Zahlenzauber der Jahrhundertwenden

Ein Sammelband mit zehn Beispielen für "Denkwelten um 1700"

Von Thomas SchwietringRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Schwietring

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die gerade verstrichene Jahrtausendwende hat der Auffassung neues Leben verliehen, im Angesicht der markanten Jahreszahl müsse man zwangsläufig in Zeiten eines historischen Umbruchs leben. Doch sie hat auch gezeigt, wie unberechtigt diese Erwartung ist. Nichtsdestotrotz übten die runden Zahlen der Jahrhundertwenden auch schon vorher und auch in akademischen Kreisen eine starke Anziehungskraft aus, begleitet von dem Wunsch, sie mit Bedeutung zu versehen. So dient 1800 als Kürzel für die große Zäsur der beginnenden Moderne, die durch die Doppelrevolution aus Französischer Revolution und Industrieller Revolution markiert wird und in der sich als "Sattelzeit" im Sinn der Historischen Semantik ein tiefgreifender sozialer, politischer und ökonomischer Wandel in den europäischen Gesellschaften vollzieht, der sich in einem grundsätzlichen Wandel des Denkens und der Sprache dokumentiert.

1900 hingegen ist das Symbol der klassischen Moderne, der blühenden Urbanität des bürgerlichen Zeitalters zwischen dem dekadent zurückschauenden Fin de Siècle und dem fortschrittsheischenden Futurismus und anderen Aufbruchsbewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Für das Jahr 2000 sind die Etikettierungen zwischen Postmoderne, neuer Weltordnung, Globalismus und zweiter, dritter oder reflexiver Moderne demgegenüber eigentümlich blass und kurzlebig geblieben.

Was aber ist das Kennzeichnende der Zeit um 1700? Es ist nicht mehr das Zeitalter der Reformation, doch immer noch das der Konfessionalisierung. Politisch ist es die Blütezeit des Absolutismus und wirtschaftlich die Epoche des Merkantilismus. In allen diesen Hinsichten bezeichnet das Datum 1700 weniger eine Zäsur, sondern es fällt vielmehr in die Mitte einer Phase relativer Stabilität nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Das radikale politische, pädagogische und atheistische Denken der Aufklärung ist noch fern, die Kirche festigt ihre Macht, Reformation und Gegenreformation haben religiöse Themen ins Zentrum intellektueller Bemühungen gerückt, und die Legitimität der monarchischen Ordnung steht außer Frage. Gleichwohl gebiert auch eine solche Epoche ihre Widersprüche, auch wenn sich das Neue eher zaghaft aus den Hüllen der Tradition herausschält. Es handelt sich um keine Zeit rascher oder radikaler Umbrüche, sondern um eine Phase vorsichtigen Ausprobierens. Deutlich erkennbar ist das Streben nach einer praktischen Umsetzung der durch Vernunft gewonnenen Einsichten, einer - modern gesprochen - Verbindung von Theorie und Praxis. Aber die erstrebte vernünftige Ordnung der Gesellschaft wurde innerhalb des Rahmens der bestehenden Verhältnisse gedacht. Fortschritte wurden verstanden als Verbesserungen am Überkommenen, als Aktualisierungen und Neudeutungen der Tradition, nicht als Bruch mit ihr. Verantwortlich hierfür sind sicher nicht nur der äußere Druck der offiziellen Zensur und die Abhängigkeit der in diesem Band portraitierten Denker von ihren fürstlichen oder kirchlichen Auftraggebern, sondern das Bemühen, das eigene intellektuelle Schaffen aus der Tradition heraus zu entwickeln und es in sie einzupassen - ein Indikator für den gemeinsamen Horizont der "Denkwelten um 1700".

Die Konzeption des Bandes setzt nicht auf eine Gesamtschau dieser Epoche, sondern auf exemplarische Stichproben in Form personenbezogener "intellektueller Profile". Dieser Ansatz ermöglicht eine größere Tiefe im Detail, erfordert aber auch Mut zur Lücke. So handelt es sich um die Profile von elf Männern, was indirekt natürlich auch als Aussage über die Denkwelten von Frauen in dieser Epoche verstanden - und kritisiert - werden kann. Als Auswahlkriterium dienen die Erscheinungsdaten von Büchern, die Uraufführung von Musik oder der Baubeginn eines Klosters, die in die Jahre unmittelbar um 1700 fallen. Ferner müssen die behandelten Werke bereits von den Zeitgenossen wahrgenommen und diskutiert worden sein. Obwohl nicht umfangreich, ist die Auswahl breit gestreut, originell und dadurch anregend. Sie erstreckt sich auf Theologie, Philosophie, Literatur, Pädagogik, Geschichtsschreibung, Naturforschung, Reisebeschreibung, Musik und Architektur.

