Zwischen Tübingen und Jena

Dieter Henrich zur Vorgeschichte des Idealismus

Von Heidi-Melanie MaierRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heidi-Melanie Maier

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Um die Wende zum 19. Jahrhundert herrschte eine "kulturelle Ideendichte". Innerhalb eines kurzen Zeitraums entstanden die wesentlichen philosophischen Ansätze der deutschen Geistesgeschichte. Ausgangspunkt war Immanuel Kant, vorläufiger Endpunkt Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Dazwischen bewegten sich neben Herder, Fichte, Schelling eine Vielzahl anderer, kaum minder einflussreicher Geistesgrößen. Weshalb eine solche Dichte, eine solche "Explosion des Denkens" gleichzeitig hervortrat, untersucht eine umfassende Studie des Münchener Emeritus Dieter Henrich über die Vorgeschichte des deutschen Idealismus. Sein Ansatz, dies an den beiden für die kulturelle Entwicklung der Zeit zentralen Orten, Jena und Tübingen, nachzuvollziehen, ist überzeugend.

In Tübingen studierten am Evangelischen Stift, der theologischen Ausbildungsstätte der Württembergischen Ehrbarkeit und zugleich Locus genii Württembergs, einige der bedeutendsten Dichter und Philosophen Deutschlands. Diese Bildungsinstitution hat das schwäbische Geistesleben und die Mentalität des protestantischen Württembergs wesentlich geprägt. Neben Pfarrern und Lehrern haben viele Philosophen und Literaten einen wichtigen Teil ihrer Ausbildung in Tübingen erhalten: Hegel, Hölderlin und Schelling waren zeitgleich am Stift.

Mit Jena fand sich, unweit des Weimarer Musenhofes, ein zweites Zentrum deutscher Geistesgeschichte. An der Salana, der Jenaer Universität, lehrten Schiller, Fichte, die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Schleiermacher. Wo also, wenn nicht an diesen beiden Orten, ließe sich der Ansatz für ein Erklärungsmuster finden: "Eine solche immense Verdichtung der gedanklichen Konzeptionskraft, die sich zugleich an nur zwei Orten konzentrierte, muss verwundern und den Versuch einer überzeugenden Erklärung dringlich werden lassen. Der große Ausgriff auf neue Verständigungshorizonte steht offenbar mit einer Intensität in einem inneren Zusammenhang, die sich unter den eingeschränkten Bedingungen und in dem dichten Kommunikationsgeflecht enger, aber auch besonders stimulierender Lebensverhältnisse am besten entfaltet. Bedeutende Konzeptionen sind gewiss immer die Leistungen von einzelnen. Aber in Zeiten, die einen Aufbruch und große Konflikte erfahren lassen, die zusammen mit ihm aufkommen, ist die einsame Begründungs- und Verständigungsarbeit nicht so begünstigt wie in der Ruhe einer etablierten Tradition."

Henrich geht es also um die "Kommunikationsprozesse" der Zeit. Er stellt die Frage, wie die räumlich so eng Verbundenen aufeinander bezogen waren - im Konsens und im Dissens. Welchen Einfluss hatten die politischen und kulturellen Umwälzungen? Was führte zu dieser Kreativität des Denkens, zur Dynamik der Denkprozesse in der Nachfolge Kants? Er richtet seinen Fokus auf die Generation unmittelbar vor Hegel, Hölderlin und Schelling, die er als Mittler der Lehre Kants und seines Nachfolgers Karl Leonhard Reinhold (1758-1823), Professor der Philosophie in Jena, sieht. Ihre Positionen eröffneten neue Perspektiven, provozierten Widersprüche und erzwangen letztlich die selbstständige Auseinandersetzung, was dazu führte, dass dieses Stadium philosophischer Verständigung hinter sich gelassen wurde.

Henrich beschäftigt sich seit rund vierzig Jahren mit dieser Thematik. Erstes Ergebnis war die Herausgabe des Briefwechsels von Immanuel Carl Diez (1766-1796) sowie einiger seiner kleineren Schriften. Diez war zunächst Stiftsrepetent in Tübingen, wandte sich dann aber, in der intensiveren Auseinandersetzung mit den theologischen und philosophischen Standpunkten der Zeit, vom Christentum ab. Ab 1792 studierte er Medizin. Auch noch in dieser Zeit beschäftigte er sich eingehend mit den Schriften Kants und korrespondierte mit anderen Gelehrten wie Friedrich Immanuel Niethammer (1766-1848), Professor in Jena und gemeinsam mit Fichte Herausgeber des "Philosophischen Journals", Friedrich Gottlieb Süßkind (1767-1829), Stiftsrepetent in Tübingen und später als Theologe maßgeblich an der liturgischen Neuordnung Württembergs beteiligt, und Johann Benjamin Erhard (1766-1827), Philosoph und deutscher Jakobiner. Die vorliegende Monografie beruht auf einer detailgenauen Analyse der Korrespondenz zwischen den genannten Personen: Nach der Aufarbeitung der Defizite der Kant-Rezeption - vor allem bei Reinhold - rücken Ästhetik und Theologie ins Zentrum der Betrachtung, bis hin zur Diskussion um die Grundfesten der Philosophie.

Henrich leitet aus den vorhandenen Quellen und seinem Anspruch an die gewünschten Ergebnisse eine "spezielle wissenschaftliche Methode" ab. Die Quellenlage und ihre fehlende wissenschaftliche Aufarbeitung erzwingen eine sorgfältige Auseinandersetzung mit der großen Fragestellung, die Henrich doch letztlich zu bearbeiten sucht. Das Ergebnis seiner Gedanken ist denn auch stattlich: 1.700 Seiten von Suhrkamp in zwei Bände gepresst. Henrich arbeitet dabei nicht mit den herkömmlichen "Verfahren der Geistesgeschichte, der Ideen- und Problemgeschichte oder der Sozialgeschichte". Er versucht sich mit der Methode der "Augenzeugenschaft" dem Gegenstand zu nähern: "Es ist [...] möglich, die Ausbildung der Gedanken, die im Geflecht dieser Gruppierung debattiert wurden, so gut zu verfolgen, dass wir der Zeitgenossen- und Augenzeugenschaft so nahe kommen können, wie dies überhaupt zu erwarten ist, nachdem zwischen der Entstehungszeit der Quellen und unserer eigenen Gegenwart mehr als zwei Jahrhunderte vergangen sind."

Für das Gebiet der nach-kantischen Ideengeschichte zwischen 1790 und 1794 ist es sicherlich ein unverzichtbares und grundlegendes Werk. Selbst kenntnisreiche Experten der Idealismus-Rezeption werden die Materialdichte und die schier unerschöpfliche Menge des zugrunde gelegten Materials schätzen. Wird der Leser des Bandes auch manchmal auf Schwierigkeiten stoßen, ist der Monografie doch die ihr gebührende Verbreitung zu wünschen.

Kein Bild

Dieter Henrich: Grundlegung aus dem Ich. Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus Tübingen - Jena (1790-1794). 2 Bände.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
1740 Seiten, 56,00 EUR.
ISBN-10: 3518583913

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch