Gesichtsliteratur

Das physiognomische Räsonnement bedarf der Kontextualisierung

Von Claudia SchmöldersRSS-Newsfeed neuer Artikel von Claudia Schmölders

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was immer man gegen Wolf Singers neuestes Steckenpferd, die neurologisch bewiesene Unfreiheit des menschlichen Willens, sagen mag - man sollte darüber nicht seine früheren Statements vergessen. So die Idee, dass Bewusstsein nur in Kooperation mehrerer Hirne und nur durch die Synchronizität der Signalverarbeitung zustande komme.

Wendet man das auf den "fazialen Diskurs" von heute an, dann spielt dieser sich hochgradig unbewusst ab, weil zwar synchron, aber in strikter Abspaltung. So wächst in der Gesichtsfolklore der Medien, der kosmetischen Industrie, der ästhetischen Chirurgie etc., täglich der Glaube an die überwältigende Aussagekraft dieses Körperteils. Schon promoviert etwa die Amazon.de-Redaktion höchstselber physiognomische Schulungskurse, schon hat der Mimikforscher Paul Ekman unsere Darwinlektüre perspektiviert.

Synchron zu den Gewissheiten der Menschenmacher und -kenner arbeiten auch die Fahnder und deren Historiker am Gesicht. Die politische Szene verlangt seit langem und erhält auch täglich Fortschritte in der biometrischen Erfassung, und ohne den Glauben an die unverwechselbare Identität unseres physischen Outfits wäre keine Kontrolle und letztlich auch keine Rechtssprechung möglich.

Wenn aber lebensweltlich nichts sicherer ist als die Auskunft der lebenden Gesichter über ihre Träger - wie erklären sich dann die düsteren Abgesänge auf eben diesen Körperteil durch die Kulturwissenschaften? Offenbar verführt das Studium der Gesichtsdarstellung in den Medien, vor allem im Kino, zu katastrophischen Szenarien über die Demontage des Humanen - so jedenfalls sehen es seit geraumer Zeit renommierte Autoren wie Thomas Macho, Jacques Aumont oder Jean Marie Samocki. Offenbar zwingen die Ausdifferenzierungen des Faches auch zu Abschottungen zwischen den einzelnen visuellen Feldern, als da sind: das gemalte, fotografierte, gefilmte Porträt, das Gesicht in Gips und Stein oder Ton oder selbst das operierte Gesicht. Wenige Autoren haben das ganze Feld im Blick. Und die Differenzierung geht immer weiter. Jedenfalls im deutschen Sprachraum, wo der physiognomische Furor die postgraduale Ebene erreicht hat, und meist junge Wissenschaftler immer weitere Fächer der Spezialisierung öffnen. Gewiss müssen wir beispielsweise das Gesicht im frühen Film vom späteren unterscheiden (Ines Steiner/Christoph Brecht). Aber können solche Unterscheidungen auf Kontextualisierung verzichten?

(Ab-)Spaltungen erzeugen und bekunden Bewusstlosigkeit, wusste schon Freud. Bewusstlos an diesen vielen Narrationen zur Gesichtsgeschichte ist, dass sich die meisten gar nicht mehr im Strom physiognomischen Räsonierens erleben. Das Gesicht soll etwas Eigenes sein, eine europäische Sonderkategorie. Es gehört, scheint's, weder zu einem Körper noch in die Mantik. Dabei steht fest, dass die Geschichte der Physiognomik weitgehend aus einer mehr oder minder mantischen "Gesichtslesekunst" besteht, die nach einer antiken Blütezeit spätestens seit Dürer wieder in Kunstgeschichte übergeht, in frühe Psychologie und Kriminalistik. Lauter physiognomische Räsonnements, deren bisher wichtigstes Charles Darwin 1872 veröffentlicht hat ("Der Ausdruck der Gemütsbewegungen beim Menschen und den Tieren").

Auf seinem Höhepunkt, dem Darwinismus des frühen 20. Jahrhunderts, hatte der Terminus "Physiognomik" auch seine Vorteile: denn bei den Gebildeten der Weimarer Republik markierte er einen feinen Abstand vom rassistischen Diskurs, ohne diesen zu vergessen. Physiognomisch nehmen wir mit zartesten Schwingungen eben auch Individuen wahr, nicht nur Ethnien oder Geschlechter oder Lebensalter. Helmuth Lethen hat von "harter" und "weicher" Physiognomik gesprochen. Warum sollte der Film, um nur eine visuelle Version zu nennen, davon ausgenommen sein? Warum sollte man Béla Balász, den ersten Theoretiker der Filmphysiognomik, nicht in den breiten Diskurs seiner Zeit einstellen? Oder ein anderes Beispiel: warum soll man die obsessiven Mimikforschungen eines Hermann Heller um 1900 nicht neben den frühen Filmgrimassen einerseits und der leibhaftigen Expression der so genannten "Schlaftänzerin" Magdeleine (darüber Gunnar Schmidt) andererseits mitbedenken? Ganz zu schweigen von den klinischen Fotoreportagen der Hysterika aus der Pariser Psychiatrie.

Das Interesse fürs Gesicht, erst von Lavater, dann von Darwin angeregt und immer schon kulturell übereignet, hat in der Zeit des frühen Films und der frühen Psychiatrie zweifellos etwas Obsessives. Von Rilke stammt der Satz: "Denn wer weiß denn, was Gesicht ist, und ist unsere Vorstellung davon nicht nur ein Vor-Urteil, eine Einschränkung der ungeheuren Fülle jener Formen, die Gesicht sein können in unerschöpflich verändertem Zusammenhang?"

Die Kunst- und Menschenkenner dieser Zeit stieren wirklich unaufhörlich in fremde Gesichter, nicht etwa, um sich selber zu erkennen, als vielmehr, um moralische oder psychische oder physische Pathologien am Andern zu entdecken, wenn nicht zu genießen. Soll man nun zwischen "Urgesicht und Ungesicht" (Leander Scholz) unterscheiden, ist damit schon eine "Krise der facialen Semantik" (Petra Löffler) beschrieben? Kein Trickzeichner wird sich als Krisensymptom erleben. Im Gegenteil, die von der Karikatur immer schon durchgespielten Möglichkeiten, die immer näher rückenden Gleichungen zwischen Roboter, Trickerfindung und biometrischer Menschenreuse werden von den technischen Eliten durchaus als herrliches Phantasma bzw. höchst praktikables Werkzeug erlebt. Sie haben keinen Deleuze gelesen, wie Löffler und Scholz, die den Philosophen zu ihrem Mentor erklären. Sie spalten sich einfach ab und bescheren uns - unbewusst? - Orwell'sche Zustände. Aber doch auch die Möglichkeit, das Gesicht mit dem Phänomen der Maske zu verrechnen, wie Richard Weihe in seiner großen Habilitationsschrift darlegt. Der Mensch kann sich selbst gegenüberstehen, und dies eben nicht nur vor dem Spiegel. Mit Helmuth Plessners Begriff der "exzentrischen Position" wird die Physiognomik hier zu Recht an ihren anthropologischen Nenner erinnert.

Titelbild

Gunnar Schmidt: Das Gesicht. Eine Mediengeschichte.
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2003.
140 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-10: 3770539044

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Petra Löffler / Leander Scholz (Hg.): Das Gesicht ist eine starke Organisation.
DuMont Buchverlag, Köln 2004.
351 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3832178724

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Titelbild

Richard Weihe: Die Paradoxie der Maske. Geschichte einer Form.
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2004.
390 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3770539141

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