Der Band beginnt mit einem Aufsatz von Isabella von Treskow über Pierre Bayles (1647-1706) "Historisch-Kritisches Wörterbuch", das zuerst 1697 erschien und bis zur Mitte des folgenden Jahrhunderts zahlreiche Auflagen und Übersetzungen erlebte. Es gehört zu den meistgedruckten und einflussreichsten Büchern der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und war das zentrale Vorbild für die Enzyklopädisten der französischen Aufklärung. Gerade der Vergleich mit d'Alemberts und Diderots "Encyclopédie", die ab 1751 erschien, offenbart aber auch die großen Unterschiede und die radikale Ausweitung in den Denkmöglichkeiten, die sich in dem halben Jahrhundert zwischen den beiden Erscheinungsdaten vollzieht. Die Ansätze zur Emanzipation der menschlichen Vernunft entwickelten sich weder bei Bayle noch bei seinen in diesem Band behandelten Zeitgenossen zu einer grundsätzlichen Kritik an der politischen und sozialen Ordnung oder dem Kosmos des religiös-theologischen Denkens als solchem. So argumentiert Bayle häufig zwar antiklerikal, aber gleichwohl stets christlich. Bei aller selbstbewussten Zuversicht angesichts der eigenen Möglichkeiten findet sich doch kein genuines Fortschritts- oder Umbruchsbewusstsein, wie es später das 18. Jahrhundert kennzeichnet. Kritik meint bei Bayle keine Sozial- oder Religionskritik, sondern eine an der Vernunft orientierte quellenkritische Überprüfung des Wissens, das er für sein Wörterbuch zusammenträgt. Exemplarisch zeigt von Treskow dies an Bayles Artikel über den alttestamentlichen König David. Mit dieser - teils noch zaghaften und teils eher proklamierten als durchgeführten - kritischen Haltung gegenüber dem überkommenen Wissen tut er gleichwohl einen wichtigen Schritt von den unkritisch kompilierten Sammelwerken der Jahrhunderte zuvor hin zum aufklärerischen Denken des 18. Jahrhunderts. Bayles Streben nach einer Synthese des vorhandenen Wissens ist insgesamt kennzeichnend für seine Zeit und findet sich vergleichbar auch bei Isaac Newton und Johann Andreas Eisenmenger, denen ebenfalls Beiträge gewidmet sind.

Neben dieses Streben nach Synthese treten als übergreifende Charakteristika der Zeit das Bemühen um eine praktische Anwendung der Vernunft, die Mathematisierung des wissenschaftlichen Denkens und die Betonung von Erfahrung und Beobachtung als den einzig legitimen Quellen des Wissens. Bezeichnend ist, dass sich die letztgenannte Tendenz nicht nur in der Naturforschung eines Newton oder Leibniz findet, wo man sie erwartet hätte, sondern auch in einer theologischen Schrift wie John Tolands Skandalwerk "Christianity not Mysterious" ("Christentum ohne Geheimnis") von 1697, mit dem sich der Beitrag von Sina Rauschenbach befasst. Toland, ein junger irischer Theologe, vertrat die Auffassung, dass alle Religion für den Menschen geschaffen sei und folglich von Gott nichts darin vorgesehen sein könne, was mit der menschlichen Vernunft nicht zu erfassen sei oder ihr widerspreche. Damit richtet er sich radikal gegen eine mystifizierende Auffassung von Religion und unterwirft das göttliche Handeln in letzter Konsequenz dem Maßstab der menschlichen Vernunft. Sein Buch wurde auf den Index gesetzt und verbrannt, der Autor musste nach England fliehen. Rauschenbach portraitiert Toland nicht nur als ehrgeizigen und äußerst selbstbewussten Charakter, der unnachgiebig und mit missionarischem Eifer auf Provokationen abzielt, wie an den Verteidigungsschriften seines Buches erkennbar wird, die Toland teils unter anderem Namen verfasste. Sie stellt sein Werk vor allem in den Kontext des Streites um die Bewertung der eigenen Zeit in Abgrenzung zur Antike, wie er sich in dem als "Querelle des anciens et des modernes" bezeichneten öffentlichen Disput zwischen 1680 und 1720 ausdrückt. Sie liest Tolands Buch als Absage an alle Verfallslehren und als "Manifestation des Glaubens an Gegenwart und Zukunft".

Bezeichnend für den Horizont des Denkens um 1700 ist darüber hinaus, dass Toland trotz aller Radikalität und Provokation eben kein Atheist ist und diese Möglichkeit offenbar jenseits des Horizontes der Denkmöglichkeiten liegt. Und dies markiert den Unterschied des Denkens zwischen dem Denken um 1700 und dem um 1750.

Annette Keilhauer befasst sich mit Alain-René Lesages (1668-1747) Roman "Der hinkende Teufel" von 1707 (eine überarbeitete Fassung erschien 1726). Vor dem Hintergrund der allgemeinen Mode spanischer Literatur seit dem 17. Jahrhundert nutzt Lesage dabei den gleichnamigen Roman von Luis Vélez de Guévara ("El diablo cojuelo", erschienen 1641) als Vorlage. Sein Roman ist aber weder ein Plagiat noch eine bloße Übersetzung, sondern ein eigenständiges Werk. Dies zeigt sich bereits an der ironischen Widmung an den spanischen Autor, in der Lesage offen seine Quelle bekennt, damit für sich selbst eine geschickte Platzierung auf dem Literaturmarkt anstrebt und zugleich das Schreiben von Widmungen und das Benutzen literarischer Vorlagen persifliert. Mit dieser Widmung ist bereits die Programmatik des Romans umrissen, der sich, wie Keilhauer zeigt, auf mehreren Ebenen lesen lässt: als Unterhaltungsroman in der Tradition des spanischen Schelmenromans, als Gesellschaftskritik in der Tradition der französischen Moralisten und als poetologische Reflexion im Kontext der "Querelle des anciens et des modernes". Gerade diese Verbindung mache Lesage zum Prototyp eines bürgerlichen Schriftstellers.

Eher in die entgegengesetzte Richtung weist Klaus Fischers intellektuelles Profil Isaac Newtons (1643-1727). Fischer geht es nicht darum, Newton in seiner vertrauten Eigenschaft als Wegbereiter der modernen empirischen Naturwissenschaft zu portraitieren, sondern als eine komplexe Persönlichkeit, die sich ausführlich mit alchemistischen, kabbalistischen, hermetischen, theologischen und mythen- bzw. religionsgeschichtlichen Studien befasste und überzeugt war, Hinweise für die Entschlüsselung des Universums als göttlicher Schöpfung ebenso in alten Schriften und überlieferten Offenbarungen wie durch die eigene Beobachtung finden zu können. Für Fischer ist Newton sowohl ein genialer Mathematiker als auch ein Mystiker oder gar "der letzte der Magier", wie John Maynard Keynes ihn nannte, der 1936 die alchemistischen Manuskripte aus Newtons Nachlass erwarb, die zu dieser Zeit als bloße Kuriosität versteigert werden sollten und dadurch die Möglichkeit schuf, diese Seite des Newtonschen Denkens zu rekonstruieren. Newton verkörpert genau jenes Amalgam von Weltbildern, das für das Denken einer Übergangszeit typisch ist.

Zwielichtig ist auch die Gestalt des William Dampier (1652-1715), mit dessen 1697 erschienenem und publizistisch erfolgreichem Reisebericht "New Voyage around the World" sich Hans-Jürgen Lüsebrink befasst. Das vielfach aufgelegte und kompilierte Werk diente zahlreichen späteren Reise- und Abenteuerberichten als Vorlage, darunter auch Daniel Defoes 1719 erschienenem Roman "Robinson Crusoe". Dampiers Bericht changiert zwischen ethnographischen Detailbeobachtungen, pragmatischen Überlegungen zur ökonomischen Verwertbarkeit seiner Entdeckungen und Schilderungen seiner individuellen Abenteuer, die er unter anderem als Pirat in der Karibik erlebte. Diese Abenteuerberichte sowie die Verbindung von faktischer Beobachtung und subjektivem Erleben sind verantwortlich dafür, dass die spätere Rezeption Dampier aus dem Kreis der seriösen Reiseschriftsteller und Entdecker ausschloss.

