Lumpensammler des Geistes

Ein "Text und Kritik"-Band unterzieht die Texte Elias Canettis einer kritischen (Neu-) Würdigung

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Und ich bin sicher, daß ohne die Besessenheit eines Canetti, die man in bestimmten Themen wie Macht, Unterwerfung, Meute, Alter, Tod verfolgen kann, aber auch ohne eine gewisse, zunächst befremdende, aber am Schluß doch notwendige Hybris, dieses Werk niemals hätte geschaffen werden können. Ein Werk ist immer dem Leben und der Zeit abgerungen, dieses jedoch in einem besonderen Maße." Was Horst Bienek bereits in der Anfangsphase der literaturkritischen Auseinandersetzung mit den Texten des als Kind sephardischer Juden vor hundert Jahren in Bulgarien geborenen Schriftstellers Elias Canetti konstatierte, gilt heute nicht minder. Wie wenige Intellektuelle des 20. Jahrhunderts gehört Canetti in die Reihe der Lumpensammler des Geistes, die keine Angst hatten, sich mit dem Irrationalen schmutzig zu machen. Dabei hat Canetti ein, gemessen an seiner Lebensdauer, nur schmales Korpus an Texten hinterlassen, dem sich aus Anlass seines hundertsten Geburtstags die Neufassung des Canetti-Hefts aus der Reihe "Text und Kritik" widmet: Den einzigen Roman ("Die Blendung"), der ursprünglich der Auftakt zu einer achtbändigen "Comédie Humaine an Irren" sein sollte und auch noch aus heutiger Sicht eine ausgesprochen labile Balance zwischen dem Genialen und Grotesken hält, liest Eckart Goebel als "Puppenspiel", das es erst erlaube, der "unkontrolliert zwischen Roman und Welt changierende[n] Rede vom Maschinenhaften und Seelenlosen" Sinn zu verleihen. Franziska Schößler hebt in ihrer Deutung der Dramen Canettis, die heute nicht mehr viel Aufmerksamkeit erregen, das rekurrente Motiv des Spiegels hervor, der als Sujet fungiere, das die Ein- und Ausschlüsse der symbolischen Ordnung organisiere. Damit greife Canetti ein virulentes Thema der Zeit auf: den Spiegel-Blick, der in zahlreichen Texten der ästhetischen Moderne nicht nur als weiblich bezeichnet wird, sondern auch, wie bei Otto Weininger - einem prominenten Autor in Canettis Bibliothek - als genuine Geste der Juden. "Um die Jahrhundertwende entsteht die Fantasie eines 'weiblichen Juden'", so Schößler, "der sich von seinem Spiegelbild nicht zu lösen vermag, der 'eitel' seine 'Stigmata' untersucht". Dementsprechend sieht Canettis Dramenpoetik die Schöpfung einer "in sich geschlossenen, totalen Welt vor, die dem Narziss als ganzes Bild, als undurchdringliche Maske zu dienen vermag".

Für Achim Geisenhanslüke stellt die dreibändige Autobiografie, die mit der "Geretteten Zunge" beginnt und dem "Augenspiel" aufhört, den Versuch dar, "im Schreiben den eigenen Tod ungeschehen zu machen". Demzufolge ist Canetti gerade in diesen Texten, die noch heute im wesentlichen sein Überleben als Autor sichern, seinem größten Feind, dem Tod, nicht entwichen, sondern hat ihn sich schreibend einverleibt. Der erbitterte Gegner der Macht, als der sich Canetti permanent darstellt, erscheint in nahezu allen Texten selbst als ein Machthaber. Die für Canettis Aufschreibesystem so wichtige Metamorphose vom Seismographen der Macht zum Machthaber lässt sich neben den autobiografischen Schriften aber auch in seinem kulturwissenschaftliche Großessay "Masse und Macht" und schließlich in den Aufzeichnungen und Essays ausmachen, die zu den brillantesten der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zu zählen sind. In ihrer De- und Rekonstruktion von Vor-Bildern oszillieren diese Texte beständig zwischen zwei Geistesgrößen der ästhetischen Moderne - zwischen dem "zürnenden Magier" Karl Kraus, der im Wien der zwanziger Jahre eine "Hetzmasse aus Intellektuellen" versammelte, die im Namen einer sprachpuristischen Entlarvungsstrategie ihre Gegner zu Parias und "Juden" degradierte, und dem Gegen-Bild Franz Kafka, der nicht den Weg zur Droh- und Machtgebärde von Kraus, sondern zur Verwandlung ins Kleine, zum Willen zur Ohnmacht wählte. Das Ziel der Verkleinerungsstrategie, so Canetti in seinem Kafka-Essay "Der andere Prozeß", liegt in einem Pathos des Verschwindens, das Kafka mit Autoren wie Robert Walser verbindet: "kleiner, leiser, leichter werden, bis man verschwindet", sei in Kafkas wie in Walsers Schreiben das Ziel der Literatur. Für Canetti ist Kafkas Schreiben der Vollzug eines Verschwindens, der vor den Zugriffen der Macht schützt. Was Canetti aber - bei aller Ähnlichkeit - von Kafka unterscheidet, dem es darum ging, "sich mit Kunststücken durchzuwinden", wie es im Briefwechsel mit Felice Bauer heißt, ist die entschiedene Ablehnung der "Kunstmittel" durch die Postulierung einer Wahrhaftigkeit des Geschriebenen. Es dürfte eine der interessantesten Aufgaben kommender Forschungsarbeiten zu Canetti sein, diese Maske des 'wahrhaftigen Schreibens' zu dekonstruieren. Einen ersten Ansatz hierfür hat Manfred Schneider geliefert, wenn er in seinem Beitrag für den Sammelband "Hüter der Verwandlung" (1985) konstatiert: "Canettis Seele - so bekennt er glaubwürdig - besteht aus Geschichten und aus Mythen, aus Gestalten und Texten der Literatur: Es gibt keine persönliche Wahrheit jenseits dieser Dichte". Ist aber das Selbst, das Canetti in der Autobiografie und seinen Aufzeichnungen präsentiert, ganz und gar durch Literatur bestimmt, aus Schrift(en) bestehend, verschwindet auch die angestrebte 'Wahrheit' in der Prozesshaftigkeit des Schreibens. Letztlich können sich auch Canettis Texte jenen Worten des von ihm zeitlebens heftig befehdeten Friedrich Nietzsche nicht entziehen, der in seiner Schrift "Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn" (1873) vermerkt: "Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen."

Bis zum Abgleich dieser Überlegungen Nietzsches mit denen in Canettis Texten dürfte noch einige Zeit vergehen, ein erster Schritt liegt aber immerhin mit diesem "Text und Kritik"-Band vor, der - auch dank der am Ende beigefügten Chronik der wichtigsten Lebens- und Textstationen Canettis aus der Feder Sven Hanuscheks und der von Irene Boose zusammengestellten Auswahlbibliografie - in gewohnt souveräner und anregender Weise dazu beiträgt, neue Perspektiven auf einen Autor und seine Texte zu werfen.

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Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Elias Canetti. Text & Kritik.
edition text & kritik, München 2005.
177 Seiten, 19,50 EUR.
ISBN-10: 3883778001

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