, Andreas Meier über die "Rückkehr des Narrativen" in Reinhard Jirgls "Deutsche Chronik") und Querschnittskapiteln, die sich mit übergreifenden Themen auseinandersetzen, wie der Beitrag Corbins über autobiographische Schriften aus der Post-DDR Perspektive oder jener Wehdekings über "Rollenklischees in den deutsch-deutschen Beziehungsfiktionen seit 1990: Liebespaare, Familie, Arbeitsplatz- und Schulerinnerung" und über den "Mentalitätswandel" in der Gegenwartsprosa am Beispiel von Berliner Autoren.

Der in den meisten Beiträgen gegenwärtige Bezug auf die politische und gesellschaftliche Realität schließt jedoch keineswegs eine präzise Analyse der stilistischen und sprachlichen Merkmale aus. Zu den weiteren Vorzügen dieses Sammelbandes gehört auch die klare Darstellung der analysierten Texte: trotz der unterschiedlichen und spezialistischen Ansätze ist erfreulicherweise jedem Beitrag eine Übersicht über die Handlungsfolge der jeweiligen Romane beigegeben.

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Volker Wehdeking / Anne-Marie Corbin (Hg.): Deutschsprachige Erzählprosa seit 1990 im europäischen Kontext.
Wissenschaftlicher Verlag, Trier 2003.
226 Seiten, 19,50 EUR.
ISBN-10: 3884765558

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