Vom Taumel zwischen den Welten

Sprache als Ort des Exils: Der iranische Schriftsteller SAID

Von Oliver GeorgiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Georgi

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Also noch ein Gesprächsband. Als sei nicht schon genügend Weltensicht und tiefschürfender Blick auf die Zeitläufte im literarischen Umlauf. Kaum einer, der etwas auf sich hielte und noch nicht seine Sicht der Dinge für die Nachwelt überliefert hätte. Nichts Neues also? Nein. Und ja. Denn was der ewig großgeschriebene iranische Autor SAID in seinem Buch "In Deutschland leben" zu bedenken gibt, ist bemerkenswert - wenn es auch das Rad nicht neu erfindet. In zahlreichen Gesprächen mit dem Münchner Kulturkorrespondenten der "Welt", Wieland Freund, zeigt sich SAID dort als hellsichtiger Beobachter der Zeitgeschichte. Nicht nur die deutsche Wiedervereinigung oder Deutschlands künftige Rolle in Europa stehen im Zentrum der Gespräche, sondern auch die Erfahrungen eines Schriftstellers bei der von Politikern so oft von Einwanderern geforderten "Anpassung" im fremden Land.

Nicht, dass SAID im Iran geboren wurde und dort die ersten Jahre seines Lebens verbrachte, ist außergewöhnlich. Ebenso wenig die Tatsache, dass der Schriftsteller schon über 30 Jahre als beständiger Exilant in seiner alten, neuen Heimat Deutschland lebt. Wohl aber, dass er sich jene so wertvolle Zwischensicht zwischen Orient und Okzident bewahrt hat, die gerade in Zeiten des globalen Terrors und allzu schneller Vorverurteilungen von unschätzbarem Wert ist. SAID "taumelt noch immer" zwischen den Welten, zwischen der Erinnerung an einen liebenswürdigen Iran vor Khomeinis Revolution und einem unrastigen, nüchternen Europa. Auch 30 Jahre nach der Ankunft in Deutschland schieben sich diese Bilder für den Autor noch in einer unentwirrbaren Melange übereinander, "das erste weit entrückt und dennoch vertraut, das zweite nah und dennoch fremd". Doch indem SAID beide Sichtweisen kennt, hüben und drüben ebenso fremd wie beheimatet ist, kann er sich eine so kluge Bewertung Deutschlands und seiner Geschichte erlauben, ohne in den Generalverdacht des Besserwissers zu geraten - als "unabhängiger Beobachter", der aus dem Zentrum auf das Ganze blickt. Regelrecht wohltuend ist es, wie SAID den Leser vom konsensgeschwängerten bundesdeutschen Diskussionsbrei befreit und aus anderer Perspektive davon berichtet, was in seinem Leben stets selbstverständlich war: von der friedlichen Annäherung zweier Kulturen jenseits von Bin Laden und der "Achse des Bösen".

Überall scheint sie bei der Lektüre durch, eine tiefe Liebe für beide Staaten, aber auch eine kritische Annäherung an falsche Klischees und überholte Dogmen. Nicht nur Sehnsuchtsziel und gelobtes Land ist Europa für SAID, sondern gleichermaßen Wohltäter wie Hydra, die von einem lange vergangenen Erbe lebt und dabei die Zeichen der Zeit verschläft.

Mit seiner profunden Kenntnis der deutschen Zeitgeschichte von Benno Ohnesorg bis Martin Walser vermag der ehemalige deutsche PEN-Präsident ebenso zu überzeugen wie mit der fesselnden Schilderung seiner persönlichen "Deutschwerdung", die gleichzeitig eine Geschichte der Entfremdung ist. Sie begann in jenen Tagen, als der Schah in Deutschland die 68er Bewegung einläutete und der Wahlmünchner als Teil der linken Intelligenzija den Aufstand der Söhne gegen die Väter unmittelbar miterlebte.

SAID zeigt brillant, dass das Andere des Fremden nicht Belastung, sondern vor allem Bereicherung in einer sich öffnenden Welt ist. Wie schön wäre es, wenn ein Buch wie dieses unter dem Kaffeetisch auf George W. Bush's Ranch läge - und nicht die moralischen Reden früherer Präsidenten als Floskelsteinbruch. Zeit für eine Fernsehansprache, Mr. Bush.

Titelbild

SAID: In Deutschland leben. Ein Gespräch mit Wieland Freund.
Verlag C. H. Beck, München 2004.
127 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3406517110

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