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Intellektuelle Trauerarbeit im "Wespennest"

Von Jörg AubergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Auberg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die 136. Lieferung der Wiener Literaturzeitschrift "Wespennest" bietet nicht allein einen Ausblick auf die jüngere rumänische Literatur und einen erlesenen Rezensionsteil, sondern steht zuvörderst im Zeichen des Suizids ihres langjährigen Mitarbeiters Lothar Baier, dem eine Reihe von Beiträgen gewidmet ist, wobei Klaus Siblewskis Essay über das Verhältnis von deutschen Autoren zur amerikanischen Literatur besonders hervorsticht. Vor allem das Gespräch, das der Schriftsteller Franz Schuh mit Baier im Winter 1998 in Berlin führte und das nun dankenswerterweise in dieser Ausgabe abgedruckt ist, ruft noch einmal ins Bewusstsein, welchen immensen Verlust der Tod Baiers bedeutet. Während Medienintellektuelle als multifunktionale Quatschkommoden den Betrieb mit kontextvariablen Beiträgen bedienen, mal in der 3sat-"Kulturzeit" über die Beiläufigkeit des intellektuellen Daseins lamentieren, mal in einer Late Night Show des Kommerzfernsehens vor grölendem Publikum sich selbst verhöhnen und so das antiintellektuelle Ressentiment weiter nähren, ging Baier in den letzten Jahren zunehmend auf kritische Distanz zu den "Intellektuellen", die als imaginäre Gruppe von allen Seiten - selbst von den Konservativen - beschworen werden, aber doch zunehmend verschwinden. Für Baier war Sartre der "Bannerträger des emphatischen Begriffs der Intellektuellen", doch haben diese in den letzten zwanzig Jahren ihre Basis verloren.

Mit Recht weist Walter Famler im Editorial darauf hin, dass Ende der achtziger Jahre der Bedeutungsverlust intellektueller Foren einsetzte. Es begann ein gesellschaftlicher "Ausmusterungsprozess", der Zeitschriften wie Klaus Wagenbachs "Freibeuter" und Lothar Baier gleichermaßen traf: Der "Freibeuter" ging unter, und Baier ging ins Exil. Symptomatisch für das Ende einer Epoche war das Einstellen der legendären Zeitschrift "Partisan Review", die einst als Hausorgan der amerikanischen Intellektuellen galt, im Frühjahr 2003. Bekannt für ihre Symposien, die als Foren der intellektuellen Selbstreflexion und Kommunikation fungierten, hatte das einstige intellektuelle Flagschiff sich längst selbst überlebt, und die Symposien erschienen nur noch wie spukhafte Veranstaltungen der Ewiggestrigen, die in ihrer isolierten, von der Wahrnehmung des Kalten Krieges betonierten Welt lebten. "Dieser Art von öffentlicher Selbstreflexion wird kaum noch Aufmerksamkeit entgegengebracht", konstatiert Baier im Gespräch. Die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Intellektuellen und "ihrer" Zeitschriften beruht letztlich auf der "Loslösung, was die Gesellschaft in ihrer Majorität befasst". Häufig sind Zeitschriften dieser Art von einer wohlfeilen, saturierten Selbstgefälligkeit geprägt. Man mag den Umgang Holtzbrincks mit dem altehrwürdigen "Kursbuch" beklagen, doch hat auch diese Zeitschrift schon lange ihren Zenit überschritten und befindet sich auf dem Weg irgendwo zwischen Verschiebebahnhof und Schrotthalde - nicht, weil ihre Texte zu schwierig für ein größeres zahlendes Publikum wären, sondern weil sich in ihren Seiten in erster Linie Beliebigkeit und Belanglosigkeit ausbreiteten - oder, mit Lothar Baier gesprochen: "Armseligkeit und Substanzlosigkeit".

Die Zeitschrift "Wespennest" zeigt, dass es Alternativen gibt, dass nach wie vor Orte existieren, an denen geistige Anspruchslosigkeit und sprachliche Schlampigkeit nicht die ersten Kriterien für eine Aufenthaltsgenehmigung sind. Sowohl vom Inhalt als auch vom Layout setzt das "Wespennest" hohe Standards, und der Untertitel "Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder" ist ein wohltemperiertes Understatement in Zeiten des lauten Bramarbasierens. Dennoch wird auch dieser Zufluchtsort irgendwann einmal eingeebnet werden. In den achtziger Jahren hat ein Prozess der Racketisierung der Öffentlichkeit begonnen, der einer kritischen Kultur immer engere Grenzen zog und nun im Begriff ist, sie gänzlich zu liquidieren. Symptomatisch ist die gegenwärtige Umwandlung des Hessischen Rundfunks in einen herrschaftskonformen, willfährigen Schnarch- und Schwarzfunk, in dem jede Form oppositioneller Kritik vom Quotendiktat ausgemerzt und der Tag in eine seichte Muzak-Maische eingetaucht sein wird.

Angesichts dieser Zustände ist es absurd, weiterhin Texte zu schreiben - seien sie brauchbar oder nicht. Die Existenz - nicht nur die des kritischen Intellektuellen (der diesen Namen noch verdient) - wird zum Gnadenakt, und jedes Projekt wird darauf abgeklopft, ob es marktkompatibel und profitabel ist. "Weitermachen, solange es eben geht", hatte Lothar Baier bezüglich der Perspektiven von Unternehmungen wie "Wespennest" gesagt. Das ließ Spielraum für Interpretationen offen. Solchen Unternehmungen ist nicht der Erfolg beschieden, der ihnen zusteht, aber noch immer sind sie ein Widerspruch gegen die Rackets - freilich nur auf Zeit. "Je vous dis merde", wie es in Jean Vigos Revolte-Film "Zéro de Conduite" hieß.

Kein Bild

Wespennest. Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder (Heft 136): Rumänien.
Zusammengestellt von Jan Koneffke.
Wespennest zeitschrift und edition, Wien 2004.
112 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-10: 385458136X

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