Ein Beispiel für den Anspruch auf praktische Anwendung der Vernunft stellt das pädagogische Programm August Hermann Franckes (1663-1727) dar, der 1695 in Glaucha bei Halle eine "Armen-Schule" gründete, der kurz darauf ein Internat für adlige Schüler, eine Mädchenschule und weitere Einrichtungen folgten, die später unter dem Namen "Franckesche Stiftungen" bekannt wurden. Mit ihrer pietistischen Verbindung von Frömmigkeit und praktischem Unterricht wurden sie zum Vorbild für das gesamte preußische Volksschulwesen. Marcel Nieden zeigt anhand der familiären Korrespondenz von Franckes Kindern mit ihm und seiner Frau, wie stark seine Erziehung auf die bedingungslose Unterordnung unter die patriarchale Autorität zielte, die unabhängig vom Alter für alle Söhne und Töchter galt. Im Zentrum des Franckeschen religiösen Menschenbildes steht der Sündenfall, und aus diesem Grund fürchtet er den freien menschlichen Willen als potenziell boshaft. Der Mutwille der Kinder gilt ihm folglich als sündhaft und bedrohlich und muss gebrochen werden, wie er immer wieder betont. Um die Ziele seiner Erziehung, "Liebe zur Wahrheit, Gehorsam und Fleiß" zu erreichen, unterwirft er die Kinder in seinen Schulen einer ständigen Aufsicht, die bis zur Kontrolle und Zensur ihrer Briefe reicht. Als Mittel der Erziehung werden nicht nur körperliche Strafen eingesetzt, sondern vor allem soll das Kind lernen, sich selbst als schuldig und sündhaft zu verstehen und die auferlegten Strafen als gerecht zu akzeptieren. Doch die damit einhergehende religiöse Innerlichkeit und Gewissensbildung des Pietismus trägt auch ein individualisierendes und damit latent subversives Potenzial in sich. Für Nieden ist es gerade dieses Potenzial, das Francke ahnte und durch sein autoritäres Erziehungsprogramm zu unterbinden versuchte.

Dem schon mehrfach erwähnten Interesse an einer Synthese des verfügbaren Wissens entspricht das Bemühen um die Bündelung der intellektuellen Kräfte der Zeit, wie Richard von Dülmen an dem umfangreichen Briefwechsel von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) zeigt, der seiner Auffassung nach einen integralen Bestandteil des Leibniz'schen Werks bildet. Dass es Leibniz dabei nicht nur um die intellektuelle Vernetzung zu tun ist, zeigt die Gründung der "Berliner Sozietät der Wissenschaften" im Jahr 1700, deren Protagonist Leibniz war und deren erstes Motto "Theoria cum praxi" lautete. Nicht reine Wissenschaftsförderung, sondern die praktische Anwendung der Vernunft und die Nutzbarmachung des Wissens bildeten das dahinter stehende Programm. Diesen reformerischen Anspruch bringt van Dülmen in Verbindung mit dem, was er Leibniz' "dialogische Wissenschaft" nennt: einem kollektiven und kommunikativen, auf das Gemeinwohl gerichteten Erkenntnisprozess.

Den Zusammenhang zwischen technischem und kulturellem Wandel zeigt eher nebenbei auch der Beitrag von Annette Monheim-Semrau über die Concerti grossi von Arcangelo Corelli (1653-1713), an denen sich die Aufwertung der reinen Instrumentalmusik um 1700 zeigen lässt. Die technischen Verbesserungen im Geigenbau gegen Ende des 17. Jahrhunderts erweiterten die Möglichkeiten des virtuosen Spiels und ließen die Solovioline an die Stelle der Gesangsstimme treten, so dass sich rein instrumentale Kammerkonzerte zu einer eigenen Gattung verselbstständigen konnten. Corellis Sonderstellung ergibt sich aus der Verbindung seiner Tätigkeiten als virtuoser Geiger, Lehrer, Konzertmeister, Organisator von Akademien und schließlich als Komponist.

Die Widersprüchlichkeit des Denkens um 1700 zeigt sich besonders deutlich an Johann Andreas Eisenmengers (1654-1704) umfangreichem Kompendium des jüdischen Glaubens und Denkens "Entdecktes Judentum", das 1700 gedruckt wurde, aber nach heftigen Debatten erst 1711 erscheinen konnte und dessen vollständiger Titel mehr als zehn Zeilen umfasst. Eisenmenger hatte in Amsterdam orientalische Sprachen studiert und wurde nach 1700 Professor für orientalische Sprachen in Heidelberg. Er war ein äußerst gewissenhafter Philologe, der unter anderem eine hebräische Fassung des Alten Testamentes publizierte. Sein akribisches Werk tritt als eine Verteidigung des Christentums gegen vermeintliche jüdische Unterstellungen auf und verbindet die Forderung nach hebräischen Studien mit antijudaistischer Demagogie. Eine auf Breitenwirkung angelegte Hetzschrift war Eisenmengers Werk schon aufgrund seines Umfangs, seiner Gelehrsamkeit und der zahlreichen hebräischen Passagen nicht. Hierzu wurde es vor allem durch einen stark gekürzten Auszug, den der Landpfarrer Elias Liborius Roblik 1743 unter dem Titel "Der andere Theil der Jüdischen Augen = Gläser" erstellte und in dem sowohl die hebräischen Passagen als auch die Forderung nach einer hebräischen Philologie und jüdisch-christlichen Religionsgesprächen fehlen. In dieser Fassung wurde sein Werk spätestens im 19. Jahrhundert zur Berufungsinstanz der rassischen Antisemiten und des "wissenschaftlichen Antisemitismus". Friedrich Niewöhner zeigt in seinem Beitrag die komplexen Hintergründe des Werkes und seiner Rezeption jenseits einer reduktionistischen Verurteilung.

Im letzten Beitrag des Bandes untersucht Meinrad von Engelberg den Neubau des spätbarocken Benediktinerklosters Melk zwischen 1702 und 1746 als ein Zusammenspiel zwischen dem pragmatischen Baumeister Jakob Prandtauer (1660-1726) und dem ambitionierten, machtbewussten Abt Berthold Dietmayr (1670-1739). Er zeigt, wie sich die architektonische Konzeption während der Bauzeit aufgrund vielfältiger äußerer Einflüsse wandelte. Im Klosterbau manifestierte sich ein Anspruch des Abtes auf Rangerhöhung - Dietmayr hoffte auf einen Bischofsstuhl -, doch die mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit vollzogene Zerstörung der historischen Substanz des Klosters durch den Neubau rief zugleich eine Opposition innerhalb des Klosters hervor, die sich unter anderem in einem verstärkten Interesse an der Geschichte des Ordens und den entsprechenden historischen Zeugnissen dokumentierte.

Der Blick auf das Jahr 1700 statt auf eine Zeitspanne bringt es naturgemäß mit sich, dass Werke, die für das Denken der Epoche prägend waren, nicht in den Blick kommen. So liegen Thomas Hobbes und John Locke zu früh, Montesquieu hingegen kommt zu spät, um Erwähnung zu finden. Doch auch unabhängig von dieser Kritik wird das Programm des Bandes, anhand ausgewählter Werke allgemeine "Denkstrukturen" aufzuzeigen und sie in den "intellektuell-kulturellen Kontext" einzubetten, bei genauem Hinsehen nur bedingt eingelöst. In einigen Beiträgen findet sich kaum mehr als eine Werkmonographie zu einem ausgewählten Einzelaspekt. Querverbindungen zwischen den einzelnen Beiträgen gibt es praktisch nicht. Eine historische Einbettung, die aus der Analyse eines einzelnen Buches oder eines Bauwerks eine "Denkwelt" wenigstens aufscheinen lassen könnte, und der im Vorwort formulierte Anspruch, "die Geschichte und die Kultur der Eingebundenheit von Ideen und Wissen" zu reflektieren, werden nur in Ansätzen erreicht. Doch vielleicht ist es andererseits gerade gut, dass sich die Beiträge nicht einem solchen Anspruch auf die Ganzheit eines historischen Kontextes unterwerfen und dadurch eben jenen Eindruck der Vielschichtigkeit und Ambivalenz der Zeit um 1700 zerstören, den zu dokumentieren als die besondere Qualität des Bandes betrachtet werden kann. Diese Leistung hätte durch ein Register, das auch die nur am Rande erwähnten Personen erschließt, noch deutlich gesteigert werden können.

Dass insgesamt der Appetit, den der Titel des Bandes weckt, nicht ganz gestillt wird, ist den Autoren der sorgfältigen und fundierten Beiträge sicher nur zu einem geringen Teil anzulasten. Das Problem liegt eher darin, dass sich die "Denkwelten" einer Epoche wohl nur durch den Vergleich und die Zusammenschau mehrerer Zeitgenossen und nicht durch die Aneinanderreihung biografischer Fragmente ergeben. Dessen ungeachtet lässt der Band als Ganzes sehr wohl die Konturen einer traditionsverhafteten, aber nicht statischen Epoche erahnen.

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Richard van Dülmen / Sina Rauschenbach (Hg.): Denkwelten um 1700. Zehn intellektuelle Profile.
Böhlau Verlag, Köln 2002.
220 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3412071021

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